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Liillliches.
Kreis Hersfeld.
Hersfeld, den 26. Mai 1883.
Die Königliche Regierung macht daraus aufmerksam, daß, wie aus der Zeitschrift des Königlichen statistischen Büreaus über die Sparstellen in Preußen im Jahre 1880 hervorgehe, die Bertheilung der Sparstellen eine ungleichmäßige sei und daß es selbst im Regierungsbezirk Cassel in einzelnen größeren Orten an der wünschenswerthen Sparge- legenheit fehle, weshalb sie die Landräthe 2C. ihres Bezirks veranlaßt, die Frage einer näheren Prüfung zu unterziehen, ob in ihrem Kreise ein Bedürfniß zur Errichtung weiterer Sparstellen bestehe.
Für den hiesigen Kreis, in welchem nunmehr 15 Darlehns- und Sparkassenvereine nach Raiff- eisen'schem Systeme existiren und auch das letzte (16te) Kirchspiel Ransbach eines solchen Instituts sich binnen Kurzem erfreuen wird, kann diese Re- gierungs-Berfügung jedoch nur insoweit in Betracht kommen, als es sich um die Einführung des sogenannten Groschensystems bei den vorhandenen Sparkassen, und die Errichtung von Verkaufsstellen der Sparmarken in den, von der Annahmestelle entfernteren Orten handelt.
Die Einführung dieser sogenannten Pfennigssparkassen in Verbindung mit den Sparkassen der Raiffeisen'schen Darlehnskassen, wie auch mit der hiesigen städtischen Sparkasse habe ich gemäß meiner Verfügung vom 29. Juni 1882 Nr. 8590 (Kreis- blatt Nr. 52) bereits früher in Anregung gebracht, woraufhin mit der städtischen Sparkasse dahier und den Darlehns- und Sparkassen der Kirchspiele • Kerspenhausen und Kirchheim dieselben auch bereits verbunden worden sind und sich einer ziemlich regen Betheiligung erfreuen. Mit den übrigen Darlehnskassen sind jedoch noch keine Pfennigssparkassen verbunden.
Indem ich daher die Herren Vorsteher derjenigen Darlehnskassen-Vereine, mit welchen die Pfennigssparkasse noch^nicht verbunden ist, unter Bezugnahme auf meine Einladung vom 24. d. Mts. Nr. 6764, (Kreisblatt Nr. 49) zu einer auf den 7. Juni er. «»beräumten Versammlung, ersuche, die Einführung derselben sich besonders angelegen sein zu lassen und mir über den Erfolg Ihrer Bemühungen bis zum 15. August d. J. Mittheilung zu machen, verweise ich noch auf den mittels der gedachten Verfügung im Kreisblatt Nr. 52 de 1882 veröffentlichten bezüglichen Aufsatz, sowie auf das Protokoll über die vorjährige Bürgermeister-Versammlung im Kreisblatt Nr. 73 und glaube ich schließlich die Hoffnung aussprechen zu dürfen, daß der allgemeinen Einführung der Pfennigssparkassen Nichts mehr i im Wege steht und dieselben mit den Raiffeisen'schen Darlehns- und Sparkassen als etwas Zusammengehöriges über den ganzen Kreis Hersfeld Verbreitung finden, um so mehr, als mir der Vorsteher des Kerspenhauser Darlehnskassen-Vereins, Herr Bürgermeister Nutzn zu Asbach wörtlich mittheilte: „Eine große Mehrarbeit für die Vorstandsmitglieder ist durch die Einführung der Pfennigssparkasse nicht entstanden und brauchen sich diejenigen Vereine, welche die Pfennigssparkasse noch nicht eingeführt haben, von der befürchteten Mehrarbeit nicht ab- schrecken zu lassen." ,
2063. Der Königliche Landrath
Freiherr von Broich.
Hersfeld, den 25. Mai 1883.
