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Mit wöchentlicher Kratis-AeLtageMustrirtes IlnterhattungsökatL".

Nr. 28.

Sonnabend den 5. März

1887.

Aöonnements-Kintadung.

Bestellungen auf das

Hersfelder Armblatt mit der wöchenttchen Gratis - Beilage Auftrittes Unterhaltungsblatt" für den Monat März werden von allen Kaiserlichen Postanstalten, Landbriefträgern und von der Expedition angenommen.

Amtliches.

Der Herr Ober-Präsident hat auf Antrag des Vorstandes des landwirthschaftlichen Vereins zu Frankfurt a/M. die Genehmigung ertheilt, bei Gelegenheit des diesjährigen Frankfurter Früh- jahrs-Pserdemarkies eine Verloosung von Equipagen, Pferden, Pferdegeschirren und einschlägigen Artikeln im Gesammtwerlye von mindestens 63000"Wrt abzuhalten.

Die Zulassung dieser Verloosung ist unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 30000 Looje ä 3 Mark ausgegeben werden und daß deren Vertrieb auf den Umfang der Provinz Hessen-Nassau beschränkt bleibt.

Eassel am 22. Februar 1887.

Der Regierungs-Präsident.

In Vertretung: Schwarzenberg.

Die Thronrede.

Der neue Reichstag wurde am Donnerstag Mittag durch folgende vom Staatsminister v. Bo etlicher verlesene Thronrede eröffnet:

Se. Majestät der Kaiser haben mir den Auf­trag zu ertheilen geruht, den neugewählten Reichs-

I tag in Allerhöchstihrem und der verbündeten Re­gierungen Namen willkommen zu heißen.

Ihre Thätigkeit in der bevorstehenden Session wird durch eine Reihe wichtiger Vorlagen in Anspruch genommen werden.

Der Gesetzentwurf über die Friedeus-Präsenz- stärke des deutschen Heeres, welcher zum Bedauern der verbündeten Regierungen in der vorgelegten Form die Zustimmung des vorigen Reichstages nicht gefunden hat, wird Ihnen alsbald unver­ändert zugehen.

Im Zusammenhänge mit der Heeresvorlage steht die Ihnen obliegende Aufgabe der schleu­nigen Berathung des Reichshaushaltsetats. Un­geachtet des nahe bevorstehenden Ablaufes des Etatsjahres wird es hoffentlich gelingen, das Reichshaushalts-Gesetz rechtzeitig zu vereinbaren. Die Opfer, welche das etatsmäßige Ausgabebe- dürfniß beansprucht, sind ungeachtet der bei der Veranschlagung desselben beobachteten Sparsam-

Reichs durch die Beschaffung neuer Einnahme­quellen zu verstärken und unsere Steuergesetzgebung im Sinne einer gerechten und der Leistungsfähig­keit der Steuerzahler entsprechenden Vertheilung der Lasten auszugestalten. Die verbündeten Re­gierungen geben sich der Hoffnung hin, daß es ihnen gelingen werde, mit dem neugewählten Reichstag zu einer Verständigung über die nöthigen Reformen unseres Steuersystems zu ge­langen, die dazu erforderlichen Vorarbeiten werden ohne Verzug in Angriff genommen.

Die Thätigkeit der verbündeten Regierungen richtet sich unausgesetzt auf den weiteren Ausbau der auf der Allerhöchsten Botschaft vom 17 No­vember 1881 beruhenden socialpolitischen Gesetz­gebung. Dabei handelt es sich zunächst darum, durch die Erstreckung der Unfallversicherung auf die von derselben noch nicht erfaßten Kreise der

arbeitenden Bevölkerung einen genügend breiten und tragfähigen Untergrund für das weitere und abschließende gesetzgeberische Vorgehen zu ge­winnen. Zu diesem Zwecke werden Ihnen zu­nächst Gesetzentwürfe über die Unfallversicherung der Seeleute und der bei Bauten beschäftigten Arbeiter zugehen.

Eine weitere Vorlage, welche den Interessen des Handwerkerstandes durch Erweiterung der den Innungen zu verleihenden Befugnisse dienen soll, ist in der Vorbereitung begriffen.

Die Anwendung des Nahrungsmittelgesetzes vom 14. Mai 1879 stößt in der Praxis auf mannigfache Schwierigkeiten. Es wird Ihnen ein Gesetzentwurf zugehen, welcher zunächst auf dem Gebiete der Verwendung gesundheitsschäd­licher Farben diese Schwierigkeiten zu beseitigen sucht.

Die gesetzlich vorgeschriebene Revision des Servistarifs und der Klasseneintheilung der Orte wird dnrrb -Fbre MUwirkung zum AbsM gebliebenen Gesetzentwürfe über die Errichtung eines Seminars für orientalische Sprachen und über Aenderungen der Gebührenordnung für Rechtsanwälte Ihre Thätigkeit in Anspruch nehmen.

Die Beziehungen des Deutschen Reichs zu den fremden Mächten sind heute noch dieselben wie zur Zeit der Eröffnung der vorigen Reichstags­session. Auf Allerhöchsten Befehl habe ich die Genugthuung Seiner Majestät des Kaisers über die Kundgebungen des Papstes zum Ausdruck zu bringen, durch welche das wohlwollende Interesse Seiner Heiligkeit für das Deutsche Reich und für dessen inneren Frieden bethätigt worden ist.

