Nr. 3.
Frei
Donnerstag den 7. Januar 1886;
DaS „Kreisblatt" erscheint wöchentlich dreimal, Dienstags, Donnerstags und Sonnabends. Preis deflelben mit „Jllustrirtem Unterhaltungsblatt" 1 Mk. 10 Pfg. pro Quartal.
«Kreis ^ersfesö.
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MM- Bestellungen auf das „Kreisblatt für den Kreis Hers- feld" mit der wöchentlichen Gratis- ' Beilage „Jllustrirtes Unterhal tungs- Blatt" werden noch fortwährend von allen Kaiserlichen Postanstalten, Landbriefträgern u. _ _Jion der Expedition angenommen.
Amtliches.
Der Herr Minister des Innern hat unterm 15. d. Mts. dem Vereine zur Förderung der tzanno- verschen Landes-Pferdezucht die Genehmigung ertheilt, bei Gelegenheit des im nächsten Jahre statt- findenden großen Sommer-Rennens eine öffentliche Verloosung von Gold- und Silbersachen, Pferden und für Pferdebesitzer brauchbaren Gegenständen, zu welcher 50000 Loose ä 3 Mark ausgegeben werden dürsen, zu veranstalten und die betreffenden Loose in dem ganzen Bereiche der Monarchie abzusetzen.
Cassel den 29. December 1885.
Königliche Regierung, Abtheilung des Innern.
Kreis Kersfelb.
Hersfeld, den 2. Januar 1886.
■^ -—3<L Gemäßheit des §. 23 bezw. 56 der Ersatz- Ordnung vom 28. September 1875 haben alle diejenigen Personen männlichen Geschlechts, welche
1) in dem Zeitraum vom 1. Januar 1866 bis einschließlich 31.Dezember 1866 geboren sind,
2) dieses Alter bereitsüberschritten, aber sich noch nicht vor ei per Ersatz-Behörde zur Musterung bezw. Aushebung gestellt,
3) sich zwar gestellt, aber über ihr Militär - Verhältniß noch keine feste Bestimmung erhalten haben, sich in der Zeit vom 15. Januar bis zum 1. Februar d. J. zur Rekrutiruugs-
Stammrolle zu melden, und dabei die über ihr Alter sprechenden, sowie die etwaigen sonstigen Atteste, welche bereits ergangene Bestimmungen über ihr Militair-Verhältniß enthalten, mit zur Stelle zu bringen.
Die Herren Ortsvorstände der Stadt- und Land- gemeinden einschließlich der Ortsverwalter des Kreises haben demgemäß im laufenden Monat folgende Bekanntmachung in ortsüblicher Weise viermal zu erlassen:
„Jeder Militairpflichtige, welchem über seine Dienstpflicht eine endgültige Entscheidung der Ersatz-Behörden noch nicht ertheilt ist, hat sich in der Zeit vom 15. Januar bis 1. Februar dieses Jahres bei dem Ortsvorstande zur Re- krutirungs-Stammrolle zu melden, bei Vermeidung der im Gesetze angedrohten Nachtheile.
Für solche Militairpflichtige, welche, ohne an einem anderen Orte im Deutschen Reiche einen dauernden Aufenthalt zu haben, abwesend sind, haben deren Eltern, Vormünder, Lehr-, Brod- oder Fabrikherren die Anmeldung zu besorgen, ebenfalls bei Vermeidung der im Gesetze angedrohten Nachtheile."
Die sodann genau nach der Instruktion des Herrn Ober - Präsidenten vom 16. Mai 1876 (Amtsblatt de 1876 Seite 109 und 110) aufzu- stellenden Rekrutirungs-Stammrollen pro 1866 sind mir nebst den bei den Meldungen zur Stammrolle aus den verschiedensten Jahrgängen vorgelegten Attesten 2C. und den beiden Rekruti- rungs-Stammrollen der Jahre 1864 und 1865 bis spätestens zum 5. Februar d. Js. unter der Bezeichnung ^iK il i t a r i a“ einzureichen.
