Hers sei öer Tageblatt
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Hersfelder Kreisblatt
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Nr. 221
Dienstag, den 20. September 1032
82. Jahrgang
Deutschlands Standpunkt unerschüttert
Englands untanglicher Versuch, Deutschland aus die Abrüstungskonferenz zurüchzubringen, erschwert die gesamte bage außerordentlich
Es bleibt bei der Absage
Englands Rote ändert Deutschlands Haltung nicht.
Berlin. 20. September.
3n Berliner Regierungstreifen sieht man in der englischen Denkschrift zur Abrüstungsfrage gegenüber den Aeußerungen der englischen Oeffentlichkeit in den letzten Tagen eine gewisse Schwenkung. Man hätte eigentlich aus diesen Aeußerungen einen sehr vermittelnden Ton erwart«, können und eine Haltung, die mehr positiv dem deutschen Standpunkt zuneigen würde.
Es dürfte schwer sein zu sagen, ob diese Schwenkung Englands auf die angeblichen Geheimdokumente Herriots zurückzuführen ist. Bei diesen angeblichen Geheimdokumenten handelt es sich um alte Ladenhüter Tardieus, denen wir mit aller Ruhe entgegensehen können. Das politische Ziel der englischen Denkschrift ist, die Abrüstungskonferenz unter allen Umständen zu retten und dadurch positiv zu gestalten, daß man Deutschland zum Wiedereintritt in die Verhandlungen zu bewegen hofft. Im ersten Teil kommt die Denkschrift dem französischen Standpunkt weite st entgegen, während sie im zweiten Teil die Notwendigkeit der Gleichberechtigung anerkennt unter der Voraussetzung, daß keine A u f r ü st u n g erfolge. Leider läßt die Denkschrift aber die Angaben vermissen, in welcher Weise diesem Standpunkt Rechnung getragen werden soll. Deutschland hat seinerzeit in seiner Denkschrift zur Gleichberechtigungsfrage hervorgehoben, daß eine Lösung nur in Frage kommen kann, in der keinerlei Sonderbestim- mungen mehr Geltung haben.
Angesichts der Tatsache, daß der deutsche Standpunkt in dem kürzlich erfolgten Schreiben an den Präsidenten der Abrüstungskonferenz Henderson niedergeleg! worden ist, an . ^ ,^_ ^<?7'''M n ■ dert, wird die deutsche Regierung hierauf keine Antwort erteilen. Deutschland wird, wie es angekündigt hat, die Verhandlungen des Büros der Abrüstungskonferenz mit Aufmerksamkeit verfolgen und von dem weiteren Gang dieser Verhandlungen seine Entschlüsse abhängig machen.
Der Sekretär der Abrüstungskonferenz Aghnides hat in Genf dem deutschen Generalkonsul Jmmele die Antwort des Präsidenten Henderson auf den Brief des Reichsaußenmi- nislers bezüglich der Nichtteilnahme Deutschlands an der bevorstehenden Tagung des Büros der Abrüstungskonferenz überreicht.
Es kann im übrigen nur immer wieder betont werden, daß Deutschland seinen Standpunkt in der Abrüstungskonferenz schon seit Jahren klar und eindeutig zum Ausdruck gebracht hat, und daß es jetzt notwendig ist, diese Frage endlich zur Entscheidung zu bringen. Wenn Eng- Mud versucht, unter Bezugnahme auf Teil 5 des Versailler Vertrages einen Unterschied zwischen Zweck und Ziel einer vertraglichen Abmachung zu konstruieren, so kann dies nur als eine spitzfindige Auslegung der Präambel des Teiles 5 des Versailler Vertrages bezeichnet werden.
Sie Meinung der Welle
In der Berliner politischen Presse wird zu der englischen Abrüstungsdenkschrift ausführlich Stellung genommen.
Der „2! n g r i f f" meint, so bedauerlich für Deutschland diese schroffe Absage der englischen Regierung sei, so gebe es nur eine logische Forderung, wenn verlangt werde, daß die Regierung daraus die unweigerlichen Konsequenzen ziehe und einer wirklichen nationalen Volksregierung Platz mache.
Die „B ö r s e n z e i t u n g" fordert, dafür zu sorgen, daß die ausländischen Spekulationen auf die deutsche Zwietracht sich nicht erfüllen!