Unter Bezugnahme auf meine Verfügung vom 5. v. Mts. Nr. 4418 im Kreisblatt Nr. 29 werden die Herren Bürgermeister derjenigen Gemeinden des hiesigen Kreises, in denen sich Schulstellen befinden, hierdurch angewiesen, dem betreffenden Lehrer, oder wo die Stelle vakant sein sollte, dem Vicar alsbald zu eröffnen, daß, falls er die Zinsen von dem bei der hiesigen städtischen Sparkasse verzinslich angelegten Ablösungskapital bis zum 20. Juni er. hier nicht in Empfang genommen haben sollte, ihm nach Ablauf dieses Termins der ihm zustehende Betrag sofort auf seine Kosten übersandt werden
wird.
4418.
Der Königliche Landrath Freiherr von Bro ich.
Hersfeld, den 28. Mai 1883.
Die Herren Bürgermeister zu:
Allendorf, Bengendorf, Biedebach, Friedlos, Goßmannsrode, Kalkobes, Kathus, Kleba, Meckbach, Mengshausen, Reilos, Rohrbach, Stärklos, Sieglos, Widdershausen und Röhrigshof werden hierdurch an sofortige Erledigung meiner Verfügung vom 15. Mai er. Nr. 6245 im Kreisblatt Nr. 45 betreffend die Mittheilung der in den Gemeinden vorhandenen Schafe einschließlich der bis dahin noch nicht angegebenen Lämmer an den Herrn Kreisthierarzt Schmitt dahier, erinnert. Straffestsetzung bleibt vorbehalten.
6865.
Der Königliche Landrath Freiherr von Broich.
Wilhelmsdors.
Die große Gabe des Kronprinzen aus seinem Silber- Hochzeitsschatz, 170000 Mk. für Wilhelmsdörser (nicht etwa für das Bielefelder Wilhelmsdorf allein), ist nicht verschwendet. Sie hilft allgemeiner und rascher Anstalten ins Leben, an welche sich große Hoffnung knüpft. Selbst Württemberg, das Musterland der abwehrenden Naturalpflege, will seine Organisation gegen die Vagabunden jetzt durch dieses positive Element ergänzen, wie neulich in Stuttgart von einer Versammlung unter Herrn Eduard Elben's Vorsitz beschloßen worden ist.
Unter diesen Umständen suchen wir dem im Winter erstatteten ersten Bericht des Schöpfers von Wilhelmsdorf, Pastor v. Bodelschwingh in Bielefeld seine Quintessenz hier auszuziehen. Er ist praktischer Weisheit voll. Hier wird nicht verkannt, was Schwärmer sonst mitunter übersehen: daß das Angebot von Beschäftigung, wie Wilhelmsdorf es darbietet, durchaus ergänzt werden muß durch wohleinge- richtete' Naturalpflege. Herr v. Bodelschwingh sieht auch die freie Vereinsthätigkeit auf diesem seinem Felde keines wegs als einen Nothbehels oder eine bloße Vorbereitung an, sondern ist überzeugt, daß sie die rechte Grundlage. Die Staatsverwaltungsbehörden sollen nur die Naturalpflege organisiern Aber auch da läßt er sich freie Vereine als Glieder gern gefallen, z B. den Verein gegen Bettelei zu Bielefeld. Die erzieherische Ausgabe dieser Vereine dem gebenden Publikum gegenüber entgeht ihm nicht.
In entschiedenem Gegensatz zu Gefängnissen und Landarmenhäusern fordert er für „Colonien" die größte Freiwilligkeit. Jeder Colonist müsse es als eine Wohllhat und ein freiwilliges Geschenk ansehen, wenn ihm die Colonie Obdach und selbstverdientes Brot reiche; jeder als eine Strafe, wenn er vor der Zeit entlassen werde. Es müsse sowohl den Colonisten als dem Publikum draußen der Wahn genommen werden, als ob die Arbeiter-Colonie eine Verbrecher-Colonie wäre. Dem Kerne nach seien es unverschuldet arbeitslos gewordene Männer, die lieber arbeiten wollen. Das sittliche Bewußtsein der Colonisten sei nach allen Seiten hin zu heben, — dann schade es nicht, wenn auch eine größere Zahl entlassener Gefangener unter ihnen ist. Alle wollen ja aufstehen und gute Wege gehen. Das Zusammenleben muß ein samilienmäßiges, sriedliches sein und dadurch die schwere Arbeit versüßt und gemildert werden.
