Hersftl-er Tageblatt
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Hersfelder Kreisblatt
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Nr. 207 (Erster AM)Sonnabend, den 3. September 1932 82. Jahrgang
Aufmarsch des Stahlhelm
13. Reichsfrontsoldatentag in Berlin — Bundesführer Gelde über die Ziele
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Wenn nicht alles täuscht, wird die internationale Auseinandersetzung in der nächsten Zeit stark im Zeichen der deutschen Gleichberechtigungsforderung auf dem Gebiete des Rüstungswesens stehen. Angekündigt durch die bekannte Rundfunkrede des Reichswehrministers von Schleicher vom 26. Juli, durch einen Zeitschriftenaufsatz und ein Interview des verantwortlichen Leiters oer Reichswehr, ist in Berlin bzw. Paris ein Schritt erfolgt, der formell Verhandlungen über dieses Thema zum Ziele hat. Ungeachtet aller Spiegelfechtereien, aller bestellten und spontanen Entrüstungs- auffätze in der französischen Presse über die Art und Weise, wie sich Deutschland anschicke, einen wichtigen Teil des Ver- sailler Vertrages als null und nichtig zu behandeln, darf man feststellen, daß nicht nur die öffentliche Meinung der objektiv denkenden Völker, sondern auch diejenige Frankreichs sich der Unhaltbarkeit eines Standpunktes bewußt ist, der diese deutschen Ansprüche als vertragswidrig kurzerhand zurückweisen möchte. Auch das Argument, das die Dinge so hinzustellen versucht, als hätte Deutschland planmäßig einen nach dem anderen die „Rechtstitel" von Versailles angegriffen und zu Fall gebracht — Kriegsverbrecher- Paragraph, Rheinlandbesetzung, Reparationen — um nun auch die restlichen Säulen dieses völkerrechtlichen Meisterwerks zu stürzen, greift nicht durch. Denn lange vor der Lösung der Reparationsfrage ist in ganz unveränderter Weise und immer wieder von Deutschland die Forderung erhoben worden, daß die Abrüstung im Sinne der Präambel zu Teil 5 des Versailler Vertrages und Artikel 8 der Völkerbundssatzung durchgeführt werden müsse, wenn man die deutschen Abrüstungsbestimmungen aufrechterhalten wolle.
Es überrascht kaum noch, daß die zwischen beiden Regierungen vereinbarte Vertraulichkeit des deutschen Schrittes von französischer Seite gebrochen worden ist. SM$ Mü WWW WWW sich in sehr geschickter Weise der französischen Presse zu bedienen weiß, und auch die große Auslandspresse unter ihren Einfluß stellt. Wenn in dem jüngsten Falle die französische Presse von rechts bis links fast ohne Ausnahme einen H a ß - und Drohfeldzug gegen Deutschland eröffnet hat, dann wird man trotz der Erklärung des französischen Ministerpräsidenten, der deutsche Schritt komme ihm nicht überraschend, da er angekündigt war, doch zu der Auffassung kommen müssen, daß dieser Presserummel von amtlicher französischer Stelle selbst veranlaßt und dirigiert wurde. Nur eines bedauern wir, daß die deutsche Regierung angesichts der französischen Indiskretion nun nicht ihrerseits das der französischen Regierung unterbreitete Material zur Abrü- stungsfrage der großen Oeffentlichkeit bekanntgibt. Die ihr zur Verfügung stehenden Unterlagen sind nicht schlecht, Die deutsche Denkschrift geht nämlich von der V e r t r a g s e n t- schließung der Abrüstungskonferenz in Genf aus, die bekanntlich nichts darüber enthält, ob und in welchem Umfange die in Genf als Verteidigungswaffen bezeichneten schweren Kampfmittel auch Deutschland zugebilligt werden sollen. Denn den Abrüstungsbestimmungen des Versailler Diktats ist der Grundgedanke unterlegt, daß Deutschland nur das Recht zur Verteidigung gegen äußeren Angriff zugebilligt und demgemäß seine Wehrstürke und seine Wehrmittel festgesetzt worden sind.
