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Hersstlöer Tageblatt

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Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelö

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Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des BDJB.

Nr. 201 (Erster Blatt)

Sonnabend, den 27. August 1932

82. Jahrgang

Vollmacht rm Reichstagsauflösung?

Der Kanzler hält in Neudeck dem Reichspräsidenten ©ertrag Das Wirtschaftsprogramm des Kabinetts

Tannenberg

In diesen Tagen jährt sich zum 18. Male- der Tag der Schlacht von Tannenberg. Jedes Schulkind weiß heute bu - Bedeutung dieses einen WortesTannenberg". Das auf dem einstigen Schlachtfeld errichtete Ehrenmal spricht für bh Bedeutung dieser Schlachtenwende eine eherne Sprache Tannenberg brächte die Befreiung Ostpreußens von der rus­sischen Invasion. Tannenberg bedeutet in Wahrheit dir Wende der kriegerischen Vorgänge im Osten, brächte die Wende für den Fortgang des eben entwickelten Weltkrieges. TannenbergundHindenburg: Nomen, die Welt­geschichte bedeuten. Sie stehen außerhalb jeglichen Partei­streits, sie sind Steine am Wege deutscher Geschichte, natio­naler Größe. Mit Tannenberg verbindet sich für jeden Deut­schen ein heiliges Empfinden für Vaterland, für Freiheit, für Einigkeit. Alle deutschen Volksstämme, jeder deutsche Berufr- stand, jedes religiöse und politische Bekenntnis haben an die­sen Vorgängen teil, die mit dem einen WortTannenberg" umschlossen werden. Kühle Ueberlegung, Vertrauen zu deut­schem Geist und deutscher Tapferkeit, Vertrauen zur Füh­rung und zur eigenen Kraft und ein begeisterungsfreudiges vaterländisches Empfinden, ein todesmutiges Vorwärtsstür- men für deutsche Heimat und deutsches Vaterland waren bie Faktoren, die das welthistorische Ereignis von Tannenberg zur Vollendung brachten.

Heute. in den Tagen innerpolitischer Gärung, partei­politischen Fanatismus und wirtschaftlicher Not sollte jeder Deutsche in Ost- und West, Nord und Süd. sich einige Mi-

göttnen mit) steten Mist vM lärmet

wäre aus Deutschland geworden, was aus Ostpreußen, was aus unseren deutschen Volkes Zukunft, wenn Tannenberg eben nicht ein deutsches Tannenberg geworden wäre? In Ostpreußen weiß man, in welcher Gefahr wir uns damals befanden. Die von der russischen Invasion be­troffenen Orte zeigen mit ihrem Neuaufbau, welchem Schick­sal die übrigen deutschen Provinzen entgingen, weil mit Tan­nenberg die furchtbare russische Walze zertrümmert wurde.

Tannenberg, deutsche Schicksalswende! Stehen wir nicht heute, wenn auch in anderem Sinne, vor einer ähnlichen ge­fahrdrohenden Lage, wie sie vor Tannenberg bestand? Ist die Gefahr des Ueberranntwerdens, der Zerschmetterung, des Chaos nicht auch heute wieder gegeben? Wahrlich, nur e i n neues Tannenberg scheint Deutschland retten zu kön­nen. Ein Tannenberg. in welchem jene Faktoren zusammen­klingen, Zusammenarbeiten, die damals das Kriegsglück zu unseren Gunsten wendeten. Niemand im deutschen Vater­land und Volk wird verkennen, daß schwere Jahre und furcbb bare Enttäuschungen das deutsche Volk in allen seinen Glie­dern erschüttert, zermürbt haben. Eine Hoffnung und e i n Wille, e i n Ziel und e i n Glaube aber sollte uns trotz allem auch heute wie damals zusammenführen: Deutschland und seine FreiheitI Jeder einzelne sollte empfinden und verstehen, daß. viele Fehler begangen wurden, oben und unten, Fehler, an welchen wir selbst in vielen Fällen nicht schuldlos sind; Fehler aber, wenn sie erkannt und bekannt wurden, die sich beseitigen und in Zukunft vermeiden lassen. Auch dafür gibt uns- Tannenberg Beispiel und Weg. Dann aber, wenn nicht jeder mit dem einverstanden ist, was ist und was geschieht, sollten wir das Endziel nicht aus dem Auge verlieren, daß immer und je nur heißen kann und darf: Deutschland!

