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Hersfelöer Tageblatt

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Druck und Berlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in tzersfelb, Mitglied des BDJB.

Nr. 233

Dienstag, den 4. Oktober 1932

82. Jahrgang

Handelskrieg mit Italien?

Rom droffelt die deutsche Einsuhr durch schroffe Devisenbestimmungen Deutsche Gegenmaßnahmen zu erwarten

Mandschurei Saar

Mit der Veröffentlichung des Lytton-Berichts über ba« Mandschurei-Problem tritt dieser japanisch-chinesische Kon­flikt in ein neues Stadium. Wenn auch die grundsätzliche Forderung dieses Berichts, nämlich die B e l a s s u n g der Mandschurei bei China, schon vor Wochen be­kanntwurde so erfährt man doch erst jetzt Einzelheiten, die die Stellungnahme des Völkerbunds-Feststellungsausschusses dem als deutscher Vertreter Dr. Schnee angehörte, kennzeich­nen. Man wird nicht sagen können, daß der Bericht pro- japanisch eingestellt wäre. Japans Einwände und Gründe werden in den meisten Fällen nicht anerkannt. Die These wird abgelehnt, daß China einungenügend organisierte! Staat" sei, wenn auch nicht bestritten wird, daß China ein sehr unentwickeltes Land sei, das aber seit zwanzig Jahren mit anerkennenswerten Ergebnissen die größten Anstren­gungen mache, sich zu modernisieren. Weiter wird festge­stellt, daß die Mandschurei seit Jahrhunderten zu China ge­hörte, und daß von 30 Mill. Einwohnern 28 Mill. der chine­sischen Bevölkerung angehören. Zu dem Ausbruch des Kon­flikts wird erklärt, daß auf japanischer Seite ein o o l l st ä n - dig vorbereiteter Plan vorlag. und daß die ja­panischen Maßnahmen keineswegs als Handlungen dei Selbstverteidigung betrachtet werden könnten. Die Bildunc des neuen Mandschu-Staates sei nicht aus dem Willensaki der Bevölkerung hervorgegangen sondern sei das Werk bet japanischen militärischen Besatzung. Das ergäbe sich schon aus der Haltung der Bevölkerung der Mand­schurei, die sich fast ohne Ausnahme gegen die japanische Okkupation auslehne. Andererseits kommt aber der Berichi zu der Auffassung, daß es nicht möglich sei, zu den Verhält- nissen zurückzu kehren, wie sie bis herrschten. Vielmehr wird die Schaffung einer s e l b st a n - digen Mandschurei im Rahmen Chinas empfohlen ferner die Ausschaltung aller japanisch-chinesischen Konflikte durch Abschluß entsprechender Nichtangriffs-, Schiedsge­richts- und Handelsverträge.

Mit einiger Spannung durfte man die Auswirkung dieses Berichtes auf I a p a n erwarten. Die bisherigen Mel­dungen über den Eindruck in Japan stellen mit Ueber- raschung völlig ruhige Ueberlegung und scheinbar loyale Einstellung fest. Das ist deshalb auffallend, weil unmittelbar nach Bekanntwerden des Hauptinhalts des Lytton-Berichts vor mehreren Wochen ziemliche Nervosität in japanischen Re- gierungs- und politischen Kreisen festzustellen war. In To­kio ließ man damals ganz demonstrativ erkennen, daß bei nicht ausreichender Würdigung des japanischen Standpunk­tes der Austritt Japans aus dem Völker­bund, und die Gründung eines fernöstlichen Völkerbun­des die unausbleibliche Folge sein müßten. Man wird des­halb auch erst die weitere Entwicklung der Dinge abwarten müssen, um sich darüber klarwerden zu können, welche wei­teren Folgerungen aus dem Lytton-Bericht gezogen werden Die Erklärung Japans, daß diefestgelegte japanische Poli­tik gegenüber der Mandschurei durch keinerlei Vorgehen des Völkerbundes geändert werden könne", ist jedenfalls dazu angetan, die Dinge nicht allzu optimistisch ansehen zu lassen. Wer die Verhältnisse und die Gründe Japans zu seinem Mandschurei-Unternehmen kennt, der ist sich völlig darüber klar, daß es für Japan ein Zurück mindestens dann nicht gibt, wenn durch die jetzt vorgeschlagene Regelung der ja­panische Bevölkerungsüberschuß nicht in der Mandschurei ausreichendes Betätigungsfeld finden könnte. Darauf deutet auch der Hinweis auf den Beschluß des japanischen Kabinetts den neuen Mandschu-Staat anzuerkennen und an diesem Be­schluß nichts ändern zu lassen

