KreisMblalt
für den
Areis Hersseld.
Nr. 66. Mittwoch den 18. August 1880.
Das „Kreisblatt" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Expedition 1 Mark.pro Quartal bei den Postanstalten kommt der Postaufschlag hinzu. Bekanntmachungen aller Art werden ausgenommen und die dreispaltige Zeile oder deren Raum mit 10 Pfg. berechnet.
Amtliches.
Ein gewisser Juan Coustans und eine dem Namen nach nicht bekannte Frau, welche mit demselben in der Stadt Gracia, in Spanien, zusammengelebt hat, beide angeblich der sranzösischen Nation angehörend, sind dringend ver- dächtig am 7. oder 8. Juni d. I. die Eheleute Juan Maria Estoup und Maria Payrau zu Gracia ermordet zu haben.
Die Berwaltungs- u. Polizeibehörden unseres Bezirks weisen wir an, nach den in Rede stehenden Personen, deren Signalements unten folgen, vigiliren, dieselben im Betretungsfalle vorläufig festnehmen zu lassen und falls dies ge. schehcn sein sollte, uns davon schleunigst — eventuell telegraphisch — Anzeige zu machen.
Signalement: a. Juan Constans nach seinen Angaben aus Alvi (Albi?) in Frankreich gebürtig, war mit Jaquet und Lose von aschgrauem Wollenstoffe bekleidet und trug einen Filzhut mit breiter Krempe. Alter 28 bis 30 Jahr, Statur gewöhnlich, Haar schwarz, Bart schwarz und kurz, Gesicht klein u. rund, Gesichtsfarbe dunkel.
b. die Frau war bekleidet mit einem Rock aus aschfarbigem Wollenstoffe, mit drei Besätzen verziert. Der Obertheil des Kleides war schwarz, das Halstuch von Seidenstoff u. blau gerändert. Alter 22 bis 23 Jahre, Statur klein, Haar blond, Gesicht rund, Gesichtsfarbe gesund.
Gaffel am 11. August 1880.
Königliche Regierung, Abth. des Innern. Kühne.
Kreis Hersfeld.
Hersfetd, den 18. August 1880.
In Folge höherer Verfügung sollen die Protokolle über die dies, jährige Haupt-Revision der Maaße, Waagen und Gewichte, welche sonst in Gemäsheit meiner Verfügung vom 16. März 1878 Nr. 904 (Kreisblatt Nr. 23) bis zum 15. December er. mir einzureichen waren, schon jetzt zur Prüfung vorgelegt werden.
Sämmtliche Herren Ortsvorstände des Kreises werden demnach hierdurch angewiesen, die besagte Revision, falls solche noch nicht vorgenommen sein sollte, sofort zur Ausführung zu bringen, und die betreffenden Protokolle bei Meldung von Strafe bis spätesten- zum 28» d. Mts. mir vorzulegen.
Ich mache dabei auf folgende, fortan zu beachtende neu erlassene Vorschrift aufmerksam:
In den Revisions-Protokollen für Waagen sind die Ueberschriften „bis 50 K" und „über 50 K" auf „5 K" zu berichtigen, und ist demgemäß bei allen Waagen bis 5 Kilogramm größter Tragkraft nur deren Stückzahl, bei jeder Waage über 5 Kilogramm aber die i auf derselben angegebene größte Tragkraft in das Protokoll einzu- tragen, wogegen die bisherige Notirung der kleinsten Tragkraft überall weggelaffen werden kann.
Bei den Schnellwaagen und oberschaligen Tafelwagen über 5 K würde die größte Tragkraft unter die Stückzahl, und in Fällen, wo die Tragkraft auf Waagen aller Art nicht in Kilogramm sondern in Zentnern oder Pfunden angegeben ist, die Zeichen Ctr. oder & neben die betreffende Angabe in das Protokoll elnzutragen sein.
Daß in alle Protokolle,bei jedem Gewerbetreibenden der gesammte ; Bestand der vorgefundenen Maaße, Gewichte und Waagen in die entsprechenden einzelnen Rubriken eingetragen werden muß, ist selbstverständlich.
9794. Der Königliche Landrath Freiherr von Broich.
Hersfeld, den 16. August 1880.
Der Bauer Gottlieb Rüg er zu Rotensee, 30 Jahre alt, hat um Entlassung aus dem Preußischen Unlerlhanen-Verbande behufs Auswanderung nach Amerika nachgesucht.
Der Königliche Landrath Freiherr von Broich.
Hersseld, am 16. August 1880.
Meine Verfügung vom 9. d. Mts. Nr. 9433, Kreisblatt Nr. 64,
wird hiermit als erledigt zurückgezogen, da rc. Eckhardt in St. Peter in Nieder-Oesterreich verhaftet worden ist.