Der „Lokal-Anzeiger" spricht von „aberwitzigen, juristischen Tüfteleien und einer Rabullstik, eines PoincarLs würdig, die doch etwas überraschend sei in einem amtlichen englischen Aktenstück.
Die „DAZ. bezeichnet den schulmeisterlichen und iro- nierenden Ton der Note als unerträglich. Die britische Note sei von einem Geiste getragen, der in vollstem Widerspruch zu den Kundgebungen der öffentlichen Meinung Englands und zu den Versprechungen führender britischer Staatsmänner stehe.
Die „G e r m a n i a" führt aus: Wenn die englische Regierung glaubt, uns mit dieser Methode an den Genfer Konferenztisch zurückzwingen zu können, so täuscht sie sich über die Ernsthaftigkeit des deutschen Gleichberechtigungs- willens und der Distanzerklärung, der soeben die Tat gefolgt ist. Der Kompromißvorschlag, den man von englischer Seite erwartete, stellt sich in Wahrheit als eine volle Unterstützung des französischen Standpunktes dar.
Das „Berliner Tageblatt" unterstreicht seinen Standpunkt, daß es hinter der Reichsregierung steht, wenn sie die Anerkennung einer Gleichberechtigung und eine wirklich effektive allgemeine Abrüstung verlangt. Mit dem taktischen Vorgehen des Reichskabinetts Papen habe das Blatt sich nicht zu befreunden vermocht. Es warnt dann vor der Hoffnung auf englisch-französische Gegensätze.
Die „V o s s i s ch e Zeitung" betont, daß die akademische Anerkennung des deutschen Anspruches auf Rüstungs- gleichheit wenig bedeute, noch dazu, wenn sie in so verklausulierter Form zugestanden werde.
EÄerfstts — MMkWs
„Times" fordert Entgegenkommen gegenüber Deutschland.
London, 20. September.
In Besprechung der Denkschrift des Foreign Office drücken die Londoner Blätter die Hoffnung aus, daß sie helfen wird, die deutschen Delegierten wieder zur Abrüstungskonferenz zurückzubringen; in allen Aeußerungen kommt große Sorge vor einem Scheitern der Genfer Verhandlungen zum Ausdruck, Verschiedene Zeitungen wie „Times", „Daily Telegraph" und sogar „Morningpost" drucken die Aeußerung Lloyd Georges vom „schamlosen Wortbruch der Siegermächte" gegenüber Deutschland ab.
„Times" drückt in einem Leitartikel ihr Bedauern darüber, aus, daß Englands Denkschrift offenbar abgefaßt worden sei, bevor die deutsche Regierung ihren Beschluß, sich aus der Sitzung des Abrüstungsbüros nicht vertreten zu lassen, veröffentlicht habe. Es sei zu befürchten, daß die Aussicht auf eine Aenderung dieses Beschlusses jetzt verringert worden sein. Immerhin führe die britische Regierung gediegene Gründe für eine Haltungsänderung an. Diese Auffassung sucht das Blatt unter Zitierung des Wortlautes der britischen Erklärung des weiteren zu begründen, und sagt dann: Es muß freimütig bekannt werden, daß das jetzige deutsche Ministerium, das hinsichtlich der Meinung des Auslandes weniger empfindsam ist als irgendeine andere deutsche Regierung seit dem Kriege, mehr beeinbruai worden wäre von einem Dokument, das einen deutlicheren Hinweis auf irgendwelche Aktion gegeben hätte, als es die britische Denkschrift tut.
Die praktische Frage, über die die nichtdeutschsn Mächte eine Entscheidung zu fällen haben werden, ist, ob ein System aufrechkerhÄten bleiben soll oder nicht, das Deutschland und den anderen besiegten Staaten eine grundlegende Un-
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so gwr wie jedermann Uüpmt
Regierung ist dieser Ansicht —, daß der deutsche Anspruch auf Gleichheit der Rechtsstellung im wesentlichen gut begründet ist. Selbst wenn eine begründete Aussicht darauf bestünde. daß das nächste Stadium der Abrüstungskonferenz dazu führen werde, daß allen Staaten der Besitz von Groß- kampfschiffen, U-Booten. Militärflugzeugen, Tanks und schwerer Artillerie verboten wird, selbst dann würde es eine ganz ungenügende Antwort sein, Deutschland aufzufordern, das Ende der Konferenz abzuwarten.
