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Nr. 87. Dienstag den 26. Juli 1887.
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Politische Nachrichten.
(D eutschland.) Se. Majestät der Kais er setzt, wie aus Bad Gastein gemeldet wird, seine Badekur täglich in regelmäßiger Weise und mit bestem Erfolge fort. Bei schönem Wetter unternahm der Monarch bisher täglich Spazierfahrten in die Umgegend des Badeorts, auf welchen Allerhöchstdenselben stets der Adjutant vom Dienst begleitete.
Die Bestrebungen nach einer neuen einheitlichen Regelung der Unterstützung für die zur Fahne einberufenen Mannschaften reichen ungefähr 15 Jahre zurück. Auch der Reichstag hat sich wiederholt mit der Frage beschäftigt. Den verschiedenen Anregungen hat besonders der Wunsch zu Grunde gelegen, die Mindestbeträge für die zu gewährenden Unterstützungen angemessen zu erhöhen. Dem Bundesrath ist nunmehr ein Gesetzentwurf zugegangen, welcher im Wesentlichen Folgendes bestimmt: Anspruch auf Unterstützung haben die Familien der Mannschaften der Reserve, Landwehr, Ersatzreserve, Seewehr und des Landsturms, sobald letztere bei Mobilmachungen oder nothwendigen Verstärkungen in den Dienst treten, und zwar erstrecken sich die Unterstützungen a. auf die Ehefrau und die ehelichen Kinder unter 15
(Unbefugter Nachdruck verboten.)
Strandgut.
Erzählung von J. I s e n b e ck.
(Fortsetzung.)
Die alte Maud schien den Einwand nicht ge- hört zu haben. Das auszubessernde Netz war ihren Händen entsunken. Ihre Augen starrten aus das Meer hinaus. Mit schauerlicher, zittern- der Stimme sang sie den Anfang einer alten Ballade:
„Der Häring liebt das Mondenlicht, Die Makrele liebt den Wind,
Die Auster liebt das Fischerlied, etc ist ein vornehm Kind —"
„Nun nimm aber Vernunft an, Maud," fiel Christel ein. „Hast Du meinen Jungen, den Berte!, gesehen?"
„Mein Junge ist auch todt — mein Mann ist todt — Alle, Alle — nur ich lebe noch, mir und Anderen zur Last l*
Mutter Christel stieß zornig ihren Stock in den weißen Sand zu ihren Füßen.
„Mit Dir ist es heute schlimmer denn je," sagte sie. Dann griff sie in die Tasche ihres Kleides und zog eine Flasche heraus. „Trink einen Schnaps, Maud, der vertreibt Dir den Nebel aus dem Hirn!"
Die Augen der Greisin leuchteten.
„Du bist doch besser, als alle Anderen. Du bist gut zu der tollen Maud, wenn Du auch — aber darüber soll ich ja nicht sprechen. Gieb mir
Jahren, b. die Kinder über 15 Jahre, Eltern, Großeltern, Geschwister, sofern sie von dem Einberufenen unterhalten werden. Die Unterstützungen sollen mindestens betragen: für die Ehefrau im April bis Oktober monatlich 6, sonst 9 Mark; für jedes Kind unter 15 Jahren, sowie für die vorher unter b. genannten Personen monatlich 4 Mark. Ein Gesetz, welches die Gewährung von Unterstützungen auch für die Fälle der Friedensübungen bezweckt, bleibt Vorbehalten. Hierfür sind noch Ermittelungen im Gange.
t Auf dem Opernplatze zwischen dem Kaiserlichen Palais und dem Königlichen Opernhause, umgeben von dichtem Buschwerk und hochstämmigen Blattpflanzen, fand am Freitag auf einem Postament von schönstem schlesischen Marmor, die Metallvase Aufstellung, welche Ihre Majestät die Kaiserin und Königin ihrem erlauchten Kaiserlichen Gemahl anläßlich der Vollendung seines 90. Lebensjahres zum Geschenk gemacht hat. Das Postament trägt die Inschrift: „Zur Erinnerung an den 22. März 1887", während auf dem Fuß der Vase die Zahl XC. angebracht ist. — Die Gesammthöhe beträgt etwa 2 Meter 85. Das Postament hat eine Höhe von l4/4 Meter und die Vase ist r/2 Meter hoch. Wie wir erfahren, ist die Aufstellung dieser Vase auf dem Opernplatze auf Wunsch der Kaiserin, Königin erfolgt, Sr. Majestät dem Kaiser ist die Vase von seinen Gemächern im Königlichen Palais aus vortrefflich sichtbar.
Aus der Ersatzwahl in Straßburg an Stelle des verstorbenen Protestlers Kablä ist der elsässische deutsch-freundliche Candidat Petri als Sieger hervorgegangen. Die Protestier gaben über 2000 weiße Zettel ab. Die Altdeutschen waren gespalten. Obgleich Petri eine Erklärung abgegeben hatte, daß er zum Wohle des deutschen Reiches arbeiten wolle, wurde neben ihm von den Altdeutschen noch Graf Moltke als Zähl-
den Branntwein!" bat sie. Nachdem sie einen langen Zug aus der Flasche gethan, fuhr sie fort: „Die reichen Leute sagen immer, wir sollen keinen Branntwein trinken, der Probst meint gar, das sei eine schwere Sünde — er nennt unsern Sorgenbrecher eine Gabe des Teufels! Ja, ja, — die die Hülle und Fülle, Holz und Kleidung und Essen und Trinken haben, die können so reden, wenn sie trocken am Kamin sitzen. Aber wenns an alle dem fehlte, wenn sie vor Hunger und Kälte fast umkämen und auch noch Kummer im Herzen hätten, dann — für die letzten Pfennige in der Tasche würden sie einen Schluck Branntwein kaufen, der ihnen Dach und Fach und Abend- brod ersetzte und überdem noch Ruhe und Vergessen bis zum nächsten Morgen gäbe!"
