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Hersselöer Kreisblatt

/Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Nr. 242

Freitag, den 14. Oktober 1932

82. Jahrgang

Gerechtigkeit oder Willkür?

Frankreich sucht mit allen Mitteln in London und in Genf die Anerkennung der deutschen Gleichberechtigung zu hintertreiben

Ergebnis der Woche

Heiliges Reich der Deutschen "

F. M. Nicht zufällig hat Reichskanzler von Papen in Bayerns Hauptstadt erstmals von den Absichten der Reichs­regierung, das Verfassungswerk von Weimar einer aus­giebigen Umgestaltung zu unterwerfen, gesprochen. Haben doch stets die Länder unter Führung von Bayern den Ber­liner Absichten ein erhebliches Maß von Mißtrauen ent­gegengebracht. Wenn nun der Reichskanzler in München ein starkes Bekenntnis zum Föderalismus ablegte und an­kündigen konnte, daß der neue Reichstag bereits bei seinem Zusammentritt den fertigen Entwurf ' einer Verfassungs- reform vorfinden werde, dann kann man annehmen, daß die Hauptwiderstände der Länderregierungen bereits aus­geräumt find, und das Schicksal des Reformwerkes im großer und ganzen zunächst nun beim Reichstag liegen wird. Um den neuen Rahmen, innerhalb dessen sich künftig das poli­tische Leben Deutschlands vollziehen soll, wird hart im Reichsparlament gerungen werden. Der Leipziger Prozeß gibt uns einen leisen Vorgeschmack davon. Wenn sich auch alle Parteien im wesentlichen darin einig sind, daß etwas in der Reformfrage getan werden muß, so gehen doch im einzelnen die An- und Absichten himmelweit auseinander. Der Reichskanzler warf in München das Wort von dem Heiligen Reich der Deutschen" in den Mittelpunkt der inner­politischen Auseinandersetzungen. Den Wiederaufstieg des Vaterlandes haben sich starke nationale Kräfte zur Aufgabe gesetzt. Wenn es gelänge, sie alle zur gemeinsamen Arbeit zu vereinen, dann wäre das neue Haus der Deutschen aus Fels gebaut.

Arbeit und Vrot

Die Reichsregierung hat durch den Kanzler nochmals ihren Willen verkünden lassen, alles tun zu wollen, um das gerrmttrge tzeer der Ärbeitstosen wieder an die Produktions­stätten zurückzuführen. Es ist nicht zu leugnen, daß Ansätze zur Besserung vorhanden sind, es ist aber auch ebenso unbe­streitbar, daß die Ankurbelung der Wirtschaft nicht in dem wünschenswerten Tempo vor sich geht so daß allen voran die Gemeinden in den Industriegebieten unter dem Druck der Wohlfahrtslasten zusammenbrechen müssen, wenn nicht schleunigst Hilfe kommt. In dieser Situation ist das Arbeits- beschaffungsprogramm der Landgemeinden, der sogenannte Gereke-Plan", in den Vordergrund getreten. Auch das Arbeitsbeschaffungsprogramm der Regierung vcyn Juni (135 Millionen) ist inzwischen um 200 Millionen erweitert wor­den. Die Summe soll, wie verlautet, für Straßenbauten, Wasserstraßenarbeiten und Meliorationen ausgeworfen wer­den, wobei die Reichsbank die Wechselfinanzierung er­möglichen wird. Um die Wohlfahrtslasten sofort fühlbar zu erleichtern, sollen vor allem Arbeiten durchge­führt werden, in der Hauptsache die menschliche Arbeitskraft erforderlich machen. Wir meinen, daß auch dieser Plan nur ein Anfang sein kann und stimmen auch dem Präsidenten des Deutschen Landgemeindetages durchaus bei, wenn er be­dauert, daß man allzulange gezögert hat.