Von zuständiger chinesischer Seite liegt eine authentische Erklärung zu dem Lytton-Bericht noch nicht vor. Lediglich der neue chinesische Gesandte in Paris hat in einer Verlautbarung ausgesprochen, daß China sein ganzes Ver­trauen in den Völkerbund gesetzt habe, für den die Rege­lung der Angelegenheit eine Lebensfrage sei. Diese Erklä­rung wird man erst dann richtig verstehen, wenn man sich erinnert, daß China die Mandschurei als indegrierenden Be­standteil des chinesischen Reiches betrachtet und die Aner­kennung des Mandschu-Staates abgelehnt hat. Sck-einbar kommt der Lytton-Bericht den chinesischen Ansprüchen ziem­lich weit entgegen, wenn auch die Anempfehlung einer auto­nomen Verwaltung des Mandschu-Staates kaum der bisheri­gen chinesischen Auffassung entspricht. Der Hinweis des chine- fischen Gesandten daß mit einem Scheitern der Beilegung dieser Streitfrage die Machtlosigkeit des Völker­bundes bewiesen würde, birgt aber so viel Vorbehalte in sich, daß man den Völkerb md um seine Aufgabe nicht zu be­neiden braucht. In Genf wird man jedenfalls alle diploma­tische Weisheit und politische Klugheit aufbringen müssen, um ein salomonisches Urteil zu finden. Japan wie China erwarten, daß der Völkerbund in ihrem Sinne ent­scheidet. Es kann leicht sein, daß diese Entscheidung weder den einen noch den anoeren Partner best' Die Ankün­digung Japans wie auch der Hinweis Ch> und eindeutig genug, um daraus die Schlußfolgerung ziehen zu können, daß bei einem Versagen des Völkerbundes seine Existenz ernstlich erschüttert scheint.

Vom deutschen Standpunkt ist ein Hinweis in dem Lytton-Bericht von ganz besonderer Bedeutung. Es

wird nämlich darin gesagt, daß die Mandschurei seit Jahr­hunderten zu China gehöre, und daß die Bildung des neuen Mandschu-Staates nicht aus einem Willensakt b e t Bevölkerung hervorgegangen sei. Der Prüfungsaus­schuß lehnt also die Bildung des neuen Mandschu-Staates aus diesen grundsätzlichen Erwägungen ab. In Europa gibt es eine Saarfrage, nach französischer Einstellung sogar einen Saarstaat; es gibt ferner eine Eupen-Malmedy-Frage. In beiden Fällen ist die 1000jährige Zugehörigkeit dieser Ge­biete zu Deutschland ganz außer Zweifel, trotzdem ist der Wille der Bevölkerung nicht zum Gegenstand einer Entschei­dung über die betreffenden Gebiete gemacht worden. Erst in diesen Tagen haben die Eupen-Malmedyer eine nachträgliche Ausübung ihres Selbstbestimmungsrechts gefordert, was ihnen bisher bekanntlich versagt wurde, und im Saargebiet herrscht eine Derwaltungskommission von Ausländern, die während ihrer über zwölfjährigen Tätigkeit nicht mit son­dern regelmäßig gegen den Willen der Bevöl­kerung regiert hat. Wird der Völkerbund im Falle der Mandschurei den Willensakt der Bevölkerung dort höher einstellen als den der Bevölkerung des Saargebiets und von Eupen, Malmedy und Monschau? Die Mandschurei-Kom­mission hat durchaus recht gehandelt, wenn sie zur Grund­lage ihrer Entscheidung den Bevölkerungswillen machte Hätte man das seinerzeit in Versailles auch getan, dann gäbt es in Europa keine Korridor-, keine Oberschlesien-, keine Saar- und keine Eupen-Malmedy-Frage. Der Völkerbund wird jetzt zu beweisen haben, ob er in Sachen der Mand­schurei das Selbstbestimmungsrecht der Bevölkerung anen kennt, ober es genau so mit Füßen tritt, wie es bei der Ent­scheidung über die genannten deutschen Gebiete der Fall war.

