Hersfel-er Tageblatt
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Hersselöer Kreisblatt
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Druck und Berlag von Ludwig Funks Buchbruckerel in tzersfelb, Mitglied des BDJB.
Nr. 213 (Erstes Blatt)
Sonnabend, den 10. September 1932
82. Jahrgang
Hindenburg für Papen
Das Reichstagsprastdium stellt sich vor — Göring fordert Mehrheitsregierung
VorderReichstagMacht
Am Montag tritt der neugewählte Reichstag zusammen, um die Regierungerklärung des Kabinetts Papen entgegen- zunehmen. Am Freitag war das neugewählte Reichstagspräsidium beim Reichspräsidenten, um sich in der üblichen Form yorzustellen. Der neue Reichstagspräsident Göring hatte ausdrücklich um den Empfang nachgesucht, weil er bei dieser Gelegenheit dem Reichspräsidenten offiziell Mitteilung davon zu machen wünschte, daß eine arbeitsfähige Mehrheitdem Reichstag zur Verfügung stehe, die die Voraussetzung für eine verfassungsmäßige Haltung der Regierung bilde. In seiner Unterredung mit dem Reichspräsidenten hat er diesen gebeten, seine letzte Entscheidung über das Schicksal des Reichstages zu- rückzuftetten. bis er die Vertreter der führenden Parteien gehört habe. Der Reichspräsident hat zu diesem Vorschlag keine Stellung genommen, sich vielmehr seine Entscheidung Vorbehalten.
Die allgemeine Lage hat durch die gemeinsam abgegebene Erklärung der nationalsozialistischen und der Zentrumsfraktion zu dem Wirtschaftsprogramm der Reichsregierung eine neue beachtenswerte Kennzeichnung erfahren. Wenn auch in dieser Verlautbarung weder von dem Abschluß einer Koalition noch einer sachlich festgelegten Arbeitsgemeinschaft die Rede ist, so kommt doch darin der Wille zum Ausdruck, dem Wirtschaftsprogramm der Regierung gegenüber eine einheitliche Stellung einzunehmen. Die bekanntgegebenen kritischen Bemerkungen zu den einzelnen Punkten des Wirtschaftsprogramms lassen die Deutung zu, daß man im wesentlichen diesen Wirtschaftsplan der Regierung von Papen ablehnt. Die Ankündigung, „in der Frage wirklicher Arbeitsbeschaffung und des Konjunkturanschlusses eine Grundlage zu schaffen, für deren Durchführung auch eine arbeitsfähige, vom Ver^ ,>"n des VültLL. gerrageneMWHrhM» vorhanden ist", enthält' indirekt eine Ablehnung der Regierun g' von Papem
An sich ist diese Feststellung nicht neu. Sie gewinnt aber dadurch eine andere Bedeutung, nachdem gerade in den letzten Tagen bekanntgeworden ist, daß von gewisser Seite versucht wird, eine Auflösung des Reichstages zu vermeiden. Das wäre nur denkbar, wenn nach der Regierungserklärung im Reichstag eine Vertagung der Aussprache aus einen späteren Zeitpunkt erfolgte. Ein solcher Antrag könnte damit begründet werden, daß es den Parteien ermöglicht werden müßte, sich mit den Einzelheiten der Regierungserklärung zu beschäftigen und gegebenenfalls dem Programm der Regierung ein solches der Parteien ent- gegenzustellen. Nach Lage der Dinge ist aber nicht da- mit zu rechnen, daß die Regierung einer Verschiebung der Entscheidung zustimmt. Sie hat vom Reichspräsidenten den wiederholt dringlichst gegebenen Auftrag, mit aller Beschleunigung Maßnahmen zur Belebung der Wirtschaft und der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in Kraft zu setzen. Der erste Schritt hierfür ist mit dem Erlaß der Notverordnung vom 4. September getan. Ein Schwebezustand, wie er durch eine Vertagung des Reichstages vor seiner Entscheidung eintreten müßte, würde nicht nur die Weiterarbeii der Regierung hemmen, er müßte auch die Unsicherheit in der Wirtschaft erneut entwickeln und damit den an sich günstigen Auftakt zu einer Wirtschaftsbelebung wieder in Frage stellen.