Die ersten 14 Tage verdient der Colonist nur die Kost. Dann, wenn Fleiß constatirt, 25 Ps., — nach abermals 14tägigcm conftatirtem Fleiß 40 Ps.; bei Accordarbeit etwas mehr. Dies alles aber nur zum Abverdienen der Kleidung, keinen Pfennig baar. In kurzen Wintertagen ist der Tagelohn auf nur 25 Ps. gesetzt.
Von der Eröffnung am 17, August 1882 bis zum 1, December waren ausgenommen 417 Colonisten, von denen
bis dahin 239 entlassen waren und von welchen 207 durch Vermittlung des Vorstandes wieder anderweitige Arbeit gefunden. Etwa 20 haben vorgegeben sich solche selbst suchen zu wollen; nur l0 sind heimlicherweise mit theilweise unbezahlten Schulden entwichen. ivnvr.i, vm.« >» w«.. «..« »»>.,.. «........... ......
Ueber die vielbesprochene Rentabilitäts-Frage sagt der Anstrengung sich wieder emporzuarbeiten, so ist solch ein
Bericht: „Es ist ja erwünscht, aber durchaus nicht nothwendig, daß die Arbeiter-Colonie ihren Unterhalt aus dem Verdienst der Colonisien völlig decke. Mindestens 75 Procent der Colonisten verstehen gar nicht Landarbeit; namentlich in der ersten Zeit sind die Ankömmlinge körperlich sehr geschwächt, und es hält schwer, in 3 bis 4 Monaten eine anderweitige Beschäftigung zu erlernen, welche einen lohnenden Gewinn abwirst; auch wenn die Colonien aus vielerlei Ursachen für den Winter, wo die Arbeit weniger lohnend ist, aus die doppelte Zahl Gäste rechnen müssen, als im Sommer. Aber was schadet es, wenn wirklich ein Zuschuß zu dem Unterhalt der Colonisten auch dauernd geleistet werden muß? Es ist sogar gut, wenn die ge- sammle Bevölkerung einer Provinz ein kleines Opser bringt, um immer wieder erinnert zu werden, daß die Bettelpfennige in der Arbeiter-Colonie viel bester angelegt sind. Nach den bisherigen Erfahrungen ist anzunehmen, daß durchschnittlich in gewöhnlichen Zeiten höchstens 100 Westfalen gleichzeitig in unserer Colonie Arbeit suchen werden, weil anderwärts durchaus keine lohnende Arbeit für sie zu finden ist. Man rechnet ferner, daß uns jeder Arbeiter mit Kleidung 1 M. täglich kostet. Wenn nun der Arbeitswerth eines Colonisten sich durchschnittlich im Sommer und Winter nur auf 50 Pf. stellte, was sicher zu niedrig gerechnet ist, so würde also täglich ein Zuschuß von 50 Mk. oder rund 18 000 Mk. im Jahre nöthig sein, um die Colonien zu erhalten. Diese selben Leute, im Lande umherstreifend, würden aber mindestens der Provinz die doppelte Summe kosten, und würden wahrscheinlich größtentheils dauernd das Vagabundenheer vermehren. Nun steht es ja aber nicht so, daß nur diese 100 Menschen von den Landstraßen weggenommen werden, sondern mindestens die zehnfache Zahl von wirklichen professionellen Faullenzern wird zunächst aus der Provinz fortgeschafft durch das den Arbeitsscheuen abschreckende Angebot von Arbeit. Hat die eine Provinz sich so geholfen, so wird die nächste, welche die Plage nun doppelt bekommt, sich zu gleichen Mitteln um so eher entschließen -rUiffen, und so wird es weiter gehen, bis dem Faullenzer nichts mehr übrig bleibt als zu arbeiten oder zu sterben.
