Nr. 99.
treis
Donnerstag den 20.September 1883.
Das „Kreisblatt" erscheint wöchentlich dreimal, Dienstags, Donnerstags und Sonnabends. Preis desselben bei der Expedition 1 Mark 40 Pfg. pro Quartal.
Jtreis gersfesb.
Bekanntmachungen aller Art werden ausgenommen und die einspaltige Gar- mondzeile oder deren Raum mit 10 Pfg. berechnet und wird bei Wiederholung entsprechender Rabatt gewährt.
Amlsiches.
Kreis Hersfeld.
Hersfeld, den 17. September 1883.
Die Herren Ortsvorstände rc. zu:
Asbach, Biedebach, Biengartes, Eichhof, Eitra, Frielingen, Goßmannsrode, Hattenbach, Heenes, Kathus, Kerspenhausen, Kleba, Meck- bach, Mecklar, Meisebach, Mengshausen, Nie- deraula, Oberrode,, Petersberg, Roßbach, Rotterterode, Sieglos, Sorga, Stärklos, Tann, Untergeis, Unterbaun, Wilhelmshof, Wippers- Hain, Lengeudorf, Dünkelrode, Gethsemane, Hersa, Heringen, Hillartshausen, Hilmes, Kleinensee, Lampertsfeld, Lautenhausen, Leim- bach, Oberlengsfeld, Philippsthal, Nansbach, Röhrigshof, Schenklengsfeld, Schenksolz, Unterneurode, Unterweisenborn, Wehrshausen, Widdershausen, Wölfershausen und Wüstfeld werden hiermit an die Erledigung meiner Verfügung vom 8. September 1881 Nr. 10411 im Kreisblatt Nr. 73, betreffend Einreichung des Verzeichnisses über die in den resp. Gemeindebezirken vorhandenen Gemeinde- und Privat-Zucht- bullen, mit Frist bis zum 25. Septem
ber er., erinnert.
11824. Der Königliche Landrath
_____ Freiherr von Lroi ch.
Hersfeld, den 19. September 1883.
Für den am 12. Juni 1868 zu Weidenhausen geborenen Theodor L>omm ermann von hier ist um Entlassung aus dem diesseitigen Staats-- verbände behufs Auswanderung nach Amerika nachgesucht worden.
11894. Der Königliche Landrath
Freiherr von Broich.
Die ^enereMJerfammfung des tandmirthscHnsl- ticheu Bentrafoereins für den Reg.-Lez. Aastet Abgchaiten zu Birstein am 13. und 14. August 1883.
(Fortsetzung.)
Mein Standpunkt dieser Frage gegenüber hat sich nicht geändert seit der Versammlung in Bebra, erlauben Sie mir zuerst einige das Vagabundenwesen betreffende Zahlen anzugeben.
In Frankfurt a. M. sind in den ersten 3 Monaten 1883 2500 arbeits- und obdachlose Menschen arretirt worden. Das beträgt für 1 Jahr 10,000, und schwerlich sind Alle sich dort ohne Arbeit und Obdach Hcrumtreibenden arretirt worden.
In Schleswig.Holstein sind in 1880 10,042 Bettler verhaftet worden, davon wurden 1420 zur Korrektionshast verurtheilt, das waren die Rückfälligen. 1881 wurden 12,505 Bettler verhaftet, und von diesen 1814 zu Korreklions- hast verurtheilt.
In der Stadt Siegen sind nach genauer Zahlung des Arbeits-Nachweisungs-Bureau's in Verbindung mit der Polizei 1880 6875 Menschen zugewandert, davon erhielten 286 Arbeit. Im Jahr 1881 war die Zuwanderung viel geringer, es war unter den Vagabunden bekannt geworden, daß es mit den Unterstützungen dort genauer genommen werde, und so zogen nur 4354 zu, von denen 342 Arbeit fanden, über Bedarf zogen also zu 4012.
