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Hersfel-n Tageblatt

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Nr. 238

Mittwoch, den 2. November 1032

82. Jahrgang

Zunächst keine neue Preustenklage

Ministerialdirektor Dr. Brecht preußischer Stimmführer im Reichsrat

U

Das deutsche Volk hat schwere Jahre hinter sich. Trotz rastlosen Fleißes und übermenschlicher Opfer ist es immer mehr abwärts gegangen. Kein Wunder, daß niemand mehr recht auf eine Besserung hoffte. Wenn wir uns aber die Verhältnisse ansehen, wie sie sich gegenwärtig darstellen, und wenn wir sie vergleichen mit dem, was sich vor einem oder zwei Jahren zu gleicher Zeit zugetragen hat, dann wird man jenen Stimmen doch größere Aufmerksamkeit schen­ken müssen, die uns sagen, daß mancherlei Anzeichen für eine Wirtschaftswende vorhanden sind. Nicht nur in Deutschland, sondern in der Welt überhaupt. Zwar sieht der einzelne diese Anzeichen nicht ohne weiteres, da sich ihm rings in Stadt und Land noch die gleichen trauri­gen Bilder der Not, brachliegender Betriebe, der Elends­armee der Arbeitslosen zeigen, weil ein von der Krise hart betroffenes Kleingewerbe und ein aufs äußerste gefährdeter Bauernstand noch immer um ihre Existenz ringen. Dennoch hat sich in den letzten Monaten vieles gewandelt. Mit der Befreiung Deutschlands von den ungeheuren Kriegs- t r t buten durch die Lausanner Konferenz ist ihm ein er­drückendes Bleigewicht abgenommen worden und die Vor­aussetzung für eine neue Entfaltung des Wirtschaftslebens erfüllt. Darüber hinaus sind eine Anzahl innerer wirt­schaftlicher Entspannungszeichen sichtbar geworden. Die ersten Lichtblicke zeigten sich vorzugsweise aus den Kredit­märkten, am Kurs der Wertpapiere, im Auftrieb einiger Großhandelspreise, in der erheblichen Abnahme geschäft­licher Zusammenbrüche kurz: zumeist in Wirtschafts­vorgängen, die den breiten Schichten des Volkes an sich fer­nerstehen. Aber sie verdienen trotzdem weiteste Beachtung, zumal sie in letzter Zeit immer deutlicher geworden sind.

des Zinsnioeaus insbesondere für kurzfristige Kre­dite. Bahnbrechend wirkte hier vor allem die Senkung des Reichsbankdiskonts. Mit 4 Prozent hat er heute wieder den tiefsten Stand seit der Währungsstabilisierung erreicht. Vor einem Jahre lag er noch auf 8 Prozent. Mit der Senkung des Reichsbankdiskonts ist praktisch eine spürbare Zinsver- billigung für kurzfristige Jnlandskredite erreicht. Gleich­zeitig hat auch der besorgniserregende Vorgang des Ham - st e r n s von Bargeld sein Ende gefunden Mehr als eine halbe Milliarde gehamsterter Noten strömt heute nach Rückkehr des Vertrauens wieder der Wirtschaft zu In einem gewissen Zusammenhang mit der Entspannung auf den Kreditmärkten ferner steht die Ent­wicklung der Werkpapierkurie. Wiederermachtes Vertrauen hat die Börse aus ihrer Vereisung gelöst und zr einer Erhöhung des Kursniveaus geführt. Im Gejamt- durchschnitt lag beispielsweise das Kursniveau der festver­zinslichen achtprozentigen Wertpapiere Mitte April dieses Jahres auf 61,4 Prozent. Mitte Oktober auf 70,4 Prozent Sogar die Aktienkurse haben trotz mancher Rückschläge den krisenhaften Tiefstand überwunden. Und weiter: das auf­fällige Absinken der Konkurse und Vergleichs­verfahren! Im September vorigen Jahres wurden ar- beitstäglich 52 Konkurse und 29 Vergleichsverfahren eröff­net, im September 1932 nur nach 18 Konkurse und 12 Ver­gleichsverfahren. Die Hochflut der Geschäftszusammenbrüche die im vorigen Jahre unter dem ehernen Druck schrumpfen­den Absatzes, jäher Preiseinbrüche und überhoher Zinsen einsetzte, ist heute also abgeebbt. Eine Beruhigung und Ge­sundung der Geschäftswelt ist unverkennbar.

