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Herssclilkr Kttisblitt.

Mit wöchentlicher Kratis-ILeilageIllustrirtes Anterhaltungsölatt".

Nr. 71.

Aus Bayern.

Der Section der Leiche König Ludwigs wohnte ein überaus hohes Interesse inne. Sie mußte ergeben, ob der unglückliche Monarch wirklich geistesgestört war und, wie gleich vorweg bemerkt werden mag, sie hat dieses Ergebniß gehabt. Die bedeutendsten Münchner Professoren haben sich dem traurigen, aber hochwichtigen Geschäft mit peinlichster Gründlichkeit unterzogen und auch diejenigen Aerzte zugelassen, welche bisher die Ansicht von der Geistesgestörtheit des Monarchen nicht getheilt hatten, nämlich den Leibwundarzt Dr. Schleiß v. Löwenfeld und den Hofstabsarzt Becker. Das Gehirn und der Schädel des Todten zeigten erhebliche Abnormitäten, die ein gesundes Functioniren unmöglich machten.

Was die staatsrechtlichen Folgen derKatastrophe betrifft, so ist man darüber offenbar noch nicht völlig im Klaren. Die bayrische Verfassung läßt die Thronfolge auch bei Regierungsunfähigkeit zu, was bekanntlich bei König Otto zutrifft. Dieser Unglückliche, dem schwerlich je dre Kenntniß von der durch den Tod seines Bruders erlangten Würde werden wird, ist einer jenerharmlos Wahnsinnigen", die ihr Leben in stillem Hinbrü­ten verbringen. Dabei erfreut er sich vollen körperlichen Wohlseins und die Aerzte sagen ihm ein hohes Lebensalter zu.

Es waren im bayerischen Ministerrathe Be­denken aufgetaucht, ob die Krone wirklich an den Prinzen Otto übergehen dürfe. Der neue Herrscher muß nämlich verfassungsgemäß den Königseid leisten, was doch bei einem wahnsinnigen keinen Zweck hätte, selbst wenn man den König dazu bewegen könnte. Die Majorität des Minister­rathes neigte aber der Ansicht zu, daß die Eides­leistung keine Bedingung des Kronerwerbes oder Regierungsantrittes sei. Der Verzicht auf die Krone kann ausdrücklich oder stillschweigend durch Nicht-

Sonnabend den 19. Juni

Übernahme der Regierungsgeschäfte erklärt werden.

Nun könnte zwar ein Prinz oder dessen Linie durch das Verfassungsänderungsgesetz von der Erbfolge ausgeschlossen werden, was hinsichtlich des Königs Otto wegen der Klärung der Ver­hältnisse in Bayern ein Segen wäre. Indessen bestimmt die Verfassung ausdrücklich, daß während einer Regentschaft eine Verfassungsänderung nicht stattfinden darf.

Es ist übrigens bemerkenswerth, daß Freiherr von Frankenstein, der Präsident der bayrischen ersten Kammer in seiner Eröffnungsrede am Dienstag mit keiner Silbe des neuen Königs Otto gedachte. Die Regentschaft scheint mithin völlig korrect gehandelt zu haben, daß sie zunächst den Prinzen Otto zum König proclamirte und Sache der Volksvertretung wird es sein, die Thronfolge zu ordnen resp, deren Ordnung in Fluß zu bringen.

Was die Stellung Bayerns zum Reich betrifft, so wird dieselbe durch den Regierungswechsel in keiner Weise geändert und würde auch dann nicht geändert werden, wenn Prinz Lnitpold, der Regent, denThron besteigt. Die Reichsregierung hat durchaus nicht in die bayrische Krisis eingegriffen. Fürst Bis- marck hat dies als eine Angelegenheit betrachtet, die, wie sich dieNordd. Allg. Ztg." ausdrückte, durch Bayern und in Bayern" ihre Erledigung finden müsse. Daß man dabei in den leitenden Kreisen des Reichs und Preußens das lebhafteste Mitgefühl für den unglücklichen Monarchen hegte und hegt, ist selbstverständlich.Ich bin wie zerschmettert durch die Nachrichten aus Bayern", äußerte der Kaiser am Dienstag beim Besuche der Kunstausstellung zu den dort Anwesenden.

