Hersfelöer Tageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt
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Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des VDJV.
Nr. 236
Freitag, den 7. Oktober 1932
82. Jahrgang
Ergebnis der Woche
Internationale Ratlosigkeit.
F. M. Die Verwirrung in Europa ist kaum noch stei- gerungsfählg. Die Regierungen der Großmächte wissen in Augenblick nicht im geringsten, wie sie es anstellen sollen um den Völkerbund vor einem tödlichen Mißerfolg zu bewahren. Die sogenannte Abrüstungskonferenz wird, wenr nicht alles täuscht, zur entscheidenden Belastungsprobe füi den Genfer Bund Alle Schuld daran trifft die Pariser Regierung. die. als es galt, schließlich und endlich Farbe zu bekennen' und die Versailler Abrüstungsverpflichtung zu erfüllen glaubte, nach jahrelang bewährtem Muster, auch jeA wieder im entscheidenden Augenblick „kneifen" zu können Als alles Drehen und Wenden nichts half und sich Deutschland von der Konferenz zurückzog, war die akute Krise da aus der jetzt niemand einen Ausweg findet. Auch London nicht. MacDonalds Vorschlag, daß die fünf Hauptmächt« sich an der Themse zunächst einmal gründlich aussprecher sollten, wurde kaum aufgetaucht, an der Seine gründlich ab gewürgt Ratlosigkeit überall. Jetzt klammert man sich au| einmal an die Hoffnung auch ohne die baldige Mitwirkung Deutschlands in Genf noch etwas Brauchbares Zustand« bringen zu können Deutschland wartet ab Es glaubt nid): mehr, daß in Genf das Heilmittel zur Ueberwindung dei
Minberheitsbebatte in Genf
Forderungen des deutschen Vertreters
politischen könnte.
und wirtschaftlichen Weltkrise gefunden werden
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Unerlöstes deutsches Land.
aus Paris tagtäglich eine Schimpfkanonade 31
uns herüber so ist sie schließlich unseren Ohren schon vertraut geworden Jetzt meldet sich plötzlich auch Brüssel. Dort herrscht künstliche Aufregung über Sympathieerklärunger deutscher Regierungsmitglieder aus Anlaß der Krefeldei Tagung der Vereinigten Landsmannschaften von Eupen- Malmedy und Monschau. Die belgische Regierung hat dein deutschen Gesandt - Einspruch erhoben. Der Vertreter de- Reiches hat mit greulicher Deutlichkeit sofort zum Ausdruck gebracht „du? die Frage Eupen-Malmedy für Deutschland mit ber jetzigen Regelung die keine sinngemäße Auslegung des Versailler Vertrages darstelle, in keiner Weif« erledigt fei " Die belgische Regierung gibt sich in der Tcr auch gar keiner Täuschung darüber hin, daß Belgien bi( vorgeschriebene Volksabstimmung in dem rein deutscher
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hat. Belgien war ja auch bereit mit Deutschland eine Abmachung über die Rückgabe zu treffen, die wohl auch schor erfolgt wäre, wenn der französische Generalstab nicht aus dem Umweg über den Quai d'Orsay die Brüsseler Regierunc zum Rückzug gezwungen hätte. Unerlöstes Land im Wester unb im Osten harrt der Heimkehr. In Ostoberschlesiens In
Genf, 7. Oktober.
In der politischen Kommission der Völkerbundsver- sammlung stand auf Antrag der deutschen Regierung du allgemeine Lage der Minderheiten zur Behandlung. Dei Führer der deutschen Delegation, Gesandter von R 0 s e n ■ berg, legte den Standpunkt der deutschen Regierung dar und führte u. a. aus:
Das seit der letzten Aussprache verflossene Jahr Hai leider gezeigt, daß bei vielen Minderheiten von einer befriedigenden Gestaltung ihrer Lage keineswegs gesprochen werden kann.
Bei den Beschwerden, die die Minderheiten an die Organe des Völkerbundes richten, wird der Petent bekanntlich nicht als Partei angesehen, so daß ihm kein Anspruch aus Gehör im Laufe des Verfahrens zugebilligt wird. Insbesondere wird ihm keine Gelegenheit gegeben, zu den Bemerkungen der beteiligten Regierung Stellung zu nehmen. Dem Petenten als dem Schwächeren darf nicht zu Gunsten dei beteiligten Regierung als der Stärkeren das letzte Wori versagt werden.
