Hersfel-erTageblatt
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Fernsprecher '^^""^° Amtlicher /lnzeiger Dr den Kreis Hersfelö ^ “”6äv^
Nr. 224
Freitag, den 23. September 1932
82. Jahrgang
Der Konflikt Regierung
Reichstag
Ueberwachungsausschuh des aufgelösten Reichstags prüft als Untersuchungsausschuß die Auflösung
Ergebnis der Woche
Kehre zurück?...
In der internationalen Diplomatie, bei den einzelnen Regierungen, und vor allem in Genf herrscht zurzeit größte Verwirrung. Das Büro der Abrüstungskonferenz ist dort zusammengetreten, um den zweiten Abschnitt der Abrüstungskonferenz vorzubereiten. Dieser Bürotagung ist bekanntlich ein Noten- und Meinungswechsel vorausgegangen, der von Deutschland mit der bekannten Unterredung des deutschen Außenministers mit dem französischen Botschafter in Berlin über die deutsche Gleichberechtigung eingeleitet wurde. Obwohl es sich hierbei nicht um die Aufwerfung eines neuen Problems, sondern um die Durchführung jener in der Schlußsitzung der Abrüstungskonferenz in Genf abgegebenen deutschen Erklärung handelt, an den weiteren Beratungen der Abrüstungskonferenz erst nach Erledigung der deutschen Gleichberechtigungsforderung teilzu- nehmen, hat man in Paris sich ebenso überrascht wie unzugänglich gezeigt. Herriots Haltung wurde in einem nichtamtlichen Kommentar zu seinem Bericht im Senatsausschuß dahin gekennzeichnet, daß er die deutsche Forderung mit „Nein! Niemals! Nichts!" zurückgewiesen haben soll. Eine spätere amtliche Verlautbarung zu dieser Darstellung lehnte diese Charakterisierung der Herriotschen Meinung ab, und in der französischen Oeffentlichkeit wurde der französischen Antwort auf Deutschlands Memorandum die Kennzeichnung gegeben, daß Herriot die Tür zu Verhandlungen mit Deutschland offen gelassen habe. Um so überraschter war man dann über die wenig freundliche Tonart der englischen Note und über die darin enthaltenen Drohungen, falls Deutschland an seiner Auslegung der Versailler Abrüstungsbestimmungen festhalten sollte. Diese Ueberraschung wurde noch gesteigert, als der Wortlaut des Antwortschreibens Hendersons als Vorsitzenden der Abrüstungskonferenz auf die deutsche Mitteilung von ^eninGens bekannt wurde Abgesehen von den französischen und den amtlich-englischen Verlautbarungen ergab sich in der großen Weltöffentlichkeit eine Anerkennung der deutschen Gleichberechtigungsforderung. Diese Tatsache hatte in Genf zu dem Gerücht Anlaß gegeben, daß Henderson bei Eröffnung der Bürobesprechungen in Gens zu der ganzen Angelegenheit im Sinne seines Schreibens an Deutschland Stellung nehmen und eine Vertagung bis nach der Durchführung neuer Verhandlungen mit Deutschland beantragen würde. Um in diesem Falle sofort die französische Stellungnahme festlegen zu können, war Herriot nach Genf geeilt, ohne sich aber an den Abrüstungsbesprechungen zu beteiligen. Mit dem Eintreffen des deutschen Außenministers zur Vollsitzung des Völkerbundes hofft man, unter der Hand eine Grundlage schaffen zu können, um Deutschland einzu- laden in dem Sinne: Kehre zurück...!
Schluß mit dem Ausnahmeregime.
Der deutsche Außenminister hat in der Presse noch einmal ganz eindeutig die Gründe der deutschen Gleichberechtigungsforderung erklärt. Wir lehnen es ab, fernerhin eine Rolle minderen Rechts zu spielen, wir lehnen die unterschiedliche Charakterisierung der der nationalen Sicherheit dienenden Waffen ab, und wir lehnen es ab, die einseitige deutsche Entwaffnung als Dauerzustand anzuerkennen. Es ist angesichts der Haltung der ausschlaggebenden Großmächte eine nationale Pflicht der deutschen Regierung und des deutschen Volkes geworden, die nationale Sicherheit mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu organisieren. Wie weit man aber darin Deutschland niederhalten will, hat sich am deutlichsten gezeigt nach dem Erlaß Hindenburgs für die Schaffung eines Reichskuratoriums zur E r t ü ch t i - gung der Jugend. In einem Teil des Auslandes hat man darin Maßnahmen militärischen Charakters gesehen. Man ist vor allem in Frankreich darüber besonders entrüstet und besorgt, daß das deutsche Volk in seiner Gesamtheit heute immer entschiedener seinen Willen bekundet, sich vom Ausland nicht mehr versklaven zu lassen. Der Wille zum Aufstieg wird als Bedrohung angesehen, und feine Forderung nach Gleichberechtigung als Herausforderung.