Deutschland greift nun die Beschlüsse der Genfer Abrüstungskonferenz auf, die für eine ganze Reihe schwerer Waffen, die Deutschland verboten sind, den Verteidigungs- charakter festgelegt haben. Wenn man Deutschland das Recht zur Verteidigung zuerkennt, dann muß man ihm auch die Waffen gestatten, die bei anderen Mächten lediglich als Verteidigungswaffen gelten. Im übrigen liegt es ganz auf der anderen Seite, inwieweit Deutschland ohne ausdrückliche Zustimmung der übrigen Vertragspartner von Versailles seine Verteidigung entwickelt und die Handlungsfreiheit in der Frage feiner Sicherheit aus dem Umstand herleitet, daß von anderer Seite die verpflichtenden Bestimmungen des Versailler Vertrages über die allgemeine Abrüstung nicht erfüllt werden.
Am Donnerstag hat sich der französische Kabinettsrat mit dem deutschen Schritt befaßt. Herriot soll es abgelehnt haben, die Denkschrift selbst zur Kenntnis des Kabinetts zu bringen. Er hat Pressevertretern gegenüber die deutsche Gleichberechtigungsforderung als „außerordentlich wichtig" bezeichnet. Er hat auch Veranlassung genommen, sich wegen des deutschen Schrittes mit der englischen Regierung in Verbindung zu setzen. In der großen Oeffentlichkeit nimmt man an, daß bei der angeblich „privaten Zusammenkunft" Her- riots mit dem britischen Innenminister Sir Herbert Samuel der deutsche Vorstoß in der Frage der militärischen Gleichberechtigung eine Rolle gespielt hat, und daß Herriot feinen englischen Gast an den jüngst abgeschlossenen französisch-englischen Freundschaftspakt erinnert hat. Aus der Haltung der englischen Presse läßt sich bisher nicht schließen, ob dieser Appell bei der englischen Regierung stärkeren Eindruck gemacht hat. Sir Samuels Freundschaft für Frankreich ist bekannt, er dürfte in der Frage der deutschen Gleichberechtigungsforderung kaum mit MacDonalds Auffassung übereinstimmen. Die englische Presse bemüht sich vorerst, »ine abwartende Haltung einzunehmen. Aus einzelnen Stim
men kann man aber entnehmen, daß man die Berechtigung des deutschen Schrittes nicht zu leugnen wagt. Hinzu kommt, daß die amerikanische Oeffentlichkeit und scheinbar auch die amerikanische Regierung in dem deutschen Schritt die notwendige Folgerung sehen, die aus der bisherigen Weigerung der europäischen Großmächte, sich den Versailler Ab- rüftungsverpflichtungen zu unterwerfen, gezogen werden muß.
In der deutschen Oeffentlichkeit kommt die einmütige Auffassung des deutschen Volkes über die unerträgliche Fortdauer des jetzigen Zustandes zum Ausdruck, daß man auf der einen Seite bei stärkstem Ausbau )er militärischen Rüstungen die nationale Sicherheit als ge- ährdet hinstellt gegenüber einem Nachbarn, dessen Rüstungstand bei weitem nicht die Verteidigungswaffen aufweist, die in Genf als solche bezeichnet wurden, auf der anderen Seite die nationale Sicherheit dieses abgerüsteten Landes aber als , ausreichend betrachtet, trotzdem sämtliche Grenznachbarn unter ihren Rüstungen zusammenzubrechen drohen. Zu begrüßen ist jedenfalls, daß endlich nach den verschiedensten Ankündigungen der diplomatische Schritt eingeleitet worden ist, der das deutsche Gleichberechtigungsoerlangen vor aller Welt unterstreicht. Es wird ein langer Kampf werden, der uns bevorsteht, Deutschland fürchtet ihn nicht und wird ihn mit allen Mitteln durchfechten.
Der deutsche Bsrstoz
Paris, 8. September.
3m Elysss tritt am heutigen Sonnabend unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik ein Miniskerrat zusammen. Wie verlautet, wird er zu den deutschen Wünschen in der Frage der Rüstungsgleichberechtigung entscheidend Stellung nehmen.
Herriot hat dem englischen Geschäftsträger eine Kopie
Die deutsche Fühlungnahme m der Wehrfrage wird von der Pariser Presse ruhiger beurteilt, doch wird die Abwehrstellung gegen die deutschen Wünsche grundsätzlich beibe- yalten.
