Nr. 95.
Dienstag den 11. September 1883.
Das „Kreisblatt" erscheint wöchent» lich dreimal, Dienstags, Donnerstags und Sonnabends. Preis befleißen bei der Expedition 1 Mark 40 Pfg. pro Quartal.
für den
Zireis Herssetd.
Bekanntmachungen aller Art werden ausgenommen und die einspaltige Gar» mondzeile ober deren Raum mit 10 Pfg. berechnet und wird bei Wiederholung entsprechender Rabatt gewährt.
Ämlliches.
Kreis Hersfeld.
Hersfeld, den 6. September 1883.
Da in nächster Zeit in Gemäßheit des §. 51 der Gemeinde-Ordnung vom 23. October 1834 die Neuwahl der Gemeindebehörden (Aus- schuß und Gemeinderath) stattzufinden hat, so werden die Herren Bürgermeister des Kreises unter Bezugnahme auf meine Verfügung vom 29. Januar 1880 Nr. 1027 im Kreisblatt Nr. 9 hierdurch angewiesen, die zum Erwerbe des Ortsbürgerrechtes gualificirten Personen zur Beantragung ihrer Aufnahme als Ortsbürger aufzufordern, über jeden bezüglichen Antrag den erforderlichen ordnungsmäßig zu protokollirenden Beschluß des Gemeinderaths herbeizuführen, und sodann das Ortsbürger- Verzeichniß entsprechend zu vervollständigen.
Hierbei mache ich darauf aufmerksam, daß einer ministeriellen Entscheidung zufolge die Be- ftimmungeu im §. 26 der Gemeinde-Ordnung unter Ziffer 1 und 2 in Folge der Vorschriften in den M. 32 ff. des Reichs - Strafgesetzbuches als aufgehoben anzusehen sind, so daß also hier nur die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte ein Hinderniß für den Erwerb des Ortsbürgerrechtes bildet, und Ziffer 3 nur in soweit zur Anwendung kommt, als das Vergehen oder Verbrechen, dessentwegen eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet worden ist, zugleich mit Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte bestraft werden kann, während bei Ziffer 5 die Bestimmung des §.52 des Ausführungsgesetzes zur deutschen Concurs- Ordnung vom 6. März 1879 (G. S. S. 109) Platz greift. Der die Stimmsähigkeit in den Gemeinde-Versammlungen und die Wählbarkeit zu Gemeindeämtern betreffende Schlußsatz des §. 27 der Gemeinde-Ordnung ist ebenfalls diesem entsprechend aufzufassen.
Nach bewirkter Vervollständigung des Ortsbürgerverzeichnisses sind sodann behufs Vornahme der Neuwahl des Ausschusses nach Maßgabe der in meiner Verfügung vom 19. Juni 1879 Nr. 6470 ini Kreisblatt Nr. 50 bezeichneten und sämmtlichen Bürgermeistern übersandten Anweisung zur Ausführung der Wahlen der Mitglieder des Gemeinde-Ausschusses die Verzeichnisse der stimmfähigen und wählbaren hochbesteuerten Ortsbürger aufzustellen und nach vorgäugiger deshalbiger ortsüblicher Bekanntmachung vierzehn Tage vor der Wahl in den Bürgermeistereilokalen öffentlich aufzulegen, nach Ablauf dieser Frist aber, nachdem die stimmberechtigten Wähler durch öffentliche Bekanntmachung eingeladen sind, die Wahlen des Gemeindeausschusses unter genauer Beachtung der gesetzlichen Vorschriften, namentlich der §§. 38, 44 und 45 der Gemeinde-Ordnung vorzunehmen und die bezüglichen Protokolle ungesäumt an mich einzureichen. Zugleich verweise ich auf die mit meiner Verfügung vom 21. September 1880 Nr. 110561 im Kreisblatt Nr. 76_ veröffentlichte Negierungs-Verfügung vom 14. September 1880 A. I. Nr. 10516, wonach die achttägige Frist zur Anbringung von Einwendungen gegen die Wahl des Gemeindeausschusses mit dem Schlüsse der Wahl selbst, — nach welchem das Wahlresultat sofort auf ortsübliche Weise besannt zu machen und daß letzteres geschehen unter Angabe des Tages zu dem Wahlacten zu registriren ist — zu laufen beginnt.
