HersMer Tageblatt
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Reisfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
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Druck unb Berlag von Ludwig Funk« Buchdrucker«! in Hersfeld, Mitglied des BDJB.
Nr. 281
Mittwoch, den 30. November 1932
82. Jahrgang
Der Songreß tanzt
Wer kennt nicht das Filmstück des vorjährigen Winters vom tanzenden Kongreß mit den wechselnden Szenen und glänzenden Bildern, mit den zahlreich auftvetenden Handelnden Personen, den einschmeichelnden Melodien und den fast liebenswürdig wirkenden Jntrigen. Es ist in Hunderten von Orten über die Leinwand gegangen und hat sich selbst die Herzen der Londoner erobert. Während man verhandelte, tanzte und intrigierte und zu keinem Abschluß kommen konnte, landete am europäischen Gestade der Korse, um noch einmal sein Glück zu versuchen. Und der Kongreß war aus.
Erleben mir nicht in diesen Tagen und Wochen einen neuen tanzenden Kongreß? Das englische Pfund bei einer Goldparität von 20,40 Mark erlebte im Laufe des Dienstag I einen neuen Tiefenrekord von 13,42 Mark. Das ist ein „Er- | folg" jener internationalen Politik, die umfassende Probleme zu lösen berufen sein soll und doch zu keiner Klärung kommt, weil man überall Sonderinteressen zu vertreten sucht, und dabei das große einheitliche Ziel aus den Augen verliert. Man ist entsetzt in London darüber, daß man in Washington den verschiedensten Moratoriumsersuchen eine kalt ablehnende^Antwort erteilt. In Frankreich natürlich versucht man, die Schuldfrage für diese Wendung der Dinge zu verschieben und den von Amerika ausgehenden Druck auf die europäischen Rüstungs-Staaten an Deutschland weiterzu- geben. Jedenfalls wird in Paris verschiedentlich der Auffassung dahin Ausdruck gegeben, daß Frankreich bei Ablehnung des Moratoriumsgesuchs durch Amerika Deutschland in einer Note die Abmachungen von Lausanne formell anul» lieren und die Wiederaufnahme der Reparationszahlungen verlangen soll.
In der sogenannten Abrüstungsfrage versucht man, durch Aufstellung neuer Punkte das alte Ziel zu verschleiern. um es durch neue Bedingungen und Voraussetzungen um so entschiedener wieder herauszustellen. Der amerikanische Delegierte auf der Abrüstungskonferenz-, Norman Daois. hat einen neuen Vermittlungsvorschlag unterbreitet, der dem französischen Vorbehalt in vielen Punkten Rech-
' '^ »"^ ^» - i > । w ^ ganzen Problems, der Gleichberechtigung, einem Kompromiß nähert, das für Deutschland nicht in Frage kommen kann. Man redet und intrigiert sich immer mehr auseinander und schließt die Augen, um nicht zu sehen, welche Gefahren sich im Hintergrund mehr und mehr für die Völker auftürmen. Dort, wo man aus Gründen des Rechts und der Wahrheit zupacken müßte, um diese Gefahren zu bannen, wagt man den mutigen Schritt nicht, weil sich der eine oder andere dadurch in seinen vermeintlichen Rechten beeinträchtigt fühlen könnte. Selbst ein Churchill erkennt jetzt die Revision der deutschen Ostgxenze als notwendige Vorbeugungsmaßnahme gegen einen neuen europäischen Krieg (I!) an — aber wendet sich gleichzeitig gegen die deutsche Gleichberechtigung aus angeblicher Besorgnis vor einem deutsch-französischen Rüstungseinverständnis.' In der Kriegsschuldenfrage argumentiert der. neue Vorsitzende des Finanzausschusses im amerikanischen Senat, Harrison. deshalb gegen die Kriegsschulden streichung, weil dadurch „Deutschland fast schuldenfrei und damit der hauptsächlichste Konkurrent in der Welt sein würde"!
