Nr. 30.
Donnerstag den 11. März 1886.
Da« „Kreisblatt" erscheint wöchentlich dreimal, Dienstags, Donnerstag- und Sonnabends. Preis desselben mit „Jllustrirtem Unterhaltungsblatt" 1 Mk. 40 Pfg, pro Quartal exel, Postausschlag.
Jinis ^erssesö.
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Amtliches.
Krels Kersfeld.
Hersfeld, den 10. März 1886.
Diejenigen Herren Ortsvorstände des hiesigen Kreises, welche noch mit Erledigung meiner Verfügung vom 23. Februar er. J.-Nr. 2496, das Concurriren mehrerer Söhne bei dem diesjährigen Musterungsgeschäfte betreffend, im Rückstände sind, werden hieran mit Frist bis zum 15. d. M t s. bei Meldung von 6 M. Strafe erinnert. J.-Nr. 2496. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz.
# Der Bischof von Fulda und die ulttamontkne Presse.
Die friedlichen und versöhnlichen Worte des Bischofs Dr. Kopp bei der Polendebatte im Herrenhause haben auf die ultramontane Presse eine überraschende Wirkung ausgeübt. Das Hauptorgan der Centrumspartei, die „Germania", welche sich keine Gelegenheit vorübergehen läßt, um in spaltenlangen Erörterungen kirchenpoli- tische Fragen gründlich zu beleuchten, hat die Rede des Bischofs in der summarischen Uebersicht über die Debatte als eine kurze Motivirung seines Entschlusses der Stimmenthaltung bezeichnet, während sie in demselben Bericht der Rede des Fürsten Radziwill ihren lauten Beifall zollt. Ueber ihre Auffassung von der Bedeutung des Vorgehens des Bischofs bewahrt sie vollständiges Schweigen.
Die ultramontanen Blätter in der Provinz haben dagegen nicht unterlassen, an der Rede des Bischofs sofort Kritik zu üben, und zwar im allgemeinen eine sehr absprechende Kritik. Eine ultramontane Berliner Correspondenz bemerkt zu der Erklärung des Bischofs, er glaube nicht, daß mit den (antipolnischen) Maßregeln ein neuer Culturkampf inscenirt werden solle: „Damit steht Dr. Kopp in vollem Widerspruch mit den sämmtlichen katholischen Rednern des Abgeordnetenhauses." Das ist allerdings eine objectiv richtige fc-tSHSSSS**1™———"^BB——1
(Nachdruck verboten.)
Am einen Aosenkrauß.
Novelle von Th. H e m p e l.
(Fortsetzung.)
Da ertönte urplötzlich neben ihr eine Stimme, Marka fuhr aus tiefen Gedanken empor, Graf Kronau stand vor ihr.
„Wird mir endlich Gelegenheit, Ihnen meinen Gruß zu bringen ? Den ersten übersahen Sie. Wir begegneten uns heute schon, erkannten uns aber nicht. Seit meiner Knabenzeit hatte ich nicht das Vergnügen, Sie zu sehen."
Fest blickten sie sich in die Augen, wie zwei Gegner, welche ihre Kraft maßen, keiner senkte den Blick, dann fuhr Graf Kronau fort:
„Ich glaubte Ihnen Nachricht bringen zu sollen über unsere Pflegbefohlene."
„Unsre?" tönte es scharf über Marka's Lippen. „Sie wiesen ja mein Anerbieten, Ihrer ärztlichen Kunst vertrauend, zurück, ich habe keinen Theil an der Sorge um diese Frau."
„Ich muß gestehen, daß ich meine Kraft überschätzte" bemerkte der Graf.
Marka vermochte nicht vollständig ihr Erschrecken zu verbergen. Bei diesen Worten des Grafen, so sehr sie sich auch bemühte, erblaßte sie und fragte:
„So hat sich der Zustand der Frau verschlimmert ?"