Der Bericht der Völkerbundskommission.

Genf, 4. Oktober.

Aus dem Lytton-Bericht werden nunmehr weitere Ein­zelheiten bekannt. Nach Darlegung der Ereignisse, die zum Ausbruch des militärischen Konflikts führten, gelangt die Kommission zu dem Schluß, daß die Japaner einen sorg­fältig ausgearbeiteten Plan für den Fall von Feindselig­keiten besaßen, die Chinesen dagegen nicht, und daß diese durch den japanischen Angriff überrascht wurden. Die mili­tärischen Maßnahmen der Japaner in der Nacht auf den 19. September könnten nicht als legitimistische Selbstvertei­digung bezeichnet werden.

Die Kommission vertritt den Standpunkt, daß die 3a- paner von Anfang an ein Ziel verfolgten, das über eine zeitweilige militärische Besetzung der Mandschurei hinaus- ging. Der neue Staat hätte ohne die Anwesenheit japani­scher Truppen und ohne die Tätigkeit japanischer Militär- und Zivilbeamker nicht geschaffen werden können. Mand- schukuo verdanke keineswegs einer spontanen Unabhängig- keitsbewegung seine Entstehung.

Die entscheidende Macht in Politik und Verwaltung liege in den Händen der Japaner. Die chinesischen Geschäfts­leute, Bankiers, Lehrer und Aerzte in Mandschukuo seien Gegner des neuen Regimes, das von ihnen als Werkzeug der Japaner betrachtet werde.

In dem zufammenfasfenden Schlußkapitel wird auf die außerordentliche Kompliziertheit des Problems Hingewistcu.

Der Streit betreffe-ein Gebiet so groß wie Frankreich und Deutschland zusammen. Ohne Kriegserklärung sei ein unstreitig chinesisches Territorium zwangsweise militärisch besetzt und von China losgetrennt worden. Eine Wieder­herstellung des früheren Zustandes könnte aber nicht als Lösung angesehen werden, obwohl die Aufrechterhal-ung und Anerkennung des derzeitigen Regimes in der Wandschu- cei weder mit den internationale Verpflichtungen noch mit den guten Beziehungen zwischen China und Japan vereinbar sei. Der gegenwärtige Zustand widerspreche den Interessen Chinas, den Wünschen der chinesischen Bevölkerung der Mandschurei, und es sei auch zweifelhaft, ob letzten Endes mit seiner Aufrechterhaltung dem Interesse Japans gedient sein werde.

