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Hersfel-rr Tageblatt

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Hersfelder KreisblaU

Amtlicher Mnzeiger Dr den Kreis Hersfelö

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Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfelb, Mitglied des BDJV.

Nr. 254

Freitag, den 28. Oktober 1932

82. Jahrgang

Reichspräsident und Leipziger Arteil

Hindenburg erklärt, dah der Reichskanzler sein volles Vertrauen genießt

Ergebnis der Woche

Herbststürme.

Ein unfreundlicher, wolkenverdeckter Himmel spannt sich über Deutschland. Stürme der Parteileidenschaften rütteln an Türen und Herzen. Es ist schwer, der Sonne der Ver­nunft einen Durchblick zu geben. Wir stehen jetzt mitten im Wahlkampf. Mahlzeiten waren niemals solche der Ver­kündigung eines Evangeliums. Man wendet sich in der Hauptsache an die politischen Leidenschaften, nicht an die überlegende Vernunft. Paradiese werden dem deutschen Volk wieder versprochen. Man stelle einmal die Wahlauf­rufe der einzelnen Parteien zusammen und bilde sich daraus ein Bild von Wollen und Fordern. Dann nehme man die Lage, wie sie sich uns wirklich darstellt und vergleiche, was Worte versprechen und Taten beweisen. Der Wahlkampf ist mehr und mehr zu einem Anreißermarkt ge­worden. Wenn alles das, was in den letzten Jahren wäh­rend der Wahlkämpfe verheißen wurde, hätte durchgeführt werden können, dann hätten wir bestimmt das Paradies auf Erden. Ist das aber ein Paradies, in dem wir uns heute befinden? Es wäre zur Entgiftung unserer Partei­politik wahrlich angebracht, wenn alle Parteien sich bei ihren Versprechungen vorher gewissenhaft prüften, ob das, was sie dem Wähler zujagen, auch nach Lage der Dinge durchführbar ist. Wir haben es aber immer erlebt, daß vor den Wahlen große Begeisterung über dieses oder jenes Parteiprogramm herrschte, und daß nach den Wahlen die große Enttäuschung kam, dann nämlich, wenn die Einlösung der Versprechungen aus sich warten ließ. Es ist oft der Versuch gemacht wor­den, politisch nahestehende Gruppen zusammenzufassen, um zunächst einmal dem deutschen Erbübel parteipolitischer Zer­splitterung ein Ende zu bereiten. Ein kleiner Erfolg scheint zu verzeichnen zu sein: nicht 35, sondernnur" 21 nicht bange werden, wenn wir an das Ergebnis der Wahlen vom 6. November denken? Es wird keine Partei in der Lage sein, die Mehrheit der Stimmen auf sich zu vereinigen. Diese Lehre haben wir aus den Juli-Wahlen ziehen müssen. Wenn man verfassungsmäßig, parlamentarisch regieren will, dann kann es nur auf dem Wege einer Parteiverbindung geschehen. Wer heute den Wahlkampf beobachtet, muß zu der Ueberzeugung kommen, daß auch eine Parteiverbindung eine Mehrheit nicht erbringen kann, weil die Grundauffas- sungen und die Ziele der Parteien strahlenförmig auseinan­dergehen.

Leipziger Allerlei.

Der verfassungsmäßige Streit über das Vorgehen des Reiches gegen Preußen hat am Dienstag die mit Spannung erwartete höchstinstanzliche Entscheidung gefunden. Man kann nicht behaupten, daß mit diesem Urteil die Lage klarer geworden wäre. Es ist kaum möglich, festzustellen, welche Faktoren heute in Preußen regieren: der Reichskommissar, das alte preußische Kabinett, der Landtag, dessen Zusammen­setzung nicht identisch ist mit der Zusammensetzung der Regie­rung,' der Reichsrat, der Staatsrat und wer weiß, wer noch. Ist das staatsmännischer Weisheit letzter Schluß, daß den Paragraphen Genüge getan wird, dem Volke aber Pein und Verwirrung bleibt? Das Leipziger Gericht hat juristisch entschieden, ohne sich der politischen Verwicklung bewußt zu sein, die sich aus seiner Entscheidung ergeben muß. Die beiden streitenden Parteien, die Reichsregierung auf der einen, die alte preußische Regierung auf der an­deren, haben bisher kaum erkennen lassen, wie sie sich die Weiterentwicklung der Dinge denken. Die letzte Entschei­dung will man offenbar dem Reichspräsidenten überlassen. Er soll wieder in die Bresche springen, wo po­litische Einsicht und weitverzweigtes Paragraphenwerk ver­sagt haben. Es ist wahrlich kein schönes Bild, das unsere Parteien, unsere Regierungen dem deutschen Volk und dem Ausland bieten. Wie soll sich da ein Aufbau ermöglichen, eine Wiedererstarkung Deutschlands zu ausschlaggebender Macht im Rate der Völker herbeiführen lassen?

Um die Führung in Europa.