Neuerdings zeigen sich auch auf dem Gebiete der Pro­duktion und der Beschäftigung unverkennbar erste Ansätze zum Besseren. Teile der Schwerindustrie beispiels­weise haben eine Produktions steigerung zu ver­zeichnen. Setzt man den Stand der Roheisenerzeu­gung vom Jahre 1928 gleich 100, so lag die Produktion im August 1932 auf 24,0 Prozent, im September auf 28,2 Pro­zent. Bei der Walzwerkproduktion ist eine Steige­rung von 29,2 Prozent im August auf 33,1 Prozent im Sep­tember festzustellen. Was ferner die Baumwollweberei be­trifft, so ergibt sich hier sogar eine Produktionssteigerung von 87,8 Prozent im August auf 101,3 Prozent im September. Kein Zweifel kann darüber bestehen, daß es sich hier um erste Anzeichen einer wirtschaftlichen Be­lebung handelt. Am deutlichsten wird die Wendung zum Besseren aber, wenn man die Beschäftigungsziffern betrachtet. Wir haben Zeiten stürmischen Absackens der Beschäftigung erlebt; dieser Rückgang kam bereits im Sommer langsam zum Stillstand. Im September 1932 hat sich dann die in­dustrielle Beschäftigung erstmalig etwas gehoben. Nach Be­rechnungen des Instituts für Konjunkturforschung ist aus Grund der Angaben der Gewerkschaften Ende September gegenüber Ende August die Zahl der geleisteten Arbeitsstun­den um 2,6 Prozent, die Zahl der in der Industrie beschäf­tigten Arbeiter um 1,1 Prozent gestiegen. Diese Tatsache der Beschäftigungsvermehrung wird von einer an­deren statistischen Erhebung bestätigt, von der sogenannten Industrieberichterstattung. Sie gibt an. daß im September die Zahl der Arbeitsstunden um 3,2 Prozent und die Zahl der Beschäftigten um 1,2 Prozent zugenommen hat. Gewiß, in ihrem Ausmaß ist diese Besserung der Beschäftigungslage noch gering. Man halte sich aber vor Augen, daß an sich aus saisonmäßigen Gründen die Beschäftigung im Septem­

ber nach früheren Boebachtungen erfahrungsgemäß zu sin­ken pflegt. Eine tatsächliche Besserung in dieser Jahreszeit muh also um so höher geweitet werden, ist ein weithin sicht­bares Lichtzeichen beginnenden Wirtschaftsaufstiegs.

Man kann diese Mehrbeschäftigung übrigens auch noch durch eine andere Statistik beweisen: durch die Erhebung derKrankenkassen. Im Laufe des Monats Septem­ber hat nach den Angaben der Krankenkassen die Zahl der beschäftigten Arbeitnehmer um rund 80 000 zugenommen. Im September des vorigen Jahres ging demgegenüber die Zahl der krankenverficherungspflichtigen Arbeitnehmer um rund 250 000 zurück. Die Ziffer vom September dieses Jahres ist also schlüssig. Sie ist auch nicht etwa dadurch zu­stande gekommen, daß man die im Freiwilligen Arbeitsdienst Tätigen mitgezählt hat. Nein, es handelt sich hier tatsächlich um 80 OOOzusätzlich inden Betrieben beschäf­tigte Arbeitnehmer.

Dabei aber darf es nicht bleiben. Den Auftrieb der Wirtschaft zu fördern, auf breitester Front oorwärtszutrei- ben, noch vorhandene Hemmungen aus dem Wege zu räu­men, muß das mit mit allen verfügbaren Mitteln zäh an- gestrebte Ziel sämtlicher wirtschaftspolitischer Maßnahmen sein. Insgesamt handelt es sich um mehr als 3 Milliarden Reichsmark, die auf dem Wege über die Steuergutscheine und die Arbeitsbeschaffung mit Hilfe öffentlicher Mittel für die konjunkturelle Belebung im wesentlichen binnen Jah­resfrist nutzbar gemacht werden. Die Wirkung dieser zusätz­lichen Kapitalkraft wird dazu beitragen, daß der belebende Funke immer weitere Wirtschaftszweige, immer größere Teile des Arbeitsmarktes erfaßt. In wenigen Wochen aller­dings die volle, hundertprozentige Auswirkung aller die­ser Maßnahmen zu erwarten, hieße Unmögliches fordern.