Diese Tatsache dürfte die Regierung veranlassen, von dem Reichstag oder von den einzelnen Parteien eine klare Antwort auf die Frage zu verlangen, ob sie an der Durchführung des Wirtschaftsprogranints sich zu beteiligen gedenken oder nicht. Aus einer ablehnenden Stellungnahme dürfte die Regierung die Ueberzeugung gewinnen, daß es ihr nicht möglich erscheint, mit dein jetzigen Reichstag den Auftrag des Reichspräsidenten auf umgehende und umfassende Maßnahmen zur Durchführung M bringen. Die in Neudeck zwischen Reichsregierung und Reichspräsident herbeigeführte Uebereinstimmung, die bei dem Empfang des Reichskanzlers durch den Reichspräsidenten nach seiner Rückkehr unterstrichen worden ist, läßt eigentlich keine andere Deutung zu als die, daß der Reichskanzler von der ihm erteilten Er m ä ch t i g u n g zur Auflösung des Reichstages mit sofortiger Wirkung Gebrauch macht.
Mit einer solchen Entwicklung rechnet man in allen Parteien; selbst beim Zentrum sieht man nach Lage der Dinge keine Möglichkeit, um die Auslösung zu vermeiden. Die Frage, ob eine solche Maßnahme verfassungsrechtlich haltbar ist, wird im Artikel 25 der Reichsver- fastung dahin beantwortet, daß „der Reichspräsident den Reichtsag auflösen kann, jedoch nur einmal aus dem gleißen Anlaß". Nachdem die letzte Reichstagsauflösung er- olgte, weil sich für eine nationale Konzentrationsregierung m Reichstage keine Mehrheit ergab, würde mit der Begrün- mng einer neuen Auflösung mit der Ablehnung des Wirt- chaftsprogramms der Regierung formell den Verfassungsiestimmungen Rechnung getragen werden. Die Neuwahlen würden dann auf Grund der' verfassungsmäßigen Befl-nr- mungen sofort erfolgen, wobei als wahrscheinlicher Wahl- iormin der 6. oder 13. November in Betracht käme.
Der Empfang beim Reichsprölidenten
Hindenburg behält sich seine Entscheidung vor.
! Berlin, 10. September.
Amtlich wird mitgeteilt:
Reichspräsident von hindenburg empfing am Freilag das neugewählte Präsidium des Reichstages: Reichstagspräsident Göring und die Vizepräsidenten Esser, Graes (Thüringen) und Rauch. Reichstagspräsident Göring stellte das neue Präsidium vor; der Herr Reichspräsident dankte für den Besuch und sprach den kerren seine besten wünsche für die Erfüllung ihrer Aufgabe aus. hieran schloß sich eine kurze Aussprache über die politische Lage.
Die politische Aussprache
Ergänzend wird hierzu gemeldet: Im Anschluß an die Vorstellung des. Präsidiums entwickelte sich eine Aussprache, die etwa 20 Minuten dauerte, und bei der alle Herren des Präsidiums zu Wort kamen. Reichstagspräsident Göring legte dar, daß der Reichstag eine arbeitsfähige Mehrheit habe. Vizepräsident Grass widersprach aber diesen Ausführungen grundsätzlich mit dem Hinweis darauf, daß es nicht Aufgabe des Reichstagspräsidiums fei, politische Verhandlungen mit dem Reichspräsidenten einzuleiten. Auch der Reichspräsident stellte sich auf einen ähnlichen Standpunkt, fügte aber hinzu, er habe nichts dagegen, daß die Herren ihre Auffassungen zum Ausdruck brächten.
