Hersfelöer Tageblatt
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Reisfelder Kreisblatt
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s: r. 283
Ergebn!? der Woche
Frankreich „zahlungsunfähig"!
Die Weigerung Amerikas auf Stundung der am 15. Dezember fälligen Schuldenrate hat eine völlige Verschiebung der internationalen politischen Gesamtlage herbeigeführt. Die von Frankreich bisher immer gegen Deutschland beliebte Taktik, eine Einheitsfront der interessierten Mächte gegen den „Gegner" rufzurichten, hat die gegenteilige Wirkung gehabt, die man Damit verfolgte, und die man Deutschland gegenüber — begreiflicherweise! — immer mit Erfolg anwenden konnte. Amerika hat deutlich zu erkennen gegeben, daß es es ablehne, mit den Kollektivmächten zu verhandeln, da jedes einzelne Land entsprechend seiner finanziellen und politischen Gesamtlage anders zu behandeln sei. Man hat sich deshalb in London wie in Paris beeilt, wenigstens äußerlich Einzelverhandlungen zu versuchen, indem die auf Stundungsantrag hinauslaufenden Noten inhaltlich und auch technisch getrennt in Washington überreicht wurden. Das Verhalten Amerikas geht von der Erwägung aus, daß nach amerikanischer Auffassung die Lage Frankreichs mit feinen gewaltigen Goldvorräten und seiner noch immer intakten Wirtschaft ganz anders zu behandeln sei wie England, dessen Währung durch die umfangreichen Goldabzüge des letzten Sommers und durch feine wirtschaftliche Erschütterung starken Angriffen ausgesetzt ist. In der am 30. November in Washington eingetroffenen englischen Note wird grundsätzlich die Bereitschaft zur Zahlung der entsprechenden Rate in Gold ausgesprochen, andererseits aber auf die bedenklichen Rückwirkungen nicht nur für die englische Währung, sondern auch für die wirtschaftliche Gesamtgestaltung in der Welt hingewiesen. Von der französischen Note weiß man nur aus Andeutungen in der französischen Presse, daß Frankreich erklärt, daß es im Augenblick nicht in der Lage sei, zu zahlen, da ich her „französische Staatsschatz in einer außerordentlich chwierigen Lage befinde"! Die französische Note versucht dann, eine „gegebene Verbindung" zwischen Kriegsschulden und Tributzahlungen nachzuweisen, die auch in Lausanne als bestehend angenommen worden sei. Indirekt macht die Note Hoover dafür verantwortlich, daß Frankreich nicht zahlen könne, da durch sein Vorgehen „diedeutschenTri-
4*wt- - Mumi fteur Pram- reich vor aller Welt die an sich bekannte Tatsache fest, daß Frankreich die deutschen Reparationen verlangt hat, um aus diesen Beträgen nicht nur seine Schulden zu tilgen, sondern darüber hinaus seine Fonds für die Rüstungen zu füllen. Im übrigen hat Herriot in einer Ansprache vor der Internationalen Handelskammer versucht, sich als den friedfertigen und versöhnungsbereiten Staatsmann hinzustellen, der „nichts gegen Deutschland im Sinn" hat, vielmehr nur dar Ziel verfolgt, den „Triumph der Versöhnlichkeit" -u erreichen.
* Kritische Donnerstage.
Es ist ein Zufall und doch eine interessante Tatsache: schon zum dritten Male innerhalb von 14 Tagen spitzen sich die innerpolitischen Verhältnisse gerade Donnerstags zu einer mit Spännung erwarteten Entscheidung zu. Vor 14 Tagen trat das Kabinett von Papen zurück, vor 8 Tagen erledigte sich der Auftrag Hindenburgs an Hitler und am letzten Donnerstag entschied sich die Frage Schleicher mit oder ohne Hitler. Es waren nicht gerade erfreuliche 14 Tage, die eine Klärung der Krise bringen soll- ten. Die Entscheidungen wurden immer wieder hinausge- schoben und die Unzufriedenheit über das angebliche Zögern der zuständigen Stellen nahm von Tag zu Tag zu. Man wird aber nicht behaupten können, daß nicht alle in Frage kommenden Lösungen durchgeprüft worden sind. Man hat es auf parlamentarischem, auf präsidialem und halbparlamentarischem Wege versucht. . Das Ergebnis ist. immer wieder dasselbe, nämlich ein völliges Versagen der Parteien bzw. des Parlamentarismus. Mehrheitsbildungen, wie sie zur parlamentarischen Regierung notwendig sind, sind nach der bisherigen Parlamentsarithmetik nicht denkbar. Deshalb wohl ging das Ziel Schleichers einen bisher kaum ernsthaft beschrittenen Weg, nämlich die Heranziehung der einzelnen Wirtschaftsfaktoren, die in ihrer Gesamtheit einen wesentlichen Teil des deutschen Volkes umfassen. Von besonderem Interesse ist dabei der Versuch Schleichers, sich mit den Gewerkschaften auf der einen und den Wirtschaftsführern auf der anderen Seite zu verständigen. In einer Besprechung, die Minister von Schleicher am 28. 11. mit Vertretern des Vorstandes des Allgemeinen Deutschen Ge- werkschaftsbundes hatte, hat man das ganze Problem der Arbeitsbeschaffung mit allen sich daraus ergebenden sozial- und lohnpolitischen Fragen erörtert. Der Gewerk- schaftsbund hat auf Wunsch des Ministers seine Forderungen schriftlich niedergelegt. Neben bekannten gewerkschaftlichen Forderungen ist darin eine bemerkenswerte Annäherung an den Gereke-Plan hinsichtlich der Arbeitsbeschaffung durch öffentliche Auftragserteilung festzustellen. In politischen Kreisen wurde diese Tatsache mit stärkstem Interesse hervorgehoben und darauf hingewiesen, daß in den voraufgegangenen Verhandlungen der Präsident des Deutschen Landgemeindetages eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Wenn auch die Ankündigung einer Regierungsfront von Hugenberg bis Breitscheid kaum den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen dürfte, so läßt der Inhalt der von Schleicher geführten Verhandlungen doch immerhin den starken Willen erkennen, eine breitere Grundlage für eine neue Regierung vorzubereiten. Ein dem Reichspräsidenten am Donnerstagabend erstatteter Bericht dürfte dies bestätigt haben.
