Hersfelöer Tageblatt
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Reisfelder Kreisblatt
Amtlicher Mnzeiger für den Kreis Hersfelö
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Druck und Berlag von Ludwig Funks Buchdruckers! in tzersfeld, Mitglied des VDJB.
Nr. 194
Freilag, den 19. August 1932
82. Jahrgang
PiccarSs zweiter Gtratosphärenflug
Nach Erreichung einer Rekordhöhe von 16500 Metern und rund zwölsstündiger Kreuzfahrt über den Alpen in Oberitalien gelandet
Ergebnis der Woche
Burgfrieden...
Die von der Reichsregierung angeordnete Verlängerung des Burgfriedens hat endlich die Wirkung gehabt, daß eim Beruhigung auf dem innerpolitischen Kampffeld eingetreter ist. Nur da und dort führt parteipolitischer Fanatismur noch zu tätlichen Ausbrüchen. Hoffentlich gelingt es aber mi der Länge der Zeit doch, vom Faustkampf wieder zum geisti gen Meinungskampf Überzugehen. Dieser Kampf hat eben falls eine Entspannung erfahren, nachdem er mit der U n terredung Hitlers beim Kanzler und Reichspräfi denten seinen Höhepunkt erreicht hatte. Die Nationalso zialisten haben nach der Ablehnung der Hitlerschen Förde rungen durch den Reichspräsidenten der Burgfriedensaw ordnung Rechnung getragen und durch Beurlaubung bei SA. ihre Kampftruppen aus den Stellungen herausgezogen Was nach dieser Zeit geschehen wird, darüber steht bishei nichts fest. Auch die nationalsozialistische Führung hw Entscheidungen hierüber noch nicht getroffen, eine hierfür vorgesehene Führerbesprechung vielmehr verschoben. Mar wird annehmen können, daß auch von dieser Seite der 23er such unternommen wird, eine Entspannung der Gesamtlag! herbeizuführen. Jedenfalls geht das aus einem Intervien des Reichskanzlers hervor, in welchem er mitteilte, das ■ Hitler ihm bestimmte Zusicherungen zur Sicherung von Ruh< und Ordnung gegeben habe. Wenn in der Presse der e'ner wie der anderen Richtung mißverständliche Mitteilungen ge- macht werden, so wird man gut tun, sie mit der notwendiger Zurückhaltung aufzunehmen. Auch hier wird man sich weniger um die Worte als um die Taten zu kümmern haben. Und diese lassen doch ganz offensichtlich erkennen daß man sich in das ungewisse A b enteuereinesPut- lAe^M^ansn will. - -
Vorbereitungen zu sachlicher Arbeit.
Die Zeit des Burgfriedens wird von allen Seiten dazr benutzt, um zu Entscheidungen für positive Taten zu kom- men Das gilt von den Regierungen wie von den Parteien. Trotz des Dementis von offizieller Zentrumsseit« erhält sich in politischen Kreisen das Gerücht, daß zwischen Zentrum und Nationalsozialisten eine inoffizielle Fühlungnahme stattgefunden habe mit dem Ziele, die Verhält- Nisse in Preußen zu klären. Die Mitteilung, daß man sich weitgehend über die personelle Zusammensetzung bee künftigen preußischen Kabinetts geeinigt habe, eilt aber bestimmt den Tatsachen voraus. Es mag sein, daß sich hier die auf beiden Seiten bestehenden Wünsche einander nähern Aber bis zum Abschluß von entsprechenden Vereinbarungen ist man noch weit entfernt. Die Nachricht, daß die Beurlaubung des Reichskommissars für Preußen, Dr. Bracht, von feinen Geschäften als Essener Oberbürgermeister bis zum Ausgang dieses Jahres verlängert worden ist, läßt vorerst auch keine Schlüsse zu, welche Tatsachen eine solche Maßnahme notwendig gemacht haben. Es ist sowohl möglich, daß Dr. Bracht noch für längere Zeit als Reichskommissar in Betracht kommt, es kann ebenso sein, daß er bei der Neubildung des Preußenkabinetts Verwendung finden soll. Die Erklärung des Reichskanzlers in seinem Interview mit dem Reuter-Vertreter, daß die Reichsregie- rung noch lange i m Amt fein werde, deutet aber stark in der Richtung, daß man in unterrichteten Kreisen mit einem Fortbestand des jetzigen Zustandes rechnet und eine Präsidialregierung im Reich noch für längere Zeit als gegeben ansieht. Das Reichskabinett hat offenbar in Erwartung eines solchen Dauerzustandes seine Beratungen entschieden ausgenommen, um in kürzester Frist mit einem Wirtschaftsprogramm hervorzutreten, das angeblich energisch das Arbeitslosenproblem anpacken soll. Die Grundzüge dieses Programms stehen offenbar fest; um es in Gang setzen zu können, ist aber die Klärung der Fi- nanzierungssrage notwendig. Der Reichsbankpräsident hat dabei ein gewichtiges Wort mitzureden, da er für die Stabilisierung der Währung ebenso die Verantwortung zu tragen hat wie für die Flüssigkeit des deutschen Geldmarktes.
