Hersfelöer Tageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt
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Druck und Berlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des BDZB.
Nr. 182
Freitag, den 5. August 1932
82. Jahrgang
Maßnahmen gegen den Terror
Die Reichsxegierrsng will die öffentliche Ruhe und Ordnung durch schärfstes Borgehen gewährleisten
Ergebnis der Woche
Wahlphilosophie.
Es ist die alte Erfahrung: vor den Wahlen schwelgt s alles in Siegesoptimismus, nach den Wahlen macht man in Wahlphilosophie. Man hat alles norausgesehen — und j ist in der Tiefe seines Herzens erschüttert über den Wahl- I ausgangs Was mit einiger Sicherheit erwartet werden konnte, war das weitere Ansteigen der nationalsozialistischen Stimmen und der Erfolg des Zentrums. Weniger sicher war die r e st l o s e Zerschlagung der Mittelparteien wie das starke Ansteigen der kommunistischen Stimmen. Politische Mathematiker haben festzustellen versucht, woher die Kommunisten ihre Stimmreserven erhalten haben. Das ist in Wirklichkeit überhaupt nicht schematisch aufzuzeigen. In der Zeit politischer Gärung laufen die politischen Strömungen in- und durcheinander. Die Stimmen der radikalen Parteien wechseln hinüber und herüber, rekrutieren sich aber auch aus den Nachbarparteien. Das nicht unwesentliche Heer der Jungwähler beweist seine „politische Reife" damit, daß es sich ohne Ueberlegung zunächst einmal ganz radikal einstellt. Die Abklärung kommt erst später. Einen Erfolg hat die letzte Reichstagswahl jedenfalls gehabt: sie hat erneut und überzeugend bewiesen, daß das politische S p l i t t e r t u m zu völliger Bedeutungslosigkeit herab- sinkt mit der bedauerlichen Nebenerscheinung allerdings daß fast 700 000 Stimmen zu keiner Vertretung im Reichstag geführt haben. Im Reichstag wird es denn jetzt auch nur noch ganze sechs Fraktionen geben, während sieben andere Parteien nur mit einzelnen oder wenigen Abgeordneten vertreten sein werden, die zusammen eine Fraktion bilden könnten, ohne Zusammenschluß aber gleichfalls parlamentarisch einflußlos bleiben müssen. Auch darüber wirst man
sich im deutschen Volk einige Gedanken machen, daß tue listeN, Sozialdemokraten und Kömmunistem von den 607
Reichstagsmandaten nicht weniger als 452 auf sich vereinigen. ' 97 entfallen auf Zentrum und Bayerische Volkspartei und nur 54 sind für die Mittelparteien einschließlich Deutschnationalen übrig geblieben. Die Hochburgen der So- zialdemokratie und der Kommunisten befinden sich noch immer in den Industriegebieten mit der Massierung der industriellen Arbeiterbevölkerung. Die Nationalsozialisten dagegen haben ihre Hauptstärke in den überwiegend protestantischen Landgebieten. Das Zentrum dominiert in Rhein- land-Westfalen und in Süddeutschland.
Die Auswertung des 31. Juli.