Gewiß, auch die anderen Länder haben ihre Sorgen. Sie haben aber das eine vor Deutschland voraus, daß sie, ab­gesehen von rein finanziellen Erscheinungen, ihre Entscheidun­gen glauben treffen zu können auf Kosten Deutschlands. Wenn die europäischen Länder ihre Grenzen gegen auslän­dische Einfuhr sperren, dann vermag Deutschland kaum etwas dagegen zu setzen. Drosselt aber Deutschland aus Gründen der Lebensmöglichkeit seiner Landwirtschaft seine Einfuhr, dann greift man sofort zu Repressalien. Ein lei­denschaftliches Ringen hat sich in der Abrüstungsfrage ent­wickelt. Immer deutlicher tritt der Kampf um die Füh­rung in dieser Frage hervor. In Europa war es vor allem MacDonald, der die in Versailles festgelegte allgemeine Ab­rüstung gewissermaßen zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. Das ließ den eitlen Herriot nicht ruhen, bis er seinem eng­lischen Ministerkollegen mehr und mehr bie_ Trümpfe aus der Hand gewunden hatte. In den letzten Tagen hat aber Mussolini ein so deutliches Wort gesprochen, das kaum noch Zweifel darüber läßt, daß er in der Frage der allgemeinen Abrüstung die europäischen Länder unter seinen Willen zwingen will.

Das Lebensrecht der Völker.

Vor 200 000 Menschen hat Mussolini die Gleichberechti­gung Deutschlands als zwingend bezeichnet. Er hat in einer anderen Rede prophezeit, daß in zehn Jahren Europaein anderes Gesicht haben werde. Sein Hinweis darauf, daß gegebenenfallsdas gesamte italienische Volk in ein Heer verwandelt" und überall und gegen jeden eingesetzt werden könne, läßt über den Ernst ber#ßage kaum einen Zweifel. In Paris hat Herriot einen ernsten Kampf mit dem Obersten Kriegsrat ausfechten müssen, weil General Weygand keiner Regelung zustimmen wollte, die die Schlagfertigkeit des französischen Heeres in ihrem jetzigen Ausmaß irgendwie beeinträchtigen könnte. Allmählich wird man auch in Frankreich schon unruhig. In einigen Blät­tern der Linken ist mit ernster Sorge darauf hingewiesen worden, daß der Status quo in Europa sich nicht länger aufrechterhalten lasse, wenn man Deutschland nicht in die Verzweiflung treiben wollte. Wenn man Herriot nach sei­nen jüngsten Reden beurteilen wollte, müßte man glauben, daß er sich auch zu einer besseren Einsicht bekennen will. Aber auch hier gelten nicht Worte, sondern Taten. Was diese uns in der Vergangenheit bewiesen haben, kann uns nicht hoffnungsfroh stimmen. Wenn man diese durch neue Taten wahren Friedens ablösen will, dann soll man dem Willen auch die Erfüllung folgen lassen.

WdeMW AskmgWhm

keine Trübung des Vertrauensverhältnisses."

Berlin, 28. Oktober.

Von zuständiger Stelle wird mitgeteilt:

In einer ganzen Reihe von Zeitungen werden Ge- rüchte verbreitet, daßder nt fernerm Unmut

über die Entwicklung der politischen Lage AusNnck^gM^ den, und daß das Vertrauensverhältnis zwischen dem Reichs­präsidenten und dem Reichskanzler eine Trübung erfahren habe. Gegenüber diefen Gerüchten hat der Reichspräsident die zuständigen Stellen ermächtigt, zu erklären, baß er kei­nerlei derartige Aeußerungen getan habe, und daß der Reichskanzler nach wie vor fein volles Vertrauen genieße."

Erst einmal Klärung der Sachlage

Ueber die voraussichtliche Weiterentwicklung der Ver­hältnisse in Preußen können im Augenblick Voraussagen noch nicht gemacht werden. Nach wie vor sieht man vielfach in politischen Kreisen in den Ausführungen Dr. Brauns vor der Presse eine versöhnliche Geste, und auch in der Umgebung des Preußenkommissars wird versichert, daß auch dieser zur loyalen Zusammenarbeit bereit sei. Der Reichs- kommissar wird die Exekutive, die das Leipziger Urteil ihm zuspricht, ausüben, aber das wird sicher in Formen gesche­hen, die keine neuen Schwierigkeiten schaffen.

Nach Auffassung dieser Kreise kommt es zunächst dar­auf an, die Befugnisse, Rechte und Pflichten für die Praxis abzugrenzen, die durch das Reichsgerichtsurteil gegeben sind. Das ist auch schon mit Rücksicht auf die preußischen Beamten auch in den unterstellten Behörden notwendig. Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß die weiteren Be­sprechungen jetzt erst einmal einer Klärung dieser Fragen dienen sollen.

Die großartigen Anlagen der Bleilochtalsperre.

Fesselndes Bild von der jetzt fertiggestellten Bleilochtalsperre an der oberen Saale. Der Stausee ist 28 Kilometer lang. Um das Notwendige mit dem Praktischen zu verbinden, führt auf der Sperrmauer zugleich eine Chaussee an dem See entlang.

«asemtine Wehrpflicht für Deutschland?

Der französische konstruktive Plan.

Paris, 28. Oktober.