Deutschland und das Ausland.
Wir brauchen kaum überrascht darüber zu sein, daß das Ausland den Vorgängen in Deutschland das allergrößte Interesse entgegenbringt. Genau so wie der wirtschaftliche Niedergang Deutschlands als Auswirkung der Versailler Tributzahlungen die Wirtschaftskrise der Welt beeinflußte, ebenso würde eine wirtschaftliche Gesundung Deutschlands sich günstig auf die Gestaltung der Weltwirtschaft auswirken. Tempo und Richtung wirtschaftlicher Gestaltung eines Landes hängen aber entscheidend von seiner innerpolitischen Entwicklung ab. Man hat deshalb die innerpolitische Auswertung der deutschen Reichstagswahlen vom 31. Juli mit größter Spannung im Ausland verfolgt, und in der Entscheidung Hindenburgs einen Wendepunkt nicht nur in der Deutschen Innen-, sondern auch in der Außen- und Wirtschaftspolitik erblickt. Man hat trotz der zum Teil ganz abwegigen Beurteilung der deutschen innerpolitischen Vorgänge doch das eine daraus entnommen, daß man im Ausland mit einer gewissen Bewunderung beobachtet, wie das deutsche Volk in seiner Gesamtheit zu Freiheit, Einigkeit und Aufstieg drängt. Man sieht die nationalen und wirt
schaftlichen Kräfte, die dem deutschen Volke innewohnen und erkennt den Willen, sich den Weg in die Freiheit burd Arbeit und durch Wahrheit zu erzwingen.
Konfliktstoffe noch überall.
Gelegentlich der Einweihung einer Moselkanalstreckt zwischen Metz und Diedenhofen haben führende französische Staatsmänner wieder einmal schöne Worte über friedliche Zusammenarbeit, Verständigung und Krisenbekämpfung gebraucht. Daß dab^i auch die französische Sicherheitsthefe in den Vordergrund gestellt worden ist, überrascht schon nich! mehr. Je mehr Frankreich diese Waffe ins Feld führt, um so stumpfer wird sie. Herriot glaubte in diesem Zusammenhang, wieder gegen Deutschland einen Schwertstreich führen zu müssen, indem er in völliger Verkennung oder bewußter Entstellung der Schleicherschen Gedankengänge über die Notwendigkeit des Umbaues der Reichswehr diese dazu benutzte, um angebliche Konfliktsmöglichkeiten aufzuzeigen. Herriol wird uns nicht glauben machen können, daß er selbst aus dieser Seite Gefahren fürchtet. Wohl aber begreifen mir, daß Frankreich mit zunehmender Besorgnis das Verhalten feines italienischen Nachbarn verfolgt. Hier sollte Frankreich ehrlich genug zu sich selbst sein, um anzuerkennen, daß es für Abwehrvorbereitungen' Italiens allen Anlaß gegeben hat. Die soeben zur Durchführung gekommenen italienischer Flottenmanöver gehen logischerweise von der Annahme eines italienisch-französischen Konflikts aus. Daß man aus französischer Seite dabei die Möglichkeit ins Auge faßt, daß sich Deutschland einen etwaigen französisch-italienischen Krieg zunutze machen würde, ist. verständlich. Nicht verständlich aber ist es, daß Frankreich aus solchen Möglichkeiten nicht die einzig denkbare Folgerung zieht und den Versuch unternimmt, die noch bestehenden deutsch-französischen Differenzen möglichst umgehend, restlos und in ge-
^tantreta? öa3u aUen An-' laß hatte, wird neuerdings durch die polttrschen Erinnerungen des Marschalls Joffre erneut bewiesen, durch deren Veröffentlichung auch einem größeren Kreis bekannt wird, wie Frankreich in einem Kriegsrat am 21. Februar 1912 das ganze militärische und maritime Zu- sammenspiel . Frankreichs. Rußlands und Englands im Falle eines Offensivkrieges gegen Deutschland durchgesprochen und festgelegt hat. Die Landung englischer Truppen auf belgischein Boden, ein englisch-französischer Flankenstoh gegen Deutschland über Belgien und schließlich ein konzentrischer Vorstoß gegen Berlin von Osten wie von Westen her sind damals in allen Einzelheiten durchgeprüft worden. Solche Tatsachen sind nicht aus der Welt zu schaffen, sollten vielmehr Anlaß sein, kühl aber entschlossen sich zu einer Wiedergutmachung snstematisch vorbereiteten und durchgeführten Unrechts zu oekennen.