Der Verein gegen Bettelei in Wenigerode unterstützte 1880; 4400 Ortsfremde, 1881: 6578.
Im Jahre 1878 zogen im Monat Januar mehr als 1800, mehr oder weniger vagabondirende arbeitslose Menschen durch Stuttgart.
Ebensoviel« übernachteten im Februar desselben Jahres in dem viel kleineren Städtchen Ossenbach, die Durchziehenden nicht mitgerechnet.
Das Städtchen Friedberg unterstützte in demselben Jahre über 4000 Durchziehende.
In der Provinz Hannover durchziehen täglich über 10,000 Bettler das Land.
In den gesammten preußischen Korrektionsanstalten (Zwangsarbeitshäusern), in welche nur notorisch arbeitsscheue und rückfällige Bettler verwiesen werden, wurden in Hast gehalten.
1874 1875 1876 1877 1878 1879 1880 1881 4534 5467 6974 8455 10762 13160 12840 15721
Hessen-Nassau hatte davon noch am wenigsten:
38 81 138 233 252 404 385 530
Das Alles sind wahrhast erschreckende Ziffern, die auf (inen stets wachsenden Nothstand hinweisen.
Man berechnet, daß 200,000 Vagabunden fortwährend Deutschland durchziehen, und daß dieselben uns mehr als 100,000 Mark kosten, und daß diese Summe mehr als ausreichend sein wird, wenn sie darauf verwandt wird, das Vagabundenthum zu bekämpfen. Die Städte können leichter den Kampf bestehen als die Landbevölkerung, sie sind im Stand, ihr Armenwesen besser zu ordnen, sie haben unter den Unverschämtheiten und Drohungen der Vagabunden weniger zu leiden, und fühlen den Druck der Plage deshalb weniger, für das Land ist es geboten, an der Organisation zur Ordnung des Landstreicherthums sich kräftigst zu be- theiligen.
Die Quellen, aus denen das Vagabundenthum, die Landstreicherei, entspringt, sind zeitweise wirklicher Mangel an Arbeit neben ungesunden moralischen Einflüssen. Die starke Zunahme der Bevölkerung bietet eine größere Anzahl arbeitender Hände, die Art der heutigen Jndustriethätigkeit bringt es mit sich, daß von Zeit zu Zeit eine große Anzahl Arbeiter entlassen werden. Die durchaus gegen ihre Wünsche ohne Arbeit sich befindenden gesunden und guten Elemente werden gezwungen, sich auf die Suche nach Arbeit zu be» geben und kommen dabei aus den Landstraßen und in den Herbergen in die engste Berührung mit den wirklichen Vagabunden, die Arbeit gar nicht haben wollen und Wohlgefallen an dem Bummelleben gefunden haben; was sie sich erfechten, wird Abends verpraßt, geht eS ihnen mitunter knapp und schlecht, so entschädigt sie dasür reicherer Ertrag ihrer Fechtkunst zu anderen Zeiten. Viele von den anfangs noch guten Arbeitern finden so allmählig ebenfalls Gefallen an der Bummelei und gehen unter in diesem Schlamm.
Außer diesem bösen Beispiel der Genossen übt auch das Beispiel der oberen Gesellschaftsklassen üblen Einfluß. Ein geistreicher Mann hat den Ausspruch gethan : „Die niederen Klaffen sind das, was die oberen aus ihnen machen", — nur die offene Sucht nach Genuß, der Hang nach dem Materiellen überhaupt, dem Idealen gegenüber, giebt kein gutes Beispiel.
Selbst der Humor hilft unbewußt mit zum Verderb der gesunden Lebensanschauungen. Vollkommen unschädlich ist in den Kreisen der Studenten das Lied: „Solche Brüder müssen wir haben, die versaufen was sie haben, Strumpf und Schuh, laufen dem Teufel baarsuß zu", — ganz anders aber wirkt es in der Herberge, wo dasselbe alsbald in die nackte Wirklichkeit übertragen wird.