Wie damals vor 18 Jahren Ostpreußen in den Tagen des Russenstromes besorgt Ausschau hielt nach dem Retter, so wartet heute das ganze deutsche Volk auf den Mann der Tat, der Ueberlegung, des einigenden Willens. Partei- und andere Sonderinteressen müssen schweigen, wenn es um das Leben und die Zukunft der Nation geht. In breitester Front stürmen gegen die deutsche Einheit politische und wirtschaft­liche, soziale und kulturelle Gefahren heran. Nur ein einig Volk kann diese Gefahren bannen. Wenn jetzt versucht wird, durch ein Wirtschaftsprogramm Voraussetzungen für eine neue deutsche Entwicklung zu schaffen, wenn auf dem Wege über ein neues Arbeitsbeschaffungsprogramm und über den Freiwilligen Arbeitsdienst erstrebt wird, die drückende Arbeitslosigkeit zu mildern, wenn von der Regierung in der Frage der politischen und militärischen Gleichberechtigung, der nationalen Ehre Schritte unternommen werden, um von der Aechtung durch das Versailler Diktat und von der Be­vormundung durch militärstarke Staaten loszukommen, dann sollten sich alle Deutschen bereit finden zusammenzugehen, zu- sammenzustehen. um dieses begonnene Werk zu einem guten Ende zu führen. Kleinlicher Parteigeist soll und muß schwei­gen, wo es um das Vaterland geht. Denken wir an Tannenberg. Hier standen alle zusammen, die gerufen wurden, ohne zu fragen, woher ste kamen und wer sie be-

rief. Das Vaterland war in Gefahr, deshalb tat jeder feine Pflicht. Darin liegt die Bedeutung von Tannenberg. Und wer sich dieser Erkenntnis nicht zu unterwerfen vermag, der pilgere nach Ostpreußen und laste sich von dem Geist er­füllen, der von dem Tannenbergdenkmal ausgeht: Durch Einigkeit zur Freiheit!

Was plant die Regierung?

Besuch des Reichskanzlers beim Reichspräsidenten.

Berlin, 27. August.

Reichskanzler von P a p e n wird sich, wie in gutunter richteten Kreisen verlautet, am Montag nach Neudeö begeben, um dem Reichspräsidenten über die politische Sagt Bericht zu erstatten und die bevorstehenden wichtigen End cheidungen zu besprechen. Der Reichskanzler wird sich im olgedessen nach seiner Rückkehr von Münster nur kurz in Berlin aufhalten. Sein Besuch in Neudeck werde voraussicht­lich Dienstag abend beendet sein.

Der Besprechung zwischen dem Reichspräsidenten unk dem Reichskanzler kommt, nach Auffassung politischer streift besonders deshalb große Bedeutung zu, weil hier alle mb dem Reichstagszusammenkritl in Verbindung stehenden Fra­gen endgültig geklärt werden sollten. Der Reichskanzlei dürste, so vermutet man weiter, vom Reichspräsidenten da; Dekret zur Auflösung des Reichstags erbitten und erhalten Gleichzeitig müßten die für die Zeit nach der Auflösung ent­stehenden Möglichkeiten vorbereitet werden. Dazu gehöre so- sowohl die Anberaumung des Wahltermins für ein neues Parlament wie vielleicht auch die W^hlreform.

!W|^ Zentrums

Zu den Vermutungen über die Entwicklung der nächsten Tage nimmt das Berliner Zentralorgan der Zentrums­partei, dieGermania", u. a. in folgenden Ausführungen Stellung:

Alle Bemühungen der Zentrumspartei werden schon heute darauf gerichtet sein, einen verfassungsmäßigen Ablauf der kommenden Dinge mit allen Mitteln sicherzustellen. Das ist der Kardinalpunkt, an dem sich die Zentrumspartei orien­tieren wird. Wenn die Reichsregierung das Festhalten ihrer Position und in Verbindung hiermit auch die sofortige Wie- derauflösung des Reichstages mit dem Hinweis darauf zu begründen sucht, daß der Reichstag keine arbeitsfähige Mehr­heit aufweise. so ist das vorläufig doch wohl nur eine sub­jektive Vermutung, die noch keineswegs bestätigt ist. Für den Reichstag sollte es." so meint dieGermania", wichtig sein, dieses Argument zu widerlegen Im übrigen." fährt das Blatt fort, wird die erste Tagung des Reichs­tages nur von kurzer Dauer sein. Sie wird sich voraussicht­lich zunächst auf die erste, konstituierende Sitzung beschrän­ken. Die Zentrumsparte! legt Wert darauf, daß die Tagung sofort unterbrochen wird, um ihren Mitgliedern die Teil­nahme an dem Deutschen Katholikentage zu ermöglichen, der bereits am 31. August in Essen beginnt. Der Reichstag würde dann etwa am Dienstag, dem 6. September, seine Beratungen fortsetzen."

Schlubberatung des WirtiliMsprogramMS

In der Reichskanzlei sind gegenwärtig fast pausenlos die abschließenden Beratungen über das Wirtschaftsprogramm im Gange. Da der Kanzler am heutigen Abend nach Mün­ster fährt, muß das Kabinett also zu einem gewissen Abschluß gekommen sein. Ueber die Einzelheiten wird jedoch in amt­lichen Kreisen allerslrengstes Stillschweigen bewahrt. Auf­schluß wird die Rede des Kanzlers in Münster geben, der man mit begreiflicher Spannung entgegensieht.

Durch das Wirtschaftsprogramm soll eine sofortige Ar­beitsbeschaffung ermöglicht werden. . Die dafür bisher zur Verfügung stehenden Mittel reichen aber nur für 2 0 0 0 0 0 bis 250000 Arbeitslose. Für die Beschaffung wei­terer Mittel liegen dem Kabinett verschiedene Vorschläge vor. Ueber all das wird vom Kabinett strengstes Stillschweigen bewahrt. Das hat aber nicht verhindert, daß von inter­essierten Seiten her eine öffentliche Diskussion in Gang, ge­setzt worden ist.

ßn unterrichteten Kreisen verlautet, daß die Kabinetts- beratungen bereits sehr starke Fortschritte in den Arbeite« am Wirtschaftsprogramm gezeigt haben. Heute bormittag werden in den Ressorts die noch notwendigen Formulie­rungen vorgenommen, so daß das Kabinett am Nachmittag einen endgültigen Beschluß fassen kann. Jedenfalls steh: nunmehz fest, daß der Kanzler am Sonntag in Münster

heute BaumwoWreil in England?

London. Nachdem die Verhandlungen zur Beilegung der Schwierigkeiten in der Baumwollindustrie von Lanca-- shire gescheitert sind, ist mit dein, für heute angekündigten Streik von über 200 000 Arbeitern zu rechnen.

Bsr der EuMeidmg in Brechen

Um die Stellung der kommissarischen Regierung.

Berlin, 27. August.

In gutunterrichketen parlamentarischen Kreisen wird an­genommen, daß die Entscheidung über das Zustandekommen der preußischen Koalition zwischen Zentrum und National­sozialisten bis spätestens Donnerstag nächster Woche zu er­warten fei.

Im Zusammenhang mit der gesteigerten Spannung der politischen Lage nach dem Beuthener Urteil war ver­schiedentlich die Meinung aufgetaucht, daß die Koalitions- besprechungen zwischen Zentrum und Nationalsozialisten in Preußen ins Stocken geraten seien. Demgegenüber wird in unterrichteten Kreisen erklärt, daß diese Koalitionsbespre- chungen fortbauerten,. wenn auch zur Zeit noch nicht über­setzen werden könne, an welchem Tage in absehbarer Zeit sie zum Abschluß gelangen würden. Vermutlich wird Mitte nächster Woche in dieser Hinsicht größere Klarheit herrschen. Mit Rücksicht auf diese Darlegungen ernst zu nehmender Stel­len dürfte der Aeltestenrat des Preußischen Landtages sehr bald die Frage zu entscheiden haben, wann die Wahl des Ministerpräsidenten auf die Tagesordnung gesetzt wer­den kann. Vorläufig ist ein Termin hierfür noch nicht in Aussicht genommen. Die nächste Aeltestenratssitzung findet am kommenden Dienstag vor Beginn der Vollsitzung statt.

