Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 265
Donnerstag, den 10. November 1932
82. Jahrgang
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Kirche und Politik 9a$ ReiOMnett und die Parteien
Ein Wort zu den Kirchenwahlen vom 12. bis 14. November
Die Fülle des auf die Menschen der Nachkriegszeit ein- , stürzenden Geschehens war und ist so gewaltig, daß der Bliä für das Grundsätzliche getrübt wurde. Der Blick blieb an den Erscheinungen haften, ohne in ihr Inneres zu dringen , Ja, das Bewußtsein von der Existenz eines Inneren, eines ' majestätisch mannigfachste Erscheinungen umfassenden Gro- ; ßen ging verloren. Es setzte eine Oberflächlichkeit und eint ’ Materialisierung des Geschehens ein, die zunehmende Verwirrung, Unruhe und Sprunghaftigkeit zur Folge hatten. Der Blick für das Grundsätzliche, für die Idee, das Bewußtsein von und der Glaube an eine Idee, die alles umspannt schwanden hin. Im politischen Leben glaubten manche Parteien. auf eine weltanschauliche Grundlage, auf eine tragende Idee verzichten zu können und würdigten sich zu bloßen Interessenvertretern herab, ohne zu bedenken, daß sie damit ihre Existenz auf Flugsand bauten. Alles und jedes wurde unter dem Gesicktspunkt der Zweckmäßigkeit geprüft, beurteilt und getan. An die Stelle des Denkens in Jahrzehnten trat das Denken in Augenblicken. Eine solche „Gesinnung" hat den Augenblickserfolg als einzige Rechtfertigung ihres Handelns. Bleibt der Erfolg jedoch versagt, so entfällt auch der letzte kümmerliche Halt, die Ueberzeugung von der Zweckmäßigkeit der getroffenen Augenblicks-Entscheidung.
Darum: zurück zu den Grundlagen des Geschehens, zurück zur Idee! Hier liegen die gewaltigen Aufgaben der Kirche! Was die weltanschaulich fundierten politischen Parteien insbesondere für die großen Gemeinschaften des Staates, der Wirtschaft vollbringen müssen, das fällt der Kirche vor allem für die kleineren Gemeinschaften der Familie zu die die Keimzelle alles staatlichen Lebens sind. Während die politischen Parteien den Menschen mehr durch rationale Erkenntnis zur Idee zurückführen sollen, muß die Kirche den Menschen dort, wo ihre rationale Erkenntnis versagt, denGlaubenandieIdee.an das Allumfassende wiedergebenI Kirche und Staat marschieren getrennt. Aber dasselbe Ziel muß ihnen eigen sein: vereint den gemeinsamen Feind zu schlagen: den Materialismus, und gemeinsam in den Menschen wieder die inneren Bmdur^m allein -m-Srurm und Diot Schutz und Halt gewähren, die Bindung an die Idee!
Es gibt kein für das Wesen der Kirche bezeichnenderes und schöneres Bild als dasjenige, das wir aus der Geschichte kennen: von dem Verfolgten, der sich unter das schützende Dach der Kirche, des Tempels rettet, und solange er darunter verweilt, jedem Angriff seiner Verfolger entzogen ist. Hier ist die Kirche das Asyl, als Zuflucht aller derer gezeichnet, die an ein und dieselbe Idee glauben. Die Kirche macht und darf unter ihren Gläubigen keine Unterschiede machen. Sie sind alle vor der Idee und in ihrem Glauben gleich. Ob Arbeiter, Bürger, Bauer, Aristokrat, ob politisch rechts, links oder in der Mitte stehend, die Kirche muß sie alle mit gleichem religiösen Maße messen. Sie ist und muß sein: der vollendetste Ausdruck der Gemeinschaft aller Menschen, das vorbildliche Beispiel wahrer Volksgemeinschaft.
Hier liegt eine weitere, große Aufgabe der Kirche, die heute doppelt wiegt: dem Haß und Kampf des deutschen Menschen gegen den deutschen Menschen ein Ende zu machen, den deutschen Menschen wieder zum Bewußtsein zu bringen, daß sie alle trotz mannigfachster Verschiedenheit Glieder einer Ge m e i n s ch a f t sind. Die Kirche muß sich aber zunächst selbst erst wieder restlos auf diese ihre Wesenheit besinnen. Nicht immer in den letzten Jahren haben alle Glieder der kirchlichen Organisation jene überparteiliche, nur aus die Idee der Kirche eingestellte Haltung gewahrt, die allein das Vertrauen und den Glauben aller Schichten des deutschen Volkes wecken kann. Die Kirche darf mit tagespolitischen Fragen nichts zu tun haben. Wenn sie das Gebiet der Politik berührt — was sich nicht immer vermeiden lassen wird — so darf sie nur im Sinne ihrer Aufgaben wirken: des Zurückführens zur Idee, der Milderung der Gegensätze, der Verwirklichung des Volksgemeinschafts- gedankens
Wenn bei den bevorstehenden Kirchenwahlen rein parteipolitische Listen aufgestellt werden, k kann nichts der Kirche und ihrer Ausgabe mehr schaden als dieses bewußte und betonte Hineintragen der Parteipolitik in die Glaubensgemeinschaft der Kirche. Die Unterschiede und Nüancie- rungen innerhalb der Kirche dürfen nur auf rein religiösem Gebiete liegen. Hier muß die Kirche mit eisernem Besen vor ihrer eigenen Tür kehren, wenn sie die große Aufgabe der Erziehung zur Volksgemeinschaft.durch ihr Beispiel und Vorbild erreichen will.