Unsere Pflicht zur Selbsthilfe.
Die lange Zeit in Deutschland gehegte Hoffnung, daß uns das Ausland bei ausreichend bewiesenem Erfüllungs- willen helfen werde, wieder wirtschaftsstark und gleichberechtigt zu werben, ist inzwischen der Erkenntnis gewichen, daß nur Selbsthilfe uns wieder vorwärts bringen kann. Die schon von der Regierung Brüning und jetzt von der Regierung van Papen eingeleiteten Maßnahmen auf wirtschaftspoliti- schem Gebiet sind die erste, wenn auch noch nicht' ausreichende Auswirkung dieser Erkenntnis. Es müssen alle Kräfte angespannt und alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, damit das Ziel der Wirtschaftsbelebung, der Kaufkraftstärkung und der Arbeitsbeschaffung erreicht wird. Wie sich die'steuerlichen Maßnamen in diesem Sinne auswirken werden, läßt sich heute noch nicht übersetzen, da die entsprechenden Bestn umgen erst mit dem 1. Oktober in Kraft treten. Wie weit die aus den verschiedensten Gebieten gemeldeten Arbeitereinstellungen schon Auswirkungen des sich langsam wieder bildenden Wirtschaftsvertrauens darstellen, ist im gegenwärtigen Augenblick auch noch nicht feMsteltzA. M H e r a b s e h u n g des D i s k o n t s a tz ü
der Reichsbank aber läßt die bestimmte Erwartung zu, daß damit der erste Schritt eines Lastenabbaues getan ist. Ale unmittelbare Folge dieser Diskontsenkung haben bereits Verhandlungen begonnen, um die Spanne zwischen Debet- unt Kreditzinsen allgemein zu verringern und damit eine allge-
'chen. Auch die börsen- unt
meine Geldverbilligung zu errett
bankmäßige Verwertung der Steueranrechnungs- scheine wird dazu angetan sein, die für den Wiederaufbau der Wirtschaft notwendige Kreditbeschaffung zu erleichtern.
Preußischer Landtag
Emtze AyssprsHe mit olelen ßwderoWn
Berlin, 22. September.
Zur Donnerstagssitzung des Preußischen Landtages sind Haus und Tribünen wiederum stark besetzt. Auf Grund eines nationalsozialistischen Antrages wird ein Untersuchungsausschuß eingesetzt zur Prüfung der aus Staatsmitteln gegebenen Unterstützungen für Zeitungen der Zentrumspartei, der Staatspartei und der Sozialdemokratrschen Partei. Das Haus geht dann zur Beratung der Einträge zu dem Landtagsbeschluß oom 30. August über das Gehör, samsverhältnis der Beamten zur kommissarischen Regierung über.
Abg. Steuer (Dnat.) erhält das Wort zur Begründung des Antrages seiner Fraktion, der die Aushebung des damaligen Landtagsbeschiusses fordert. Kaum hatte Abg. Steuer die Rednertribüne betreten, als laute Gespräche bei den Nationalsozialisten und Kommunisten einsetzten, die die Worte des Redners unverständlich machten. Präsident Kerrl versucht vergeblich, Ruhe zu schaisen. Schließlich verläßt er seinen Platz, womit die SLdu n a unterbrochen ist -üa«O^ «UMWWWlll M» Abg. Steuer (Dnat.) wiederum das Wort. Sofort setzen neue Lärmszenen ein, die sich immer mehr steigern.
Der Präsident unterbricht die Sitzung abermals. Nach kurzer Pause wird die Sitzung wieder eröffnet, und der Präsident erteilt dem Abg. Steuer zum dritten Male das Wort. Im Hause herrscht immer noch große Erregung. Die Nationalsozialisten verlassen jetzt bis auf einige Horchposten den waal. Abg. Steuer (Dnat.), der jetzt zu Worte kommen kann, beginnt seine Ausführungen mit einem nachdrücklichen Protest gegen das Verhalten der Nationalsozialisten. Was den Landtagsbeschluß gegen die Gehorsampflicht der Beamten angehe, so hätten die Nationalsozialisten jetzt einen völligen Umfall vollzogen. Die Deutschnationalen könnten aber weder für den nationalsozialistischen Rückzugsantrag stimmen, noch für den Zentrumsantrag. Die Nationalsozialisten spekulierten auf das kurze Gedächtnis der' Zeitungsleser bei ihren neuen schärfsten Angriffen gegen die Reichsregierung von Papen. Tatsächlich sei es erst wenige Wochen her, daß die Nationalsozialisten das Kabinett von Papen begrüßt hätten.