Die Wahlen hätten keinen Sinn gehabt, wenn ihr Ausgang sich nicht irgend wie regierungspolitisch auswirken würde. Es ist deshalb schon gleich am Tage nach der Wahl in der Öffentlichkeit die Frage erhoben worden, welche Regierung aus diesen Wahlen hervorgehen werde. Reichs- kanzle? v. Papen hat, ohne sich um diese Mutmaßungen weiter zu kümmern, in einem Interview erkennen lassen, daß für ihn kein Grund bestehe, anzunehmen, daß der Wahlausgang auf die Zusammensetzung seiner Regierung einen nennenswerten Einfluß haben könnte. Die Wahlen hätten im Gegenteil gezeigt, daß sich die Wählermassen von den reinen ParteiregieruyAen mehr und mehr abwenden und jener Regierungsform zustimmen, wie sie als Präsidial regle rung jetzt mit dem Kabinett v. Papen am Ruder sei. Unseres Trachtens wird aber Herr o. Papen trotzdem nicht völlig an dem Wahlausgang vorübergehen können. Er wird zum mindesten den Versuch machen müssen, die einzelnen Parteien zu fragen, inwieweit sie gewillt sind, die jetzige Regierung, vielleicht mit einigen personellen Abänderungen, zu unterstützen. Aus solcher Anfrage wird sich von selbst eine Entscheidung darüber ergeben, ob der neue Reichstag zu verantwortlicher Mitarbeit an den Regierungsgeschäften berufen und geeignet ist. Die Hauptfrage wird sich schließlich darum drehen ob N a t i o n a l s o z i a l i st e n und Zentrum zu sachlicher Zusammenarbeit bereit sind, oder ob sie sich als feindliche Bruder weiterhin gegenüberstehen wollen. Die Ankündigung des „Völkischen Beobachters", daß die Nationalsozialisten entweder außerhalb der Regierungsverant- wortung bleiben oder „die unbestrittene Führung allein übernehmen", ist deutlich genug, um daraus den Schluß ziehen zu können, daß es sehr wahrscheinlich zu k e i n e r K oa - litionsregierung kommen, sondern bis auf weiteres bei der Präsidialregierung v. Papen bleiben wird.
Kampf dem Terror.
Wer geglaubt hatte, daß mit der Beendigung des Wahlkampfes auch die blutigen und opferreichen Terrorakt« wlitischer Fanatiker ein Ende haben würden, sieht sich heute chwer enttäuscht. Was sich in den letzten Tagen in den ver- chledensten Gebieten des Reiches an terroristischer Kampfes- )liesse einzelner Personen oder Gruppen gezeigt hat, das darf sich ein Staat nicht einen Tag länger mehr gefallen lassen Er trägt sonst die Verantwortung dafür, daß der Kampf aller gegen alle entbrennt, und der Bürgerkrieg die Lebenswurzeln des Staates zerstört. Die Tatsache, daß die in Frage kommenden großen Parteien von diesen Terrorakten mit aller Entschiedenheit abrücken, läßt kaum einen Zwe^sl daran, daß hier disziplinlose Gruppen am Werke
sind, die Politik auf eigene Faust machen. Die Leute, die alauben, solches verantworten zu können, brauchen sich des- ; halb nicht zu wundern, wenn gegen sie Sondermaßnahmen ergriffen werden, die dem Terror Halt gebieten. Es ist wahr- 1 lich oft und eindringlich genug vor solchem Brudermord gewarnt worden. Wer sich nicht in die Disziplin eines geordneten Staatswesens eingliedern kann, der muß auch die Folgen zu ziehen bereit fein. Diese Kreise, die entgegen jeglicher Parteidisziplin sich außerhalb der Gesetze stellen, : können nichts anderes erwarten, als daß sie auch außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft gestellt werden.
Seipels Tod.
Jn dem Augenblick, da Deutschlands Brudervolk an der Donau vor neuen, kaum zu meisternden Schwierigkeiten
steht, hat ein Mann die Augen geschlossen, der dazu auser- sehen schien, das Geschick Oesterreichs zu wenden: der ehemalige Bundeskanzler Seipel. Es ist kein Zweifel, Se>- pel war einer der geschicktesten und wohl auch erfolgreichsten Staatsmänner des nachrevolutionären Oesterreich. Gewiß: । sein Ruhm war in den letzten Jahren mehr und mehr ver- j bläht, und die Zielklarheit seiner Politik ist immer stärkerer Kritik unterworfen worden, was nicht zuletzt sich daraus ■ erklärt, daß er nach seinem Sturz sich bewußt in den Dienst einer einseitigen Parteipolitik stellte. Als Seipel vor acht Jahren durch die Kugel eines Attentäters Wunden für seine Politik davontrug, da konnte man noch erwarten, daß Seipel trotz allem in der innen- und außenpolitischen Entwicklung Oesterreichs eine Rolle spielen würde Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die Finanz- lind Tributkrise und die damit im Zusammenhang stehenden parteipolitischen Auseinandersetzungen haben es wohl in erster Linie mit nerurfafht daß die Gegner Seipels sich durchsetzten und sein Wiederkommen verhinderten. Sein Name wird trotzdem mit der Geschichte i Oesterreichs nach dem Kriege engstens verbunden^ sein Deutschland verliert in Seipel einen aufrichtigen Freund, I
wenn amy auch unter jeewr megterung aer Än/chtußgeüan« nicht so stark in den Vordergrund getreten ist wie in den letzten Jahren.