Freilag. den 2. Dezember 1932
KiilzeitiMmi auf MlMsßWN
Politische Lage noch völlig ungewiß — Endgültige Absage der Nationalsozialisten — Empfang Hugenbergs
Berlin, 2. Dezember.
v Die gestrige Konferenz beim Reichspräsidenten dauerte' etwa 1Vs Stunden. Nach den Auskünften die bisher zu erlangen waren, hat sie eine Entscheidung noch nicht gebracht. Es wird hinzugefügt, daß die Entscheidung wahrscheinlich heute mittag bekanntgegeben wird. Daraus läßt sich vielleicht entnehmen, daß bis dahin noch weitere Besprechungen stattfinden sollen. Rein stimmungsmäßig muß man den Eindruck haben, daß wieder alles offen ist, auch was br Frage der zu beauftragenden Kanzlerpersönlichkeit ‘Wnat
ßu der gestrigen Abendkonferenz erfahren wir noch, über die fachlichen Fragen des Programms der künf
tig.,! Regierung ein abschließendes Ergebnis erzielt worden sein dürfte. Die Frage der Persönlichkeit des neuen Reichskanzlers ist vollkommen offen.
Die Chancen für Reichskanzler von Papen und General von Schleicher werden in politischen Kreisen mit 1:1 gekennzeichnet.
In diesem Zusammenhänge wird auch betont, daß die Antwort der Nationalsozialisten vollkommen negativ ausgefallen ist, so daß sich nicht mehr die geringste Wahrscheinlichkeit einer Unterstützung oder Tolerierung eines Kabinetts von Schleicher erwarten läßt. Daraus ergibt sich wohl, daß nun General von Schleicher nicht mehr allein im Vordergründe ist, sondern die Aussichten sich auf tf)n vnrd
Es steht schon jetzt fest, daß die neue Reichsregierung
Die britische Note an Amerika
Reparationen und Kriegsschulden
London, 2. Dezember.
In der nunmehr im Wortlaut bekannten neuen britischen Note an Amerika wird besonders eindringlich betont die tiefe Ueberzeugung der britischen Regierung, daß eine Wiederaufnahme der Kriegsschuldenzahlungerr wie sie vor dem Hoover-Memorandum bestanden, unvermeidlich die Depression im Welthandel verschärfen und verhängnisvolle Folgen für jede Nation zeitigen werde
Die Note weist mit Nachdruck darauf hin, daß das System der zwischenstaatlichen Schulden einen der wichtigsten Gründe für die Untergrabung des Vertrauens darstellt. Wirtschaftliche Anleihen würden sich durch ihr« Produktivität selbst liquidieren, Reparationen und Kriegsschuld^! aber seien Ausgaben für Zerstörung, die nichts Herr, fingen, womit sie zurückgezahlt werden könnten.
T»rf lange Sicht können internationale Schulden nur in der Form von Waren oder Diensten gezahlt werden.
Es liegt in der Macht der Regierungen der Welt und besonders der Vereinigten Staaten und Groß-Britan- niens, als der beiden größten Gläubigernationen, wenn sie sich Zur Zusammenarbeit zusammenfinden, den ersten und wesentlichen Schritt auf dem Wege zur Abwendung des finanziellen, wirtschaftlichen und politischen Unheils zu gehen.
Wenn die Zahlung der für die britische Kriegsschuld an die Verein ; en Staaten fälligen Summen wieder auf- genommen werden soll, so würde die britische Regierung verpflichtet sein, die Frage der Zahlungen ihrer eigenen Schuldner wieder zu eröffnen. Die Schuldnerländer würden ihrerseits Zahlungen Deutschlands zu fordern haben, und Groß-Britannien würde dasselbe tun müssen. Ohne eine Regelung der Kriegsschuldenverpflichtungen könne das Lausanner Abkommen nicht ratifiziert werden. Die Frage der Reparationen würde ungeregelt bleiben. Die Besserung im Vertrauen, die auf die Lausanner Vereinbarungen folgte, würde wieder zunichte gemacht werden, und zahlreiche ernste politische und finanzielle Probleme, die jetzt unter Erörterung stehen, würden dadurch verhängnisvolle Ergebnisse haben.