Abg. Dr. Ricolai (Natsoz.) begründet den Antrag seiner Fraktion. Der Redner erklärt, seine Fraktion habe seinerzeit dem kommunistischen Antrag zugestimmt als Warnung an die Regierung, sie solle auf dem Wege der Biegung der Verfassung nicht weiterschreiten, nachdem soeben den Ministerial- vertretern verboten worden war, das Landtagsgebäude zu betreten. Die Nationalsozialisten wollten mit ihrem Anträge demgegenüber zum Ausdruck bringen, daß die Beamten in erster Linie Gesetz und Verfassung zu achten hätten und nur in diesem Rahmen zum Gehorsam verpflichtet seien. Die Nationalsozialisten hätten niemals das Kabinett Papen toleriert. sondern ihm nur die Möglichkeit gegeben zu zeigen, was es könne. Die Verwaltungsreform in Preußen und das Wirtschaftsprogramm der Regierung Papen hätten aber die Nationalsozialisten dazu berechtigt, mit dieser Regierung nicht weiter zusammenzugehen. Der Redner bestritt weiter, daß seine Fraktion den Staatskommissar für Preußen gefordert hätte.
Darauf werden die Verhandlungen zur Vornahme von Abstimmungen unterbrochen.
Brauns Smmunität nicht ausgehMn
Auf Antrag des Rechtsanwalks Frank H-München empfiehlt der Ausschuß die Aufhebung der Immunität des Abg. Dr. Braun (Soz.), des früheren preußischen Ministerpräsidenten, zur Durchführung einer Privatklage Adolf Hitlers. Dieser Antrag wird jewch mit 200 gegen 197 Stimmen abgelehnt.
Das Haus stimmt dann über zahlreiche Anträge zu Bergwerksfragen ab. Angenommen wird ein Antrag des Hanoelsausschustes, der -verlangt, daß der Betrieb der Bor- sigwerk-A-G. in Oberschlesien zugunsten des Landesfiskus enteignet werde. Ein weiterer angenommener Antrag ersucht um Subventionen des Reiches für einzelne Unternehmungen des Blei- und Zinkbergbaus. Angenommen wird weiter ein Antrag des Handelsausschusses, der Maßnahmen verlangt zur Verhinderung der Stillegung des Steinkohlenbergwerks „Dieksche Heide" der Niederrheinischen Berg- werks-A.-G. Die Regierung soll sich auch dafür einsetzen, daß die Mieten der Werkwohnungen den gesunkenen Löhnen angepaßt werden. Durcki Notstandsarbeiten an der Wen-
zeslaus-Grube bei Neurode (Schlesien) soll ein Ersaufen die- fer Grube verhindert werden. Die Bemühungen um die Ansiedlung arbeitsloser Bergleute sollen fortgesetzt werden, insbesondere zugunsten der durch Stillegung der Wen- zeslaus-Grube arbeitslos Gewordenen. Die Angehörigen der am 14. Mai auf Dorstfeld zu Tode gekommenen Bergarbeiter sollen je tausend Mark Beihilfe bekommen; die Schuldigen sollen der Staatsanwaltschaft übergeben werden.
Hierauf setzt das Haus die unterbrochene Aussprache über die Gehorsamspflicht der Beamten fort.
Abg. Bugdahn (Soz.) empfiehlt den Antrag feiner Fraktion, wonach der Landtag das Verhalten des Landtagspräsidenten Kerrl mißbilligen solle.
Abg. Bores (Dnat.) betont, daß es sich für die Deutschnationalen darum handle, die Staatsautorität zu festigen, nicht darum, Demokratie und Parlamentarismus zu verteidigen. Das Ziel des kommunistischen Antrages sei die Untergrabung der Staatsautorität.
Abg. Stendel (DVP.) erklärt, daß der am 30. August angenommene Antrag darum so ungeheuerlich gewesen sei, weil hier ein Urteil gefällt wurde, obwohl eine ganz andere Instanz, nämlich der Staatsgerichtshof allein, über Ver- faffungsfragen zu entscheiden hat.