9696. Der Königliche Landrath Freiherr von Broich.
Tagesbegebenheiten.
Köln, 13. August. Die „Köln. Ztg." weist heute an der Spitze ihres lokalen Theiles darauf hin, daß morgen der Kölner Dom vollendet wird. Sie sagt: Der Dom, das herrliche Meisterwerk der Baukunst, dessen Vollendung zu sehen vergangene Geschlechter ersehnten, zu dem heute die Blicke vieler Tausende mit staunender Bewunderung ausschauen, er wird morgen, das Zeichen deutschen Opfer- muthes und deutscher Einigkeit in seiner stolzen Majestät vollendet dastehen. Es bedarf nur noch der Aufstellung der letzten Kronen- steine auf dem südlichen Riesenthurme, dann hat Regierungsrath Dombaumeister Voigtel das Werk, an welchem er eine Reihe von Jahren unter Mithilfe seiner Techniker und vieler wackerer Bauleute mit treuer Gewissenhaftigkeit geschafft, ausgeführt, Gott zur Ehre und unserer Vaterstadt und der herrlichen Baukunst zum bleibenden Ruhme. Um 10 Uhr morgen Vormittag werden 2 Fahnen, an jedem Thurme eine, den Zeitpunkt angeben, wo der Schlußstein eingefügt worden. Vor 632 Jahren, am 14. August, also im Jahre 1248, wurde der Grundstein gelegt, auf dem der Frommsinn und die Opfer- Willigkeit her deutschen Nation den erhabenen Tempel aufbaute. Am 14. August 1880 wird der letzte äußere Schmuck, die mächtige Kreuzblume, auf dem südlichen Steinriesen thronen. Welches kölnische Herz wird da nicht von froher Begeisterung ergriffen werden, wenn morgen die wehenden Fahnen hoch oben auf den Thurmgerüsten verkünden, daß eine seiner schönsten Hoffnungen, einer seiner erhabensten Wünsche in Erfüllung gegangen ist. Hervor denn morgen alle Fahnen, laßt sie in allen Straßen verkünden, daß wir dem Ewigen ein hehreS Haus gebaut, ein Zeichen der deutschen Einigkeit und Stärke, der deutschen Liebe und des deutschen Gottvertrauens.
R — Feldmarschall Graf Moltke war am Donnerstag Morgen in Gesellschaft seines Neffen Fritz d. Moltke in Wien angekommen und im „Hotel Munsch" abgestiegen. Der Feldmarschall bewohnte zwei Salons der zweiten Etage, bat, Niemand vorzulassen oder auch nur zu melden und nahm ein einfaches Diner auf dem Zimmer. Im Laufe des Nachmittags machte er einen Spaziergang, und zwar trotz der zahlreichen Neugierigen, die seinetwegen das Hotel umstanden, unbemerkt, da man in dem, eine gewöhnliche Reise-Toilette tragenden alten Herrn den großen Feldherrn nicht vermuthete. Dagegen war ein Autographensammler so glücklich, den von Moltke eigenhändig ausgefüllten „Meldezettel" gegen ein gutes Douceur zu acquiriren. Graf Moltke hat sich dann, wie bereits telegraphisch gemeldet, nach Jschl begeben.
— Fast jeder Tag bringt eine Reihe Hiobsposten über die in Böhmen, Mähren, Oberschlesien, Posen und Westpreußen hervortretenden Ueberslnthungen. Seit Mittwoch mehren sich besonders aus der Provinz Posen die Nachrichten über das Hochwasser.
Wien, 16. August. Die griechischen Inseln sind nach einem Athenischen Telegramm des hiesigen „Fremdenblattes" gänzlich von Garnisonen entblößt, entbehren auch des Flottenschutzes. Die griechische Regierung bestellt Kanonen, welche am 28. September geliefert werden sollen.
Wien, 17. August. Allseitig laufen Hiobsposten über die Verheerungen ein, welche durch die"Ueberfluthungen der verschiedenen Flüsse entstanden sind. Auch für Wien ist die Gefahr einer Ueberschwemmung noch nicht vorüber.
London, 15. August. Nach einer Meldung aus Kandahar vom 11. d.
M. hatte der Feind mit der Errichtung von BelagerungSwerken begonnen. Ein oder zwei englische Offiziere sollen sich, wie es heißt, als Gesangene in der Gewalt von Ajub Khan befinden.
Petersburg, 16. August. Dem ersten deutschen Militärbevollmächtigten, General-Adjutant v. Werder, wurde der Alexander-Newski-Orden, einer der höchsten Orden Rußlands, verliehen.
— Aus Poitiers wird telegraphirt, daß sich in Vieux-Port, im Arrondissement Lhaterellault, ein schreckliches Unglück zugetragen hat: ein Felssturz verschüttet»