tzersfelöer Tageblatt
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Nr. 273
Montag, den 21. November 1932
82. Jahrgang
Neuer Empfang Hitlers bei Hinbeuburg
Gewisse innerpolitische Beruhigung — Goerings Verhandlungen
Berlin, 21. November.
Wie wir erfahren, hat Staatssekretär Dr. Meißner Sonntag abend Adolf Hitler im Hotel „Kaiserhof" ausgesucht, um mit ihm einen neuen Empfang beim Reichspräsidenten für heute vormittag zu vereinbaren.
Goerings Verhandlungen
Noch keine Klarheit /Vertrauliche Besprechungen mit dem Zentrum / Eine Absage Hugenbergs / Einladungen auch an Volkspartei und BVP.
Am Sonntag wurden die Verhandlungen um die Regierungsbildung zwischen den einzelnen Parteien fortgesetzt. Die Parteien, die für die nationale Konzentration in Frage kommen, nahmen zunächst, wie vereinbart, un- - tereinander Fühlung. So fanden Verhandlungen zwischen Nationalsozialisten und Zentrum in der Wohnung Goerings statt. Hitler selbst hat sich mit seinen engeren Parteifreunden besprochen. '
Sowohl Nationalsozialisten als auch Zentrum wahren über den Ausgang der Verhandlungen allerstrengstes Stillschweigen. Dies zeigt, daß die Verhandlungen noch weitergehen.
Ein Versuch Goerings, mit den Deutschnationalen in Fühlung zu kommen, scheiterte. Goering, so schreibt der „Montag", hätte „durch seinen Adjutanten Hugenberg zu sich bestellt". Hugenberg habe aber antworten lassen, daß er Hitler wohl zu einer politischen Besprechung zur Verfügung stehe. Nach den Vorgängen der letzten Woche müsse er es aber ablehnen, einer in so ungewöhnlicher Form erfolgten Aufforderung Goerings nachzukommen.
Nach dieser Absage sind direkte Besprechungen zwischen Hitler und Hugenberg zwar immer noch möglich, doch dürften sie wohl erst dann einurhen, wenn zwischen NattlMuTsozwnffen und Zentrum eine größere' Klarheit erzielt worden ist. *
Zu den Verhandlungen beim Reichstagspräsidenten Goering am Sonntag erfahren wir von unterrichteter Seite, daß die Einladung Goerings zu Besprechungen nicht nur auf das Zentrum und die Deutschnationalen beschränkt ist, sondern sich auch auf Deutsche Volkspartei und Bayerische Volkspartei erstreckt. Sicher wird also auch mit den Führern dieser beiden Parteien verhandelt werden.
Es ist wahrscheinlich, daß Adolf Hitler im Laufe der Woche noch einmal vom Reichspräsidenten empfangen werden wird. Ob das bereits heute möglich ist, hängt in erster Linie davon ab, wie schnell Goerings Verhandlungen zu irgendeinem positiven Ergebnis führen.
Die Nationalsozialisten betonen ihre Bereitschaft, positiv die Aufgabe der Regierungsbildung in Angriff zu nehmen, wenn der Reichspräsident Hitler den Auftrag zur Führung erteilt.
Dieser Auftrag liegt bisher nicht vor, und deshalb werden die Verhandlungen auch nicht von Hitler geführt. Vielmehr ist nach nationalsozialistischer Auffassung zunächst Reichstagspräsident Goering der gegebene Mann. Die ' Verhandlungen seien aber gegenwärtig nur mfor- matorisch und hätten nur vorbereitenden Charakter.
Der' Sonntag hat also noch keine Entscheidung ge- bracht. Größere. Klarheit dürfte sich nach der Ansicht politischer Kreise erst im Laufe des heutigen Tages gewinnen
Ueber die Besprechungen am Sonnabend wird folgendes gemeldet:
Berlin, 20. November.
Der Reichspräsident empfing am Sonnabendvormittag Adolf Hitler zu einer Besprechung über die politische Lage. Die Aussprache dauerte über eine Stunde.
Auf der Seite Hitlers hat niemand weiter an der Aussprache teilgenommen; sie vollzog sich zunächst zwischen dem Reichspräsidenten und Adolf Hitler unter vier Augen. Nach kurzer Zeit wurde dann Staatssekretär Meißner zugezogen. Der Inhalt der Unterredung erstreckte sich auf eine Darlegung der gegenseitigen Auffassungen. Da die Besprechungen noch nicht abgeschlossen sind, werden sie im Laufe der Woche fortgesetzt.
Obwohl man den Zeitpunkt der Besprechung geheim- gehalten hatte, sammelten sich schon in den ersten Vormittagsstunden Schaulustige vor der Reichskanzlei und vor dem Hotel Kaiserhof an. Die Polizei hatte keine größeren Absperrungen vorgenommen, sondern sorgte nur dafür, daß der Fahrdamm und die Einfahrt zur Reichskanzlei freigehalten und der Verkehr nicht gestört wurde. Kurz vor 11 Uhr fuhr dann der Wagen des Reichstagspräsidenten Göring vor der Reichskanzlei vor. Göring hielt sich jedoch nur eine knappe Viertelstunde bei Staatssekretär Meißner auf und kehrte dann in den Kaiserhof zurück. Kurz vor 1412 Uhr erschien Adolf Hitler in Begleitung Görings vor dem Hotel und be- gab sich im Wagen in die Reichskanzlei. Die Menge brächte
auch jetzt wieder wie schon bei dem Erscheinen des Reichs togspräsidenten Göring Heil-Rufe aus.