Das tiefe^Mitgefühl für den in der Blüthe der Jahre dahingerafften Monarchen gibt sich allerwärts kund und verbindet sich mit dem Wunsche, daß die Katastrophe keinen dauernden

1886.

Schaden für das schöne Bayernland im Gefolge haben möge.

Politische Nachrichten.

(Deutschland.) Die Abreise Sr. Majestät des Kaisers nach Eins wird am 18. d. Mts. Abends erfolgen.

Die feierliche Beisetzung, des Königs Lud­wig von Bayern wird am Sonntag statt­finden. Die Section hat die Geistesgestörtheit des Monarchen außer allen Zweifel gestellt. Eine Gegenproelamation des Königs gegen seine Entmündigung wird als gefälscht bezeichnet. Die Beerdigung des mit dem Könige ums Leben gekommenen Dr. v.Gudden hat auf Staatskosten stattgefunden; die Hinterbliebenen werden eine reichliche Dotation erhalten. Ob das Ministe­rium Lutz im Amte bleiben und ob der Prinz- Regent dasselbe gegen die ultramontane Kammer - Mehrheit wird halten können, ist zweifelhaft. Zum Sonntag werden viele Fürstlichkeiten in München eintreffen, um an den Beisetzungsfeier­lichkeiten theilzunehmen.

In Vertretung Sr. Majestät des Kaisers geht der Kronprinz zu der Beisetzungsfeier nach München.

Der Regent von Braunschweig, PrinzAlbrecht, wird zum Herbst das Commando des 10. Armee- Corps (Hannover) niederlegen.

Fürst B ism arck ist zu kurzem Aufenthalte in Berlin eingetroffen. Man bringt seine Ankunft mit den bayrischen Vorgängen in Verbindung.

Die Bauzeit des Nord-Ostsee-Canals ist ein­schließlich der noch auszuführenden besonderen Vorarbeiten aus 89 Jahre angenommen, so daß man zum Sommer 1895 der Eröffnung des Kanals entgegensehen darf.

Der wegen der Frankfurter Friedhossaffaire zu drei Monaten Gefängniß verurtheilte Polizeikom-

(Unbefugter Nachdruck verboten.)

Auf dem Kranmethof.

Eine Geschichte aus den Alpen. Von Robert Schweichel.

(Fortsetzung)

Es war Franz in Cenzi's Gesellschaft so wohl gewesen, wie in dem milden Sonnenschein des jungen Frühlings. Der unheimliche Traum hatte ihn zur Erkenntniß seines Herzens gebracht; aber er war nicht darüber erschrocken gewesen. Im Gegentheile, er hätte aufjauchzen mögen vor Glück­seligkeit. Es störte ihn nicht, daß Cenzi die Frau eines Anderen war, ihm war es, als ob sie den­noch einander gehörten. So unwiderstehlich es ihn einst von der Schule fort auf die See getrieben hatte, so zog es ihn jetzt nach dem Kranwethof. Als er aber hinauf wollte, wehrten ihm die Schnee­massen, unter denen der Anstieg begraben lag, und er mußte umkehren. Der Weg, den ihm Marlinger selbst zu seinem Glücke gezeigt hatte, war verschüttet. Daran stutzte er. Cenzi erschien ihm in jedem Sinne des Wortes unerreichbar. Seine thatkräftige Natur bäumte dagegen auf. War es denn nicht dieselbe innere Stimme, welche ihn Cenzi zu lieben trieb, wie sie ihn seinem Berufe zugeführt hatte, trotzdem er sich des Kummers, den er seiner Mutter damit machte, wohl bewußt gewesen? Er stellte indessen diese spitzfindige.Untersuchung nicht an und war auch nicht leichtsinnig genug, sich über die Schranken hinweg zu setzen, welche die Ehe zwischen Cenzi und ihm aufgerichtet hatte, wie

