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Mit wöchentlicher Kratis-Weitage „Issustrirtcs InterhattungsKlatl".
„Nr. 134.
Dienstag den 16. Noßcmßcr
1886.
Amtliches.
Gefunden: eine Wagenh emme. Meldung des Eigenthümers bei dem Ortsvorstand zu Untergets.
Der Dieb des zu Hersfeld am 2. November 1886 gestohlenen Stücks Tuch ist ergriffen. Cassel, den 12. November 1886.
Der Erste Staatsanwalt.
J. A.: Chuchul.
# Die deutschenSoeialdemoeraten in Amerika.
Die neueste Nummer des „Aibeilersreund" (Organ des Centralvereins (ür das Wohl der arbeitenden Klassen« ent> hält einen lehrreichen Bericht über die feindselige Srim- mung, welche die aus Deutschland stammenden Sociaide- mocraten in den Bereinigten Staaten gegen das deutsche Element erzeugen.
Das Ende der Maibewegung der Arbeiterschaft Amerikas hat für die Arbeiter dieses Landes schlimme Folgen nach sich gezogen und besondere sür di« deulsch-n »irN.nee noch besonders eine Art von Aechlung. Halle man früher den eingewanderten Deutschen vorgezogen, weil er mehr leistete und in Folge seines Nachtheils, der Unkenntnih der Umgangssprache, gegenüber dem Jcländer mit einer geringeren Ablohnung vorlieb nahm, so begegnet man ihm heute mit großem Mißtrauen, namentlich fojern irgendwie eine flüchtig hingeworfene und vielleicht falsch verstandene Aeußerung zur Bermulhung führt, daß man einen Anhänger oder Verbreiter socialistischer Lehren vor sich habe.
Bor einiger Zelt — heißt es in dem von uns eewähu- ten Bericht — hat ein Arbeiter in der Nähe New-Uorts, der eine zahlreiche Familie ernährte, seinem Leben durch einen Pistolenschuß ein Ende gemacht. Der Mann war einer der Leiter des großen verunglückten etrites der Sei« denweber, ein Mann, der seine Agitation rücksichtslos betrieb, alle offerirten Bergleiche seitens der Fabrikanten höhnend -urucksnes und in seinem Hochmuth eine bicta- torische Sprache führte, rote sie vielletcht nur in den blu. tigen Tagen der großen französischen Revolution üblich war. Ats nun aber endlich durch gegenseitiges Rachgeb-n ein Ausgleich erzielt worden war und die Arbeiter wieder
(Nachdruck verboten.)
Auf den Wogen des Lebens.
Novelle von E. Schlegel.
(Fortsetzung.)
Die damalige Stellung Hubert's hielt den Gatten von früh bis spät vom Hause fern und Halle eine so kärgliche Besoldung, daß Elisabeth beschloß, ihre Zeit nützlich zu verwerthen, um das Einkommen zu bessern. Sie begann die Weibzeugnäherei; aber wie alle Handarbeit der Frauen, so wurde auch diese so kümmerlich bezahlt, daß der aufreibendste Fleiß täglich nur wenige Groschen verdiente. Die übrige Wirthschaft ging dabei rückwärts und Die Gesundheit ebenfalls. Bei alledem wurde die Frau geängstigt durch das Gerücht, der Bauunternehmer sei dem Fallissement nahe — und nur einige Tage später erfolgte Die Bestätigung. Scherler war brotlos.
Diese Nachricht gelangte auch zu Ohren des nach C. versetzten Bruders; er war avanetrt und säumte nicht, den Armen zu helfen. Das unverschuldete Leid unterdrückte jeden Groll, er sorderte sie aus, zu ihm nach C. überzufteoeln und machte sogar Hoffnung aus ein dortiges Placement im Bureau. Das Anerbieten wurde von den Bedrängten freudig angenommen. Als Scherler's eilige« zogen, wurde Gustav ein Sohn geboren, und Elisabeth land somit gleich Gelegenheit, sich brauchbar zu erweisen.
Die Häuslichkeit des Wohlthäters bot das Bild einer sorgensreien Existenz. Eine bürgerliche, aber
vollkommene Ausstattung, eine überaus bequeme Stellung uuD ein Gehalt, von dem sich's gut leben ließ. Trotz dieser Annehmlichkeiten tauben sich die Ankömmlinge kalt berührt und entdeckten eine gewisse Leere in dem Zusammenleben der beiden Gatten. Nur die liebenswürdige Rücklicht des ersten Ehejahres schien noch diese Leere zu bedecken durch conventionelle Höflichkeit im täglichen Verkehr.
