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Hersfelöer Tageblatt

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Nr. 285

Montag, den 5. Dezember 1932

82. Jahrgang

Kabinett Schleicher vollständig

Berlin, 5. Dezember.

Der §err Reichspräsident hat den Reichsminister Ge- neral der Infanterie a. D. von Schleicher zum Reichs­kanzler ernannt und ihn bis auf weiteres mit der Wahr­nehmung der Geschäfte des Reichswehrministers beauf­tragt. Der Reichskanzler ist gleichzeitig zum Reichskom­missar für das Land Preußen bestellt worden.

Weiter wurden ernannt: Der bisherige Reichsminister ohne Geschäftsbereich Dr. Bracht zum Reichsminister des Inneren, der Präsident der Reichsanstalt für Ar­beitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung und Reichs­kommissar für den Freiwilligen Arbeitsdienst Geheimer Regierungsrat Dr. Shrup zum Reichsarbeitsminister, ferner bestätigte der Reichspräsident den Reichsminister Freiherr von Reu rath in seinem Amte als Reichs- minister des Auswärtigen, den Reichsminister Graf Schwerin von K r o s i g k als Reichsminister der Finan­zen, den Reichsminister Dr. G L r t n e r als Reichsmini­ster der Instiz, den Reichsminister Freiherr von Rübe- nach als Reichspost- und Reichsverkehrsminister sowie den Reichsminister Dr. Popitz als Reichsminister ohne Geschäftsbereich. Außerdem ernannte der Reichspräsident den Präsidenten des Deutschen Landgemeindetages, Land­rat a.D. Dr. Gereke, zum Reichskommissar für Ar­beitsbeschaffung.

Der Herr Reichspräsident hat schließlich am Sonntag auf Vorschlag des Reichskanzlers die Reichsminister Dr. W a r m b o l d und Freiherrn von Braun in ihren Aem­tern als Reichswirtschaftsminrster bezw. Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft bestätigt.

Die neuen Männer in der Reichsregierrjng.

Minister Friedrich Syrup wurde am 9. Oktober 1881 in Lüchow (Hannover) geboren, studierte Maschinenbau, machte das Diplomingenieur-Examen, promovierte im An­schluß zum Dr. jur., ging an die Preußische Gewerbeauf­sichtsverwaltung und wurde 1918 Geheimer Regierungs­rat im Handelsministerium. Im Jahre 1919 trat er in

Arbertsvermittlung und Arbeitslosenversicherung.

Reichskommissar Dr. Günther Gereke wurde 1893 auf Rittergut Gruna (Kr. D e l i tz s ch) geboren, stu­dierte Rechts- und Staatswissenschaften, stellte sich sofort als Kriegsfreiwilliger und wurde mehrfach schwer ver­wundet. Im April 1919 wurde er Landrat im Kreis Torgau, wurde 1919 als Deutschnationaler in den Pro- Vinziallandtag gewählt, aber wegen völkischer Einstellung trotz des heftigen Widerspruchs der gesamten Kreisbevöl­kerung seines Amtes enthoben. Dr. Gereke nahm seinen Abschied, übernahm die Bewirtschaftung seines Gutes und gehörte von 1924 bis 1928 dem Reichstag als Deutsch­nationaler an. Als Vorsitzender des Deutschen Land- gemeindetages wurde er 1928 in den Reichswirtschaftsrat berufen und ging im Jahre 1930 als Abgeordneter der Christlich-nationalen Bauern- und Landvolkpartei wieder in den Reichstag.

Die Opposition der NSDAP

DerAngriff veröffentlicht eine parteiamtliche Erklä» rung der NSDAP, in der es u. a. heißt:Die NSDAP. lehnt jede Tolerierung eines Kabinetts Schleicher als mit dem Willen des Volkes nicht vereinbar klar und unzweideu­tig ab." Zur Begründung dieser Haltung wird in der Er­klärung darauf hingewiesen, daß die Nationalsozialistische Partei sich zu dieser Ablehnung dem Volke gegenüber ver­pflichtet fühle, daß sie aber nicht nur jederzeit bereit sei, die Verantwortung zu übernehmen, sondern ihrerseits auch nichts unversucht lassen wolle, damit die verantwortliche Staatsführung, die sie zur Rettung des deutschen Volkes unumgänglich brauche, in ihre Hand gelegt werde. Daher aber werde und müsse sie jedes Kabinett bekämpfen, das dieser Entwicklung den Weg versperre.