China würde die völlige Lostrennung der drei Pro­vinzen niemals freiwillig als Dauerlösung anerkennen, es zeige sich also ein ernstes irredentistisches Problem. Ander­seits sei die große wirtschaftliche Bedeutung der Mandschurei für Japan und die Berechtigung der japanischen Forderung nach einer stabilen Regierung zu bejahen, aber die japani­schen Wünsche könnten nur in Uebereinstimmung mit den Wünschen der mandschurischen Bevölkerung erfüllt werden

Der Bericht schließt mit einer Reihe von Vorschlägen Unter der Voraussetzung, daß beide Regierungen bereit seien, gemäß den Empfehlungen des Berichts zu verhandeln. soll eine beratende Konferenz von Vertretern beider Staaten und Delegationen der Bevölkerung, eventuell unter Hinzuziehung neutraler Beobachter, zur Ausarbeitung von Vorschlägen für die Verwaltung der drei Provinzen einberufen werden. Zugleich sollten China und Japan untereinander verhan­deln. Zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung in der Mandschurei wäre eine Pol'zeltruppe zu schaffen, sämtliche Streitkräfte sollten zurück^zogrp werden. . ^

Java« lehnt ab

In maßgebenden politischen Kreisen Japans wird zu den im Lytton-Bericht enthaltenen Vorschlägen zur Bereini­gung der mandschurischen Frage erklärt, diese Vorschläge wären in Japan mit ziemlicher Sicherheit als annehmbai betrachtet worden, wenn sie vor einem halben Jahre vor- i gelegen hätten.

Inzwischen habe sich der unabhängige Mandschu-Staat konstituiert, und durch diese Tatsache sei die Annahme dieser Vorschläge zur Unmöglichkeit gemacht worden.

Es wird in den betreffenden japanischen Kreisen angedeutet i daß der Völkerbund vielleicht am klügsten handeln mürbe, * zwei oder drei Jahre zu warten und so der neuen Staats- ; gründung Zeit zu lassen, den Beweis dafür zu liefern, ob sic s auf eigenen Füßen stehen kann ober ob sie sich besser alt i autonomer Staat unter chinesischer Oberhoheit entwickeln I würde. In diesem Zusammenhang wird darauf Hingewie- sen, daß die chinesische Zentralregierung nach japanischei Auffassung nicht als sehr stabil gelten könne.

61*5 Haltung

Der chinesische Außenminister Lowenkan erklärte, bet Lytton-Bericht enthalte viele Fragen von größter Wichtigkeit und werde im Augenblick eingehend von den chinesischen Behörden geprüft. Bon überragender Be- ( deutung seien zwei Hauptpunkte des Berichtes, nämlich feint ; Ausführungen über das militärische Vorgehen Japans und i über den Ursprung des Mandschustaates

| Tagung in London.

Genf, 4. Oktober.

Das mit der Organisation der Wellwirtschaftskonferen; beauftragte Ratskomilee beschloß, daß die Weilwirtschafts konferenz in London staltfinden und zu Beginn des kom- tncnben Jahres zusammentrelen soll. Das genaue Datum der Konferenz steht jedoch noch nicht fest.

Am 31. Oktober wird der Vorbereitende Sachverständi­genausschuß in Genf zusammentrelen, in dem Deutschland durch Reichswirtschoftsminister Prof. Warmbold lind Dr. V o ck e vertreten ist. Während der außerordentlichen Tagung der Völkerbundsversammlung im November wird das Natskomitee das Datum der Konferenz endgültig fest­setzen. Man spricht davon, daß die Konferenz am 1. oder 20. Februar nächsten Jahres zusammentreten soll.

Holen wieder im Rat

Gens, 4 Oktober.

Die Völkerbundsversammlung hat die Reuwohl - r 5fr drei alljährlich turnusmäßig ausscheidenden Katern ^er vorgeyommen An Stelle Jugoslawiens wurde die r io- slowatei, an Stelle Ferne Meriko in den Kai gewählt. Auch Polen wurde wieder gewählt.

hindenburgs Geburtstagsbesuch galt dem Ehrenmal. Reichspräsident von Hindenburg beim Verlassen des Ehren­mals Unter den Linden, dem er an seinem Geburtstage einen Besuch abstattete. Hinter ihm sieht man den Reichswehr- minister General von Schleicher, sowie den Lohn des Reichs­präsidenten, Oberst von Hindenburg.