Aber noch ein weiteres Ziel muß die evangelische Kirche wieder ganz stark herausstellen, das untrennbar mit der Geschichte der protestantischen Bewegung und ihrer Wesenheit verbunden ist: die Freiheit des C h r i st e n m e n - schen: Freiheit von äußeren Bindungen, die aber keine Schrankenlosigkeit ist, weil sie eine innere Sinbung aner- kennt, die Bindung an das allgemeine 'Sittengesetz, das jeden ? so handeln läßt, wie es das Wohl des Ganzen erfordert. Deutscher Individualismus und deutscher Idealismus sind untrennbar verbunden
Diese Gesinnung muß die protestantische Kirche wieder in die Herzen der deutschen Menschen pflanzen! Diese selbst- schöpferische und selbstverantwortliche, freie, jedoch sittlich gebundene Persönlichkeit wird der Kirche der wertvollste Helfer in ihrem Bestreben sein, die Menschen vom Materialismus unserer Tage zurück zur Idee zu führen.
Baldige Verhandlungen mit den Parteiführern
Papen für nationale Konzentration
Berlin, 10. November. Das Reichskabinett besprach am Mittwoch zunächst laufende Angelegenheiten, bot allem das Problem des Freiwilligen Arbeits - dien st es. Es wurde beschlossen, die Arbeitslager auch über den Winter fortbestehen zu lassen.
Zur innerpolitischen Lage ergab die Aussprache Ein- : mütigkeit darüber, daß alles getan werden müsse, um zu i einer nationalen Konzentration zu kommen. * Das Kabinett denkt aber nicht daran, zurückzutreten, das gilt auch für einzelne Mitglieder des Kabinetts. 8m Gegenteil steht die Reichsregierung auf dem Standpunkt, daß in einer so schwierigen Situation, wie wir sie jetzt haben, keine Zeit für irgendwelche Experimente ist.
Das praktische Ergebnis der Aussprache ist, daß der Kanzler heute dem Reichspräsidenten entsprechende Vorschläge für die
Verhandlungen mit den Parteiführern machen wird, die schon sehr bald stattfinden sollen. Sicher ist jedenfalls, daß der Kanzler die Absicht hat, sich mit den Parteiführern ernst über die Lage auszusprechen. Außerdem werden wahrscheinlich am Freitag auch Besprechungen mit den Ministerpräsidenten der Länder stattfinden, soweit sie zu den Sitzungen des Reichsrates in Berlin anwesend sein werden. Mit den Problemen der Verfassungsreform und der Kontingentierungsfrage hat sich die Regierung noch nicht befaßt.
Wann neuer Reichstag?
Berlin, 10. November.
Für die Vorbereitung zur Einberufung des neuen , Reichstages, der nach der Reichsoerfassung spätestens am ' 30. Tage nach der Wahl zusam nentreten muß, sind im em- . Mnejr die LMtuunuugen der Reichsstimmordnung maß- I gebend.
Aller Wahrscheinlichkeit nach wird diesmal der Reichs tag zum 5. oder 6. Dezember einberufen werden.
KmßeMM in Bresten
Reichskanzler von Papen wird am nächsten Montag )er sächsischen Staatsregierung den angekündigten Staats- resuch machen.
Daneben wird er dem Landtagsvorstand und dem Rat )er Stadt Dresden einen Besuch abstatten und an einem Leeempfang der sächsischen Staatsregierung teilnehmen. llußerdem ist ein Presseempfang vorgesehen. '
SreuBenpartament erst Ende November
Erst Klarheit über die Ministerpräsidentenwahl.
Berlin, 10. November.
Wie in Berliner parlamentarischen Kreisen verlautet, ist mit einer Einberufung des Preußischen Landtages für die nächsten Wochen noch nicht zu rechnen. Der Landtag hatte , den Präsidenten ermächtigt, den Termin der nächsten Sitzung i selbst anzuberaumen. Der Präsident wird, wenn nicht außergewöhnliche Umstände eintreten, von dieser Ermächtigung erst Gebrauch machen, wenn die Frage der künftigen preußischen Regierungsverhältnisse geklärt ist, d. h., wenn er die Wahl eines neuen Ministerpräsidenten auf die Tagesordnung sehen kann.