Die englische Presse ist mit Kommentaren zu der deutschen Forderung auf Gleichberechtigung zurückhaltend. Es wird kein Versuch unternommen, Deutschlands Recht, wie es sich aus dem Abrüstungsversprechen von Versailles ergibt, zu bestreiten.
„VersMer SMem in Auflösung"
Die amerikanischen Blätter bringen Aeußerungen der Senatoren Swanson und Borah zur deutschen Rüstungsnote, die im wesentlichen mit der offiziellen Washingtoner Auffassung übereinstimmen. Borah betont jedoch, daß er die deutsche Forderung nach Rüstungs-Gleichberechtigung als gerechtfertigt ansehe, wenngleich auch er hoffe, daß die Gleichheit durch Rüslungsernschränkung erreicht werde. „Herald Tribune" erklärt, nicht die unmittelbaren militärischen Auswirkungen der deutschen Forderung sondern die Folgen dieses direkten Angriffes auf den Versailler Vertrag seien von wesentlicher Bedeutung. Das Versailler System weise offensichtliche Zeichen der Auflösung auf. Diese Tatsache allein zwinge die Staatsmänner und Völker, sich darüber klarzuwerden, wie die Welk ohne dieses System aussehen werde.
Amerika besteht aus Zahlung
Die Haltung Washingtons unverändert starr.
London, 3. September.
Aus Washington wird berichtet, daß der stellvertretende Staatssekretär Castle eine Aeußerung getan habe, wonach die Regierung fest entflossen sei, auf ihrer bereits bekannt- gegebenen Politik -u verharren, daß Kriegsschulden bezahlt werden müssen. Der stellvertretende Staatssekretär sagte, die Vereinigten Staaten erwarteten, daß Deutschland die am 30. September fälligen Teilzahlungen leisten werde.
Der Korrespondent fährt fort, diese Teilzahlungen seien nur gering, sie betragen nur 12% Millionen Mark für Be- satzungskosten und 20 400 000 Mark für die Bezahlung der Ansprüche amerikanischer Bürger gegen Deutschland. Castle erklärte, daß von Deutschland keine Aeußerung bezüglich der Zahlung dieser Gelder aus dem abgelaufenen Moratorium eingegangen sei, daß aber die Vereinigten Staaten die Zahlung der Gelder aus dem abgelaufenen Moratorium erwarteten.
Die deutsche Auflassung
Zu der Mitteilung aus Washington, wird von unterrichteter Stelle erklärt: Amerika ist bekanntlich auf der Lau- sanner Konferenz nicht vertreten gewesen, so daß die Zahlungen an Amerika noch besonders geregelt werden müssen. Eine Regelung ist in nächster Zeit zu erwarten, Nach den Bestimmungen des Abkommens vom 13. März 1930 ist ein Zahlungsaufschub möglich, und zwar für beide Arten der Zahlungen an Amerika, nämlich für die mixed Claims und die Besatzungskosten für zweieinhalb Jahre. Hinsichtlich der anderen Zahlungen ist in Aussicht gestellt worden, daß darüber erneut verhandelt werden soll, doch ist ein Termin für dieser Verhandlungen noch nicht in Aussicht genommen.
Ziele des Stahlhelm
Seldtes Rede im Berliner Sportpalast.
Berlin, 2. September.
Bei der großen im Sportpalast veranstalteten Stahlhelmkundgebung sprach der Erste Bundesführer des Stahlhelm Franz S e l d t e über die Ziele des Bundes. Er führte u a. aus: Soldatisches Denken gehört jetzt nach Berlin. Die Herrschaft der Minderwertigen ist gebrochen und vorbei.
Jetzt ist es so weil, daß von der Führung des Deutschen Reiches das erkannt und ausgesprochen und zum Regierunasprinzip gemacht werden soll, was die Frontgenera- kion der Männer aus dem Schützengraben bereits im Winter des Jahres 1918 mitbrachte, was sie durch den Stahlhelm formulierten, was längst Tat und Wirklichkeit hätte werden können in Deutschland, wenn man diese opferbereite und opferwillige Männerschicht der Frontgeneration herangelassen hätte.