Hmdendurg dankt Papen

Reichspräsident von H i n d e n b u r g hat an den scheidenden Reichskanzler von Papen nachstehendes Schreiben gerichtet:

Sehr geehrter Herr Reichskanzler! Ihrem Anträge um Entlassung aus den Aemtern des Reichskanzlers und des Reichskommissars für das Land Preußen habe ich durch die anliegende Urkunde entsprochen. Schweren Herzens und nur veranlaßt durch Ihre persönlichen Vorstellungen lasse ich Sie in Würdigung der mir vorgetragenen Gründe aus diesen Aemtern scheiden; mein Vertrauen und meine Ach­tung für Ihre Person und Ihr Wirken bleiben unvermin­dert. Während Ihrer leider nur einhalbjährigen Tätigkeit als Reichskanzler und als Reichskommissar für Preußen habe ich Ihre hingebende und verantwortungsfreudige Ar» * best, Ihre selbstlose Vaterlandsliebe und Ihre vornehmen Charaktereigenschaften hochschätzen gelernt. Ich werde die Zeit der Zusammenarbeit mit Ihnen nie vergessen. Für alles, was Sie in diesen schweren Monaten für unser Va­terland getan haben, spreche ich Ihnen im Namen des Reiches wie eigenen Namens meinen tief empfundenen Dank aus. Mit'den besten Wünschen für Ihr Wohlergehen und mit kameradschaftlichen Grüßen verbleibe ich Ihr stets ergebener gez. von Hindenburg."

Ebenso hat der Reichspräsident dem scheidenden Reichs­minister des Inneren Freiherrn von Gayl und dem Reichsarbeitsminister Schaffe r in persönlichen Hand­schreiben Dank und Anerkennung für die geleisteten Dienste zum Ausdruck gebracht.

MN Papen veradWedet sich

Berlin, 5. Dezember. In der am Sonnabendmittag abgehaltenen letzten Sitzung des asten Kabinetts verab­schiedete sich Reichskanzler von Papen von seinen bis­herigen Mitarbeitern herzlichst. Er bat die im Kabinett verbleibenden Minister, auch mit seinem Freund und Nachfolger, Herrn von Schleicher, in der gleichen Weise wie mit ihm zum Wohle des Vaterlandes zusammen zu trbeiten.

Mit Hindenburg für das neue Deutschland!" schließt eine Kundgebung, die der Kanzler im Augen­blick seines Scheidens aus dem Amt an alle seine Freunde im Land erläßt. Er bringt nochmals zum Aus­druck, daß seine Arbeit nur das eine Ziel hatte, dem Zu­sammenschluß al er wahrhaft vaterländischen Kräfte zu dienen.

Vor der Reichstagseröffnung

Sichere wirtschaftliche Grundlage des Kabinetts / Ge­lingt die Vertagung des Reichstags?

Mit der Wiederernennung des Reichswirtschafts-und des Reichsernährungsministers ist die Krise nach 18tägi- ger Dauer nunmehr völlig beendet. Die Verständigung zwischen den an den Wirtschafts- und Handelsvertrags­fragen hauptsächlich beteiligten vier Ministerien hat dem Kabinett in der Wirtschaf.spolitik eine sichere Grundlage geschaffen. Auf diesem Gebiet ist also für die nächste Zu­kunft eine größere Einheitlichkeit gewährleistet.

Die kritischste Frage, die der Kontingentierung, er­leichtert sich dadurch von selbst, daß sich infolge Ablauf einer Reihe von Hanbeisderträgen in der nächsten Zeit automatisch Lösungsmöglichkeiten ergeben, welche die Schwierigkeiten der Kontingentierungspolitik ausschalten.

Jedenfalls konnte Reichsaußenminister von Neu- rath am Sonntagabend mit dem Bewußtsein nach Gent reifen, daß altes aus diesem Gebiet in der nächsten Zukunft Erforderliche sich ohne gefahrvolle Rückschläge für die deutschen Interessen abzuwickeln verspricht.

Die neue Woche steht im Zeichen der morgen nach­mittag stattfindenden Reichstagseröffnung. Es ist anzu- nehmen, daß in der Eröffnungssitzung nur die Kon­stituierung erfolgt, und daß am Mittwoch Reichstags­präsident G o e r i n g neu gewählt wird. Das Bestreben des Reichskanzlers geht dahin, den Reichstag zu einer längeren Vertagung zu bewegen. Solange über den Er­folg dieser Bemühungen keine Klarheit herrscht, ist auch noch nicht abzusehen, ob von Schleicher die Regie­rungserklärung noch in dieser Woche oder gar erst Anfang Januar abgeben wird. Vielleicht kann auch hier­über morgen eine Klärung herbeigeführt werden.