„Ich vermochte nicht das Blut zu stillen. Die alte Frau war von Schreck und Aufregung sehr ermattet, so ergriff ich es mit Freude, daß ein Arzt eben in's Dorf kam, den ich zuziehen und bitten konnte, morgen noch einmal nachzusehen, da ich in Geschäften einige Tage abwesend sein werde. Auf meine Honorarsorderung werde ich nun leider
Beobachtung, an der Niemand etwas aussetzen kann. Zugleich aber wird dem Bischof vorgehalten, daß er die Antipolenvorlage noch nicht hätte prüfen können und daß er „im parlamentarischen Leben noch nicht die Erfahrung hat, wie die langjährigen Führer des Centrums", und es wird seine Auffassung als viel zu optimistisch bezeichnet. Der „Westfälische Merkur" wird schon etwas deutlicher ; er wirft ihm vor, die anscheinend beabsichtigte Neutralität nicht so deutlich gewahrt zu haben, um nicht die Meinung zu erwecken, daß er „im Gegensatz zu der großen Masse des katholischen Volkes, dem begonnenen Kampfe gegen die Polen im Allgemeinen zustimme." Aber der „Merkur" läßt ihm noch einen Ausweg, indem er schreibt: „Wir würden uns freuen, wenn der Herr Bischof diese Auffassung Lügen strafe." Die Bonner „Deutsche Reichszeitung" sagt rund heraus: „Die Ueberzeugung des Herrn Bischofs scheint uns im diametralen Gegensatze zu der großen Majorität seiner Glaubensgenossen und der übrigen Welt, soweit sie nicht preußisch ofsiciös ist, zu stehen. . . Doch find wir überzeugt, daß sich der hochw. Herr Bischof nicht andauernd in dieser Rolle gefallen würde; die bischöfliche Herrenhausrede war fein erdacht, gewandt und sehr diplomatisch, aber ihr Eindruck war nicht für uns, sondern gegen uns." Die „Kölnische Volkszeitung" giebt dem Bischof einen nicht mißzuverstehenden Wink, indem sie meint, es sei t et der gegenwärtigen Lage unserer inneren Verhältnisse für einen katholischen Bischof sehr schwer, an dem parlamentarischen Leben sich zu betheiligen, „ohne nach der einen oder anderen Seite Anstoß zu erregen."
Die ultramontane Presse befindet sich also mehr oder weniger in einem entschiedenen Gegensatz zu dem Bischof von Fulda!
Man wird abwarten müssen, wie sich die Dinge weiter entwickeln werden. Zunächst genügt es zu constatiren, daß jene Presse durch das friedliche Auftreten des Bischofs völlig in Verwirrung gesetzt ist und sich berufen fühlt, rhn zur Ordnung zu rufen, indem sie ihm vorhält, wie richtige Katholiken zu denken haben.
verzichten müssen, —" fügte der Gras lächelnd hinzu.
Marka fühlte keine Neigung auf den scherzhaften Ton einzugehen, sondern entgegnete bitter:
„Um meine Hülfe abzulehnen, gaben Sie sich für einen Arzt aus, ich trug die Schuld daran nicht."
„Ich log in der That nicht, gnädiges Fräulein, als ich Ihnen sagte, daß mir einige Kenntniß der medicinischen Wissenschaft zu Gebote stände. Ich hatte sie nöthig auf meinen weiten Reisen, wo ich oft den Arzt und Apotheker entbehren mußte, ich konnte mir und Andere oft mit meinem Wissen nützlich sein."
„Es muß herrlich sein, die Welt zu sehen, her- auszutreten aus dem täglichen Einerlei, aus dieser verzehrenden Langenweile," erwiderte jetzt plötzlich die Baronesse, dem Gespräche eine andere Richtung gebend.
„Sollten Fräulein von Schönau keine Mittel zu Gebote stehen, einen erfrischenden Lebenshauch in ihr Dasein zu bringen ? Warum reisen Sie nicht?"
„Steinen Sie, ich sehne mich danach, mit dem großen Strome der Vergnügungsreisenden zu ziehen? Ich sah Italien, die Schweiz, und bereiste den Rhein. Gewiß erfreute mich die herrliche Natur, die Schätze der Kunst im fernen Süden. Ich staunte über die Schönheiten, die überwältigende Macht der Alpen, ich schwärmte von dem gewaltigen deutschen Strom mit seinen grünen Wogen, aber versunken in all diese Herrlichkeiten, tönten schwatzende, störende Menschenstimmen an mein Ohr. Wollte ich im Gasthaus noch einmal all' das Erhabene durchleben, die großartigen Eindrücke in mir verarbeiten, so mußte ich bei der Mittags- und Abendtafel die fadesten Unterhaltungen anhören. Seitdem hasse ich das Reisen!"
Aus den Parlamenten.
