Hersfelöer Tageblatt
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Schriftleitung verantwortlich: Franz Funk in ff>ersfelb £ ß r g* Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckers»
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Nr. 1gg
Donnerstag, den 25. August 1932
82. Jahrgang
Keine Experimente mit der Reichsmark
Reichsbankpräsident Luther über die Wirtschaftsprobleme und Währungsfragen
SBirtW und Währung
Reichsbankpräsident Dr. Luther über Gegenwartsfragen.
Dortmund, 25. August.
Die Verhandlungen des 68. Deutschen Genossenschaftstages fanden ihren Abschluß mit einer Ansprache des Reichs- bankpräsidenten Dr. Luther, der u. a. ausführte: Wenn man auch noch nicht sagen kann, daß die Wirtschaftskrise ihren Drehpunkt bereits durchschritten hat, so ist doch
die elementare Kraft des Schrumofungsvorganges der Wirtschaft nicht mehr so groß, daß man nicht alles daransehen müßte, den Wirtschaftenden wieder Mut zu machen,
und daß man nicht mit wohlüberlegten und entschiedenen Maßnahmen der Staatsgewalt und der Reichsbank nunmehr versuchen dürfte und müßte, den natürlichen Genesungs- Özu unterstützen. Angesichts des Gedankens, nur ganz vermöge Abhilfe von den vielen Uebeln der Zeit zu schaffen, könnte bei manchem der Eindruck entstehen, als ob eine Verteidigung des Grundsatzes der Privatwirtschaft und der Aufrechterhaltung weltwirtschaftlicher Verbindungen wie auch eine Verteidigung der Goldwährung Passivität sei. Demgegenüber sei zu betonen, daß nach den Erfahrungen bet Menschheit nur durch Einsetzung des privatgeschäftlichen Erfolgstrebens, aber auch der privatgeschäftlichen eigenen Verantwortung jener höchste Nutzerfolg aus der Mensch arbeit herausgeholt werden kann, der herausgeholt werden muß, soll Deutschland einer neuen Blüte entgegengeführt werden. Luther fuhr fort:
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„Möglich ist es und nützlich, den deutschen Menschen in tunlichst großem Umfange auf die Erzeugnisse des deutschen Bodens zu verweisen. Es gibt aber Grenzen, die von den Fanatikern autarkischen Planens übersehen werden.
Die avMure üiuiartte wurue mu-j^ nun mu »vyl Deutschen überbezahlt werden Die Landwirtschaft kann nur dann die Preise erzielen, die zu ihrer Erhaltung notwendig sind, wenn die Kaufkraft der Bevölkerung eine starke Ergänzung durch Beschäftigung im Dienste der Ausfuhr erfährt Die vielen, die so bedingungslos heute für eine am Schreibtisch erdachte Planwirtschaft eintreten, machen sich kaum klar, daß auf dem Wege zur Erreichung der plan- wirtschaftlichen Ziele eine Elendsstrecke liegen muß, der Millionen von Deutschen zum Opfer fallen.
Auch die Währung ist kein Versuchsfeld, keine Stelle, an der, ohne die 'Erfahrungen der Vergangenheit zu benutzen, herumgebasielt werden darf.
In allen Krisenzeiten sind Pläne aufgetaucht, durch Wäh- rungsexperimente den Druck der Krise künstlich aufzuheben. Nie ist durch ein Experimentieren mit der Währung dieser Krisendruck dauernd gemildert worden, wohl aber "werden Krisen durch Währungsexperimente zu Katastrophen. Mit der Kampferspritze der offenen, verschleierten oder dosierten Inflation sich als Reichsbankpräsident Volkstümlichkeit zu erringen, die sicher rasch einer ewigen Verfluchung Platz machen würde, muß ich vor meinem Gewissen und vor meinem Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber unserem Vaterlande ablehnen. Die Reichsbank ist bereit, der Wirtschaft für jeden wirtsa-aftlich gefunden Zweck ihre Kreditkraft zur Verfügung zu stellen.
Gegenüber der Forderung, das Gold als Währungs- grundlaae aufzugeben, ist zu sagen, daß man einen anderen internationalen Wertmesser als Esld bisher nicht gefunden hat. Die falsche Goldverleilung auf der Erde hebt seine Eigenschaft als Wertmesser nicht auf.
Auf die aktuellen Probleme der Zinshöhe ging Dr. Luther nicht in vollem Umfange ein; er behielt sich seine ausführliche Stellungnahme vielmehr für eine demnächst an anderer Stelle zu haltende Ansprache vor mit Rücksicht auf die Erörterungen, die zur Zeit noch zwischen der Reichsregierung und der Reichsbank schweben. Was den Diskontsatz anbe- trifft, sagte Dr. Luther, so ist die Reichsbank zur weiteren Senkung schon seit längerer Zeit bereit. Wenn diese Diskontsenkung bisher nicht erfolgt ist, so liegt das lediglich an der Vorschrift des Vankgesetzes, die bei Unterschreitung der 40prozentigen Deckungsgrenze einen Diskontsatz von weniger als fünf Prozent, für unzulässig erklärt.