Eine internationale Lebensfrage

Die endgültige Ueberwindung der Krise ist aber mehr als eine deutsche Frage. Immer wieder muß auf die inter­nationale Verflechtung der Weltwirtschaft hingewiesen wer­den. Die Autarkie, hundertprozentig durchgeführt, kann uns bei der heutigen wirtschaftlichen Struktur Deutschlands nicht mehr aus aller Not befreien. Im Augenblick ist das Gefüge der Weltwirtschaft vollkommenaus dem Leim". Auch hier muß neu aufgebaut werden. Alle Völker fetzen große Hoff­nungen auf die kommende Weltwirffchaftskonferenz, von der man endlich einmal praktische Arbeit erwartet. Mit Erkennt­nissen und Beschlüssen, die doch niemals durchgeführt werden, ist gar nichts erreicht. Wenn nicht alle Nationen sich mit dem besten Willen, schnelle und durchgreifende Lösungen zu suchen, an den Konferenztisch setzen wollen, dann wäre es besser, die Delegierten blieben samt^und sonders zu Hause und ersparten ihren Nationen eine Stange Geld. Ueberall schreien die Hungernden nach Arbeit und Brot. Die Bauern Ungarns und mehr noch in Südslawien nagen am Hunger­tuch. Die Machthaber in Belgrad stehen machtlos der ge­waltig anschwellenden Bauernbewegung gegenüber. Ru­mäniens Finanzen sind katastrophal. Nicht einmal das Heer kann regelmäßig besoldet werde». Jüngst traten die Ver- sorgungsanwärter in den Hungerstreik, weil ihnen die Bu- karester Regierung nicht das allernötigste zum Leben gab, oder besser gesagt, geben konnte. Aus Oesterreich kommen Notrufe und aus Polen In der Hauptstadt von Ulster, in Belfast, errichten die erbitterten Arbeitslosen Barrikaden, regelrechte Straßenschlachten sind im Gange. Gummiknüppel und Bajonettestellen die Ruhe wieder her". Auf die Dauer ist der Hunger stärker. Das haben die Teilnehmer an der Weltwirtschaftskonferenz zu beherzigen.

Gleiche Rechte, gleiche Sicherheit

Erst wenn die Völker unseres Kulturkreises in einem Europa, das geordnet ist nach den ewigen Gesetzen der Ge­rechtigkeit der Völker, brüderlich nebeneinander leben, dann werden die Grundlagen vorhanden sein für das wahre wirt- lchaftliche und politische Vertrauen. Wenn Deutschland nicht ^U Grundrechte der Freiheit und Gleichberechtigung zuge­

standen werden dann wird die Mitte unseres Erdteils stets ein Herd der Unruhe bleiben." Mit diesen Fundamental­sätzen hat der Reichskanzler festgestellt, daß die Weltwirt­schaftskrise mit der internationalen politischen Vertrauens­krise aufs innigste verbunden ist. Wenn die Abrüstungs­konferenz scheitert, wird auch die Weltwirtschaftskonferenz scheitern. Nicht aus Schikane haben die geschäftstüchtigen Amerikaner die Herabsetzung der Rüstungen, aqo die poli­tische Befriedung Europas zur Voraussetzung für eine Re­gelung der Schuchenfrage gemacht. Ohne gleichmäßige Ver­teilung der Kräfte kann Europa keinen neuen wirtschaft­lichen Aufstieg erleben. Kein Land kann blühen und ge­deihen, wenn es wehrlos den Machtgelüsten feines Nachbarn ausgesetzt ist. Für Deutschland ist die Frage der Gleichbe­rechtigung also eine Lebensfrage, die durch keinerlei Kom­promißlösung aus der Welt geschafft werden kann. Herriot, Frankreichs 'Ministerpräsident, hat in London den Versuch gemacht, mit England einen Pakt über die künftige Behand­lung der Gleichberechtigungssragen zu schließen. Es heißt, daß Frankreich nunmehr ohne weiteres das Prinzip der Gleichberechtigung für Deutschland anerkennen, aber auf gar keinen Fall aus diesem Prinzip eine Berechtigung zur Auf­rüstung ableiten lassen wolle. Statt dessen bieten die Fran­zosen eine Art neuenVertrauens"-Pakt an, ein Dokument, das im Ernstfalle keinen praktischen Wert haben, den hoch­gerüsteten Mächten aber gestatten würde, sich ihrer Ab- rüstungsverpflichtung zu entziehen.

Variier SchachMe

Das Abendlommuniaue aus London

London, 14. Oktober. Ueber den Besuch tzerriots wurde gestern abend folgendes ^omniunign^ ausgegeben, das eine Ergänzung zu der am Nachmittag ausgegebenen Verlautbarung darstellt und folgenden Wortlaut hat:Die Unterredungen wurden in sehr freundschaftlichem Geiste bis um 18.30 Uhr fortgesetzt und werden heute vormittag um 10 Uhr wieder aufgenom» men."