Das Blatt zitiert dann mehrere Sätze aus dem Schreiben des Reichsaußenministers an Henderson und sagt: Ein unbequemes Verlangen erfordert eine feste Antwort. Die diplomatische Initiative darf nicht in den Händen Deutschlands bleiben. Die anderen Regierungen sollten sich sobald wie möglich darüber klarwerden, was sie zu tun gedenken, wenn Deutschland aufrüsten sollte, aber sie müßten auch erwägen, welche Zugeständnisse sie zu machen bereit sind, falls die Abrüstungskonvention nicht allen Regierungen dieselben Grenzen und Verbote auferlegt, wie Teil 5 des Versailler Vertrages es Deutschland gegenüber tut. Es ist unzweifelhaft ein Grund zur Erbitterung für eine souveräne Nation, daß ihr nicht erlaubt ist, beispielsweise ein einziges schweres Geschütz oder einen einzigen kleinen Tank zu bauen.
Ist es nicht möglich, Deutschland jetzt zu erklären, daß ihm Beschränkungen, die nicht innerhalb einer bestimmten Periode allen Mächten durch die Abrüstungskonvention auf- erlegk werden, ebenfalls nicht auferlegt fein fallen? Der Grundsatz der Begrenzung ist theoretisch von allen angenommen worden. Infolgedessen scheint es im höchsten Maße wünschenswert, daß die Staatsmänner, die in zwei Tagen bei der Sitzung des Büros der Abrüstungskonferenz Zusammentreffen werden, zu einer baldigen Entscheidung darüber kommen, ob sie bereit sind, die Klauseln des Teils 5 des Versailler Vertrages aufzuheben, die mit den Bedingungen einer neuen Abrüstungskonvention vielleicht nicht im Einklang stehen werden.
Saris: GedSmpste Freude
Der allgemeine Eindruck der französischen Presse von der Denkschrift des Foreign Office ist ein ausgesprochen g ü n st i- g e r. Doch wird die Besorgnis, die die Presse in den letzten Tagen wegen der englischen Stellungnahme zuni Ausdruck brächte, trotz der Ermutigung, die sie aus dem ersten Teil der Denkschrift glaubt schöpfen zu können, nicht restlos be- , feitigt.
Der offiziöse „Petit P a r i s i e n" nennt die englische ! Denkschrift ein geschickt abgefaßtes Dokument, das sehr viel Gutes enthalte. Namentlich in der rechtlichen Erörterung des ■ deutschen Standpunktes komme die Uebereinstimmung der 1 französischen und der englischen Ansicht zum Ausdruck. Die ■ Auslegung von Geist und Buchstaben des Versailler Ver- ' träges' stimme überein. Für kritisch hält der ,Petit Pa- , risien" die Stelle über „freundschaftliche Verhandlungen und । gemeinsam zu treffende Angleichung". Hier fei das Dokument vage und lasse es an Klarheit fehlen Wahrscheinlich werde der englische Botschafter am Sonnabend bei Ueberrei- chung der Denkschrift Herriot eine gewisse Aufklärung gegeben haben. Solange diese fehle, sönne man nur eine vor- ■ sichtige Zurückhaltung üben. ' j
Verhandlungen in London. — .Anstrengungen Frankreichs.
Retn Park, 20. September.
Der Korrespondent der „Heraid Tribune" in Washington meldet, daß vor der Veröffentlichung der englischen Rote in London Besprechungen von Vertretern Großbritanniens und Amerikas staitsanden, die eine Einschränkung der Rüstungen betrafen.
Angesichts des Charakters der britischen Erklärung ist das Staatsdepartement, wie verlautet, nicht der Auffassung, daß Amerika eine ähnliche Antwort geben müsse, da der Wunsch der Vereinigten Staaten nach einer Fortsetzung der Abrüstungskonferenz wohlbekannt sei. Die Depression in deck Weltwirtschaft sei ein Grund mehr für die Vereinigten Staaten, sich für eine Wiederaufnahme der Konferenz zu interessieren. Man hoffe in Amerika, daß sie in der Richtung der von Präsident Hoover vorgeschlagenen großen Linien Fortschritte machen werde.