Abg. Ruschke (Staatspt.) ist der Ansicht, daß Präsident Kerrl seine Präsidentenbefugnisse erheblich überschritten habe.
Abg. Beibi (Christl.-L-oz.) stimmt dem deutschnationalen Antrag auf Aufhebung des damaligen Landtagsbeschlusses gleichfalls zu und begrüßt, daß die Regierung den Parteien die starke Hand gezeigt habe.
Abg. Kube (Nat.-Soz.) polemisiert erneut gegen die Reichsregierung und den Reichskommissar und erklärte, daß Dr. Bracht, vor den sich die Deutschnationalen stellten, beim Abbau der Parteibuchbeamten.keineswegs grundsätzlich vorgegangen sei. : "
■i ch>. UÜ! mMMm den Sitzungssaal. Die Einstellung des Abg. Kube zu Herrn Bracht habe sich, so erklärt der Redner, sehr beträchtlich geändert. Als das große Rätselraten begann, wen die Nationalsozialisten als Kandidaten für die Ministerpräsidentenwahl herausstellen würden, habe ihm ein sehr maßgebendes Mitglied dieser Partei gesagt: Wir haben nicht die Absicht, einen Parteimann herauszu- stellen, sondern einen sehr hervorragenden Oberbürgermeister einer westlichen Großstadt. (Lebh. Hört, hört! bei den Dnat. — Zuruf bei den Nat.-Soz.: Der war schlecht orientiert!) Antwort: „Dieser schlecht informierte Mann war Ihr (zu den Nat.-Soz.) eigener Fraktionsführer." (Heiterkeit)." Wenn die Nationalsozialisten den deutschnationalen Antrag ablehnen und von einem kaudinischen Joch reden, so muß man doch feststellen, daß sie feit Mittwoch im Dauerlauf durch das kaudinische Joch des Eingeständnisses ihrer Fehler gehen. (Heiterkeit.)
Abg. Ruschke (Staatspt.), mit Gelächter und Rufen der Nationalsozialisten empfangen, bleibt trotz Einschaltung des Lautsprechers fast unverständlich, da bei den Nationalsozialisten laute Unterhaltung einsetzt. Der Präsident verläßt schließlich seinen Platz, und die Sitzung ist damit abermals unterbrochen.
Ein Antrag des Abg. Leinert (Soz.) nach Wiedereröffnung auf Unterbrechung der Sitzung, damit der Aelteftenrat zu den Vorgängen Stellung nehmen könne, wird von allen Parteien gegen die Nationalsozialisten angenommen.
Die Sitzung wird zum vierten Male unterbrochen.
Der nationalsozialistische Antrag angenommen
Der deutschnationale Antrag, wonach der Landtags- befchluß vom 30. August als gesetzwidrig aufgehoben werden soll, wurde in namentlicher Abstimmung mit 208 Stimmen der Nationalsozialisten und Kommunisten gegen 35 Stimmen der Deutschnationalen bei 45 Enthaltungen des Zentrums abgelehnt. Die übrigen Parteien hatten sich an der Abstimmung nicht beteiligt.
Angenommen wurde mit 156 Stimmen gegen 86 Stimmen und 45 Stimmenthaltungen der nationalsozialistische Antrag. Dieser Antrag lautet in seinem Schlntzabsah:
Soweit die Reichsverfassung und die Verfassung des Landes Preußen von der am Ruder befindlichen Regierung gemäß dem von ihr beschworenen Eid geachtet und dnrck- geführt wird, ist es Pflicht der Beamten und Staatsange- stellten Preußens, die Verfassung ebenfalls zu achten und zu schützen.
Der soialdewokratische Mißbillmungsantrag gegen den Präsidenten Kerrl wurde dem Verfassungsausschuß über- wiesen. Der Landtag vertagte sich dann auf Freitag.
LesprechMS SsK-Wrn
Berlin, 23. Sep.ember.
Der württembergische Staatspräsident Dr. Bolz ist in Berlin eingetroffen. Er hatte mit dem Reichskanzler eine Besprechung.
In politischen Kreisen nimmt man an, daß Dr. Bolz das Bedürfnis hatte, sich mit dem Kanzler ähnlich auszu- sprechen, wie das vor einigen Tagen auch der lrayerrsche Ministerpräsident getan hat. Dabei wurden sicher ähnliche Fragen behandelt, namentlich solche, die die süddeutschen Länder besonders interessieren.