Und was tun wir in Deutschland? Wir sehen, wie an allen Ecken und Enden deutsche Lebensfragen auf dem Spiele stehen, so daß eine starke Regierung und ein einheitlicher nationaler Wille so bitter notwendig wären wie das tägliche Brot. Aber: wir können uns darüber nicht verständigen, wer bit deutsche Politik führen und wie man sie führen soll. Verhandelt man mit der einen Seite, ist die andere bös,' und versucht man sich mit jener zu verständigen, nimmt es diese "wieder übel. Verhandelt man nicht, stehen die Volks- rechte in Gefahr, zieht man die Parteien heran, kommen angeblich die Interessenten zu kurz'
Seit fast vierzehn Tagen bemüht man sich um einen neuen Kanzler. Bald soll es Hitler sein, bald Kaas. Dann wieder Papen, plötzlich Schleicher, dann bestimmt wieder Papen, und schließlich stimmt weder die eine noch die andere Kombination. Was vormittags geklärt zu sein scheint, ist am Nachmittag eine Irreführung. Steht man vor einer Entscheidung, fehlen hierzu plötzlich die Voraussetzungen. Hat Schleicher mit Straßer gesprochen, oder wird er Hitler treffen? Niemand gibt aus alle diese Fragen eine klare Antwort. Offenbar weiß niemand etwas, jedenfalls lauten alle Nachrichten und Informationen durch- und gegeneinander.
Und ganz zwischendurch liest man eine kleine Nachricht, daß „wieder ein kommunistische- Schwartender" an der Arbeit war. und durch ein kommunistisches Flugblatt wiü ang'ekündigt daß „nicht nur mit einem sondern mit vier Sendern von größerer Energie gefunkt werde". Ist das der Napoleon, der in diesen tanzenden Kongreß, in diesen Wirr warr von Kombinationen und Instruktionen, von Fühlungnahmen und Jntrigen hineinplatzt und zu entschlossener Tat zwingt? Während sich die Völker streiten und sich gegenseitig zu übervorteilen suchen, zieht Moskau ungestört von seinen Feinden ringsum sein Netz über die Welt. Möge der „Kongreß" nicht zu spät erkennen, welche Gefahren hier )rohen; möge vor allen Dingen das deutsche Volk nicht zu pät erkennen, daß Einigkeit heute nötiger denn e ist. Wenn sich keine Regierung auf parlamentarischer Ba- is erreichen läßt, dann sollte man wenigstens so viel Ueber- egung haben, daß man sich zu einer Notgemeinschaft zusammenfindet, um zu handeln, ehe es z u spät ist.
Schleicher verhandelt mit Hitler
Der Führer der Nationalsozialisten erörtert heute in Berlin mit dem Bevollmächtigten Hindenburgs die letzten Möglichkeiten zur Lösung der Krise
Allerletzter BerM
Schleichers Aussprache mit Hitler
Berlin, 30. November.
Der Dienstag war ein Krifentag erster Ordnung. Ge rüchte und Kombinationen jagden einander, so daß selbs dem politisch geschulten Beobachter in den Abendstunden bb Lage als heillos verworren erschien. Nachdem es am früher Morgen zunächst den Anschein hatte, als ob es dem Bevoll- mächtigten des Reichspräsidenten, dem Reichswehrministe> von Schleicher, gelingen könnte, ein Kabinett zustande zu brim gen, das zwar auch keine parlamentarische Me.hrheit hätt, aufweisen können, immerhin aber vielleicht das große Ge wicht maßgebender wirtschaftlicher Faktoren, so die Gewerk schaften und große Wirtschaftsverbände bei der Durchfechtun; seines wirtschaftlichen Notprogramms für den Winter in bb Waagschale zu werfen gehabt hätte, wurde um die Mittags zeit — auch durch die Presse — die Nachricht verbreitet, das Schleicher bereits endgültig gescheitert sei und man die unmittelbar bevorstehende erneute Berufung des Herrn von Papen zum Reichskanzler erwarte.' Die zweite Regierung von Papen werde, so hieß es, angesichts ihre: parlamentarischen Schwäche den Charakter eines Kampfkabinetts tragen und notfalls den Reichstag bis auf weiterer vertagen oder gar erneut auflösen lassen. Der amtliche Wi derruf ließ nicht lange auf sich warten. Es wurde gemeldet daß Schleicher weiterverhandele. Es folgte die Absage de.« Nationalsozialisten Strasser, der es ablehnte. mit Schleiche: zu verhandeln.