Wunsch und Bemühungen der Reichsbank gehen dahin, daß die gesetzlichen Hindernisse, die die Freiheit der Diskontpolitik der Reichsbank einengen sobald als möglichst beseitigt werden.
Zum Abschluß seiner Darlegungen behandelte der Reichsbankpräsident noch kurz die Organisation des Bankwesens. Obwohl die schwere Wirtschaftskrise die Notwendigkeit herbeigeführt habe, im großen Umfange den Kredit des Reiches und Barmittel und Kredit der Reichsbank innerhalb des Bankwesens einzusetzen, so könne doch eine Verstaatlichung des Bankwesens nickst die Lösung bedeuten.
Für die Zukunft komme es darauf an, durch echte und durchgreifende Reformmaßnahmen am Staatlichen alles, was Staat und öffentliche 2lufgabenerfüüung fei, gesund und kräftig zu machen. Das private Wirtschaftsleben aber könne nur in der Luft der Freiheit und der. Selbstverantwortung der einzelnen gedeihen. Das Durcheinander von Staat und Wirtschaft habe nur Ansegen gebracht. Um des Wohles der Gesamtheit willen müßten starker Staat und freie Wirtschaft die Leitsätze künftig sein.
Das Zentrum will Klt rheit über eine parlamentarische Regierungs«öglichkeit.
Berlin, 25. Traust.
In politischen Kreisen interessiert man sich lebhaft . für die Fühlungnahme, die zwischen Zentrum und Nationalsozialisten stattgefunden hat. Man spricht davon, daß am Dienstag eine Zusammenkunft zwischen Dr. Brü- ning und Gregor Strasser stattgefunden hat, und zwar wahrscheinlich in Konstanz am Bodensee. Die bisherigen Besprechungen scheinen jedoch
noch kein positives Ergebnis
gebracht zu haben, und es ist deshalb wohl nicht ausgeschlossen, daß die Verhandlungen noch weitergehen. Für das Zentrum haben sie offensichtlich den Zweck, bis zum Zusammentritt des Reichstages über die dann gegebenen Möglichkeiten Klarheit zu schaffen, und zwar sowohl über die Frage der Wahl des Reichstagspräsidenten, die ja gleich in den ersten Tagen nach dem Zusammentritt des Reichstages stattfindet, als auch über die parlamentarischen Möglichkeiten einer Regierungsneubildung. So lange diese Fühlungnahme noch nicht abgeschlossen ist, läßt sich über das Ergebnis natürlich schwer etwas sagen. Vorläufig ist nur festzustellen, daß man die Aussichten in politischen Kreisen vorwiegend skeptisch beurteilt.
Rech einmal Berrthener Prozetz?
Verteidigung kündigt neue Beweisantröge an.
München, 25 August.
Justizrat Dr. Cuetgebruae, der Verteidiger der Beu- thener Verurteilten, erklärte, ihm seien neue Beweismittel hergebracht worden, die es notwendig erscheinen liehen, den
Es sei ihm gelungen festzustellen, daß der ^
Pietrzuch am Abend des 9 August zwischen zehn und elf Uhr einen SA.-Mann namens Sowka mit zwölf anderen Kommunisten überfallen habe Ein Begleiter des Ueber- fallenen fei zum Gastwirt Lachmann geeilt bei dem das SA -Schntzkommando lag. und habe um Hilfe gebeten. Damit erfahre der Sachverhalt eine völlig neue Beleuchtung.
Der Vorsitzende der nationalsozialistischen Reichstagsfraktion Dr. Frick, hat dem Reichskanzler von Papen folgendes gedrahtet: „Namens nationalfozialiftifcher Reichs- tragsfraktion warne ich angesichts 300 ungefühnter marxistischer Mordtaten, zuletzt der Ohlauer, vor Vollstreckung Beu- thener Todesurteile."
Hnterfy^nngsa^teB in Lenttzen
Der Vorsitzende des Rechtspflegeuntersuchungsausschus- ses des Preußischen Landtages, Abg. Dr. Freister" (Natsoz.), hat den Ausschuß für den 2. und 3. September n a ch B e u - t h e n einberufen, wo sich der Ausschuß an Ort und Stelle mit den Todesurteilen gegen die fünf Nationalsozialisten befassen soll. Die nach der Geschäftsordnung des Preußischen Landtages für die Abhaltung von Ausschußsitzungen in der vollsitzungsfreien Zeit erforderliche Genehmigung des Landtagspräsidenten ist bereits erteilt worden.
Neue Demonstrationen in Beuchen
Beuthen. Jm Zusammenhang mit der von nationalsozialistischer Seite durch ein Extrablatt angekündigten angeblich bevorstehenden Ueberführung der fünf zum Tode verurteilten SÄ-Leute aus dem" Beuthener Gerichtsgefängnis nach der Strafanstalt Groß-Strelitz hat sich in den Abendstunden in den Straßen Beuthens eine größere An-i- zahl Nationalsozialisten in Uniform in geschlossenen Formationen angesammelt und unter Absingen des Horst- Wessel-Liedes und anderer nationalsozialistischer Lieder die Straßen der Stadt in der Nähe des Strafge.iHtsgs- bäudes. durchzogen. Bis Mitternacht wurden, mehrere Schaufensterscheiben zertrümmert. Die Polizei ist wiederum in verschärfter Alarmbereitschaft, und mit Stahlhelm, Karabinern und Maschinenpistolen ausgestatiel.