Brecht uteußijtget SümmMrer ^ Preußens Vertreter im Reichsrat.

Berlin, 2. November.

Die für Dienstag angesetzt gewesene Sitzung des Ka­binetts Braun ist auf den heutigen Mittwoch verschoben wor­den, weil einige der Minister, die am Wahlkampf teilnah- men, nicht früher in Berlin sein können. In der Kabinetts­sitzung will die Regierung Braun sich darüber schlüssig wer­den, ob und welche Folgerungen sofort aus den neuen Maß­nahmen des Reichskommissars bzw. der Reichsregierung zu ziehen seien.

3n unterrichteten Kreisen glaubt man, daß sich das Kabinett von einer abermaligen Anrufung des Staatsge- richtshofs im Augenblick nichts wesentliches verspricht, wobei eine neue Situation höchstens gegeben wäre, wenn ekwo Bayern oder ein anderes Land diesmal die Initiative er­griffe. Zu der Sitzung der Reichsratsausschüsse am Don­nerstag dürfte das Kabinett, gestützt auf die Entscheidung des Staatsgerichtshofs, seine Vertreter, nämlich die Mini- sterialdirekkoren Dr. Brecht und Dr. Badt, entsenden.

«Außerdem wird als weiterer preußischer hauptamtlicher Reichsratsvertreter der Ministerialdirektor im Handelsmini­sterium Coßmann entsandt, der sich, ^wie verlautet, gleichfalls allein an die Instruktionen der Staatsregierung für gebunden hält. Preußischer Stimmführer im Reichsrat bzw. in den Ausschüssen wird Min-Dir. Dr. Brecht sein. Die Staatsminister persönlich dürften an den Reichsrats- ausschußoerhandlunaen nicht teilnehmen. Es bleibt abzu- warten, ob sich bei der nun praktisch werdenden Frage der Instruierung der preußischen Vertreter im Reichsrat durch die sogenannte alte Regierung neue Differenzen mit dem Reichskommissar ergeben werden.

Popitz im Amt

Reichsminister Professor Dr. Popitz hat in seiner Eigen­schaft als Stellvertreter des Reichskommissars für das Land Preußen im Geschäftsbereich des preußischen Finanzministe­riums seine Amtsgeschäfte übernommen.

In seiner Einführungsrede vor den Beamten, Angestell­ten und Arbeitern des Finanzministeriums verwies Dr. Popitz auf die großen Aufgaben der Gegenwart, die darin gipfeln, den Finanzen des Landes Preußen und der von ihm umschlossenen Gemeinden und Gemeindeverbände wie­der eine feste Grundlage zu geben, so daß sie nach einem Worte Marc Aurels nicht aufrechterhalten werden son­dern aufrechtstehen.

Staatssekretär Schleusener brächte den Dank für die Begrüßungsworte zum Ausdruck und versicherte, daß die Beamtenschaft des Finanzministeriums wie bisher unter Einsatz der besten Kräfte an den großen Aufgaben, die ihr gestellt seien, Mitarbeiten werde.

Kampfansage Selds Scharfe Stellungnahme des bayerischen Ministerpräsidenten gegen die Maßnahmen in Preußen.

Stuttgart, 2. November.

Der bayerische Ministerpräsident Dr. Held wandte sich in zwei Zentrumsversammlungen in Stuttgart zunächst ge­gen Hugenberg, den er als denbösen Geist des deutschen Volkes" bezeichnete und führte dann gegenüber den Plänen der Reicksregieruna aus, er habe nickt die Ueberzeugung,

daß diese Regierung förderalistisch eingestellt sei. Die Rede des Reichsinnenministers von Gayl mit dem Lobe des Ein­heitsstaates habe ihn stutzig gemacht.

Ministerpräsident Held sprach dann von einemmerk­würdigen Kamps Papens gegen die Parteien". Haben denn, so fragte Dr. Held, die Parteien den Krieg verloren, die Revolution angefangeh, die Inflation nach Deutschland getragen? Es müsse anerkannt werden, daß auch die Sozial- demokratie nach dem Kriege dem Staate in vielen Dingen sehr gute Hilfestellung geboten habe. Das sage ich, so be­tonte Dr. Held, der ich es immer abgelehnt habe, mit der Sozialdemokratie eine Koalition einzugehen. Das sage ich um der Wahrheit willen Wer gegen das Parlament kämpft, kämpft gegen das Volk.