Eine Landtagssitzung im gegenwärtigen Augenblick hält er angesichts der verwickelten Regierungsverhältnisse und ungeklärten Verantwortlichkeiten für durchaus unzweckmäßig. Es liegen auch von keiner Partei bisher Anträge auf Landtagseinberufung vor. Die Entfcheidnug des Präsidenten wird
frühestens in etwa acht Tagen erfolgen, sofern bis dahin ein Ergebnis der neuerlichen Fühlungnahmen zwischen Nationalsozialisten und Zentrum vorliegt. Sicher ist, daß der Landtag nicht vor dein 22. November, wahrscbeinlich sogar erst in den letzten Nooembertagen. zusammentreten wird.
Der Vorstand beim Reichskanzler.
Berlin, 10. November
Der Reichskanzler empfing in Anwesenheit des Ketdjs- wbeitsminisiers, des Reichsfinanzministers und des Reichs- innenminisiers, Oberbürgermeister Dr. Sahm-Derlin, prä- jident Dr. Mulect, Oberbürgermeister Dr. Scharnagl-Mon- chen und Oberbürgermeister Dr. Eserdsier-Leipzig.
Die Vertreter des Deutschen Städtetages wiesen eindringlich auf die Zusammenhänge zwischen der Fmanzi.'ge der Gemeinden und dem Aufbauprogramm der Reichsregierung hin; ohne geordnete Gemeindefinanzen sei bei Wiederaufbau der Wirtschaft schlechterdings unmöglich. Die Reichsregierung habe durch ihre bisherigen Maßnahmen gezeigt. daß sie gewillt fei, die Arbeitslosenhilfe als eine gemeinsame Angelegenheit von Reich und Gemeinden zu behandeln, und habe die Gesundung der Gemeindefinanzen als vordringliche Aufgabe bezeichnet.
Die Hilfsmaßnahmen der Reichsregierung vom 14. Juni und 3. November seien oder nicht ausreichend, um die katastrophale Finanznot der Gemeinden zu beheben, da die großen Kommunalfragen, insbesondere die einheitliche Finanzierung und Organisation der Arbeitslosenhilfe, das foimnu- riale Arbeitsbescha, angsprogramm und die Regelung des kommunalen Schuldenwesens noch immer ungelöst seien. Nach eingehender Erörterung dieser Fragen sagte der Reichskanzler eine, baldige sorgfältige Prüfung der kommunalen DefamNage durch
Bersaffungs-Debatte im Reichrrat
Berlin, 10. November.
Die bereits angekündigte Sitzung des Verfassungsausschusses des Reichsrats, in der die Streitfragen besprochen werden sollen, die zwischen der Reichsregierung und den Ländern wegen des Vorgehens des Reichskommissars gegen Preußen schweben, wird am end stattfinden.
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Maschinengewehre gegen Unruhen
Drei Tote, 15 Schwerverletzte in Genf.
Genf, 10. November. Die „Union Nationale", eine bürgerliche Partei, die sich erst vor kurzem in Genf gebildet hat, veranstaltete am Mittwochabend in dem ®e» meindesaal von Plainpalais eine Versammlung, um öffentliche Beschwerde zu führen gegen die Nationalräte Nicol und Dicker. Unterdessen sprachen auf der Straße die Nationalräte Nicol und Trorchet zu einer großen Menge.
Gegen 9 Uhr wurden von der Menge die Absperrungen durchbrochen, so daß die Polizei einschreiten mußte. Die Demonstration artete zu einem reinen Aufstand aus. Als die Kompanie der Infanterie-Rekruten-Schule auf Ersuchen der Polizei eintraf, wurden
die Soldaten angegriffen.
Zahlreiche Rekruten wurden in die Menge hineingenssen und geschlagen. Die Gewehre wurden ihnen entrissen und auf dem Boden zerschlagen. Die Soldaten zogen sich nach dem Boulevard de Pont d'Arve zurück und schössen mit Maschinengewehren, als sie sich umzingelt sahen. Die Erregung steigerte sich immer noch und Lastwagen mit Maschinengewehrabteilungen werden herangeführt.
Nach den letzten Meldungen zählte man drei Tote und 15 Schwerverletzte.
Der Reichskanzler vor der Weltpresse
Reichskanzler von Papen nach seiner ersten Rede nach der Wahl vor der ausländischen Presse. Unser Bild -echt ihn bei Beantwortung von Fragen, die die einzelnen Vertreter ihm auf Grund seiner Ausführungen vorletzten.