Die Herren Göring und Esser setzten dann dem Reichspräsidenten ihren Standpunkt in dem Sinne auseinander, wie er ja durch die Erklärungen bekannt ist die in den letzten Tagen von führenden Stellen ihrer Parteien abgegeben worden sind. Die Ausführungen des Präsidenten Göring gipfelten in der Bitte, seine letzten Entschließungen nicht eher zu fassen, als er die Führer der großen Parteien empfangen und ihre Anschauungen kenneugelernt habe, damit
Reichspräsidenten M Reichstag herbeizuführen. Der Reichspräsident hat sich fCt<e letzte Entscheidung vorbehalten, aber keinen Zweifel daran gelassen, daß die jetzige Regierung seine unbeschränktes Vertrauen besitze. Damit war die Aussprache beendet.
In offiziösen Kreisen herrscht weiterhin die Meinung vor, daß nur noch die Reichstagsauflösung übrigbleibt. Neue Besprechungen mit der NSDAP. seien durch die Münchener Hitler-Rede unmöglich geworden.
Immerhin bleibt abzuwarten, welche Stellung Kabinett und Reichspräsident zu den am Montag beginnenden parlamentarischen Auseinandersetzungen einnehmen werden.
Was tut Bitter?
Wieweit diese Auffassungen richtig sind, läßt sich in diesem Augenblick um so schwerer beurteilen, als vieles, was gesprochen und gesagt wird, taktischen Absichten entspringt. Von einer sehr maßgeblichen und unparteilichen Seite wird die Lage dahin gekennzeichnet, daß die nächste Entscheidung bei den Nationalsozialisten liege. Damit soll gemeint sein, daß Hitler sich nun entscheiden müsse, ob er durch Forcierung des Mißtrauens oder anderer gegen die Reichsregierung gerichteter Anträge — etwa Aufhebung der preußischen Notverordnung! — die Reichstagsauflösung beschleunigen, oder ob er durch eine Vertagung des Reichstages Zeit gewinnen will, um abzuwarten, ob sich die Lage zugunsten eines Kanzlerwechsels verschiebt. Hitler ist bekanntlich se't zwei Tagen in Berlin, wie man annimmt, um persönlich in die Verhandlungen mit dem Zentrum einzugreifen.
Das Reichstagspräsidium bei hindenburg.
Unser Bild zeigt das Präsidium nach dem Verlassen der Reichskanzlei, t^ der Reichspräsident während des Umbaus seines Palais wohnt. Von links nach rechts: Graes. Esser, dahinter Rauch und ganz rechts Göring.
Noch keine Klürung der Lage
Empfang der schwarz-braunen Verhandlungspartner erst Dienstag.
Der Reichspräsident wird am Dienstagmittag 12 Uhr die Vertreter der Reichstagsfraktionen der Nationalsozialisten, des Zentrums und der BVP. gemeinsam in Gegenwart des Reichskanzlers empfangen, um ihre Auffassung zur politischen Lage entgegenzunehmen.
Diese Ankündigung ist das wichtigste und abschließende Ergebnis des gestrigen Freitags, von dem man ursprünglich eine gewisse Entscheidung der weiteren innerpolitischen Lage erwartet hatte. Diese Entscheidung ist nicht eingetreten, sondern mit dem Empfang der Frak- lionsvertreter auf Dienstag verschoben worden. Gestern nachmittag und abend sind die Unterhändler des Zentrums und der Nationalsozialisten wieder beisammen gewesen, um die Frage zu klären,
ob eine hinzögernde Taktik, durch die der Reichstag zunächst noch einmal vertagt würde, heule' noch Sinn hat oder ob sie durch Forcierung der Anträge gegen die Reichsregierung schon in der ersten Hälfte der
Woche klare Bahn schaffen soll.
Diese Besprechung konnte natürlich noch nicht zu einem abschließenden Ergebnis führen, weil die beiden Parteien nun erst einmal sehen müssen, was bei dem Empfang am Dienstag herauskommt.