Als dann der nationalsozialistische Fraktionsführer Dr Fc'ck den Reichswehrminister darauf hinwies, daß nur mi Hitler selbst Verhandlungen möglich seien, wandte sich Heri von Schleicher an den Führer der Nationalsozialisten, dei bereits außerhalb Berlins weilte. Adolf Hitler entschlaf sich, der Einladung Folge zu leisten und hat sich inzwischen nach Berlin begeben, mo nunmehr Besprechungen stattfinden die entscheidenden Charakter tragen. Am heutigen Mittwoch wird es sich endgültig entscheiden, ob es trotz allem vor aasgegangcuen doch noch gelingt, eine breite Basis, gleick e'chen Charakters, zustande zu bringen, auf die gestützt ein, Prüstdialregierung das Reichsschiff durch die schweren Win- lermonake hindurchsteuern könnte, bis, wie man allseits zu ^ersichtlich hofft, eine kräftige Wirtschaftsbeleb^ng im Früh- ahr die innerpoNkische Lage entspannen und den Weg zur olilischen Klärung frei machen kann.
Vor der Entscheidung
Berlin, 30. November.
In politischen Kreisen erwartet man die Entscheidung über die Persönlichkeit des neuen Reichskanzlers nun für den heutigen Mittwoch. Die Voraussetzung allerdings ist, daß die Fühlungnahme zwischen dem Reichswehrminister und Adols Hitler bereits heute beendet wird. Nach der Zusammenkunft Hitlers mit General von Schleicher findet dann die entscheidende Konferenz beim Reichspräsidenten statt, an der mieber Staatssekretär Dr. Meißner, Reichskanzler von Papen und General von Schleicher teilnehmen. Am Dienstag ging bereits eine Besprechung im gleichen Kreise voraus; ihr kam . Her nur die Bedeutung eines Zwischenberichts zu.
Ohne das Ergebnis der Besprechung zwischen dem Reichswehrminister und Adolf Hitler vorwegnehmen zu kön- nen, glaubt man nach der ganzen Stimmung, die aus na- tionalsozialistischen Kreisen bekanntgeworden ist, nicht daran, daß Hitler die Tolerierung eines Kabinetts Schleicher zugestehen wird. Für den Reichspräsidenten ergibt sich dann die Frage, ob er die Neubildung des Kabinetts dem Reichskanzler von Papen oder dem General von Schleicher übertragen wird. Diese Frage ist im Augenblick noch nicht zu beantworten.
NSDAP. gegen einen „IBaffenJtillftnnb“
Der Letter der Reichspressestelle der NSDAP, Dr. Dietrich, schreibt in einem Artikel „Mut zur Wahrheit , nach Lage der Dinge könne über die Haltung der NSDAP gegenüber Den ^versuchen, ihre Unterstützung oder Tolerierung für ein irgendwie geartetes Präsidialkabinett zu gewinnen, kein Zweifel sein.
Der Weg der NSDAP führe nur über Adolf Hitler.
Ohne ihren Führer sei diese Bewegung nicht zu haben.
Ein „Waffenstillstand" in diesem Augenblick könne kein Waffenstillstand des deutschen Volkes sein, das eine neue, ausbaufähige und volksverwurzelte Staatsführung haben » H, aber keine Regierungsexperimente, die schnellstens zu liquidieren die Pflicht aller Verantwortlichen sei.
Eine solche Berfch-c erungs- und Verschleppungstaktik könne die NSDAP nicht vertreten, wer auch immer sie dazu auffordere.
„Gesunde Wirtschaft im starken Staat"
Der Rekchsfinanzminister über die deutschen Finanzen.
Berlin, 80. November. In der Hochschule für Politik sprach am Dienstaaabend Reichsfinanzminister Graf Schwerin von Krosigr über die Entwicklung der öffentlichen Finanzen.
Nach den Ausführungen des Ministers ist seit 1929 ein Steuerausfall bon sechs Milliarden Mark eingetreten. Die sonstigen Einnahmen seien um 2,2 Milliarden Mark gesunken.
Demgegenüber seien die Ausgaben für die gesamte Arbeitslosenfürsorge um IVa Milliarden Mark gestiegen und würden sich um weitere 1 bis iy2 Milliarden Mark erhöht haben, wenn nicht Kürzungen der Unterstützungssätze und andere Sparmaßnahmen seit 1930 durchgeführt worden wären.