Der zweite Punkt ist die Langsamkeit der Erledigung von Minderheitsbeschwerden. Sehr oft wurden die Schwierigkeiten gerade durch die Langsamkeit des Verfahrens vor dem Völkerbund vergrößert.
Nur in den wenigsten Fällen erfährt die Oeffentlich- keit, zu welchem Ergebnis das Verfahren vor den Völkerbundsinstanzen bei der Prüfung von Minderheitenbeschwer- den geführt hat. Diese weitgehende Geheimhaltung ist aus einem doppelten Grunde bedauerlich, einmal entsteht auf diese Weise nach außen hin ein falsches Bild von dem Stande des Minderheitenproblems und seiner Behandlung durch den Völkerbund, sodann würde aber eine größere Publizität erheblich dazu beitragen, den Schutz der Minderheiten wirksamer zu gestalten, und bei den Minderheiten das Gefühl der Sicherheit stärken.
Es würde zu einer Schmälerung des Minderheiten-
’ I schränkt würde.
Ich möchte, so fuhr der deutsche Vertreter fort, des wei-
dustriegebiet setzt offenbar ein neuer Vernichtupgskampj gegen das Deutschtum ein. Neue dehnbare Strafbestimmun- gen werden ausschließlich gegen Deutsche angewendet. Schon hat sich einer der bedeutendsten Jndustrieführer durch enb- gültiges Verlassen des Landes der polnischen Willkür entzogen. Sein deutscher Nachfolger aber wurde ohne Angabe von Gründen ins Gefängnis geworfen. In Genf versuchte Deutschland jetzt wieder, den Minderheiten zu. Hilfe 31 kommen. Es werden von den Vertretern aller Mächte große, viele und phrasenreiche Reden gehalten. Getan wird nichts. Wieder die Ohnmacht des Völkerbundes! Aber auch sie ändert nichts am Ablauf der Weltgeschichte. Und letzten Endes siegte immer noch das Recht über die Macht.
Ohnmacht des Völkerbundes.
Ohnmacht des Völkerbundes! Ein unerschöpfliches Kapitel. Die nach Ostasien entsandte Völkerbundskommissi^n legte jetzt ihr Gutachten über den chinesisch-japanischen Konflikt unter besonderer Würdigung der Mandschureifrage vor. Japan hat den Mandschustaat anerkannt, bevor der Lyttonbericht veröffentlicht wurde. Was schlägt Genf vor? Natürlich ein Kompromiß: „Autonomer Mandschustaat unter chinesischer Oberhoheit unter Wahrung der berechtigten Interessen Japans", falls beide Parteien (Japan und China) damit einverstanden sind. Die finden sich aber beide mit der die Gefahr neuer Konflikte geradezu heraufbeschwörenden Verlegenheitslösung nicht ab. Der Brand im Fernen Osten schwelt weiter. Man braucht nur Hineinzublasen . . .
Hoffnungen und Wünsche.
Unterdessen tobt im Innern bereits wieder der Wahlkampf. Noch steckt er in den Anfängen, der Höhepunkt ist noch lange nicht erreicht. Alle Parteien halten sich noch zurück, die „Munition" ist kostbar, die „Kriegskassen" sind burd) die vielen Wahlen sehr, sehr schonungsbedürftig. Hoffen wir nicht, daß erneut eine Flut schlimmster Ausschreitungen über Deutschland hereinbricht. das ganze deutsche Volk ist schonungsbedürftig. Die Durchführung des Wirt- schaftsprogramms der Regierunc von Papen soll. nachdem die Friedenspflicht den Gewerkschaften noch einmal ausdrücklich auferlegt worden ist beschleunigt werden. Erste Meldungen über Neueinstellung von Arbeitern laufen ein. Jetzt gilt es, vor allem Absatzmöglichkeiten für die zwangsläufige Mehrproduktion zu schaffen Die Ausfuhr wird uns mehr und mehr beschränkt. Da gilt es. den Binnenmarkt aufnahmefähiger zu machen, vor allem auch die Landwirtschaft. Die Widerstände des Auslandes, die sich setzt bei Den Kontingentierungsverhandlungen zeigen, dürfen kein unüberwindliches Hindernis bilden. Wir wollen ja nur das tun, was die anderen schon längst taten. Der Bauernstand muß wieder lebensfähig werden, denn „hat der Bauer Geld, hat^ die ganze Welt"!