Die genaueste Beachtung der hier gegebenen Vorschriften muß ich Seitens der Herren Bürgermeister bestimmt erwarten, da ich sonst genöthigt bin, gegen etwaige Zuwiderhandelnde mit Ordnuugs» strafen vorzugehen.
Das zur Wahl nöthige Formularpapier ist in der Funk'schen Buchdruckerei dahier zu haben.
11411. Der Königliche Landrath
Freiherr von Broich.
Hersfeld, den 8. September 1883.
Die Herren Ortsvorstände zu:
Aua, Beiershausen, Biedebach, Eitra, Friedlos, Gittersdorf, Goßmannsrode, Heddersdorf, Holzheim, Kalkobes, Kathus, Kemmerode, Kleba, Kohlhausen, Meckbach, Mecklar, Mengs- Hansen, Niederaula, Obergeis, Reilos, Rohrbach, Notensee, Notterterode, Sieglos, Sorga, Stärklos, Tann, Untergeis, Unterbaun, Con- rode, Gethsemane, Heria, Heringen, Hillarts- hausen, Kleinensee, Lampertsfeld, Landershausen, Lautenhausen, Leimbach, Lengers, Oberlengsfeld, Röhrigshof, Unterneurode, Unterweisenborn, Wehrshausen, Widdershausen und Wölfershausen
werden hiermit an die Erledigung meiner Verfügung vom 25. August er. Nr. 10908 im Kreisblatt Nr. 89, betreffend Bewilligung eines Fonds zur Beschaffung von „Lutherbüchlein," mit Frist bis zum 17. September er. erinnert.
10908. Der Königliche Landrath
Freiherr von Broich.
# Deutschlands auswärtige Politik.
Der 2. September ist auch in diesem Jahre überall in Deutschland als das Fest der Wiederauf- richtung des Deutschen Reichs, als der Tag, an welchem die Einheit, Freiheit und Unabhängigkeit Deutschlands besiegelt wurde, gefeiert worden. Auch in diesem Jahre kam überall das Bewußt* sein ov« der Größe und Bedeutung des vor dreizehn Jahren Errungenen zum Vorschein: der nationale Gedanke, durch innere Parteikämpfe fo oft verhüllt und in den Hintergrund gedrängt, trat an diesem Tage wieder in seine volle Rechte und beherrschte in freudiger Weise die Empfindungen aller deutschen Patrioten.
Zu der Genugthuung über die großen Siegesthaten unseres Heeres, welche den Grundstein zu der Wiederaufrichtung des Deutschen Reichs gelegt haben, kam auch in diesem Jahre, und diesmal in erhöhtem Maße die Befriedigung über die großen für alle Welt sichtbaren Erfolge, mit welchen die dreizehnjährige Friedensarbeit bisher gekrönt worden ist. Freilich auf dem Gebiete der inneren Politik ist die Entwickelung eine solche gewesen, daß einzelne Parteien von dem Gang und von den Ergebnissen derselben sich leider nicht in gleicher Weise befriedigt fühlen: sie vermissen die Verwirklichung ihrer Pardeiideale und sehen in diesem Mangel, einen Mißerfolg, der ihnen die Freude au dem Vaterlande verbittert. Nur mit Bedauern kann man auf diese Parteirichtungen blicken, die sich von ihren Prinzipien und Interessen zu Anschauungen verleiten lassen, welche nahe daran sind den Werth und den Segen der nationalen Errungenschaften zu leugnen, die Verdienste derer, welche sie herveige- führt haben in Zweifel zu ziehen und die Wirksamkeit dessen, welcher sie in erster Linie weiter zu entwickeln und sicherzustellen unablässig bemüth ist, herabzusetzen.
Gleichwohl hat die Parteileidenschaft dach noch nicht so viel Uebergewicht gewonnen, daß diese Parteirichtungen blind wären gegen die von Tage zu Tage immer klarer hervortretenden Erfolge auf dem Gebiete der auswärtigen Politik. Mit lebhafter Genugthuung konnte man am 2 September in den Kundgebungen gerade solcher Blätter, welche dem Gange der inneren Politik in ihrer Kurzsichtigkeit grollend und schmollend gegenüberstehen, ein unumwundenes Anerkenntniß der staatskunst erblicken, weicheres gelungen ist, Deutschlands auf dem Schlachtfelde gewonnene Machtstellung immer mehr zu befestigen, dem Deutschen Reiche mächtige Freunde zu gewinnen, das gegen uns früher verbreitete Mißtrauen durch die Bethätigung einer wahrhaften Friedenspolitik zu beseitigen und mehr und mehr die Ueberzeugung zu verbreiten, daß Deutschlands Existenz für den Frieden Europas nothwendig und unentbehrlich ist. Mit Recht sagt ein secessionistisches Blatt: „wir müßten schlechte Pa
trioten sein, wenn solche Wahrnehmungen uns nicht mit höchster Freude erfüllten."