Der Minister legte dann den Zusammenhang zwischen den Steuergutscheinen und einem Arbeitsbeschaffungs» Programm dar und trat weiter den Besorgnissen entgegen, die hinsichtlich einer zu starken Belastung künftiger Jahre in der Oeffentlichkeit geäußert worden sind.
Die Belastung der Jahre 1983 bis 1938 würde zwischen 125 und 200 Millionen Mark jährlich aus Schahanwei- sungen unb aus Steuergutscheinen jährlich 300 bis 500 Millionen Mark betragen, je nach dem Ausmaße der Verwendung von Steuergutscheinen für Mehreinstellung von Arbeitern.
Der Redner schloß mit einem im ganzen doch zuversichtlichen Ausblick in die Zukunft unter der Borans- setzung, daß ein gewisses Vertrauen in die Stabilität der )>oüüj4Kn .^ Verstelle und daß die
Wirtschaft selbst den Weg zu ihren alten guten Prinzipien zurückfinde, und machte sich das jüngst in Düsseldorf geprägte Wort zu eigen: „Gesunde Wirtschaft im starken Staate".
Amerikas AbrMtingroorfchlöge? Die Aussprache Norman Davis—Herriot.
Paris, 30. November.
Die langen Unterredungen des amerikanischen Delegierten auf der Abrüstungskonferenz, Norman Davis, mit dem französischen Ministerpräsidenten Herriot über die Kon- ferenzlage werden in der Presse ausführlich besprochen. Dar zumeist gutunterrichtete „Echo de Paris" glaubt die Anregungen, die Norman Davis dem Ministerpräsidenten Herriot gegeben hat, folgendermaßen zusammenfassen zu können:
1. Bewilligung der Gleichberechtigung für Deutschland
2. Diese Gleichberechtigung werde, und zwar durch die Abrüstung Frankreichs und der übrigen Staaten, nicht aber durch die Mufrüfking Deutschlands, erst nach einer gewissen Zeit durchführbar sein, die man dazu benutzen werde, gewisse Sicherheitsgarantien zu definieren und wenn möglich in Kraft zu sehen. vom französischen Plan werde nur der Punkt festgehalten, der die Ersetzung der Reichswehr durch ein Heer mit kurzfristiger Dienstzeit vorsehe.
3. Das am 23. Juli von der Allgemeinen Kommission der Abrüstungskonferenz angenommene Programm der qualitativen Abrüstung werde sofort angewandt werden und als Ausgangspunkt dienen.
4. Die amerikanische Delegation sei der Ansicht, daß die Verständigung Frankreichs, der Vereinigten Staaten, Englands und Italiens auf der oben angebeuteten Grundlage möglich sei. Auf diese Weise werde Deutschland seine Zustimmung geben, und andererseits werde Frankreich nicht mehr isoliert sein.
5. Endlich sehe der Plan Norman Davis' den Abschluß eines französisch-italienischen Flottenabkommens vor, mit dem sich gegenwärtig die Marinesachverständigen beschäftigten.
Der Außenpolitiker des „Echo de Paris" hält diese amerikanischen Anregungen für völlig unannehmbar. Der Glaube an die Gültigkeit von Sicherheitsgarantien, die etwa die Vereinigten Staaten geben könnten, habe einen gefährlichen Stoß erhalten an dem Tage, an dem Hoover die llnab= Hängigkeit der Schulden von den Reparationen trotz der im Januar 1931 ausdrücklich gegebenen Versprechungen gefordert habe.
Japans Flottenpliine
Der Führer der japanischen Marineabordnung auf bet Abrüstungskonferenz, Vizeadmiral Nogano, will am Freitag in Genf Japans Flottenabrüstungsplan bekanntgeben. Es verlautet, daß es das Hauptziel des japanischen Planes sei, die Angriffsmittel der Seestreitkräfte zu verringern. Wie es heißt, wird u. a. vorgeschlagen werden, die völlige Beseitigung der Flugzeugmutterschiffe, falls Kreuzer mit Landungsdeck für Flugzeuge verboten werden, Herabsetzung der Größe der Schlachtschiffe auf 25 000 Tonnen und des Geschützkalibers auf 35 Zentimeter. Beibehaltung der U-Boote unter 2000 Tonnen und Verminderung der Zahl der Schlachtschiffe um 30 Prozent.