Ferner haben die Herren Ortsvorstände 2c. des Kreises die in ihren Gemeinden sich aufhaltenden zum einjährig-freiwilligen Dienst berechtigten Mili- tairpflichtigen, welche in das militairpflichtige Alter eintreten resp, eingetreten sind, und ihrer aktiven Di^stpflicht noch nicht genügt haben, resp, von der "Aushebung noch nicht zurückgestellt worden sind, darauf aufmerksam zu machen, daß sie in Gemäßheit des §. 93 pos. 2 der Ersatz-Ordnung vom 28. September 1875 sich bei der Ersatz-Commission ihres Gestellungsortes schriftlich oder mündlich zu melden und unter Vorlegung ihres
Berechtigungsscheines ihre Zurückstellung von der Aushebung zu beantragen haben.
Schließlich spreche ich noch die bestimmte Erwartung aus, daß die vorbezeichneten Stammrollen sauber aufgestellt und die in Betracht kommenden Rubriken derselben vollständig ausgefüllt werden; auch muß, wenn z. B. ein Militairpfltch- stiger Schmied ist, angegeben werden, ob er Grob- oder- Hufschmied ist.
41. Der Königliche Landrath __^-. Freiherr von Schleinitz.
Hersfeld, den 2. Januar 1886.
Nach einer Mittheilung des Vorstandes der Section I. der Norddeutschen Textil-Berufsge- nossenschaft sind für den^Bezirk XI., welchem der Kreis Hersfeld zugetheilt st^Herr Hermann Glei m zu Weisungen als Vertrauensmann und Herr Friedrich Braun zu Hersfeld als Stellvertreter gewählt worden, was hiermit zur Kenntniß der betreffenden Genossenschafts-Mitglieder gebracht wird.
13620. Der Königliche Landrath _________________Freiherr von Schleinitz.
Hersfeld, den 2. Januar 1886.
Es kommt häufig vor, daß die auf die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst reflekti- renden Militärpflichtigen ihre desfallsigen Anträge zu spät einreichen und dadurch der Berechtigung verlustig gehen, sofern die in jedem speciellen Falle erforderliche Restitution Seitens der Königlichen Ressort-Ministerien nicht ertheilt wird.
Zur Vermeidung derartiger Härten sowohl, als auch zur Verminderung bezüglicher Anträge werden in Gemäßheit höherer Verfügung die betreffenden Vorschriften hierunter zur öffentlichen Kenntniß gebracht und weise ich die Herren Ortsvorstände des Kreises an, den Inhalt dieser Paragraphen auf ortsübliche Weise alsbald bekannt zu machen.
40. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz.
§.89 der Ersatz-Ordnung v. 28. September 1875.
1) Die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst darf nicht vor vollendetem 17. Lebensjahre nachgesucht werden. Der Nachweis derselben ist bei Verlust des An-
(Nachdruck verboten.)
Verlasse«.
Novelle von F. Stück er.
(Fortsetzung.)
Auch Angiolina's Augen folgten dem Spiel der Blätter sehnend, träumend, als läge ihre Zukunft, ihr Glück noch verhüllt in den blauen Fernen und doch war es so schön um sie herum und das Leben so reich und so fesselnd.
„Sie müssen dem armen Beraubten schon Ersatz bieten, gnädiges Fräulein", wandle sich einer der Herren an Wally. „Eine Rose aus Ihren blonden Locken wird ihn allein versöhnen."
„Gewiß, gnädiges Fräulein, den Ersatz beanspruche ich!" rief jetzt Heinz Bertram, so nannte sich der junge Bildhauer.
Erröthend löste Wally eine Rose aus ihrem Haar und reichte sie ihm. Ein warmer Blick der Dankbarkeit lohnte ihr.
Wally, mit der zarten Nöthe auf den blassen Wangen, sah in diesem Moment ungemein lieblich aus. Aber es lag nur Interesse, keine Bewunderung in dem Blick, mit welchem Bertram sie streifte.
„Die Rose soll mir ein Erinnerungszeichen sein an diese unvergeßlich schönen Tage hier", sagte er jetzt; „bald reißt uns ja das Schicksal wieder Alle auseinander! Aber ich denke, wir sehen uns wieder, Fräulein Wally."