Um VA Uhr verließ Hitler das Haus des Reichspräsi- deuten in seinem Kraftwagen. Inzwischen hatte sich in der Wilhelmstraße eine so große Menschenmenge angesammelt, daß es dem Wagen des nationalsozialistischen Führers schwer wurde, sich einen Weg zu bahnen. Die Menge durchbrach die Schupoketten und stürzte sich an das Ausfahrtstor des Präsidentenhauses heran, so daß es erst wieder geschlossen werden mußte Dann erst war es der Schutzpolizei möglich, die Straße so weit frei zu machen, daß der Wagen herausfahren konnte Aber auch in der Wilhelmstraße selbst gab es immer wieder Stockungen, so daß Hitler buchstäblich nur schrittweise vorwärts kam. Die Ovationen setzten sich fort, bis Hitler im Kaiserhof ausgestiegen war.
Am Sonnabenbnadjmifiaq empfing der Reichspräsident den Llaatsrat Schäffer für die Bayerische Volkspartei.
Die Sage nach dem Hitler-Empfang.
Berlin, 21. November.
Die innerpolitische Lage nach dem Hitlerempfang war am Sonnabend so, als wenn die Aussichten einer nationalen Konzentration, wie sie der Herr Reichspräsident anstrebt, günstiger geworden waren. 3m Augenblick war aber noch nicht zu überblicken,
ob Adolf Hitler mit der Regierungsbildung beauftragt wird.
Zu diesbezüglichen Gerüchten wurde in politischen Kreisen keine Stellung genommen. Man scheint erst die Entwicklung der Besprechungen zwischen Zentrum und NSDAP abwarten zu wollen. Außer einer Beauftragung Hitlers mit dem Versuch der Regierungsbildung ist auch,
möglich, daß ein „Homo regius" berufen wird, also eine Persönlichkeit, die im Auftrage Hindenburgs als ehrlicher Makler zwischen den Parteien eine Verständigung herbeiführt, ^.ie selbst d-rsiguie-tor Aeichs- kanzler zu sein. Hierfür nannte man vor allem Reichstags» Präsident Goering. = M
Aus der „Germania" geht hervor, daß dieses Werk Hindenburgs am Zentrum nicht scheitern soll. Eine ähnliche Stellung nimmt die „Kölnische Volkszeitung" ein, die hinzufügt, daß Zentrum und Bayerische Volkspartei völlig auf der gleichen Linie liegen.
Eisenbahnattentat auf Herriot
3m letzten Augenblick noch vereitelt
Paris, 21. November. Auf der Eisenbahnstreck« Paris—Nantes wurde Sonntag gegen 5 Uhr früh bei Angers festgestellt, daß die Schienen in einer Länge von zwei Metern aufgerissen waren. Der Zug, mit dem Ministerpräsident Herriot nach Nantes reiste, sollte einige Minuten später diese Stelle passieren, konnte aber rechtzeitig zum Stehen gebracht werden. Mit 50 Minuten Verspätung konnte der Zug ohne Unfall seine Reise fortsetzen. Herriot ist nach Nantes gereist, um dort an einer Feier zur Erinnerung an die Vereinigung der Bretagne mit Frankreich teilzunehmen.
Geheime kommunistische Umtriebe?
3m Zusammenhang mit dieser Reise erinnert „Matin" an den Bombenanschlag von Rennes und behauptet, die Untersuchung scheine darauf hinzudeuten, daß die Attentäter damals ein Attentat gegen Herriot selbst geplant hätten; das Blatt spricht von einer bre- tonischen Geheimsekte kommunistischer Tendenz.
Wie WTB. zu dem Anschlag noch erfährt, liegt der Tatort ganz in der Nähe von Puhgarmer. Um 5 Uhr früh hörte ein Wächter eine starke Detonation. Er ging dem Schall nach und fand die Eisenbahnstrecke auf zwei Meter Länge gesprengt. Er konnte noch so rasch die zuständigen Behörden unterrichten, daß die Strecke rechtzeitig gesperrt werden konnte.
Das mibslttttte Mental auf Herriot
Bretonisch« Autonomisten die Täter?
Paris, 21. November. Als Urheber des Anschlags- bersuchs auf den Zug des französischen Ministerpräsidenten bezeichnete Herriot dem Vertreter einer französischen Nachrichtenagentur in Nantes gegenüber Die gleichen bretonischen Autonomisten, die die geringe Anzahl ihrer Anhänger durch lärmende Agitation, nötigenfalls durch gewalttätige Zwischenfälle wettzumachen suchten. Der seinerzeitige Anschlag bei der Denkmalswerhe in Rennes, der gleichfalls auf das Konto dieser Kreise komme, solle von dem deutschen 3ournalisten Koerber finanziert worden sein. Man hätte ihm dies aber nicht beweisen können, und so sei er als unerwünschter Ausländer ausgewiesen worden.