Herriot verließ kurz nach 18.30 Uhr Downingstreet. Er antwortete auf eine Frage, welcher Fortschritt gemacht worden sei:Nicht viel." Andererseits wurde von britt- scher Stelle erklärt, die Besprechungen seien sehr freund­schaftlich und befriedigend verlaufen und werden heute vormittag wieder ausgenommen. Herriot fährt am Nach­mittag nach Paris zurück.

England will alle Türen offen halten

Der Zweck der Londoner Unterredungen wird in eng­lischen Kreisen darin gesehen, durch einen informellen Mei­nungsaustausch und persönliche^ Fühlungnahme zwischen den Vertretern der wichttgsten ötaaten die Schwierigkei­ten auszuräumen, die ein Festfahren der Genfer Abrü­stungsverhandlungen bisher verschuldeten. Die Genfer Ar­beit soll in London wieder möglich gemacht werden, doch sollen nicht Aufgaben in Angriff genommen werden, die der Völkerbund und die Abrüstungskonferenz zu erledigen haben.

Man werde öffentliche Erörterungen über die Abrü- stungsfrage vermeiden, da zur Zeit solche Erörterungen nur die Differenzen ver­schärfen und die wohlgemeinten Bestrebungen der in Be­tracht kommenden Regierungen zuschanden machen könnten. Die nicht beteiligten Regierungen werden von dem Inhalt der Besprechungen unterrichtet, um so zu erreichen, daß die Einzelberatungen zu den Verhandlungen der Vier-Mächte- Konferenz übergeleitet werden können. An dem Gedanken dieser Konferenz wird in englischen Kreisen festgehalten. Es wird betont, daß man in London keineswegs bestrebt ist, zu abschließenden Ergebnissen zu gelangen, die dann anderen aufgezwungen werden sollen. England erstrebe Wohlwollen und gegenseitiges Vertrauen unter den Völ­kern und wollealle Türen offen halten".

Reuter meldet ergänzend, daß man sich über die^Un- terschiede zwischen der englischen und französischen Stel­lungnahme zu der deutschen Gleichberechtigungsforderung unterhalten habe. Von Herriot und MacDonald seien auch die Ansichten der kleinen europäischen Nationen über die Krise des Abrüstungsgedankens nicht aus den Augen ver­loren worden. Man werde sehen, ob das Zusammentreffen MacDonalds und Herriots u. a. vielleicht auch zur Folge haben werde, daß der Kreis der Teilnehmer der Vier- Mächte-Konferenz erweitert werde.

EineEntlastungsosfeKsiAe"

Während Herriot in London die französische These mit außerordentlicher Hartnäckigkeit verficht, trifft aus Paris die Meldung ein, daß Frankreich sich anschicke, in Genf einen Vorstoß gegen Deutschland zu unternehmen, um die Position des französischen Ministerpräsidenten in London zu erleich­tern. Die französische Delegation in Genf ist entschlossen, in der technischen Unterkommission der Abrüstungskonferenz für die Festsetzung der Effektivbestände der stehenden Heere das Aktenstück über die geheimen deutschen Stiftungen zu öff­nen, um wenigstens teilweise Aufklärung über den wabreu

Stand der militärischen Kräfte Deutschlands zu schaffen. Der französische Vertreter werde genaue Präzisionen über den eindeutigen militärischen Charakter der deutschen Polizei geben.

Von französischer Seite wird weiter angedeutet, daß die französischen Enthüllungen teilweise schon Mrch die Indis­kretion der Presse vorbereitet worden seien, oie vor einigen Wochen schon dieZusammenarbeit der Schupo mit der Reichswehr bei den großen Manövernzur Verteidigung von Berlin" gemeldet" hätten. (Gemeint sind die Absper­rungen, die selbstverständlich die Polizei im Manövergelände vornehmen muß, um das Publikum in genügender Entfer­nung zu halten. D. Red.)

Dem niederschmetternden französischen Aktenstück sieht man in Deutschland mit größter Ruhe entgegen, riebet die französischen Ammenmärchen könnte man herzlich lachen, wenn nicht die bedauerliche Tatsache bliebe, daß ein Teil der Weltmeinung durch die Pariser Machenschaften beein­flußt werden kann.