Wenn wir uns fragen, ob wir auf dem von Anfang an gezeigten Wege des Stahlhelm unsere Ziele schon erreich« haben, so antworte ich klar: „Nein, das haben wir nock nicht". Das konnten wir auch noch nicht in einem Volke, das noch in einer geistigen Revolution, einer Umstellung,-in einer Gärung begriffen ist. Eine Stufe jedoch und eine der wichtigsten haben wir durch die Arbeit des Stahlhelm erreicht. Es ist keinem inneren und äußeren Feinde gelungen, in dem deutschen Volke den Wehrgedanken und den soldatischen Gedanken zu unterdrücken oder auszurotten.
Wir können uns mit dem Erreichten noch nicht zufrieder geben, sondern gerade, wenn wir starke nationale Regierun gen fordern/ so wollen wir weiter bereit sein, in unserem Stahlhelmsinne weiterzuarbeiken, bis das deutsche Volk du ihm so notwendige allgemeine Dienstpflicht, diese große Volksschule, wieder eingeführt hat.
Aher^auch, wenn diese zweite Stufe unseres Programms denn danügHt Us^M^M^brKe Stufe/Um die Erreichung der höchsten geistigen Werte in Deutschland. Dann geht es darum, daß eine bewußte nationale Führerschicht vorhanden ist, die Dismarcks Werk fortsetzt und erfüllt. Die erreicht, daß das von Bismarck geschaffene, staatlich geeinte Deutsch« Reich auch von seelisch geeinten D e u t s ch e n , von einem deutschen Volke, von einer wahren deutschen Nation bewohnt wird.
Wir wollen die Eigenschaften der Frontsoldaten: Zähigkeit, Tapferkeit und Durchhalkenkönnen nicht in einem Kriege anwenden; denn wir kennen die Schrecken des Krieges und ersehnen ihn darum nicht — sondern wir wollen diese Eigen- fdjmfen ansetzen in freier friedlicher Arbeit zum Aufbau der Ration.
Mit dem System von Weimar oder mit den Möglichkeiten von Versailles oder mit einer Kombination von beiden ist nichts zu erreichen. Im Gegenteil, wir müssen diese beiden Systeme auflockern, sprengen, wenn wir zur inneren und äußeren Freiheit kommen wrllen.
Die deutsche Zukunft steht nicht bei den Parteien. Die deutsche Zukunft steht nicht bei der Mechanik irgendeiner Wirtschaftstheorie. Die deutsche Zukunft steht nicht allein bei den starken Bataillonen, sondern die deutsche Zukunft steht da, wo jener deutsche Geist sein panier erhebt, für das ich keine stärkere Ausdrucksform bisher in Deutschland kenne als den Geist der alten Frontsoldaten, als den Geist des Stahlhelm.
Todesurteile umgewoudeit
Lebenslängliche Zuchthausstrafen.
Berlin, 3. September.
Durch Entschließung des preußischen Skaatsministe- riums vom 2. September sind die Todesstrafen, die durch das rechtskräftige Urteil des Sondergerichtes in Deutschen O.-S. gegen den Elektriker Reinhold Kotlisch, den Grubenarbeiter Rufin Wolniha, den Häuer August Gräupner, den Marken- kontrolleur Hellmuth Joseph Müller wegen Totschlages begangen aus politischen Beweggründen, und den Gastwirt Paul Lachmann wegen Anstiftung zu diesem Verbrechen verhängt worden sind, im Gnadenwege in lebenslängliche Zuchthausstrafen umgewandelt worden.
Für die Entschließung war maßgebend, daß die Verurteilten zur Zeit der Tat noch keine Kenntnis der Verordnung des Reichspräsidenten gegen politisäzen Terror vom 9. August 1932 und ihren schweren Strafandrohungen gehabt haben.
Die Entscheidung fiel in einer Beratung der kommissarischen preußischen Staatsregierung unter dem Vorsitz des Reichskanzlers von Papen.
MederamnlchureverlMen
Wie von unterrichteter Seite mikgeteilt wird, ist damit <u rechnen, daß dem Anträge auf Wiederaufnahme des Ver- fahrens im Beuthener Prozeß, der bereits von der Verteidi- aung eingereicht worden ist, flattgegeben werden wird. In Sem Antrag sind nach Auffassung der zuständigen Stellen aeue Tatsachen enthalten, die die Wiederaufnahme rechtfer- Sggn.