Um 23 Uhr teilte die Polizeipressestelle mit, daß ein Abtransport der fünf in dem Polempaer Prozeß zum Tode Verurteilten bis zur Entscheidung über die Frage der Begnadigung nicht stattfindet..
Die Polizei räumte unter Anwendung des Gu knüppels unb mit vorgeha lenem Karabiner den K Franz-Joseph-Platz, der sich in u-lmitleiba er Näh Strafgerichtsgebäudes befind ct. Auch die Beim wsär wurde in -der Nähe des SA-Heimee unter Anwendung des Gummiknüppels von der Polizei geräumt
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Fensterscheiben eingeworsen und die
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„Der Rvsrist" Wirker rmMes
Berlin. Das natiogalsozia!isti"He Berühr Organ „Der Angriff" ist wegen Beschimpfung und böswilliger Verächtlichmachung des Herrn Reichs.anzlers und wcgTn Anreizung sum Ungehorsam und zur Auflehnung gegen die Staatsgewalt mit sofortiger Wirkung bis zum 31. August d. I. einschließlich verboten worden.
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Berlin, 25. August.
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Kriminalgericht in Moabit hielt das Bericht seine erste Sitzung ab. An geklagt ist der Kommunist Paul Schmidtke des schweren Landfriedens- bruchs und der Begehung einer Gewalttätigkeit mit einer Schußwaffe, außerdem der nationalsozialistische Arbeiter Franz Bickel wegen unerlaubten Führens einer Schußwaffe. Beide Angeklagten bestritten ihre Tat. Als Hauptbela- ftungszsuge gegen Schmidtke trat der nationalsozialistische Maschinenbauer Arno Jordan auf, der mit Bestimmtheit angilst, daß Schmidtke auf ihn und andere Nationalsozialisten geschossen habe.
Der Staatsanwalt beantragte darauf gegen Schmidtke zehn Jahre Zuchthaus sowie gegen den Angeklagten Bickel, der ebenfalls durch Zeugenaussagen belastet ist, neun Monate Gefängnis.
Das Urteil lautete gegen den Kommunisten Schmidtke auf zehn Jahre Zuchthaus, der NaKonalfozislist Dicke, wurde freigefprochen.
15 Äs MchMus für einen Ksmimmistea
Nach mehrtägiger Verhandlung verurteilte das Kieler Schwurgericht den der KPD. angehörenden Arbeiter Weißig aus Neumünster, der am 11. November v. 3. bei einem po- nschen Zusammenstoß den Nationalsozialisten Mariens aus Bordesholm durch einen Pistolenschuß getötet sowie den praktischen Arzt Dr. Müller und den Bankbeamter, Begemann aus Neumünster schwer verletzt hatte, wegen schweren Land- sriedensbruches, vollendeten Totschlages und versuchten Totschlages in zwei Fällen zu 15 Jahren Zuchthaus und zehn Jahren
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Neue Anschläge
Abends kurz nach 23 Uhr wurden gegen das Cofeler Finanzamt zwei Handgranaten geworfen, die etwa 15 Meter vor dem Gebäude explodierten und nur geringen Schaden anrichteten. Der Täter feuerte auf der Flucht einen Schuh ab, durch den er anscheinend die V/rfolger abschrecken wollte. Ob der Anschlag dem Finanzamt selbst oder dem tm Finanzamt wohnenden Sreisoffizier Fabianek galt, der dort mit seinem der NSDAP. angehörenden Bruder wohnt, steht noch nicht fest.
Ein neuer Sprengstoffanschlag wurde in Genuin bei Landsberg (Warkhe) auf das Wohnhaus des Maurers Otto Siepelt verübt. Der Sprengkörper fiel aber zu kurz und traf nur einen Bretterzaun, der niedergelegt wurde. Zerstört wurden auch ein hinter dem Haus stehender massiver Stall sowie zahlreiche Fensterscheiben. Der Anschlag soll dem Sohn Bruno, der Reichsbannermann ist, gegolten haben Dieser erhielt bereits vor einigen Tagen einen Drohbrief.
Stöhr Reichrtagrvräsidrnt?
Berlin, 25. August.
Wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, soll von bei nationalsozialistischen Reichstagsfraktion als Präsident der neuen Reichstages der Abgeordnete der NSDAP. Fran; Stöhr vorgeschlagen werden.
Franz Stöhr ist am 19. November 1879 geboren, war lange Zeit im Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbank tätig und hatte im bisherigen Reichstag einige Monate lanc das Amt des Ersten Vizepräsidenten des Reichstages inne
Die Beisetzung der Opfer der „Nlobe .
Uebersichtsbild über die Trauerfeier. Im Hintergrund sieht man die derettete Mannschaft.