Der kleine Eonrao erkrankte plötzlich am Schar- lachfieber; von Stund' an ließ Gustav's Frau Die Maske fallen und zeigte offen, daß die Gäste ihr unliebsame Erscheinungen wären. Man schloß sie, der Ansteckung wegen, von jeder Berührung ab; in Der ersten Nacht aber wurde auch Lisbeth vom Fieber ergriffen, der Arzt kam täglich. Emmy benutzte diesen Zwtjchenfall, um Gustav sür ihren Plan zu gewinnen. Bald darauf kündigte dieser seinem Bruder an, daß nach Aufhebung der Krankheit seine Mittel ihm nicht mehr erlaubten, noch eine Familie nebenher zu ernähren, und sei er so- mit gezwungen, die Gastfreundschaft aufzuheben. Hubert erinnerte ihn seines Versprechens wegen der Stellung, worauf ihm Gustav antwortete, die Stellen, welche offen wären, könne er ihm aus Rücksicht für seinen eigenen Stand nicht verschaffen, da sie zu untergeordneten Ranges wären. —
So hatte sich das Verhältniß gestaltet, als Lis- beth ihrer Genesung entgegensah.
Hubert erwachte, fchlug seine Augen aber schnell wieder zu, geblendet vom Hellen Sonnenlicht.
«Die Sonne ist ein rechter Schalk, und Du, Lisbeth, sitzt ja wie tu einem Backosen!*
aus ihre Plätze eilten, da fand der Unglückliche und Verblendete die Thore sämmtlicher Seidenfabriken geschlossen; man wollte ihn nirgends haben. Als Arbeiter nicht eben der besten einer, hatte er einen üblen Leumund über seine Ausführung hinter sich, und daß er sich während der Be« wegung so unvortheilhast in den Vordergrund gedrängt, in seinen Brandreden den Arbeitgebern, gegen die gestrikt wurde, die unflätigsten Titel an den Kopf warf, das war's, weshalb ihn niemand mehr beschäftigen wollte. Nach wenigen Wochen trieb ihn das Elend, das er selbstverschuldet seiner Familie bereitete, zur Verzweiflung und er griff zum Revolver.
Daß sich ein Arbeiter aus Noth das Leben nimmt, geschieht wohl nirgends so selten wie in Amerika, trotzdem manchmal die Zahl der Brotlosen eine wirklich hohe Ziffer erreicht. Der vorliegende Fall ist ein Stück Geschichte aus der Arbeiterwelt, das gerade gegenwärtig ein akutes Interesse beanspruchen darf und für jeden lehrreich sein mag, der überhaupt Lehre annehmen will.
Der Selbstmörder kam vor zwei Jahren nach New-Iork und schon nach Ablauf eines Jahres hatte er soviel gespart, um Frau und Kinder aus Deutschland nachkommen lassen zu können. Im zweiten Jahre deponirte er, trotzdem die Familie aus fünf Köpfen bestand, soviel auf der Bank, um sowohl die lange Strilezeit, wie noch vier Wochen darüber von di-l-n gicy^p*— 2-^— 2 - ^-••-••t «"*** uuvt* war seine Arbeitsleistung mittelmäßig: die „Hungcriohne" müssen demnach nicht so arg niedrig gewesen sein. Daß er nicht praktisch genug gewesen, zu einem andern Erwerb zu greifen und daß er feige seine Frau und Kinder im Stich ließ, soll hier nicht erörtert werden. Wohl aber sei fon» [tatirt, daß er einer aus den zahllosen Agitatoren war, die seit den letzten fünf Jahren die Bereinigten Staaten überschwemmen.