Für den Staat und die ganze gesellschaftliche Einrichtung birgt ein großes Heer solcher zu allen verzweifelten Streichen bereiten Landstreicher in unruhigen Zeilen eine ernste Gefahr. Wir wissen, daß 1848 überall wo etwas los war, sich sofort eine große Anzahl sogenannter Bassermann'scher Gestalten einsand. Durch die Eisenbahnen wird das jetzt diesen Elementen noch leichter gemacht; sie können in den Händen gewissenloser Agitatoren viel Unheil anrichten.
Unsere Ausgabe besteht der Hauptsache nach darin, die Rekrutirung dem Landstreicherheer abzuschneiden, und weiter demselben die Lust am Vummelleben zu verleiden.
Das Erstere geschieht dadurch, daß den gesunden Elementen die Hand gereicht wird, um sie vor dem Untersinken in den Sumpf des Vagabundenthums zu bewahren, das geschieht dadurch, daß ihnen Arbeit verschafft wird, und dazu dienen, um für den Rothiall dazu im Stand zu sein, die Errichtung von Arbeiterkolonien, — und dann Errichtung von Herbergen zur Heimath, um sie von den verdorbenen echten Bummlern zu trennen.
Das zweite geschieht dadurch, daß den Umherziehenden kein baares Geld gereicht wird, das sie verzechen können, sondern daß sie die Unterstützung nur allein in Natural- Verpflegung erhalten.
Landrath Roth —Schlächtern:
Der Kreis Schlüchtern sei am stärksten von der Plage des Vagabundenthums heimgesucht, so daß der Kreistag bereits es in ernste Erwägung habe ziehen müssen, ob er nicht eine Arbeiterkolonie, im Nothsall aus eigene Kosten, errichten solle. Schlüchtern liege so zu sagen aus der Touristenroute der Vagabunden. Alle Vagabunden, welche Baiern ausweise, werden in Schlüchtern abgeliefert. Die GenSdarmen treiben fast täglich eine Heerde Vagabunden dahin, die ihm dann gegen Quittung abgeliesert würden; die baierischen Gendarmen empfehlen sich dann freundlichst und er — dem keine Mittel zu Gebot stehen für die Ueber» lieferten zu sorgen — könne nichts weiter thun als die in Empfang genommenen bitten, sich so schnell als möglich aus den Grenzen des Kreises zu entfernen. Die Leute hätten nun Nahrung, Stiesel und andere Kleidung nöthig und suchten sich davon so viel wie möglich gleich unterwegs zu erbetteln. Schlächtern sei zunächst dadurch am stärksten in Anspruch genommen. Vor der Gründerzeit sind jährlich ungefähr 100 aus diese Art abgeliesert worden, jetzt über 1100. Außer diesen werden eine größere Anzahl, welche keine Legitimationspapiere besitzen, per Eisenbahn bis auf die erste Grenzstation gebracht und in Sterbfritz einfach ausgeladen, sie kommen aus dem Gefängniß von Würzburg, sind bereits einen halben Tag unterwegs und halb todt vor Hunger, so fallen sie in die Dörfer ein und betteln, und fordern im Nothfall unter Drohungen.
Herr Souchay hat bereits die Quellen besprochen, aus denen das Vagabundenthum entspringt, doch hat derselbe
eine unerwähnt gelassen, die Nothlage der Landwirthschaft. Wird die Landwirthschaft in die Lage kommen mehr Arbeiter zu beschäftigen, so werden viele der jetzt umherschweifenden Vagabunden wieder unterkommen können, ein intensiver Betrieb kann viel thun und mehr Arbeit geben, muß extensiv gewirthschaftct werden dann verlieren Viele ihren Unterhalt. Bei dem Unternehmen, die Quellen des Vagabundenthums zu verstopfen, darf dieser Gesichtspunkt nicht außer Acht gelassen werden.
Landrath v. Broich.