Der 2. September hat auch zwei englischen Blättern Anlaß zu bemerkenswerthen Kundgebungen über Deutschland gegeben, die ein Zeugniß sind, für die wachsende Anerkennung, deren sich die deutsche Politik auch im Auslande erfreut. Der confervative „Standard" rühmt die Friedfertigkeit und Mäßigung der deutschen Politik seit dem Tage von Sedan: die Erfahrung der letzten dreizehn Jahre habe gelehrt, daß Fürst Bismarck keine Complotte gegen den europäischen Frieden schmiede; die verbündeten Reiche Deutschland und Oesterreich- Uugarn seien ein Pfand der Sicherheit gegen Störungen des Friedens, sie seien die friedlichen und conservativen Elemente in Europa. In gleicher Weise constatirt die liberale „Pall Mall Gazette", daß „der Einfluß Deutschlands seit der Schlacht von Sedan im Ganzen das gesündeste Element der europäischen Lage gewesen sei, und daß das Vorhandensein dieser großen friedliebenden Kraft Europa zum Vortheil gereicht habe." ' Deutschland sei die einzige Macht, die durch Verfassung, Temperament, Lage und Interessen geeignet sei, die Führerschaft Europas auszuüben, — Deutschland sei die große mäßigende Kraft in der internationalen Politik geworden.
Die Urtheile der beiden englischen Blätter dürfen überall getheilt werden, wo man in der Lage ist, unbefangen und unparteiisch über die deutsche aus- n^rtig- Politik während der letzten dreizehn Jahre zu urtheilen, und wo man im Skande ist, die gegenwärtigen freundschaftlichen Beziehungen Deutschlands zu den Mächten richtig zu würdigen. Mancherlei Vorgänge der letzteren Zeit haben aus diese Beziehungen einiges Licht geworfen: die Zu« sammenkünste von Monarchen und Staatsmännern, die theils stattgefunden haben, theils angekündigt sind, die Sympathiekundgebungen, die aus Anlaß der lebhaften Theilnahme Deutschlands an dem Unglück von Jschia aus Italien zu uns herüber- gedrungen sind, — dies alles spricht beredt genug für die freundschaftlichen Beziehungen, deren sich Deutschland erfreut, und für das Vertrauen, welches die deutsche Friedenspolitik mehr und mehr bei den zu denselben politischen Ideen hinneigenden Mächten sich erworben hat. Wo diese Politik noch nicht die gleichen Wirkungen des Vertrauens hervorgebracht hat, sind nationale Leidenschaften und die Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Stande der Dinge in Europa das Hinderniß, das zu be« festigen hoffentlich der Zeit und dem Schwergewicht gelingen wird, welches die zwischen Deutschland und so vielen Mächten bestehenden freundschaftlichen, von friedlichem Geiste getragenen Beziehungen repräsentiren.
politische Nachrichten.
Deutschland.
Se. Majestät der Kaiser, welcher gegenwärtig in Berlin residirt, wird sich demnächst zu den Herbstmauövern nach der Provinz Sachsen be- geben.
Der „Wes.-Ztg." wird geschrieben, daß der Kontreadmiral v. d. Goltz, der vor sechs Wochen über Newyork nach Ostasien abging, den Befehl hat, die Schiffe der verschiedenen ostastatischen Stationen zusammenzuziehen und mit dem ganzen Geschwader verschiedene Häfen zu besuchen. Vielleicht geschehe dies in Rücksicht auf den chinesischfranzösischen Konflikt, um den Deutschen jener Gegenden das Gefühl einzuflößen, daß sie gegen einen etwaigen Ausbruch der Feindseligkeit des Pöbels gegen die Fremden geschützt werden, aber auch um dem Pöbel der Hafenstädte zu zeigen, daß die Deutschen gegen solche Ausbrüche mit starker Hand geschützt werden sollen.
Die zur Erforschung der Cholera unter Leitung des Geheimen Regierungsraths Dr. Koch nach Egtzpten entsandte deutsche wissenschaftliche