Die auswärtige Politik Seiner Majestät des Kaisers ist fortwährend darauf gerichtet, den Frieden mit allen Mächten und besonders mit unseren Nachbarn zu erhalten und zu pflegen.

(Unbesugter Nachdruck verboten.)

Schulmeisters Marie.

Erzählung von I. Jsenbeck.

(Fortsetzung.)

Vom schnellen Gehen, von Aufregung und Sorgen ermattet, mußte Marie erst für einen Moment Athem schöpfen, ehe sie ihren Mantel ab­legen und die Lampe anzünden konnte. Als dann das Licht ausflammte, stieß sie einen Schrei des Erschreckens aus über das, was sie sah. Der kleine Raum, von seiner Bewohnerin stets tu pein­lichster Ordnung und Sauberkeit gehalten, bot ein Bild der Verwüstung. Die Kommode war er­brochen, die Kasten herausgezogen, ihr Inhalt von sauberer Wäsche, Nähmaterial und all den werth- losen Kleinigkeiten, die jedes Mädchen sich gern aufspeichert, lag auf der Erde zerstreut. Auch der Kleiderschrank war geöffnet und gähnte die Be­stürzte wie ein leeres Nichts an. Die wenige Garderobe war unordentlich auf dem durchwühlten Bett zusammen gehäust.

Zuerst dachte Marie an den Einbruch von Dieben, aber gleich darauf stieg eine andere, noch bangere Ahnung in ihr auf.

Der Vater war es -1* flüsterte sie stöhnend und unter Thränen. Der letzte Rest von Hoffnung und Muth, den sie noch bewahrt, war verschwunden.

Die Thür hinter ihr hatte sich geöffnet. Aus der Schwelle stand der Schulmeister.

Hast Du W fragte er mit heiserer

Stimme. Marie konnte nicht antworten, nur ver­neinend den Kopf schütteln.

Ich muß Geld haben!" fuhr der Alte näher tretend fort.Heute noch sogleich hörst Du!" Marie faßte sich gewaltsam.

Ich habe nichts, Vater!" sagte sie bestimmt und doch zitternd,wenn Du diesmal nicht helfen kannst, so müssen wir Beide die nächsten Tage hungern 1*

Der Vater schien die Worte nicht verstanden zu haben.

Gieb mir das Geld, das Du mitgebracht hast 1* rief er.Alles ich gebrauche es! Hier habe ich schon vergebens gesucht!"

Das junge Mädchen bemerkte mit tödtlicher Angst, wie die Augen des Vaters irre umhergingen, wie verzerrt seine Züge waren.

Zeigst Du so die kindliche Liebe, die Du immer im Munde führst?" schrie er und fuhr dann wie klagend fort:Ich bin mit meiner Arbeit bald zu Ende die hochmüthigen Narren, die sich für Gelehrte halten und doch nichts verstehen, sollen erkennen, daß sie von mir zu lernen haben. Nur ein, Buch fehlt mir noch, ich kann es für wenige Thaler kaufen und mein eigen Kind will mir dabei nicht helfen!"

Marie hatte angefangen, ihre wenigen Habselig­keiten von der Erde aufzusammeln; sie hielt gerade ein kleines Kästchen in der Hand, das sie wieder in die Kommode legen wollte, als der Alte sie rauh an die Schulter faßte.

Noch einmal, sage ich Dir, gieb mir Geld!'

knirschte er seine Tochter schüttelnd. Das Kästchen fiel wieder zur Erde und der Deckel sprang auf. Ein kleines goldenes Kreuz und ein schmuckloser Fingerreif glänzten aus einem schwarzen Sammet­fleckchen. Marie wollte nach ihrem Schatz, den werthen Erinnerungen an ihre Mutter greifen. Aber der Vater kam ihr zuvor. Er stieß sie heilig zurück, raffte die Goldsachen auf und eilte damit aus dem Stübchen. Wieder gellte das wahnwitzige Lachen durch das kleine Haus, das heute doppelt schrecklich klang, da etwas wie schneidender, teuf­lischer Hohn hindurchtönte.

Marie saß, wie unter dem Banne eines Zaubers, in einer halbdunklen Ecke. Sie hörte, wie der Vater aus dem Hause ging. Sie fuhr erschreckt auf, als sie ihn wieder zurückkommest - hörte. Stunden mußte sie ja verträumt haben in nutzlosem Grüblen. Sie wollte sich gewaltsam zur Arbeit zwingen, aber die Glieder versagten ihr den Dienst. Sie zitterte vor Frost, nicht nur, weil die Stube ungeheizt war ihr Herz war kalt ge­worden, wie erstarrt in übergroßem Weh.

5.

Das Weihnachtsfest sollte für den Schulmeister und seine Tochter doch nicht ohne eine Ueberraschuug verlaufen. Was seit Jahr und Tag nicht dage­wesen war, geschah; ein Besuch kam in das kleine Haus.

Es war ein hochgewachsener junger Mann mit vollem blonden Bart, dem Marie nur stotternd und erröthend Auskunft geben konnte, als er nach dem Vater fragte. Das Mädchen wußte nur zu