Bis dahin ist die Entscheidung zunächst verschoben, und es läßt sich noch nicht einmal sagen, ob sie schon dann fällt; genau so gut ist es möglich, daß wir Dienstag nachmittag wieder vor derselben Situation und derselben Fragestellung stehen wie gestern abend.
ColfttfMWM KrMssMSMK Grundsätzliche Zustimmung.
Das Plenum des preußischen Staatsrats bebandelte am Freitag die Verordnung über die Vereinheitlichung der Landkreise. Der Staatsrat erhob einstimmig mit Ausnahme der kommunistischen Partei die Auffassung zum Beschluß, daß eine Neugliederung der Landkreise durch Zusammenlegung und Aufteilung zweckmäßig war, um Ersparnisse zu erzielen. Er hält es andererseits für erforderlich, daß eine schleunige Nachprüfung der Verordnung dahin erfolgen müsse, inwieweit die vorgebrachten Beschwerden der verschiedenen Bevölkerungskreise berechtigt seien und ob und inwieweit ihnen abgeholfen werden könne.
Der Vertreter der Staatsregierung erklärte, daß die durch Zusammenlegung und Neugliederung erzielten Ersparnisse nicht so unerheblich seien, wie sie vielfach hingestellt würden. Allein bei der staatlichen landrätlichen Verwaltung, deren Kosten im ganzen 18 Mill. RM. betrügen, werde der Betrag von einer Million Reichsmark gespart. Der Schwerpunkt der Ersparnisse liege jedoch bei der Kreiskom- munalverwaltung hier betrügen die Ersparnisse sicher ein Vielfaches der Summe, die bei der staatlichen landrätlichen Verwaltung erspart werde, also viele Millionen. Die Regierung sei durchaus bereit, besondere Härten, die sich aus der Grenzziehung im einzelnen ergeben, im Rahmen der durch die Reform erstrebten Ziele auszugleichen.
Der Staatsrat nahm dann eine Antwort der Staatsregierung auf eine Anfrage der Arbeitsgemeinschaft über die Tilgung der den Gemeinden zur Durchführung von Notstandsarbeiten gewährten Reichs- und Staatsdarlehen zur Kenntnis. Die Regierung hat eine entgegenkommende Handhabung zugesagt, je nach den Verhältnissen der einzelnen Darlehnsnehmer. Eventuelle Einträge auf Verlängerung der Tilgungsfrist und Gewährung von Stundungen sollen wohlwollend behandelt werden.
Ueber die Einsetzung von Sondergerichten kam es zu einer lebhaften Aussprache. Die Rechtsparteien wünschten möglichste Einschränkung der Sondergerichte, schnellere Urteilsausfertigung und äußerten die Hoffnung, daß die Sondergerichte möglichst bald entbehrlich würden. Die SoZial - demokraten beantragten, daß beim Reich die unverzügliche Aufhebung der Antiterror-Verordnung als Grundlage der Sondergerichte erwirkt werden möge. Auch die Kommunisten lehnten die Sondergerichte auf das schärfste ab, Ihr und der sozialdemokratische Antrag gegen die Antiterror- Verordnung und die Sondergerichte wurde jedoch abgelehnt. Ein angenommener Antrag verlangt Aussetzung der Strafe und Fre lassung der Gefangenen, wenn die Straftaten vor dem 10. August dieses Jahres begangen wurden. Solche Straftaten sollen auch nicht mehr vor den Sondergerichten verhandelt werden dürfen.
Weitste te ne EerueWe'Resmm
Wie von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, ist entgegen anderslautenden Meldungen vorläufig von der tom- missarischen preußischen Regierung nicht geplant, eine ver- waltungsreform in den Kommunen durchzuführen. Die nächste Arbeit auf dem Gebiete der Modernisierung der Verwaltung werde die Reform der Aemter sein, die übrigens erst nach längerer Zeit in Kraft treten dürfte.