Es blitzte schelmisch in seinen Augen, bei diesen letzten leise gesprochenen Worten. Ueber Wally's Antlitz flog ein Schatten, dachte sie an die gebundenen Flügel, mit denen man sie in die Welt geschickt.
„Du hast Deiner Rose ein besseres LooS bereitet
wie meiner armen weißen Blume," sagte Angiolina scherzend; „dort fliegt eben ihr letztes Blatt hinüber in den See."
„Sie wachsen ja zu Hunderten dort unten im Garten," erwiderte Bertram, ihre kränkelnd gleichgültigen Worte von vorhin wiederholend.
„Und doch beklage ich diese Eine, da man ihr nicht einmal den Blumentod des Verwelkens gegönnt. Ich möchte ihr Schicksal nicht theilen, nicht in voller Blüthe meines Lebens sterben."
„Hoffen Sie so viel vom Lebens"
„Gewiß, ich möchte es voll und ganz genießen!"
Wieder blickte sie sehnend in die Ferne, als wäre dort ihr Glück zu finden. Aber Bertram sah es wohl, daß sein Bild sich nicht mit diesem Glückestraum verwob, seufzend wandte er sich von ihr und widmete sich den Rest des Tages Wally, auf welche seine Huldigungen tieferen Eindruck zu machen schienen.
Die Sonne war eben aufgegangen, noch leuchtete der Spiegel des See's im rosigen Schimmer; noch lagen auf jedem Blatt, jeder Blüthe, jedem Halm die Thautroplen.
Eine Lerche schwebte jubelnd in dem blauen Aether, und wie im Traum befangen, erklangen einzelne Vogelstimmen aus dem Geäst der Bäume und Sträucher, sonst war es still und einsam überall. Eine Mädchengestalt wandelt durch den stillen Garten der Villa; es ist Angiolina im kurzen Promenadenkleide, den großen runden Strohhut auf dem dunklen Haar, den Bergstock in der Hand. Lächelnd blickt sie um sich.
„Also wieder wie gestern Morgen keiner von den Langschläfern sichtbar, aber heute lasse ich mir
den Spaß nicht wieder verderben, ich wandere ab mit dem Führer, der dort schon ungeduldig harrt."
„Verzeihung, gnädiges Fräulein, ich lasse mich nicht zum zweiten Male wieder von Ihnen verhöhnen, ich bin hier!"
Mit diesen Worten trat Bertram aus einem der dunklen Laubgänge heraus.
„Obgleich die Morgenträume die schönsten sind, heute habe ich sie geopfert."
„Ah, welche heroische That, ich mache Ihnen mein Compliment, allerdings weiß ich dieselbe kaum zu schätzen, da mein Schlaf traumlos ist. Nun dann addio ihr Träumer all'!"
Angiolina winkte nach der Villa hinüber, wo größten Theils die Vorhänge noch herabgelassen waren.
„Kommen Sie, mein Herr, die Stunde der Verabredung ist längst vorüber und unser Ziel ist weit." So wandern denn die Beiden dahin durch den leuchtenden thausrischen Sommermorgen. Auf den Zügen des jungen Künstlers liegt eine Wolke des Unmuths, ihn verdroß die grenzenlose Unbefangenheit Angiolina's, als hätte es durchaus keine Gefahr allein mit ihm diese einsamen Pfade zu wandern. Er preßt die Lippen auf einander und blickt in das schöne Mädchenantlitz neben ihm. Goldene Sonnenstrahlen werfen zitternde Lichtsunken auf ihr blauschwarzes Haar, ihre Wangen röthen sich bei dem allmählichen Steigen. Jetzt haben sie einen Aussichtspunkt erreicht, eine Nasenbank ladet zum Ruhen ein.
„Wie herrlich!" ruft Angiolina, indem sie sich niederlätzt und den Hut vom Kopf nimmt. „Sehen Sie nur den See, wie dunkelblau er schimmert und hier dicht vor uns das herrliche Gebirgspanorama,