Nr. 87.
Donnerstag den 23. August 1883.
DaS „Kreisblatt" erscheint wöchentlich dreimal, Dienstags, Donnerstags und Sonnabends. Preis desselben bei der Expedition 1 Mark 40 Pfg. pro Quartal.
für den
Bekanntmachungen aller Art werden ausgenommen und die einspaltige Gar- mondzeile oder deren Raum mit 10 Pfg. berechnet und wird bei Wiederholung entsprechender Rabatt gewährt.
Amtliches.
' Kreis Hersfeld.
Hersfeld, den 18. August 1883.
Im Anschlüsse an meine Verfügung vom 9. April d. I. Nr. 4464, Kreisblatt ^ir. 31, werden die Herren Ortsvorstände rc. des Kreises hierdurch benachrichtigt, daß die durch Zugang st ellung
Kreis N. N.
neu veranlagter Personen bei den Klassensteuer-laufenden Semester ab einzureichen.
stufen 1 u. 2 eintretenden Zugänge vom laufenden Ebenso hat das Formular zu den Klassensteuer-
> Steuerjahre ab in besondere Listen aufzu- < o
nehmen sind, wozu das bezügliche Formularpapier
: bereits abgesandt worden ist. Diese Listen, wovon 1
das Schema nebst Probeeintragungen sich hierunter abgedruckt findet, sind gleichzeitig mit den halbjährigen Klassensteuer-Zu- und Abgangslisten bezüglich der Stufen 3 bis 12 und zwar'bereits vom
Rollen in Folge des Gesetzes vom 26. März d. I. über die Nichterhebung resp, den theilweisen Erlaß der Klassensteuer eine Aenderung erfahren, und wird solches bei der demnächstigen Veranlagung
Liste
zur Verwendung gelangen.
9920III. Der Königliche Landrath
Freiherr von Broich.
Formular H.
der zu den Klassensteuer-Stufen 1 und 2 durch Zugangstellung N e u veranlagten — in keine Rolle aufgenommenen — Personen, für das te Halbjahr 18-^—
Gemeinde N. N.
Festgesetzt.
(Ort und Datum.)
Königliche Regierung, Abtheilung für direkte Steuern, Romainen und Forsten.
(Unterschriften.)
Ja s
a
Name
und Vorname | der zugegangenen |
Personen.
Straße und Hausnummer.
Stand oder Gewerbe derselben.
jSteuer- Stufe.
Monat von welchem ab der Zugang beginnt.
Ursachen des Zugangs.
1.
2. !
8.
4._____;
P 5.
6.
7.
T
Kern, Johannes
Holzstr. 8
Steinsetzer
erste
April
bei Ausnahme der Rolle Übergängen. Einkommen aus Arbeitsverdienst 450 M.
2
Roth, Franz i
Bergstr. 40
Uhrmacher
zweite
Mai
am 10. April aus dem elterlichen Haushalt Nr. 173 d. R. 700 M. Eink. aus d. Gewerbe.
3
Strauß, Amalie
Gartenstr. 13
Ww., Händlerin
erste
do.
nach dem am 20. April 1883 erfolgten Tode ihres Mannes (Nr. 380 d. R.) neu veranlagt. 600 M. Eink. aus Gewerbebetrieb. Gew. St. Klasse B, 6 M.
4
Müller, Fritz
Schulstr. 36
Schriftsetzer
zweite
Juni
16. Mai von Wien zugereist. 900 M. Gehalt.
Hersfeld, den 20. August 1883.
Die den Obstbau in hohem Grade' gefährdende Blutlaus (wolltragende Apfelbaum-Rindenlaus) hat in Süd-Deutschland eine bedrohliche Verbreitung erlangt und ist bereits in eine Anzahl Gemarkungen der Kreise Hanau und Gelnhausen vorgedrungen.
Die Herren Ortsvorstünde des Kreises werden deshalb angewiesen, alsbald die Apfelbäume, in Ihren Gemeindebezirken auf das Vorhandensein des überaus gefährlichen Insekts sorgfältigst untersuchen zu lassen, und von dem etwaigen Auffinden desselben ungesäumt mir Anzeige zu erstatten.
Eine Belehrung über die Blutlaus und ihre verderbliche Thätigkeit mit Angabe der Mittel zu ihrer Vertilgung ist im Kreisblatt Nr. 80 zum Abdruck gekommen, worauf ich hier noch besonders Hinweise. Sämmtliche Obstbaumbesitzer sind damit bekannt zu machen und aufzufordern, ihre Apfelbäume fortwährend mit besonderer Aufmerksamkeit zu überwachen und jede etwa entdeckte Spur von der Anwesenheit der Blutlaus sofort zur Kenntniß der Ortspolizeibehörde zn bringen.
9946. Der Königliche Landrath
Freiherr von Broich.
Hersfeld, den 21. August 1883.