Zur Wiederherftestung der Ruhe
Beratungen der Reichs- und Preußenregierung.
Berlin, 5. August.
Unter Vorsitz des Stellvertreters des Reichskanzlers, Reichsinnenministers Freiherr von Gayl, traten die in Berlin weilenden Reichsminister zu einer Beratung zusammen, in der vor allem die Frage der Wiederherstellung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit erörtert wurde. Auch die preußische Regierung hat sich mit dem gleichen Problem beschäftigt.
Die Reichsregierung ist übereingekommen, die bestehenden Strafbestimmungen ganz wesentlich zu verschärfen. Man hat im einzelnen grundsätzlich festgeiegt, welche Schritte unternommen werden sollen.
Die Maßnahmen werden jedoch zunächst noch nicht erlassen, da man dies von der weiteren Entwicklung abhängig machen will.
Darrt an die Volizei
Reichskanzler von P a p e n hat an den Reichskommissar, beauftragt mit der Wahrnehmung der Geschäfte des preußischen Ministers des Innern, Dr. Bracht, das folgende Schreiben gerichtet:
„Die beispiellose Härte des Wahlkampfes hat an die Kräfte der Polizei ganz außergewöhnliche Anforderungen gestellt. Die noch nie gekannte Zahl und Größe der Wahlversammlungen, die Siedehitze der Wahlleidenschaft, aber leider auch die Versuche offenen Terrors haben alle Zweige und Dienstgrade, insbesondere auch in der Reichshauptstadt, bis zur Erschöpfung in Anspruch genommen. Leben und Gesundheit haben tapfere Beamte jum Schutz der Allgemeinheit geopfert. Allen Beteiligten, Führern und Beamten, den Dank der Reichsregierung auszusprechen, ist mir ein besonderes Bedürfnis. Ich bitte Sie, Herr Reichskommissar, diesen meinen Dank an die preußische Polizei zu übermitteln. Ich hoffe, daß der von dem Herrn Reichspräsidenten verordnete Burgfrieden der Polizei eine wohlverdiente Ruhepause bringt, gebe aber auch der Zuversich Ausdruck, daß Ihre Warnung vor Gewalttaten und Ihre Zusicherung an die Beamtenschaft, sie bei pflichtgemäßem Waffengebrauch in Schutz zu nehmen, zur Wiederherstellung geordneter Zustände im Lande beitragen werde."
Immer noch schwere Asrschreillmge»
Anschlag aus ein Amtsgericht
Von unbekannten Tätern wurde in der Nacht in 7Neh. auken (kreis Labiau, Ostpreußen) eine selbsigeseriigle Brandbombe durch ein offenes Fenster des Grundbuchamles )es Amtsgerichts geschleudert. Verletz? wurde durch den Anschlag niemand, doch ist Sachschaden an der Einrichtung und den Akten entstanden.
Brandbombenanschlag in Vrtelsburg
In der Nacht wurde in das Kaufhaus Robert Neumaur in Ortelsburg (Ostpreußen) aus einem vorüberfahrender Kraftwagen eine Brandbombe geworfen. Die Auslagen fingen zu brennen an. Durch Splitter wurde auch eine Schau senfterfcheibe des gegenüberliegenden Kaufhauses Wende zertrümmert. Bisher ist ermittelt, daß der Kraftwagen vor Allenstein kam und nach dem Anschlag in Richtung Jed wabno fuhr.
UebersSlle im Kreise Rastenburg
Wie die Königsberger Blätter melden, haben sich in Kreise Rastenburg zwei politische Ueberfälle ereignet. Au den Besitzer Maeckenburg aus Abbau Marienthal wurden vier scharfe Schüsse abgegeben. Auch auf den SS.-Führer Müttern aus Drengfurt, der mit seinem Motorrat nach Hause fuhr, wurde geschossen. In beiden Fällen gingen die Schüsse fehl.