Deutschland zum Narren gehalten"

Erfreulicherweise fehlt es auf der anderen Seite aber auch nicht an Stimmen, die fchondügtzltzs"'tsie französischen Pläne aufdecken. Wenn nun selbst einer detNttterzeichner des Versailler Diktats, der damalige Premierminister L l o y d George, aufsteht und den Franzosen die Maske nom Ge­sicht reißt, dann kann uns das nur recht sein. Besser wäre es gewesen^ wenn schon 1919 aus dem Saulus Lloyd George ein Paulus Lloyd George geworden wäre. Auf einer Kundgebung der internationalen Friedensvereinigung in London erklärte Lloyd George:Auf jedem Kontinent find heutzutage mehr ernste Mißverständnisse von der Art, die zu Kriegen führen, vorhanden, als es je in der Epoche, die ich miterlebte, der Fall war. Niemand wünscht Krieg, Aber das bedeutet nicht, daß es keinen Krieg geben wird. «LU4-, "«G-jMe»t ä)eer»r-er in Uuropa, der Den Krieg wünschte." Mit Bezug auf den Besuch des französi­schen Ministerpräsidenten und den neuen französischen Plan, den Waffenüberschuß der Welt in eine Reihe vonsicheren Depots" in verschiedenen Ländern Europas zu legen, rief Llvyd George aus: Ich glaube, statt große Lagerhäuser die­ser Art zu bauen, wäre es besser, die überschüssigen Waffen zu vernichten.

Wir brauchen nicht neue Pakte, sondern die Erfüllung der alten. Der SetfaiUer Vertrag muß als Ganzes ausge­führt werden. Die Sieger sollen sich nicht herausgreifen, was ihnen paßt, und darauf bestehen, während sie all das voll­kommen ignorieren und mit Füßen treten, was ihnen nicht behagt.

Wir haben in den versailler Vertrag Abrüstungsvor- schristen für Deutschland eingeschlossen. Sie waren wir­kungsvoll und erfolgreich. Was not tut, ist, sie auszudehnen. Wir garantierten Deutschland, daß wir seinem Beispiele fol­gen würden. Das haben wir nicht getan. (Laute Rufe: Schande!) Als das Dokument unterzeichnet wurde, hatte die Mehrzahl der Unterzeichner nicht die Absicht, es auszu- führen. Noch ehe die Tinte trocken war, trafen sie Vorbe­reitungen, neue Armeen zu schaffen, und borgten Geld, um sie auszurüsten. Deutschland ist ein großes Land. Deutsch­land fühlt, daß es zum Narren gehalten wurde. Es gibt keine größere Gefahr für den Frieden der Welt als ein Volk, das gerechterweise über seine Behandlung erzürnt ist.

Ich bin der Letzte, erklärte Lloyd George, für Deutsch­land einzutreten. Es hat ein furchtbares Unglück über sich gebracht (!) und schrecklich dafür gezahlt. Aber, betonte er unter lautem Beifall, da wir unser Wort gaben, als es darniederlag, fordert jeder Grundsatz der Ehre, daß wir es treu, großherzig und ritterlich ausführen.

Der Bischof von Chelmsford, der nach Lloyd George sprach, erklärte: Wenn eine Nation als aussätzig behandelt, gedemütigt und unterdrückt wird, so erreicht man nur, daß in dieser Nation ein Geist der Auflehnung und ein leiden­schaftlicher Wunsch nach Vergeltung entsteht.

SBmN Perlon

Hauptausschuß der Abrüstungskonferenz einberufen.

Genf, 14. Oktober.

Die Mitglieder des Büros der Abrüstungskonferenz traten zu einem Gedankenaustausch über die künftige Ar- oeit der Konferenz zusammen und beschlossen, die E i n b e - cufung des Hauptausschusses der Abrüstungs­konferenz für die zweite Hälfte des N o o e m b e r in Aus- icht zu nehmen. Präsident Henderson berichtete über die Vesprechungen, die er vor einigen Tagen mit dem deutschen Delegierten' Gesandten von Rosenberg sowie mit Herriot hatte. Man nimmt an, daß der von Herriot angekündigte Konstruktivplan" Ende Oktober in Genf vorliegen wird.

Henderson wies auf die in Gang befindlichen Londoner Besprechungen über die Gleichberechligungsfrage hin und gab der Meinung Ausdruck, daß bis zur Einberufung des Büros im November auch in dieser Frage eine Klärung eingetrefen sein wird.

Man äußert hier die Auffassung, daß das Büro der Abrüstungskonferenz während des Monats November stän­dig tagen wird.