Die Ortspolizeiverwaltungen und die Königliche Gendarmerie des Kreises benachrichtige ich hierdurch, daß der Strafsenat des Königlichen Oberlandesgerichts zu Posen mittels Entscheidung vom 13. Juli er. die Beschlagnahme des Buches: TPolski Spiewnik“ (Polnisches Liederbuch) von einem ungenannten Verfasser, erschienen in Wreschen, gedruckt von B. Niklas daselbst angeordnet hat, weil ein Theil des Inhaltes desselben gegen §. 130 Str.-G.-Bs. verstößt.
Die incriminirte Stelle ist das Lied Nr. 74, in
welchem es heißt:
„Sieh Koszciuszko, auf uns herab vom Himmel, ^»^ ^mu Heyi am mejt uuyeue »um um-er wenn wir im Blute der Feinde waten werden,; ein, und so wollen and) wir dies nicht, zumal nach uns ist Dein Schwert nöthig, um das Vater- unserer Meinung gar kein Beweis mehr für die
(Ort und Datum.) Der Ortsvorstand. (Unterschriften.)
land zu befreien, das ist der Freiheit Gesang, Verkehrtheit des Urtheils derjenigen erbracht zu wir vergießen für sie Blut . . ". . . _ werden braucht, welche in den Theorien und Ide
Mit dem Schwerte, Muth und Waffen befreit
der Pole das Land.
10691. Der Königliche Landrath
_____________________Freiherr von Broich.
Hersfeld, den 22. August 1883.
Für den am 20. Juni 1864 geborenen Johann Peter Möller aus Courode ist um Entlassung aus dem diesseitigen Staatsverbande behufs Auswanderung nach Amerika nachgesucht worden.
10805. Der Königliche Landrath
Freiherr von Broich.
# ZMetmchluugm.
Bei den neulich stattgehabteu Nachwahlen in Kiel und Wiesbaden stick wieder eine größere Zahl socialdemokratischer stimmen als vor zwei Jahren abgegeben worden. Auch aus anderen Gegenden wird berichtet, daß die socialdemokratische Bewegung an Stärke und Ausdehnung wieder erheblich zu- genommen habe. Wir sehen diese Thatsache gerade von liberalen Blättern anerkannt, z. B. von der Kölnischen Zeitung, der Crefelder Zeitung und dem Hannoverschen Courier.
Das letztgedachte Blatt nimmt hieraus Anlaß zu „Zeitbetrachtungen", die nickt ohne Interesse sind. Das Blatt weist darauf hin, daß die Urtheile über die Gründe und die Heilmittel der socialdemokratischen Bewegung weit auseinander gehen, daß die Einen eine straffere Handhabung des Socialistengesetzes befürworten und von der Staatshilfe Heilung der socialen Schäden erwarten, während die Anderen die Socialpolitik für die Belebung des Muthes der Socialdemokraten verantwortlich machen und in der Aufhebung des Socialistengesetzes das richtige Heilmittel erblicken.
Das Blatt geht auf diese Urtheile nicht näher
alen des fortschrittlichen Liberalismus die beste Ab«
wehr der socialdemokratischen Gefahr erblicken: das vorige Jahrzehnt hat das gerade Gegentheil erwiesen.
Der Hannoversche Courier — und mit ihm die Kölnische Zeitung — sehen die oben angedeuteten Gründe und vorgeschlagenen Heilmittel nicht als erschöpfend an, und führen die Verbreitung der Social- democratie viel weniger auf „die sachlichen Streitfragen, welche zur Zeit unser öffentliches Leben bewegen, als auf die politische Methode welche platzgegriffen", zurück. „Die wüsten Parteikämpfe, welche in den letzten Jahren unser politisches Leben vergiftet haben, fördern die Unzufriedenheit und den Pessimismus in den niederen und weniger gebildeten Klassen: nicht nur „die besten Männer unserer Nation wenden sich voller Ekel von einem solchen öffentlichen Leben ab, auch des kleinen Mannes, der sich von allen Seilen gewöhnlicher Parteizwecke wegen umbuhlt sah, mußte sich allmählich eine Verachtung alles politischen Lebens bemächtigen, gegen die er keinen Halt in seinem Inneren fand, die ihn nothwendig in das Reich jenes aberwitzigen Ideals treiben mußte, das ihm die Socialdemocratie zu verwirklichen verspricht."
In diesen Worten liegt viel Wahres. Zu ihrem Verständniß aber bedarf es einiger Erleuterungen.
Die politische Methode, welche gegenwärtig platzgegriffen hat, datirt von der Zeit her, zu welcher die Regierung zum Zweck des inneren Ausbaues des Reiches sich' entschloß, die Wirthschasts- und Finanzreform in Angriff zu nehmen. Das war den Liberalen der erste Stein des Anstoßes: der Liberalismus stellte als Gegenprogramm die Ver- vollkommung der coustitulionellen Einrichtungen die Gewährung von „constitutionellen Garantien", die Anerkennung von Volksrechten entgegen und verlangte eine Concession der Regierung nach dieser Richtung hin, bevor eine Gegenleistung in Unter-