Zwischen zwei NSDAP.-Angehörigen und dem zu: KPD. gehörenden Czyper war es auf der Straße zu politischen Auseinandersetzungen gekommen, wobei Czyper am einem Tesching mehrere Schüsse abgab. Der Täter würd« verhaftet.
Die Ermittlungen in Königsberg
Die Polizei in Königsberg hat das Material übe: die Vorfälle vom 1. August, und' zwar die Brandstiftungen, der Staatsanwaltschaft übergeben. Zu den übrigen Vorfällen erfol;— '------- --— »-r^t.—. —m 1-
erfolgen immer neue Festnahmen und Verneb- so daß die Ermittlungen darüber noch nicht ao-
mungen, so daß die Ermittlungen darüber noch nicht abgeschlossen werden konnten. Anläßlich der Beerdigung bei beim Zetteloerteilen erschossenen Nationalsozialisten Reink«
und des am 1. August erschossenen kommunistischen Stadt- verordneten Saufscheabsichtigten die Anhänger der National- koziaWeN und der Kommunisten demonstrative Leichenbegängnisse zu veranstäften. Der Polizeipräsident hat nun beiden Parteien mitgeteilt, daß die geplanten Veranstaltungen nicht zu den' gewöhnlichen Leichenbegängnissen zu rechnen sind und deshalb unter das Demonstrationsverbot fallen.
FeuerübersM au! zwei Bolizeibeamte
Von dem Soziusfahrer eines Motorrades in Hindenburg wurden in Soßnitza zwei patrouillierende Polizeibeamte beschossen, von denen einer so schwer getroffen wurde, daß bei ihm Lebensgefahr besteht. Der andere Beamte erhielt einen Beinschuß.
Sprengbomben bei Kommunisten gesunden
In W i e h e an der Unstrut wurden bei der polizeilichen Durchsuchung des kommunistischen Verkehrslokals acht hochexplosive Sprengkörper in einem geschickt getarnten Versteck gefunden. Drei Sprengkörper waren aus Konservenbüchsen hergestellt, die neben dem Sprengstoff auch eine groß« Anzahl gußeiserner Stücke enthielten und deren Anwendung schweren Schaden angerichtet hätte. Die übrigen fünf waren Handbomben. Der Besitzer des Lokals und sein Sohn, die der örtlichen KPD.-Führung angehören, wurden festgenom- men.
Muttat in Berlin ausgettart
Durch die politische Polizei in Berlin konnten die beiden Schützen und Messerstecher festgenommen werden, die an der Ermordung des SA.-Mannes Fritz Schulz in der Triftstraße führend beteiligt waren. Inzwischen hat einer von ihnen, der 37jährige Händler Hartmann ein Geständnis abgelegt. Er gab zu, geschossen zu haben.
SA.-Polizei auch in Braunschweig?
Verbot der Kommunistischen Partei?
Braunschweig, 5. August.
In einer Mitgliederversammlung der Deutschnatio- nalen Volkspartei der Stadt Braunschweig machte am Donnerstag der Vorsitzende Dr. L a n g e b a r t e l s bemerkenswerte Mitteilungen, nach denen die Errichtung einer Hilfspolizei im Lande Braunschweig bevorstehe. Auch vom Lande werde im Hinblick auf die letzten Zwi-- schenfälle diese Forderung erhoben. Die DNVP. habe dem Minister K l a g g e s, ihre Zustimmung gegeben unter der Bedingung,
daß diese Hilfspolizei nicht nur von der SA, sondern auch vom Stahlhelm gestellt werden. Was das Staats- ministerium mit dieser Polizei machen werde, würden die nächsten Tage zeigen.
Begründet wurden diese Maßnahmen vom Redner mit der Kostspieligkeit der Entsendung von Polizeiverstärkungen auf das Land, die auch nicht schnell genug zur Stelle sein könnten. Im Zusammenhang mit den jüngsten Vorkommnissen, namentlich im Kreise Blankenburg, sprach sich der Redner weiter für ein Verbot der Kommunistischen Partei aus. Der dentschnationale Kreisverein der Stadt Biannschwetg habe bei der Staatsregierung das Verbot der Kommunistischen Partei gefordert.