Frankreich verweigert Zahlung?
Paris, 2. Dezember.
Der Vorsitzende des Gesetzgebungsausschusses der Kammer, Abgeordneter Heß, hat den Text einer Entschließung ausgearbeitet, durch die die Kammer aufge- fordert wird, der Regierung zu bedeuten, die Zahlung an Amerika am 15. Dezember zu verweigern.
Amerika ist enttäuscht
Washington, 2. Dezember. Die englische Note wird
82. Jahrgang
eine Politik macht, die nicht mehr davon abhängig ist, welche von beiden Persönlichkeiten an ihrer Spitze stehen wird. Daraus darf man wohl schließen, daß auch das Regierungsprogramm Papens sich fast ausschließlich auf die wirtschaftlichen Fragen konzentrieren dürfte.
Heute mittag wird nun noch Geheimrat H u g e n b e-r g vom Reichspräsidenten empfangen werden und dann soll im Laufe des Nachmittags endgültig die Entscheidung auch in der Personenfrage fallen.
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Die Reichspressestelle der NSDAP. veröffentlicht eine Erklärung, in der es heißt:
„Gegenüber den von politisch interessierter Seite systematisch in die Oeffentlichkeit gebrachten Meldungen, wonach Adolf Hitler zugesagt, mitgeteilt oder auch nur beabsichtigt habe, zu Verhandlungen über die Regierungsbildung mit irgendwelchen amtlichen Stellen nach Berlin zu kommen, wird hiermit parteiamtlich festgestellt, das alle diesbezüglichen Meldungen frei erfunden sind, um die öffentliche Meinung zu verwirren.
Zu derartigen Verhandlungen mit den zurzeit in Berlin mit der Kabinettsbildung befaßten Persönlichkeiten lag und liegt für die NSDAP. keinerlei Anlaß vor, da ja Adolf ! Hitler bereits am 23. November dem Herrn Reichspräsidenten seinen der Oeffentlichkeit bekannten festumrissenen, klaren und eindeutigen Vorschlag zur Lösung der Regierungskrise in allerkürzester Frist unterbreitet hat. Die Entscheidung über Annahme oder Ablehnung dieses Vorschlages, der im Interesse von Volk und Vaterland unter Umgehung aller wr- i wirrenden ^Begriffe gemacht v klarheiten läßt, lag und liegt nicht bei der NSDAP.
zerstören die Weltwirtschaft
in Wazylnglon allgemein als diplomatisches Meisterstück bewundert. Der Inhalt bereitete aber Enttäuschung, weil man fest geglaubt hatte, daß die amerikanische Antwort I auf die erste britische Note die Unmöglichkeiten des Auf- ' schubs der Dezemberrate überzeugend dargelegt habe.
Die englischen Ausführungen könnten nicht als Grund für die Nichtzahlung der am 15. Dezember fälligen 95 Millionen Dollar benutzt werden.
Die französische Note, die man für heute erwartet und die einen ähnlichen Wortlaut wie die englische haben soll, dürfte nicht zur Beruhigung der enttäuschten Gemüter beitragen.
In Washington besteht keinerlei Neigung, auf französische Wünsche einzugehen.
Eine neue Note Polens
Washington, 2. Dezember.
Der polnische Botschafter hat dem Unterstaatssekretär mitgeteilt, daß die polnis '.e Regierung eine neue Note in der SchuEAnfrage bot fette, die wahrscheinlich binnen 14 Tagen in Washington überreicht werden werde.
Vertrauensvotum für Herriot
Paris, 2. Dezember.
Als Abschluß der Interpellatir . ebatte über die Vermittlungsgebühren an die Banken für die Konvertierungsoperation nahm die Kammer mit 371 gegen 185 Stimmen eine Tagesordnung an, die der Regierung das Vertrauen ausspricht.
Im Verlauf der Debatte in der Kammer hatte Finanzminister Germain-Martin auf die Angriffe der Interpellanten erklärt, daß die Konvertierung selbst ein Erfolg gewesen und loyal durchgeführt worden sei.
Ministerpräsident Herriot hatte betont, er hätte nie geglaubt, daß er sich eines Tages gegen den Verdacht, den Banken in die Hände gearbeitet zu haben, werde verteidigen müssen.
Die neue belgische Kammer
Prüssel, 2. Dezember. Die neue Kammer der Abge- ordneten setzt sich nach den endgültigen Wahlergebnissen folgendermaßen zusammen:
Katholiken 79 (plus 3), Liberale 24 (minus 4), Sozialisten 73 (plus 3), Flämische Nationalisten 8 (minus 2), Kommunisten 3 (plus 2), insgesamt 187 Abgeordnete.