Hitler in Berlin

Adolf Hitler ist von seiner Wahlreise durch Thürin­gen, wo am Sonntag die Kommunalwahlen stattfanden, gestern vormittag in Berlin eingetroffen. Er wird an der für heute anberaumten Sitzung der Reichstagsfraktion der NSDAP teilnehmen und die vor der Reichstags­eröffnung übi He Verpflichtung seiner Fraktion vornehmen.

Stimmen aus dem Ausland

Frankreich

Die Berliner Berichterstatter der Pariser Presse sehen in der Betrauung des Generals von Schleicher ein Zeichen innerpolitischer Entspannung. Der Berliner Korrespondent desPetit Parisien" erklärt, die Betrauung des Generals von Schleicher mit dem Reichskanzlerposten habe keine außenpolitische Bedeutung. Die deutsche Diplomatie bleibe Herrn von Neurath anvertraut, und ihre allgemeinen Richtlinien werden keine Aenderung erfahren. Der < Berliner Korrespondent desJournal" nennt die neue Regierung I die des Ausgleichs und des inneren Friedens.Da Mpublique schreibt, es wäre falsch, an die Rückkehr eines Parlamentarismus zu denken, von dem die Deutschen nichts mehr wissen wollten; aber eben so falsch wäre es, eine Wiedereinsetzung der Hohenzollern zu erwarten.yomme Libre" glaubt, daß mit Schleichers Kanzler­schaft eine neue Bismarcksche Aera beginne. DerKaiserliche Ge- neralstab" übernehme offiziell die Macht.

England

In der englischen Presse wird Schleichers Klugheit, Erfahrung und diplomatischen Geschicklichkeit, feinen verbindlichen Umgangs­formen und seiner modernen Auffassung der sozialen Probleme Anerkennung gezollt. In außenpolitischer Hinsicht wird das Der- bleiben desklugen und maßvollen" Herrn von Neurath auf dem Posten des Reichsaußenministers begrüßt. Unbehagen äußert man wegen der bekannten Aeußerung General von Schleichers, daß die Reorganisation der Reichswehr,unter allen Umständen" durch­geführt werden solle. In innenpolitischer Beziehung wird die Wahl des Reichspräsidenten für die beste gehalten, die angesichts der politischen Lage in Deutschland möglich sei.Times" sagt in einem Leitartikel, in der jetzigen außerordentlich schwierigen Lage Deutschlands fei die Ernennung von Schleichers wahrscheinlich vom innenpolitischen Standpunkt aus das beste, was geschehen konnte. Hingegen sei einfach ausgeschlossen, daß das Erscheinen eines Sol- baten an der Spitze der deutschen Regierung gegenwärtig in Den Nachbarländern ohne Bedenken beobachtet werden sollte. Nahezu unvermeidlich würden diese Bedenken in Gens und anderswo in Gestalt einer weniger entgegenkommenden Stimmung ihren Aus­druck finden. Wie friedfertig auch die Erklärungen des Generals in der verantwortlichen Stellung fein mögen, in ganz Europa werd« man sich daran erinnern, daß er der Mann ist, der erklärt hat, daß Deutschland unter allen Umständen die Reichswehr reorgani-

fieren uno map langer Dieennvorbigenden" Bestallter Bestim­mungen dulden werde. Sein Herz und seine Seele gehörten der Reorganisation der deutschen republikanischen Armee. Dies brauche sicher nicht zu bedeuten, daß er damit die Rüstungen Deutschlands vermehre. Aber er habe immer wieder erklärt, daß er die jetzige Organisation seiner Strellkräste sogar für die Betcidigung als un­zulänglich und unwirtschaftlich erachte. Die Reorganisation, für die er eintrete, könne nicht zustande gebracht werden, ohne eine Aen­derung der Abrüstungsklauseln des Versailler Vertrages.

Amerika

New ?M Times" erklärt, eine Regierung durch Dekret sei­tens eines Kabinetts junkerlichen Ursprungs und mit junkerlichen opmpattjien stelle die deutsche Demokratie und den deutschen Re­publikanismus in ein ziemlich trauriges Licht. Eine Kompensa­tion fei es allerdings, daß Hitler nicht zur Macht gelangt sei und seine Aussichten mit jedem Monat geringer würden. Auch lese sich Schleichers Programm weit milder als Papens, vor allem aoer müsse man sich vor Augen halten, daß die Deutschen ein diszipli­niertes Volk mit gesundem Sinn für Selbslerhaltung seien. "

Das Gold die beste Währungsunterlage

Ein währungspolitischer Vortrag Dr. LutherS.