„Chicago Tribune" will erfahren haben, daß herriot ein herzlich gehaltenes Schreiben an den Senator Dorah gerichtet habe, um Amerikas Unterstützung für den französischen Standpunkt in der Rüstungsfrage zu gewinnen, herriot habe in dem Schreiben ausgeführt, daß Frankreich hinter hoovers Abrüstungsplan stehe und auf eine enge Zusammenarbeit zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten in Genf hoffe. Obwohl in Abrede gestellt werde, daß der Besuch des Senators Reed während feines Pariser Aufenthaltes bei Herriot offizieller Rasur gewesen sei, glaube man doch, daß eine Verbindung zwischen Reeds Besuch und dem Schreiben an Lorah bestehe, und man vermute, daß Herriot unter der Hand eine Art Unterstützungszusage von An erika erhalten habe, die es gestatten würde, Hoovers Plan durch- ***" " "”a=— ■
Sie Antwort hendersons
Genf, 20. September.
Der Präsident der Abrüstungskonferenz, Henderson, hat die Mitteilung des deutschen Außenministers vom 14. September d. J., daß die deutsche Regierung an der Tagung des Büros der Abrüstungskonferenz am 21. September nicht teilnehmen werde, mit einem längeren Schreiben beantwortet.
Henderson erklärt zunächst, daß er den Beschluß der deutschen Regierung bedauere, und geht dann ausführlich auf Einzelheiten der Entschließung der Generalkommissiou der Abrüstungskonferenz vom 23. Juli ein, um feine Auffassung zu rechtfertigen, daß hinsichtlich des Umfangs der künftigen allgemeinen Abrüstung durch diese Resolution noch keine endgültige Vorentscheidung getroffen fei. Als Präsident der Abrüstungskonferenz stehe es ihm nicht zu, in eine Diskussion über „das Abrüstungsregime des Versailler Vertrages" einzutreten.
Da er aber nicht glaube, daß Form oder Maß der Abrüstung, die aus der künftigen Abrüstungskonvention her- vorgehen würden, schon jetzt festgelegt seien, hatte er sich verpflichtet, seine Bedenken auszudrücken hinsichtlich der Interpretation, die die deutsche Regierung der Tragweite dieser Resolution gebe. Henderson erinnerte sodann noch an feine Rede vor der Generalkommission am 23. Juli, um seine Ueberzeugung zu wiederholen, daß die Arbeiten der Ab- l'istunqskonferenz zu einer wesentlichen Herabsetzung der Welkrüstungen führen würden.
Zum Schluß erklärte der Präsident der Abrüstungskonferenz, er hoffe aufrichtig, daß die deutsche Regierung nach einer Prüfung seiner Antwort so bald wie möglich wu- der an den Arbeiten des Büros der Abrüstungskonferenz teilnehmen kann, um so mehr, als durch eine längere Abwesenheit Deutschlands von den Beratungen die Sache der Abrüstung schwer gefährdet werden könnte.
Verstimmung in Genf?
Genf, 20. September.
Der Ton der britischen Note wurde in Genf als unerwartet streng angesehen und rief Ueberraschung hervor. Man nahm an, daß England mehr Sinn für ein Kompromiß Zeigen werde. Teilweise herrschte die Ansicht, daß die britische Haltung eher die Tendenz zu einer S p a - tung unter den an der Abrüstungskonferenz teilnehmenden Mächten stärken, als eine Verständigung anbahnen werde.
Londoner politische Kreise schließen aus der Tatsache, daß das britische Memorandum den zwei Tage vorher bekanntgewordenen Beschluß der deutschen Regierung, von der Sitzung des Büros der Abrüstungskonferenz fern zu bleiben, nicht erwähnt, daß die Veröffentlichung des Memorandums lange hinausgezögert wurde. Man hegt wenig Hoffnung, daß die Darlegung des englischen Standpunkts Deutschland zu einer unmittelbaren Aenderung seiner Haltung veranlassen werde. 3m übrigen erwartet man nun. daß die deutsche Forderung wahrscheinlich durch Frankreich in Genf zur Sprache gebracht werde,