Fast sämmtliche wegen Boycotts und Gewaltthätigkeiten Verurtheilte der letzien Zeit sind Deutsche, die erst kurze Zeit im Lande sind, und in der Regel noch nicht einmal das Bürgerrecht erworben haben. Es nimmt sich kläglich genug aus im Gerichtssaale, wenn ein derartig «ngeklag- tec daselbst sich über die Prinzipien ausläßt, die das Land regieren sollen, aber dabei eines Dolmetschers bedarf, um sich Richter und Geschworenen gegenüber verständlich zu machen. Es dauert in den Bereinigten Staaten zwar lange, bis Anklagen erhoben werden, geschieht dies aber einmal, und der Angeklagte wird schuldig befunden, dann i sind die zu verhängenden Strafen nicht müde, namentlich I wenn die öffentliche Meinung zu Gericht sitzt, die in
Amerika ein bedeutendes Wort mitzusprechen hat und deren Einfluß sich kein Richter entziehen kann.
Die öffentliche Meinung macht aber jetzt entschieden Front gegen das einwandernde socialistische Element, das den amerikanischen Wohlstand zu unterminiren und die Rechtsbegriffe zu verwirren droht. Nicht nur, daß man Arbeitern, welche sich als gefährliche Wühler entpuppen, die Beschäftigung entzieht, man geht sogar mit der Ab. ficht um, die Einwanderung überhaupt zu erschweren, und ein Mitglied der Einwanderungs-Kommiffion, Herr Ste- pensen, kann als der Repräsentant dieser Richtung gelten. Freilich dringen seine Wünsche derzeit nicht durch — noch ist er in der Minorität —, aber viele englische Blätter stimmen ihm bereits zu, und nur die deutschen Zeitungen warnen davor, das Kind mit dem Bade auszuschütten; aber gleichzeitig ertheilen sie den deutschen Arbeitern den Rath, sich bei ihren Fach- und Coalitionsbestrebungen eng innerhalb der Grenzen der Landesgesetze zu halten.
UolMsche Nachrichten.
(Deutschland.) Se. Majestät der Kaiser hatte sich am Freitag Nachmittag mittels Extra-
Prinzen Ludwig von Baiern vorausgereist waren; Der Jagd wohnte auch der Großfürst Wladimir von Rußland, welcher sich von Schwerin nach Letzlingen begeben hatte, bei. Die Rückkehr des Kaisers und der Prinzen nach Berlin erfolgte am Sonnabend Abend.
Die Frau Kronprinzessin ist mit den Prinzessinnen-Töchtern am Sonnabend in Trient eingetroffen.
Fürst B i s m a r ck erhielt Donnerstag Nachmittag einen längeren Besuch des Kronprinzen
Der Reichstag wird nach der Bestimmung des Kaisers am 25. November zusammentreten. So weit sich bis jetzt übersehen läßt, sind die Aufgaben des Reichstages weniger umfangreich als in den letzten Jahren. Steuervorlagen werden ihm nicht gemacht werden. Abgesehen vom Etat werden wohl nur die Gesetzentwürfe
«O, mir ist so wohl," sagtedie Patientin, «solche Wärme ist köstlich." Jubelnd sprang der Knabe auf, froh, daß nun der Zwang des Ruhigseins beendet.
«Hast Du wirklich geschlafen ? die vielen Nachtwachen haben Dich wohl erschöpft, ach!"
«Ja, mein Lieb, sehr schön sogar und auch gestärkt bin tch. Dlun gehen wir aber in den Garten, es muß wundervoll sein in Der lauen Luft."
Die junge Frau ergriff den Arm des Gatten und ihnen vorauf lief das Söhnchen. Behend durchschritten sie die Räume Gustav's, worin alles leer und still; es ließ sich Niemand sehen trotz der Aussage des Doctors, daß jede Ansteckungsgefahr vorüber. Recht schmerzlich fühlte sich die Kranke berührt, daß kein freundliches Wort sich ihr bot und die Schwägerin so scheu ihre Hand zurückzog. — Unter den grünen Bäumen sangen die Vöglein so hell, als wollten sie den Armen die fehlende Liebe ersetzen.
«In der nächsten Woche, Elisabeth, denke ich, werden wir unsere Reise antreten — es war eine recht trübe Zeit hier."
«Wollen hoffen;" sagte die Frau träumerisch. «Ich will nie mehr etwas bestimmt erwarten, die Zuversicht ist so oft verfrüht."
«Habe Muth, ich werde schon vorwärts kommen. Voigt hat mir gute Aussichten eröffnet und will mir seine Steine in Commission 'geben; ich verdiene dabei eine ansehnliche Provision bis ich etwas besseres finde." ,, „
.Ach, Hubert, ich denke so viel darüber nach,