In Schlüchtern liegen die Verhältnisse nicht viel anders als in anderen Kreisen. Maßregeln die wirklich Abhilfe schaffen könnten, müßten für das Allgemeine getroffen werden, er bitte die Kräfte nicht in Einzelunternehmungen zu zer- splittern, sondern den ganzen Regierungsbezirk dabei ins Auge zu fassen, die Arbeiterkolonie könne ja möglicherweise im Kreis. Schlüchtern angelegt werden. (F. f.)
# Das Socialistengesetz.
Fortschrittliche Blätter bemühen sich schon feit längerer Zeit zu beweisen, daß das Socialistengesetz seinen Zweck verfehlt habe und der demselben zu Grunde liegende Gedanke ein unrichtiger war. Sie entnehmen dies aus der Thatsache, daß die Zahl der Socialdemokraten sich nicht wesentlich vermindert, sondern — wie sich dies in einzelnen Wahlkreisen bei Nachwahlen herausgestellt habe — sogar vermehrt hat. Besonders fühlbar scheint ihnen die Macht der Socialdemokraten bei der gegenwärtigen Agitation für die communalen Wahlen in Berlin zu sein, wo sie sich auch von dieser Seite bedrängt setzen: sie meinen, der freie Kampf der Geists würde schon längst die Socialdemokraten vernichtet haben, während dieselben durch das Socialistengesetz nur an Macht und Ausdehnung gewonnen hätten.
Wo wir mit dem „freien Kampf der Geister" hinkommen, das hat die Zeit bis zum Jahre 1878 gezeigt. Wenn die Entwickelung der Socialdemokratie, unbeengt durch die Gesetzgebung, in demselben Tempo und in derselben Richtung fortgeschritten wäre, wie bis zum Jahre 1878, so würden wir zu Zuständen gelangt sein, die sich gar nicht ausmalen lassen. Die Verwegenheit, mit welcher die socialdemokratische Presse damals das große Wort führte und alle Gemüther beängstigte, hatte einen so hohen Grad angenommen, daß es die höchste Zeit war, einen Damm dagegen zu errichten.
Wenn nun aber ein Berliner fortschrittliches Blatt meint, daß die Gesinnung der Socialdemokratie sich durch eine solche Maßregelung, wie sie das Socialistengesetz enthalte, nicht geändert habe, so hat es vollkommen Recht; es vergißt nur dabei, daß dies auch gar nicht der Zweck des Gesetzes war und auch nicht sein konnte. Das Gesetz sollte die Ausschreitungen und umstürzenden Bestrebungen der Socialdemokratie, soweit als möglich, hindern und der Verbreitung derselben vorbeugen. Und dieser Zweck ist ohne Zweifel erreicht: die öffentliche Ruhe ist nicht gestört worden; weder in der Presse, noch in Versammlungen ist das Gift social- oemokratischen Hasses gegen die Gesellschaft verbreitet worden, es hat an fortwährenden Aufreizungen zu Gewaltthaten, wie sie bis 1878 an der Tagesordnung waren, vollständig gefehlt, von öffentlichen Verhöhnungen der staatlichen Ordnung ist nichts mehr wahrgenommen worden und dadurch ist eine allgemeine Beruhigung wieder in die Gemüther eingezogen.
Das sind Erfolge, die nicht hoch genug anzu- schlagen sind und um so mehr ins Gewicht fallen, als andere Staaten gerade jetzt unter den Ausschreitungen der Socialdemokratie sehr zu leiden haben, während Deutschland hiervon in den letzten Jahren verschont geblieben ist.
Auf die Gesinnung der Socialdemokraten konnte das Gesetz nicht einwirken; vielmehr hat die Regierung sofort bei Erlaß jenes Gesetzes anerkannt, daß die Uebelstände, welche den socialdemokratischen Geist groß gezogen haben, durch positive Maßregeln beseitigt werden müssen, und sie hat sich allein hiervon eine Aenderung des Sinnes der Arbeiter versprochen. Die Aenderung der Wirthschaftspo-