Berlin, 8. März. Der Reichstag hielt heute zwei Sitzungen. In der ersten wurde zunächst der Beschluß des Bundesraths, betreffend die Ausnahme der Zellulosefabriken in das Verzeichniß einer Genehmigung bedürfenden gewerblichen Anlagen, definitiv genehmigt. Bei Fortsetzung der zweiten Berathung des Antrages Reichensperger (Einführung der Berufung) stellte sich alsbald die Be- schlußunsähigkeit des Hauses heraus. Es wurde aber '/, Stunde später eine neue Sitzung anberaumt. In dieser sprachen für die Berufung die Abgg. Reichensperger (Centrum), Robbe (Reichtzpartei), Rintelen (Centrum) und Saro (deutschkons); gegen dieselbe die Abgg. Hänel (deutsch- freif.), Francke und Marquardsen (nat.-Iib.). Das Resultat der Berathung war die Annahme der zur Debatte stehenden prinzipiellen Paragraphen nach der Fassung der Kommission, d. h. die Einführung der Berufung und die Errichtung von Strafberufungskammern bei den Landgerichten. — Nächste Sitzung Mittwoch 1 Uhr.
Das Abgeordnetenhaus begann die Berathung des Etats des Kultusministeriums. An den Titel „Ministergehalt" knüpfte sich eine mehr allgemeine Debatte, in deren Verlause verschiedene Wünsche zum Ausdruck gelangten, die Seitens des Herrn Kultusministers sofortige Beantwortung sanden. Aus der Diskussion ist hauptsächlich die Erklärung des Abg. Dr. Windthorst hervorzuheben, daß das Centrum für jetzt darauf verzichte, in eine Erörterung der kirchenpolitischen Frage einzutreten, um nicht in den Gang der beim Herrenhause schwebenden Verhandlungen störend einzutreten; dagegen wurden seitens verschiedener Ccntrumsredner die gelegentlich der Polendebatte gegen den Direktor der früheren katholischen Abtheilung im Kultusministerium von Seiten des Kultusministers erhobenen Beschuldigungen zum Gegenstände heftiger Angriffe gegen den Minister gemacht, der seinerseits ausS entschiedenste in Abrede stellte, den Direktor Krätzig der Beseitigung amtlicher Aktenstücke beschuldigt zu haben. Nach Erledigung deS Kapitels „Ministerium" wurde die Berathung auf morgen vertagt.
Berlin, 9. März. Das Abg «ordnete»Haus setzte die Berathung des Etats des Kultusministeriums fort. Das Kapitel: Gerichtshof für kirchliche Angelegenheiten wurde bewilligt, da die Beseitigung desselben nicht durch den Etat, sondern nur durch Gesetz erfolgen kann. Für das zu Danzig neu zu errichtende evangelische Konsistorium wurden 21 000 M. gebilligt. Bei dem Capitel Bisthümer führte der Titel; Bisthum Kulm aus Anlaß einer Rede des Abg. Neubauer (Pole) wieder zu einer eingehenden Erörterung über die Polensrage, speziell die Polonisirung Westpreußens durch die bischöfliche Diözesanverwaltung, die von polnischer Seite beftritten, aber vom Kultusminister an der Hand eingehenden Materials wiederholt nachgewiesen wurde. Zu einem bestimmten Resultate konnte die Debatte ihrer Natur nach nicht führen. Im Uebrigen
„So Würden Sie vorziehen, einzudringen in die unermeßlichen Urwälder, in denen keine Menschen- stimme, nur das Geheul wilder Thiere an Ihr Ohr dringt, würden unter der glühenden Sonne der Tropen fich Wege zu bahnen suchen?"
Marka's Augen leuchteten hell auf:
„Ja, das muß prächtig sein. Lernten Sie das Alles kennen?" frug sie, die abweisende Haltung völlig vergessend, welche sie, dem Grafen gegenüber, vorher eingenommen hatte.
„Ja, ich habe viel gesehen, Großes erlebt, bis die Verhältnisse mich zwangen, nach der Heimath zurückzukehren."
„Ward Ihnen nicht schwer, sich wieder in ba^ alltägliche Leben zu finden?"
„Nein, denn Jeder hat es schließlich in der Gewalt, wie er sich sein Leben gestalten will, und außerdem packte mich mitunter das Heimweh, und ich freute mich, diesem schmerzlichen Gefühl zu entrinnen."
„Fanden Sie dazu wirklich Zeit, bei dem Leben, das Ihnen des Interessanten und Schönen so viel bot?"
„Ich müßte kein Deutscher sein, wenn das Gegentheil der Fall wäre," entgegnete Kronau. „Noch erinnere ich mich des letzten Weihnachtsabends, welchen ich in Südamerika in dem prachtvollen Landhaus eines Plantagenbesitzers verlebte. Mit der liebenswürdigsten Gastfreundschaft ausgenommen, umgeben von Pracht und Reichthum, und herrlichen Lebensgenüssen, überwand ich keinen Augenblick die Sehnsucht nach dem deutschen geschmückten Tannenbaum. Man lächelte wohl über den sentimentalen Deutschen, welcher ein Heimweh nicht zu verbergen vermochte. Aus eigenthümliche