DerParis Soir" will erfahren haben, daß der kon­struktive französische Plan das Recht für Deutschland vor» sehe, seinerseits eine neunmonatige allgemeine Wehr» i Pflicht einzuführen; ferner würde Deutschland die quali- i tative, nicht aber die quantitative Rüstungsanglei» f chung bewilligt werden.

iPulvermagazin Europas"

Ein Engländer über den Korridor.

London, 28. Oktober.

Das Pulvermagazin Europas ist ein Artikel des be­kannten Parlamentsmitgliedes C r o ß l e y über den Kor­ridor imEvening Standard" überschnellen. Das Blatt i weist darauf hin, daß der Korridor einen großen Teil der deutsches Bevölkerung vom Mutterlande abschneidet, und ; daß es wichtig ist, daß die Lage in England voll verstanden werde angesichts der britischen Verpflichtungen unter dem Locarno-Abkommen. Croßley nennt

Danzigjene deutsche Stadt an der Mündung der Weich­sel, die rasch wirtschaftlichem Ruin zutreibl".

Weiter sagt er:Der Hafen liegt müßig da, Danzig selbst ist tot oder wenigstens im Sterben und verteidigungslos. Es wird getötet durch die unsinnige Anomalie des Korridors und durch den neuen Hafen, den die Polen unter riesigen

Ausgaben in Gdingen bauen." Croßley betont,

daß Marschall Foch kurz vor seinem Tode, aus den Korridor deutend, erklärt habe:Hier liegen die

Wurzeln eines neuen Krieges."

Weiter heor 0. rönnen nrrecT.-Otttf"-&tn^ Wtrrtwmtneti-gti einerFreien Stadt" gemacht wurde, daß aber feine aus­wärtigen Beziehungen von Polen kontrolliert werden. Po­len, so schreibt er weiter, hat seit dem britischen Kohlenstreik im Jahre 1926 die skandinavischen Märkte erobert, und jetzt bildet der polnische Kohlenhandel mit einer besonderen Koh- leneisenbahn, die direkt von Oberschlesien kommt und mit französischem Geld gebaut worden ist, für das keine Zinsen gezahlt worden sind, mit äußerst niedrigen Löhnen und subsidierten Schiffahrtslinien eine wirkliche Gefahr für die britische Kohlenausfuhr in ganz Europa.

Danzig muß jetzt geduldig seinem eigenen Ruin zusehen. Verzweiflung ist auf die Gesichter seiner Bevölkerung geschrieben, die von Bitterkeit erfüllt ist. Der Bau des Hafens von Gdingen und der wirtschaftliche Ruin Dan- zigs sind ein Bruch der Anweisungen des Versailler Vertrages.

Zum Schluß seines Artikels weist Croßley darauf hin, daß das neue Deutschland die unbilligen Bestimmungen des Friedensvertrages, die Isolierung Danzigs und das Ab­schneiden Ostpreußens vom Mutterlande als unerträgliche Ungerechtigkeit ansieht.Ich bin von Danzig und dem Kor­ridorgebiet mit dem Gefühl geschieden, daß ich in einem Raum war mit einer Bombe, ohne den genauen Zeitpunkt zu wissen, wann diese Bombe explodieren wird."

Ein FriedeNS-Manifest

Mitglieder der Universität Oxford wandten sich in einem offenen Brief an die englische Öffentlichkeit. die dazu aufge­fordert wird. mit allen Kräften dafür zu sorgen, daß der unleugbaren Kriegsgefahr in der Welt Einhalt geboten werde. Das Schreiben zeichnete die Macht der britischen Re­gierung aus und die Möglichkeiten die sie hätte, stabile und friedliche Verhältnisse zu sichern. Ihre Politik jedoch, io wird geklagt, sei unklar und nicht zielbewußt.

Man solle nicht vergessen, daß auf Deutschlands Abrü­stung die der Siegermächte folgen müsse und vergleiche da­mit die Art, wie sich das englische Außenamt zum deutschen Gleichberech-igungsünspruch gestellt habe:Statt den klaren moralischen Anspruch Deutschlands auf Gleichheit anzuer- kennen und die klare moralische Pf- )t, diesen Anspruch durch Abrüstung der Siegermächte zu befriedigen, rourden die Schlüsse durch eine unangebrachte Betonung ,unsNscher Ar- i qumenke verdunkelt." Sofortige und dringende Rolwendig- keit sei es, wahrer Friedenspolitik zum Durchbruch zu ver­helfen. Dies fordere das gesamte englische Volk und eine Generation, die gelernt habe, den Krieg zu sehen, wie er ist, entblößt von jeder Verklärung und Romantik.

Gandhi bleibt gefangen

Delhi, 28. Oktober. Der Vizekönig hat dem Moham-- medanerführer Schaukat Ali, der um Freilassung Gandhis gebeten hatte, erklärt, Gandhi nicht freilassen zu können, ohne eine Erklärung Gandhis, daß er sich vollkommen von der Bewegung des zivilen Ungehorsams lossage.

Abschied von Rom

Rom, 28. Oktober. Mussolini gab zu Ehren des schei­denden deutschen Botschafters Dr. von Schubert ge­stern abend ein Abschiedsessen.