„Unsere nächsten Nachbarn in Lippe-Detmold haben sich in dieser Weise bald zum Anschluß entschlossen, und stehen sich gewiß nicht schlecht dabei. Ist doch nach amtlichen Ermittelungen constatirt worden, daß in dem Fürstenthum Lippe-Detmold in den letzten Jahren sich durchschnittlich 300 Vagabunden aufgehalten haben, welche dem kleinen Lande zum wenigsten 100 000 Mk. jährlich gekostet haben. Jetzt stellt der im Lippeschen Lande im Anschluß an Wilhelmsdors organisirte Verein uns 5060 Mk. in Aussicht zur Aufnahme sämmtlicher aus dem Lippeschen Lande unS zugewiesenen Wanderer. Das ist also der zwanzigste Theil der bisherigen Ausgaben. Nach obigem Verhältniß wird Westsalen (18 mal so groß als Lippe-Detmold) über 5000 arbeitslose Wanderer bergen. Diese 5000 würden also täglich 5000 Mk. oder im Jahre 1,800 000 Mk. der Provinz losten, also gerade hundertmal so viel, wie wir als Zuschuß für die provinzielle Arbeiter-Colonie erbeten haben. Soweit die benachbarten ländlichen Kreise sich an Wilhelmsdorf augeschioffen haben, wird von allen Seilen versichert, daß die Vagabunden so gut wie verschwunden seien: „Wo man sonst täglich 10—15 begegnete, sieht man jetzt in Wochen kaum einen*, so kann man aus vieler Mund, auch seitens der Behörde vernehmen. Dies gilt wenigstens vom Lande. Wenn aber auch nur der Hälfte der eigentlichen Faullenzer ihr Handwerk gelegt ist und sie die Provinz verlassen, so wäre dies immerhin noch ein Gewinn von 900 000 Mk. in einem Jahre für die Provinz — und der ist ganz gewiß nicht zu hoch gerechnet. Es ist also in jedem Fall 20-, ja 30» bis 40mal billiger, die armen Menschen vor dem Versinken zu hüten, als sie in das Vagabundenleben hineinzustoßen und sie in demselben künstlich zu erhalten. Es ist also die größte Thorheit, wenn man aus Sorge vor Mangel an Rentabilität das Unternehmen unterläßt.
„Wilhelmsdorf ist noch viel zu jung, um die gewissen Erträge der Arbeit berechnen zu können; doch wissen wir schon so viel: der Morgen uncultivirten Landes kostet uns nicht über 50 Mk. Der aufzuwersende Ortstein sitzt unter« schiedlich 2, 3, 4 Fuß tief, und die Ruthe kostet uns ohne Kost durchschnittlich 30 Pf. auszubrechen. Rechnen wir die freie Station ohne Kleidung (denn diese verdient der Colonist ja selbst) zu 70 Ps., so kostet uns der Morgen 180 Mk. zu cultiviren. Rechnen wir noch 70 Mk. für Dünger hinzu, so haben wir den Morgen für die erste Bestellung zu 300 Mk. fertig, und es ist zu hoffen, daß er uns dann 5 Procent Zinsen trägt. Sind es aber nur 4 oder 3 Procent, so ist das eben gar kein Unglück."
Dann über die Zahl der überhaupt anzulegenden Wil- helmsdörser: „Man hat gemeint, daß jeder Kreis oder mindestens jeder Regierungsbezirk eine solche Colonie haben müsse. Allein für den wirklich arbeitsfähigen Wanderer, der oft schon ganz Deutschland Arbeit suchend durchpilgert hat, sind die Entfernungen, welche innerhalb einer Provinz vorkommen können, nicht von der geringsten Bedeutung.
Da nur solche Personen in der Colonie ausgenommen werden, denen es voller und ganzer Ernst ist mit aller