ausgearbeitet werden. Wichtig' ist, daß eine Reihe Delegierten, deren Stimme im Völkerbund Gewicht
von hat, hat,
Anregungen des deutschen Vertreters ausgenommen Das von der deutschen Regierung seit Jahren zielbewußt
verfolgte Bestreben, in der Völkerbundsversammlung einen Resonanzboden für die Erweiterung des Minderheitenschutzverfahrens zu schaffen, hat sich jetzt durchgesetzt. Der deutsche Delegierte wird die verschiedenen Fragen in der Form konkreter Anträge zur gegebenen Zeit dem Völkerbundsrat vorlegen.
FünfmSchte-Konferenz v «-schoben
Paris, 7. Oktober.
Der englische Botschafter hat gestern nachmittag Ministerpräsident Kerriot mitgeteilt, daß das Datum bei Einberufung der geplanten Londoner Konferenz verschoben worden sei. Die Verhandlungen hierüber werden zwischen London und Paris in freundschaftlichstem Geiste fortgesetzt.
Wie tzabas aus Genf berichtet, halte man es nunmehr auch für sicher, daß der Zusammentritt des Vorstandes der Abrüstungskonferenz, der für den 10. Oktober vorgesehen war, verschoben werde. Wahrscheinlich werde Kenderson, bevor er diese Sitzung aufs neue anberaume, abwarten, wie die französisch-englischen Verhandlungen über die Fünser-Konferenz verlaufen.
Pariser Kinderschreck
„Enthüllungen" über deutsche Geheimrüstungen.
London, 7. Oktober.
Der Genfer Korrespondenz des„Dallu Gerald" sterich- eine Reibe interessanter Einzelheiten aus dem Inhalt des von der Weltpresse schon seit langem breitgetretenen französischen Geheimdokuments über angebliche deutsche Rüstungen. Diese Enthüllung wirft ein aufschlußreiches Licht auf. den Wert des Dokuments, und der Korrespondent hebt auch hervor, daß es nicht geeignet sei, eine ernste Grundlage für einen Antrag auf eine Völkerbunds- inoestigation zu bilden.
Aus feiner Meldung geht u. a. hervor, daß aus dem Umstand, daß die Reichswehr bei den Uebungen Tankatrap- pen verwendet, der kühne Schluß gezogen wird, dies deute drauf hin, daß Deutschland tatsächlich im Besitz solcher Waffen sei. Das Aktenstück wolle ferner im Aufbau der deutschen Polizei eine militärische Organisation erblicken, was nebenbei schon ebensooft abgewandelt wurde, wie die andere Behauptung, daß der Stahlhelm und ähnliche vereinigun- gen moderne militärische Ausrüstungsmittel besitzen sollen und eine Reservearmee von 600 000 Mann aufstellen könnten. Deutschland besitze überdies genug kleinkalibrige Waffen wie Maschinengewehre und leichte Geschütze für eine Armee von 800 000 Mann. Um dem Einwand zu begegnen, daß eine solche Armee ohne Tanks, Flugzeuge und schwere Geschütze wertlos wäre, wird angedeutet, daß die Zivilflug- zl ge jederzeit sofort in Bombenflugzeuge umgewandelt werden könnten, daß die wenigen schweren Geschütze, die Deutschland habe, ebenfalls unverzüglich zu motorisieren seien, und schließlich — als Trumpf —, daß die landwirtschaftlichen Traktoren mit Leichtigkeit zu Tanks gestaltet werden könnten.
bringen, einge
teren zur Erörterung stellen, ob es nicht ratsam sei, den Instanzen des Völkerbundes ein permanentes Gremium von Persönlichkeiten zur Verfügung zu stellen, die über die notwendige Sachkenntnis und Erfahrung verfügen und nicht von den Regierungen abhängig sind.
Zum Schluß erklärte der Gesandte von Rosenberg: Ich glaube, daß nur bei einer wirksamen Garantie des Minderheitenschutzes durch den Völkerbund die sich gegenwärtig vollziehende große geistige Auseinandersetzung über das Verhältnis zwischen Volk und Staat in ruhigen und gedeihlichen Bahnen verlaufen wird. Die Rationalitätenfrage ist nicht ein Problem zwischen zwei Staaten, sondern zwischen zwei Völkern. Es handelt sich nicht um Machtfragen, sondern um die Frage des Verhältnisses zweier Kulturen zueinander.