Einberufung des Reichstags
Voraussichtlich Wahl eines nationalsozialistischen Präsidenten
Berlin, 19. August.
Der Präsident des Reichstags hat nach einer Rücksprache, die er mit dem Reichskanzler hatte, den Reichstag auf Dienstag, 30. August, nachmittags drei Uhr, einberufen.
Die erste lediglich formale Eröffnungssitzung des neuen Reichstags dürfte von dem ältesten Mitglied des Hauses, der Kommunistin Zetkin, eröffnet werden. Es wird dann ein vorläufiges Büro gebildet und der Reichstag für konstituiert erklärt. Falls sich keine Zwischenfälle ereignen, würde das Haus sich hierauf sofort vertagen. Auf der Tagesordnung der zweiten Sitzung steht dann die Wahl des Präsidiums.
Nach den Stärkeverhältnissen der Fraktionen steht den Nationalsozialisten die Benennung des Reichstagspräsidenten zu, während Sozialdemokraten, Zentrum und Deutschnationale voraussichtlich je einen Vizepräsidenten stellen werden. Die Kommunisten, die an sich, ihrer Stärke nach einen Vizepräsidenten vorschlagen könnten, haben in den letzten Reichstagen und Länderparlamenten dieses Rech) nicht ausgeübt bzw. niemals zusagen wollen, daß sie die Geschäfte des Hauses nach den Bestimmungen der Geschäftsordnung zu führen sich verpflichten wollten.
fieihtag der Zinslasten nstwendig
Aber keine Entsendung einer Kommission nach Amerika.
Berlin, 19. August.
Die internationale Presse verbreitet die Nachricht, daß die Entsendung einer Schuldenmission nach Amerika von der Reichsregierung geplant fei. An zuständiger Stelle erfahren wir hierzu, daß von einer Absicht einer derartigen Schuldenmission, die die Zinsherabsetzung von privaten Schulden behandeln müßte, nicht das mindeste bekannt fei In Deutschland stehe man allgemein auf dem Standpunkt, daß die bisherige Verzinsung der privaten Schulden
auf die Dauer nicht getragen werden könne.
Von Regierungsseite habe man darauf hingewiesen daß eine Herabsetzung der Zinsen nur auf dem Wege von Verhandlungen zwischen Gläubigern und Schuldnern erfolgen könne.
Die Einsetzung von Staatslommissareu
I Line amtliche Darstellung.
- Berlin, 19. August.
Von amtlicher Seite wird mitgeteilt, daß tatsächlich seitens der Staatsregierung Maßnahmen beabsichtigt sind, um auf eine gewissenhaftere und pünktlichere Abführung der von den säumigen Gemeinden erhobenen Staatssteuern an die । Staatskasse zu bringen. Der Finanzminister erhält das Recht, einen besonderen Staatsbeamten in die säumigen Gemeinden zu entsenden, der alle Maßnahmen zur pünktlichen I Ablieferung dek'Staatssteuern ergreifen und im Notfall der Gemeindekasse unmittelbar Zahlungsanweisung zur Abführung der nach feiner Bestellung eingegangenen.Staatssteuer- । betrage geben kann. Das dem Finanzminister eingeräumte , Recht soll den Regierungspräsidenten übertragen werden. ! In welchen Fällen die Regierungspräsidenten von der Entsendung besonderer Beauftragter Gebrauch machen werden, l wird durchaus von der Lage des Einzelfalles abhängen.