Seit Sonnabend abend sind in Nantes acht breto- nische Autonomisten festgenommen worden, die aus Ren- nes, Paris und anderen Städten zugereist waren.
Txotz des verspäteten Eintreffens des? i 918 is
Danzigs Recht
Der Völkerbundskommissar hat gesprochen
Danzig, 21. November. In dem Danzig-polnischen Wirtschaftskrieg hat der Hohe Völkerbundskommissar nach dem Scheitern der Verhandlungen in Warschau nunmehr seine Entscheidungen gefällt. In diesen Entscheidungen ist in den wesentlichen Punkten der Danziger Auffassung Rechnung getragen worden.
Von größter Bedeutung für die Danziger Wirtschaft ist insbesondere die Bestimmung, daß die Danziger Wirtschaft das Recht auf den Weiterbezug ihrer eigenen Bedarfskontingente behält, und daß Polen die Grenze weder gegen die in Danzig nationalisierten Waren, noch gegen die in Danzig rechtmäßig veredelten Waren sper»
darf.
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Verschleierter Kriegszustand zwischen Japan und China
Genf, 21. November. Die Stellungnahme der japanischen Regierung zum Lytton-Bericht ist am Sonntag im Völkerbundsrat veröffentlicht worden. Danach behauptet Japan, daß die Arbeit der Lytton-Kommission sich insbesondere in den Hauptstreitpunkten auf sehr zweifelhaft« Zeugnisse stütze und diese Zeugnisse zu wenig kritisch behandelt worden seien. Der neue Mandschurei-Staat widerspreche nach Ansicht Japans keinen internationalen Verpflichtungen, und er bedeute die einzige befriedigende Grundlage für stabile Beziehungen.
Die Mandschurei und Japan lehnen die Einrichtung einer internationalen Kontrolle in der Mandschurei ab.
Der chinesische Botschafter Dr. Perl erklärte Pressevertretern, die Rechte, die von Japan in der „chinesischen Mandschurei" geltend gemacht würden, seien strittig und würden von Japan einseitig zu seinen Gunsten ausgelegt.
Japan hätte in der Mandschurei das Bandenwesen gefördert, und augenblicklich tobe an verschiedenen Stellen der Mandschurei ein organisierter Krieg. China und Japan befänden sich in einem verschleierten KrieaSruftand.
von Neurath in Gen!
Genf, 21. November. Reichsaußenminister Freiherr von N e u r a t h ist in Begleitung des Gesandten in Oslo, Freiherrn von Weizsäcker, und verschiedener höherer Beamter des Auswärtigen Amts in Genf eingetroffen, um an der heute 11 Uhr beginnenden Tagung des Völker- bundsrats teilzunehmen.
Rantes konnten die Feierlichkeiten zum Gedenken der Vereinigung der Bretagne mit Frankreich Programm
mäßig vonstatten gehen.
Herriot hat im Laufe des Sonntagabends die Rückreise nach Parts angetreten.
Koerber berichtigt Herriot
Zu der Erklärung Herriots, der deutsche Journalist Koerber hätte das Attentat auf das Denkmal in Rennes finanziert, teilt Koerber dem WTB. mit, daß die von Herriot gemachte Aussage den gerichtlich festgelegten Tatsachen widerspreche. Koerber habe nicht einen Centime gegeben. Die beiden als Zeugen gegen ihn aufgeführten Autonomisten hätten ihn nach einem vergeblichen Unter- stützungsversuch vollkommen enttäuscht verlassen, da sie einsahen, daß er mit ihrer Bewegung keinerlei Sympathie habe und daß er auch keinerlei Beziehungen zu Hitler besitze.
Amerika und die Kriegsschulden
Roosevelt in Washington
Neuhork, 21. November. Wie der zukünftige Präsident Roosevelt mitteilte, wird er diese Woche in Washington die amerikanische Haltung in der Frage der Kriegsschulden mit dem Präsidenten Hoover erörtern. Es werde übrigens keine Entscheidung über eine Verlängerung des Hoover-Moratoriums oder über eine Revision der Schulden der europäischen Staaten getroffen, die der Kongreß nicht zuvor gutgeheißen habe.
Die Stimmung Amerikas scheint wegen der Schulder^ frage für Europa nicht gerade günstig Z» sein. Nach einer Umfrage der „New Pork Times" hat die Mehrheit der amerikanischen Oeffentlichkeit alle Vorschläge ener- aisch abgelehnt, die mit einer Verlängerung des Hoover- Moratoriums oder der Schuldenstreichung Zusammenhängen.
Der Chaco-Krieg geht weiter
La Paz, 21. November. Die Reserven der Jahrgänge 1923 bis 1929 der bolivianischen Armee sind zu den Fahnen gerufen worden, um die Feindseligkeiten gegen Paraguay in Gran Chaco fortzusetzen.