Maud trank noch einmal und steckte dann die Flasche in ihren Rock.
„Du könntest es ja besser haben!" fing Mutter Christel an. „Seit Jahren schon habe ich Dir Geld angeboten. Ich will Dir hundert, zweihundert Kronthaler geben. Damit kannst Du in Thorcshaven gemächlich leben. Den Leuten sagen wir, Dein Sohn habe Dir das Geld hinieclassen!"
„Führe uns nicht in Versuchung!" lispelte die Greisin ihre Hände hebend. Mutter Christel hatte sich neben sie gesetzt, aber die alte Maud rückte weiter von ihr ab, wie um jede Berührung zu vermeiden.
„Geld — Geld? Von Dir?" kam es gellend über die eingesunkenen Lippen. „Eher will ich verhungern, ehe ich einen Piennig von Dir an*
candidat ausgestellt, auf welchen rund 1100 Stimmen fielen.
Durch Verfügung des Bezirkspräsidenten von Unterelsaß ist der landwirthschaftliche Kreisverein in Zabern, dessen Präsident der Reichstagsabgeordnete Goldenberg ist, aufgelöst worden.
Aus militärischen Kreisen vernimmt das „D. Tgbl.", daß der commandirende General deS IV. Armeecorps, Graf v. Blumenthal, der in diesen Tagen sein 60jähriges Dienstjubiläum feiert, und in der Mitte der 70er steht, demnächst aus dem activen Dienst zu scheiden beabsichtige.
Das Seeamt in Bremerhaven verhandelte am Sonnabend über die am 30, Mai d. I. bei Locotra erfolgte Strandung des Dampfers des Norddeutschen Lloyd „Oder". Der Retchscommissar beantragte gegen den Kapitän Pfeiffer die Entziehung des Patents, und führte aus, der Antrag richte sich nicht allein gegen die Person des Kapitäns, welcher in leichtsinniger Weise durch zu nahes An- segeln an eine unbekannte Küste in dunkler Nacht Schiff, Ladung und Menschenleben in Gefahr gebracht habe, fanden vor allem gegen einen gemeingefährlichen Unfug, gegen die Sucht, möglichst schnelle Reisen zu machen. Die Verkündigung deS Urtheils wurde aus den 1. August Mittags 12 Uhr festgesetzt.
(Frankreich.) Die versuchsweise Mobilmachung eines Armeecorps wird den Pariser Abendblättern vom Freitag zufolge mit einem der im Westen stehenden Armeecorps gemacht werden und am 8. September beginnen. (Anscheinend ist die Annahme des Mobilistrungs-Projektes wider die bessere Ueberzeugung des Parlamentes erfolgt, und die Kammer wollte hauptsächlich den Anschein des Nachgebens vor äußerem Druck vermeiden.) — Kein Tag ohne eineBoulangerie! Die „France" theilt angeblich nach Boulangers , eigenen Aeußerungen mit, daß diesem von der | Rechten allerdings Staatsstreichsansinnen gestellt
nehme. Blut, rothes Blut klebt an Deinem Gelbe und an Deinen Händen!"
Mutter Christel sah sich ängstlich um. Aber eS war Niemand in der Nähe.
„Du bist toll, Maud, und die Leute haben recht, wenn sie Dich so nennen!' sagte ste. „Du wärest im Stande zu behaupten, ich hätte einen Menschen umgebracht!"
„Ist es weniger schlimm, wenn Du der Waise, die eine mitleidige Woge aus Land trug, daS Ihre stiehlst?" fragte Maud. „Alles, alles sehe ich noch vor mir, als sei es gestern geschehen! Der Sturm heulte und tobte, das Meer ging so hoch, als wollte es die Erde verschlingen. Da, an die Klippe, war ein Schiff getrieben und lauter als Wind und Wellen noch hörten wir die Unglücklichen schreien und jammern, zu denen von allen Seiten die dunklen Todesrachen aufgähnten. Siehst Du nicht auch noch den Mann, Christel, der sein Weib an den Mast band, damit die Wogen ihm sein Liebstes nicht wegspülten? Siehst Du nicht auch, wie dieses Weib etwas an die Brust drückte und es dann wieder hoch aufhebt mit den Armen? Die Frau war wohl toll, toller wie ich, denn sie wollte das vor dem ausspritzenden Gischt schützen, was doch eine Viertelstunde früher oder später dem ganzen WogenUwall zum Opfer werden mußte. Das Schiff sinkt, zerschellt bricht es in Stücke — helft, helft den Ertrinkenden!"
Die Greisin war aufgestanden und blickte auf das Meer hinaus, als wenn dort alles das in Wirklichkeit vor sich gehe, was nur in ihrer Er«