Die gedachte Maßnahme wird nur als äußerstes Mittel in Anwendung kommen. In jedem Falle wird dafür gesorgt werden, daß durch die Anordnungen der in die Ge- meinden entsandten Beauftragten die Erfüllung der dringlichen Zahlungsverpflichtungen auf Gehälter, Löhne und Wohlfahrksunlerslützungen keine Stockung erfährt.
Freiwilliger Arbeitsdienst Die Verfahrensvorschriften.
Berlin, 19. August.
Vom Reichskommissar für den Freiwilligen Arbeitsdienst sind die Bestimmungen über die von den Trägern der Ar- beit und i,^ £l^i*^
fen erfassen warben. Die Dienststellen sind angewiesen worden, bei der Anerkennung der Maßnahmen und der Zuweisung der Arbeitsdienstwilligen mit größter Beschleunigung zu verfahren.
Als Träger des Dienstes werden vom Reichskommissar solche Verbände als besonders geeignet bezeichnet, die durch Gemeinschaftsideen, welche außerhalb des Freiwilligen Arbeitsdienstes liegen, ihre Mitglieder zufammenfassen und in der Lage sind, für die Maßnahmen des Freiwilligen Arbeitsdienstes einen bestimmten Stamm von Arbeitsdienstwilligen zu stellen.
Zum Arbeitsdienst können grundsätzlich nur Arbeits- dienstwillige bis zu 25 Jahren zugelassen werden. Eine Ausnahme ist vom Reichskommissar nur für die Führerausbil- dung und -Verwendung in dem erforderlichen Umfange zu- gelassen worden.
Als Meldestellen für Arbeitsdienstwillige, die sich nach den neuen Bestimmungen bekanntlich nicht lediglich auf Unterstützungsempfänger beschränken, sind in allen Fällen die Arbeitsämter bestimmt worden. Meldungen bei dem Reichskommissar oder den Bezirkskommissaren sind daher zwecklos. Die Arbeitsämter sind angewiesen worden, Wünschen von Arbeitsdienstwilligen, zu besonderen Maßnahmen zugelassen zu werden, möglichst zu entsprechen.
EleiWeteAligkWg, Wahrheit Mb Ehre
„Aufklärungsausschuß für nationale Sicherheit."
Berlin, 19. August.
Der „Aufklärungsausschuß für nationale Sicherheit", der sich aus dem Deutschen Reichskriegerbund „Kyfshäuser", dem Arbeitsausschuß Deutscher Verbände und der Arbeitsgemeinschaft für Deutsche Wehrverstärkung zusammensetzt, verunstaltete einen Empfang für die in- und ausländische Presse.
Der Präsident des Deutschen Reichskriegerbundes „Kyff- Häuser", General der Artillerie a. D. von Horn, führte u. a. aus, daß sich der „Aufklärungsausschuß für nationale Sicherheit" gebildet hätte mit der ausdrücklichen Absicht, das deutsche Recht auf Gleichberechtigung, Sicherheit und Ehre auf breitester Grundlage in allen Volksschichten geltend zu machen.
General von Horn wies darauf hin, daß der Kyff- Häuserbund seit Jahresfrist in zahlreichen Kundgebungen Verständnis für die Bedeutung der Abrüstungskonferenz in weiteste Kreise der Bevölkerung.hineingetragen habe.
Generalmajor a. D. von Frankenberg und Pro schlitz, der Vertreter der Arbeitsgemeinschaft für Deutsche Wehrverstärkung, nahm zur Genfer Abrüstungsreso- lution Stellung. Er erklärte u. a., man könne sich nicht damit einverstanden erklären, daß die Militärluftfahrt in den anderen Staaten nur eingeschränkt werde, während sie für Deutschland verboten bleiben solle. Die in Aussicht genommene Internationalisierung der Zivilluftfahrt würde für Deutschland nur die Preisgabe der letzten deutschen Ho- Heitsrechte in der Luft und eine schwere Schädigung des deutschen friedlichen Luftverkehrs bedeuten.
Wenn keine Aussicht vorhanden sei, daß die Gleichberechtigung Deutschlands durch Abrüstung oder durch fühlbare Rüstungsverminderung bei den Vertragspartnern gewonnen werde, so könne ein Ausgleich nur durch Verstärkung der deutschen Perteidigungsmittel geschaffen werden.