In der Aussprache, die sich an die Ausführungen des deutschen Vertreters anschloß, gab zunächst der Vertreter Jugoslawiens im Namen Griechenlands, Polens, Rumäniens, der Tschechoslowakei und Jugoslawiens die Erklärung ab, daß die genannten Länder es ablehnen müßten, die Rechte, die die Minderheitenverträge ausschließlich dem Völkerbundsrat Vorbehalten hätten, der Völkerbundsversammlung und der Sechsten Kommission zu übertragen. Sie stünden demgemäß auf dem Standpunkt, daß die heutige Verhandlung nicht den Gegenstand einer Resolution bilden dürfe, die der Völkerbundsversammlung überwiesen würde.
Der Delegierte Norwegens A n d w 0 r d forderte in einer längeren Rede den Ausbau des Minderheitenschutz- verfahrens und stimmte weitgehend den Anregungen des deutschen Delegierten zu.
Der holländische Delegierte London, bekannt als Präsident der Vorbereitenden Abrüstungskommission, erst die Minderheitenfrage von größter Bedeutung Vertrauen großer Volksteile in den Völkerbund
klärte, ber
für das :
und für den Weltfrieden "sei. Die Verbesserung des Minderheitenschutzverfahrens sei zu empfehlen.
Der Vertreter Dänemarks schloß sich weitgehend den Anregungen des norwegischen Delegierten an.
Der polnische Außenminister Z a l e s k i erklärte, Polen halte an seinem bisherigen Standpunkt fest, daß die IHin- derheitenschutzverpflichtungen auf alle Staaten, in denen Minderheiten lebten, ausgedehnt würden. Rur unter diesen Voraussetzungen könne er den Gedanken einer ständigen Minderheitenkommission des Völkerbundes in Erwägung ziehen, äne Einrichtung, von der er sich aber nicht viel verspräche.
Auch der Vertreter Oesterreichs sprach sich für den Ausbau des Minderheitenschutzsystems aus. Der Vertreter Bulgariens betonte, daß das ungelöste Minderheiten- Problem eine der Hauptursachen für Verstimmungen und Konflikte unter den Völkern bilde. Er schloß sich den Anregungen Deutschlands. Norwegens und Hollands an.
Die deutsche Auffassung bricht sich Bahn.
Genf, 7. Oktober.
Der politische Ausschuß der Völkerbundsversammlung hat die große Aussprache über das Minderheitenschutz- verfahren beendet. Ein Bericht über die Debatte soll
Eine dunkle Geschichte
Deutscher Aufmarschplan soll den Franzosen verkauft worden fein.
Berlin, 7. Oktober
In der bekannten französischen Monatsschrift „Revue des deux Mondes" macht der vormalige Petersburger Botschafter "Frankreichs Paleologue einen krampfhaften Versuch, den Nachweis zu führen, daß die deutschen Hinweise, daß zwischen Frankreich, Belgien und England lange vor 1914 Erörterungen über eine militärische Zusammenarbeit gegen Deutschland stattgefunden haben, dadurch als unrichtig hinzustellen, daß er den berühmten Aufmarschplan des Grafen Schliessen als Beweis für die deutschen Angriffsabsichten heranzuziehen versucht.
Der französische Diplomat behauptet, daß ein „General vom deutschen Generalstab" im Jahre 1904 den Aufmarsch-
plan „für die vier Westarmeen" gegen die Zahlung 60 000 Franken den Franzosen ausgeliefert habe. Der neral" sei drein
von
.....Franzosen ausgeliefert habe. Der „Ge- dreimal in Paris, Rizza und Brüssel mit französischen Nachrichtenoffizieren zusammengetreten und habe seinen Schurkenstreich als Racheakt hinzustellen versucht. Der „Deutsche" sei immer mit verbundenem Kopf erschienen.
Die Ausführungen Paleologues sind bestimmt sofern nicht richtig, als ein Aufmarschplan in der angeblichen Form überhaupt niemals bestanden hat. Damit ist aber noch nicht gesagt, daß nicht doch irgendwelche mehr oder minder wertvolle Schriftstücke auf die angegebene Weise von einem Hochverräter den Franzosen in die Hände gespielt worden sind. Man darf erwarten, daß bald zuständigerseits zu der dunklen Geschichte Geltung genommen wird.