München, 5. Dezember. Reichsbankpräsident Dr. Luther sprach am Samstag in einer Diskussionsveran­staltung des Akademisch-Politischen Klubs. Er bezeichnet in seinen Ausführungen das Gold als internationalen Verrechnungsmaßstab und besten Wertmesser. Es sei auch aus psychologischen Gründen die beste Währungsunter­lage.

Eine Binnenwährung für Deutschland lehnte der Reichsbankpräsident ab

mit dem Hinweis, daß sie die Schaffung eines Außenhan­delsmonopols zur Voraussetzung habe. Deutschland, das auf den Export von Qualitätserzeugnissen angewiesen sei, dürfe niemals ein staatliches Außenhandelsmonopol erhal­ten. Die Reichsbank sei bestrebt, den Diskontsatz so nied­rig wie möglich zu halten.

Man dürfe nicht Kreditausweitung fordern, solange die Gesamtsumme von 2,7 Milliarden des Arbeitsbeschaf- fungsprogramms der Regierung Papen bei weitem noch nicht ausgenutzt sei.

Die gegenwärtige Devisenbewirtickw.1tuna müsse all» mayucy avgeoaut werden und einem freien Warenverkehr Platz machen. Dazu sei vor allem die Umwandlung unse­rer kurzfristigen Auslandsverschuldungen in eine lang­fristige Schuld notwendig.

Freie Gewerkschaften und Schleicher

Versuche zur sozialen Entspannung.

Paris, 5. Dezember. Der Berliner Korrespondent desExcelsior" schreibt über eine Unterredung, die er mit bem Führer der sozialdemokratischen Gewerkschaften, Let- part, hatte. Danach habe Schleicher ausgeführt, in Ge­werkschaftskreisen mache man dem neuen Kanzler feine Vergangenheit nicht zum Vorwurf. Die soziale Frage stünde im Vordergrund seiner Besorgnisse. Das, Ziel seines Versuches sei, eine Entspannung in Gewerkschafts- kreisen herbeizuführen, damit das neue Kabinett in seiner politischen Tätigkeit nicht durch den Widerstand der Ar­beiter gehemmt werde. General von Schleicher sei übri­gens nicht der Mann, als den man ihn sich vorzustellen scheine. Gewiß habe , er Reden gehalten, die die öffentliche Meinung in Frankreich erregt hätten, aber er habe durch die Forderung nach Gleichberechtigung nur die Auffas­sung aller Deutschen zum Ausdruck gebracht.

Schlechte Ausfichten für Abrüstung

Hartnäckiger Widerstand Frankreichs gegen deutsch« Gleichberechtigungsforderung / Komplikationen mit

Italien und Japan.

Genf, 5. Dezember. In den Abrüstungsbesprechungen sind am Sonntagabend nach allgemeiner Auffassung keine Fortschritte erzielt worden. Reben der deutsch-französi­schen Kontroverse wegen der Gleichberechtigungsfrage ist eine Reihe alter und neuer Gegensätze zwischen den ver­schiedenen Mächten akut geworden. Der hartnäckige fran­zösische Widerstand gegen eine isolierte Behandlung der deutschen Forderungen hat besonders in englischen Krei­sen die anfängliche Zuversicht stark beeeinträchtigt. Dazu kommen die Komplikationen in der Flottenfrage durch daS Wiederaufleben der französisch-italienischen Streitfragen und durch die hier noch unveröffentlichten japanischen Vorschläge, die den alten japanischen Standpunkt präzi- sieren und wegen ihrer großen politischen Tragweite bei verschiedenen Delegationen Bedenken erregen.

Im Laufe des gestrigen Nachmittags bestand zwischen den Sachverständigen der einzelnen Delegationen eine rege Fühlung. MacDonald gab für die Hauptdelegierten einen Tee. Diese Zusammenkunft soll aber keinen politi­schen Charakter getragen haben. Abends hatte Herriot eine längere Unterredung mit Rorman Davis.

Karlsruhe" auf dem Wege nach Kiel.

Vigo, 5. Dezember. Der deutsche KreuzerKarls­ruhe" hat gestern den Hafen von Vigo verlassen, um nach Kiel zurückzukehren. Damit findet die Weltreise des Kreu­zersKarlsruhe" ihren Abschluß.