Die vom Reichskabinett geplanten Reformen müsse er entschieden ablehnen. Der Reichsrat dürfe nicht zu einem Präsidialrat herabgedrückt werden sondern müsse vielmehr die Rechte des alten Bundesrat wieder erhalten. Die Be­stellung und die Tätigkeit des Reichskommisiars in Preu­ßen halte er nach wie vor als nicht der Verfassung ent­sprechend Entgegen dem Rat des Staatsgerichtshofes gehe die Reichsregierung gerade heute daran, ihren Willen in Preußen durchzudrücken, und zwar ohne Einwilligung der Länder. Die Tage seien so ernst wie kaum jemals seit 1918 Was man wolle, sei offenbar geworden, nämlich die Ver- preußung des Reiches. Die Maßnahmen in Preußen kehrten die Grundlagen der Reichsverfassung völlig um

,Hch habe jetzt", sagte Dr. Held,den Glauben an das Kabinett von Papen verloren. Ich muß bekennen, daß ich heute auf das schwerste enttäuscht bin. Es ist unmöglich, auch nur eine einzige Minute dazu stillzuschweigen. Wenn ich meine Pflicht als bayerischer Ministerpräsident, als An­hänger verfassungsmäßigen Lebens erfüllen will, dann bin 'ich gezwungen, öffentlich gegen Papen anftzutreten und zum

(ung der Konservativen, die den Kanzler mahnen, doch nicht über juristische Zwirnsfäden zu stolpern, ist geradezu revolutionär. Gegen solche Aeußerungen einer gewissen Rechtspresse hätte der Reichsjustizminister längst einschreiten sollen."

Konflikt Vayern-ReichV

Starte Verstimmung in Berlin wegen der Held-Rede.

Berlin, 2. November.

Die Stuttgarter Rede des bayerischen Ministerpräsi­denten Dr. H e l d findet in Berliner politischen Kreisen we­gen ihrerungewöhnlichen" Angriffe auf die Reichsregie- rung lebhaften Widerhall. Eine offizielle Antwort wird nicht erfolgen. Es erscheint aber nicht als ausgeschlossen, daß die Rede Dr. Helds gewisse Konsequenzen in dem Verhältnis zwischen dem Reich und Bayern haben wird.

Berlin ist um so bitterer enttäuscht, als die Reichs­regierung immer wieder den größten Wert darauf gelegt hat, den Wünschen Bayerns als dem zweitgrößten deut- Land, tunlichst entgegenzukommen. Auch der Reichsinnen­minister Freiherr v. Gayl habe sein Verständnis gerade für die bayerischen Interessen durch die Bereifung der bayerischen Osthilfegebiets bekundet.

Es wird bedauert, wenn die überaus krasse Stellung­nahme des Ministerpräsidenten Held in der Zusammenar­beit zwischen Reich und Bayern naturnotwendig ihre Kon­sequenzen nach sich ziehen muß.

Probleme der Weltwirtschaft

Die Vorbereitung der Dirtschaftskonferenz.

Genf. 2. November.

Die Sachverständigen haben ihre Beratungen über die Vorbereitung der Weltwirtschaftskonferenz fortgesetzt. Die Verhandlungen in den beiden Kommissionen waren wieder streüg vertraulich. Ueber die Sitzung des Wirtschaftskomitees wurde ein Kommunique ausgegeben, worin mitgeteilt wird, daß die einzelnen Mitglieder des Komitees aufgefordert wor­den find, die Lage, wie sie sich in ihren Ländern bezüglich der Handelshemmnisse zeige, zu schildern.

Insbesondere wurden die Mitglieder des Komitees auf- gefordert, sich darüber auszusprechen, ob und unter welchen Bedingungen sie den Abschluß eines Abkommens über die Abschaffung der Handelsrestriklionen für möglich halten. 3n den Beratungen über die Frage hat auch der deutsche Ver­treter ausführlich Stellung genommen und den deutschen Standpunkt in der Kontingentsfrage dargelegt.

Im Finanzkomitee gingen die Debatten über die Voraus- etzungen zur Wiederherstellung des Goldstandards weiter^

Umsturz in Ecuador?

Buenos Aires, 2. November. Aus Guayaquil in der Republik Ecuador verlautet, daß die Garnison von Rio Bamba sich erhoben habe, um die Diktatur des Ober­sten Larrea Alba herbeizuführen.