auch seine Leidenschaft glühte und wühlte. Daran aber mußte er fortwährend denken, daß er sie wohl für sich gewonnen haben würde, wenn er auf den Brief der Mutter sofort nach Täufers gereist wäre, anstatt diese an ihrem, Namenstage über­raschen zu wollen. Aus Neigung konnte sie un­möglich Marlinger geheirathet haben und ihre Aeußerung, als er neben ihr am Fenster gestanden, hatte es verrathen, daß sie sich nicht glücklich fühlte. Er begriff es nicht, wie Cenzi sich dazu hatte ent­schließen können, den unscheinbaren Mann zu Hei- rathen, der viel älter als sie war.

Es ist doch verwunderlich, Mutter," äußerte er eines Tages aus solchem Grübeln heraus,daß die Cenzi den Kranwetbauer genommen hat."

Ja, wie so denn?" fragte die Mutter höchst erstaunt.Es ist doch ein großes Glück für die blutarme Gitsche. Sie hat's mir auch neulich wieder gedankt, als wir oben waren.'

Franz schaute sie mit groß geöffneten Augen an.

Du hast ihr zugeredt?»

Nn freilich," versetzte sie stolz.Hab' ich mich doch um ihre Zukunft sorgen müssen. Was sollte aus ihr werden, wenn Du nachher den Hof über­nimmst und heirathest? Der Fridolin Gindhart hatte wohl ein Aug' auf sie, aber der Alte Hätt's nimmer zugelassen. Es denkt's ja noch jedem hier in Täufers, daß ihre Mutter vor unserer Thür des Todes gestorben wäre, wenn wir uns ihrer nicht erbarmt hätten. Wer mag ein solches Madl und wenn es nachher auch noch so hübsch und brav ist als Söhnerin ? Da traf es sich denn just, daß

der Marlinger ihre Bekanntschaft machte. Dem ist es halt ganz gletchgiltig, was die Leut' von ihm denken."

Dir hat also der Marlinger seine Frau zu verdanken und jetzt willst Du mich bereden, daß ich die Christi an Bord nehmen soll," rief Franz mit großer Bitterkeit.Ob Du die Cenzi glücklich gemacht hast!"

Er nahm seinen Hut und lief zum Dorfe hinaus, um den Sturm in seinem Innern austoben zu lassen. Er also war eigentlich Schuld, daß Cenzi aus dem Hause seiner Eltern gedrängt und mit unzerreißbaren Banden an diesen Mann gekettet war. Er, der mit Freuden für sie in den Tod ge­gangen wäre, trug die Schuld an ihrem Unglücke, und dabei sich vorstellen zu müssen, daß er sie da­vor hätte bewahren können, wenn er seine Heim­kehr nicht verschoben hätte! Die bittersten Qualen vergällten sein Gemüth. Um seine leere Zeit aus- zufüllen, hatte er die Copie eines Dreimasters an- zusertigen begonnen. Daran arbeitete er mit dem größten Eifer und seine Gedanken waren auf dem Meere. Dort würde ihm leichter um das Herz werden, hoffte er. Für die Mutter war seine Ar­beit ein Anzeichen, daß er aus der Heimath sich fortsehnte. Sie erkannte, daß ihre Pläne und Hoffnungen, ihn in Täufers zu behalten, eitel waren und einen noch größeren Kummer verursachte es ihr, daß sich sein Herz von ihr zurückzuziehen schien. Er war gut wie immer gegen sie und dennoch fühlte sie, daß er nicht mehr der Alte war. Sie weinte darüber im Geheimen heiße