Bleues Schreiber? KerrLs

Protest gejen die Verwaltungsresorm.

Berlin. Im Zusammenhang mit der jetzt in der Öffentlichkeit viel erörterten Frage, ob die kommissarische preußische Regierung vor dem Landesparlament erscheinen muß, wenn die Abgeordneten es verlangen, hat der preu- SWDAWMGML ii»-W«M« - hin, daß jede Regierung dem Landtage verantwortlich sei und daß verfassungsmäßig jeder Minister vor dem Landtage zu erscheinen habe, sobald es verlangt merde. In Verbindung mit der von der kommissarischen Regie­rung erlassenen Verwaltungsreform erhebt Kerrl schärfsten Protest gegen die Durchführung von Maßnah­men, von denen noch nicht feststehe, ob sie den Interessen

? preußischen Volkes dienen. Er bittet dringend, künftig von der Durchführung ähnlicher Vorhaben unter Ausschal­tung des Landtages Abstand zu nehmen. Schließlich bittet Präsident Kenl den Reichskanzler, dem Reichspräsidenten eine Notverordnung vorzufchiagen, durch die die versass sungswldrtgs Geschäftsordnungsänderung für nichtig er­klärt foirb. Kerrl nimmt dabei bezug auf seinen Brief vom 10. Juli, in dem er die Geschäftsordnungsveränderung des Landtages als Ursache verfassungswidriger Zustände dargestellt hatte, weil durch sie die Bildung einer Regie­rung durch die NSDAP. verhindert werden sollte. In diesem Brief hatte er auch nicht die Einsetzung eines Reichskommissars gefordert, sondern die Aufhebung der Seschäftsordnungsveränderung,

Wieder Hauszinssteuer-Stundung

mit Rückwirkung vom 1. Juli.

Berlin. Der Amtliche Preußische Pressedienst teilt mit.

So richtig auch die prinzipiellen Erwägungen waren, die zu der Umstellung des seitherigen Systems der Steuer« stundung nach Pharagraph 9 der Aauszinssteuerverord- nung für hilfsbedürftige Mieter auf das System der Mietbeihilfen in der Preußischen Notverordnung vom 18. Juni d. 3. geführt haben, so haben sich doch inzwischen sc schwere Bedenken gegen die praktische Durchführvarkeil des neuen Systems ergeben, daß es geboten erscheint, 511 dem System der Hauszinssteuerstundung allerdings ir wesentlich veränderter Form zurückzukehren.

Die Steuerstundung soll sich nicht mehr nach dem sche- matischen Existenzminimum von 1200 Mark richten, das sich zudem bei der Verschiedenheit der Kaufkraft in Stadt und Land, im Westen und Osten ganz verschieden aus- wirkte, sondern sie muß auf den fürsorgerischen individuell auszulegenden Begriff der Hilfsbedürftigkeit abgestellt wer­den. Steuerstundungen sollen danach nur gewährt werden bet Mietwohnungen oder Teilen von Mietwohnungen,

a) wenn Mieter nachweislich eine laufende Unter­stützung ans Mitteln der öffentlichen Fürsorge beziehen, und zwar in Höhe des Betrages, um den die laufende Un­terstützung sonst höher sein müßte;

b) soweit Mietern nachweislich eine laufende Unter­stützung aus Mitteln der öffentlichen Fürsorge gewährt werden müßte, weil sie sonst die volle Miete nicht zahlen könnten;

c) soweit die Einziehung eines der gesetzlichen Miete entsprechenden Mietzinses dem Eigentümer nachweislich nicht möglich ist.

In der demnächst erscheinenden Verordnung ist die Rückwirkung der Neuregelung vom 1. Juli 1932 ab vor­gesehen.

Der neue Staatssekretär im Reicbswirtscbaftsministe- rtum, Dr. Schwarzkopf, hat bereits die Amtsgeschäfte über­nommen.