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Nr. 70. Sonnabend den 16. Juni 1888.

Vom Kaiser.

Potsdam, 13. Juni. Das heute ausgege­bene Bulletin lautet:

Bei Sr. Majestät dem Kaiser und König ist nach einer guten Nachtruhe das Athmen leicht und ruhig. Die Ernährung geht leichter von Stätten und der Kräftezustand ist besser.

Mackenzie. v. Wegener. Krause. Hovell.

Leyden. Bardeleben. Senator.

Da bei der augenblicklichen Lage Sr. Majestät die Einführung einer Ernährungssonde mit einiger Gefahr verbunden ist, so hat Sir Morell Mackenzie seine Zustimmung zur Anwendung dieses Instruments erst gegeben, als von allen Aerzten einstimmig zugegeben war, daß die Methode nothwendig wäre, um das Leben zu verlängern, da Patienten öfters noch einige Monate und selbst länger gelebt haben, wenn die Ernährung durch eine Sonde erfolgte. Bereits am Sonn­abend Morgen hat Sir Morell Mackenzie eine Tamponcanüle eingesetzt, da sich eine Verbindung zwischen Kehlkopf und Speiseröhre gebildet hatte. Die Ernährung Sr. Majestät erfolgt durch Sir Morell Mackenzie mehrmals im Laufe des Tages und zwar mit concentrirter Milch, Sahne, Whiskey 2c.

Potsdam, 14.Juni. Im Befinden Kaiser Friedrichs ist seit gestern Abend eine wesent­liche Verschlimmerung eingetreten. Die Kräfte sind im Sinken begriffen. So lautet das amtliche Bülletin. Das Grundleiden hat die Wand der Luftröhre durchbrochen und dadurch ist eine künstliche Ernährung nothwendig geworden. In den ersten Tagen schien dieselbe dem hohen Patienten gut zu bekommen und sein Kräftezustand hob sich wieder. Das oben wiedergegebene Bülletin indessen stimmt die daraus geschöpften Hoffnungen bedeutend herunter. Bange Tage

(Unbefugter Nachdruck verboten.)

Aus heiterem Himmel.

Erzählung von Oskar Höcker.

(Fortsetzung.)

Schade, daß meine Augen nicht soweit tragen," rief Edwin ungestüm. Der Freiherr deutete auf ein Fernrohr, welches an der vordersten Säule des sechseckigen Pavillons angebracht war. Der Heldenspieler machte dankend von dieser Erlaubniß Gebrauch und sah lange Zeit nach dem kleinen Planwagen. Der Freiherr bemerkte, daß der Körper des jungen Mannes zitterte; er schien offenbar unter einem peinigenden Gefühle zu leiden. Endlich änderte er die Stellung des Fernrohrs und wenige Sekunden später rief er mit vibrirender Stimme:Richtig, dort hinten, an der Berglehne liegt Buchrhagen! Da ist auch der liebe, alte Kirchthurm mit dem metallblitzenden Hahne, als Wetterfahne."

Sind Sie so bekannt in der hiesigen Gegend?" fragte der Schloßherr. Edwin gerieth in Ver­legenheit, welche sich durch die Bemerkung seines Kollegen, daß er erst gestern angelangt sei und die Gegend nie zuvor gesehen habe, noch steigerte.

Woher wissen Sie dann aber," fragte der Freiherr von neuem,daß jenes kleine Dorf Buchshagen ist?"

Mein College erwähnte gestern des Dorfes,"

und Stunden liegen vor uns; nur der Gedanke an die schon mehrfach sieghaft gebliebene Lebens­kraft des Monarchen läßt noch nicht an das Aeußerste glauben.

Potsdam, 14. Juni, Vorm. 11 Uhr 25 Minuten. Der Kronprinz und die Kronprinzessin sind augenblicklich in Schloß Friedrichskron. Die Kaiserin weilt seit 4 Uhr Morgens am Bette ihres Kaiserlichen Gemahls, dessen Befin­den seit 10'/$ Uhr Vormittags ein klein wenig besser ist. Prinz Heinrich ist von Erd­mannsdorf hier eingetroffen und im Stadtschlosse abgestiegen. Die Erbprinzessin von Meiningen wird in Schloß Friedrichskron erwartet. Der Justizminister v. Friedberg ist soeben dort eingetroffen.

Potsdam, 14. Juni, Nachm. 2 Uhr. D i e settVormittagseingetreteneBesse- rung in dem Befinden Sr. Majestät des Kaisers hält an. D e r R e i ch s - kanzler Fürst Bismarck sowie derrussische Botschafter find um 1 Uhr 40 Mm. in Schloß Friedrichskron eingetroffen.

Potsdam, 14. Juni. Bulletin von 64/.2 Uhr Abends: Im Zustand des Kaisers ist im Laufe des Tages keine wesentliche Verände­rung eingetreten. Die große Schwäche dauert an und erregt ernstliche Besorgniß.

Potsdam, 14. Juni, Abends 9 Uhr 15 Min. Der Zustand des Kaisers ist unverändert. Die Professoren Leyden und Krause sind nach 8 Uhr nach Berlin zurückgekehrt.

Alle Berichte stimmen darin überein, daß der Zustand des Kaisers die ernstesten Besorgnisse rechtfertigt. Das Fieber stieg in der Nacht über 40 Grad und hielt auch heute an. Die Symp­tome schwerer Lungenaffection sind erkennbar.

Wie dieN. A. Z." erfährt, haben sich bei Sr. Majestät dem Kaiser sehr bedrohliche Erscheinungen

versetzte Edwin nach kurzem lieberlegen,und der! Lammwirth sagte m r, daß man die kleine Ort- schatt von dem westlichen Pawllon des Schlosses aus deutlich sehen könne."

Da Sie ein so großer Naturfreund sind", bemerkte der Freiherr,so lade ich Sie ein, recht wt hierher zu kommen. Es wird Ihnen freilich wenig Zeit dazu bleiben, denn Proben absordiren den Bormittag, und wenn Sie noch Abends zu spielen haben, so find Ihnen Ruhe und Erholung nöthig."

Unser Dienst ist nicht so streng," ergriff Schwa- bei das Wort,denn an jedem Orte, wo wir Vorstellungen geben, wiederholt sich zumeist unser Repertoire. Kollege Romberg dürfte als neuein« getretenes Mitglied zu Anfang allerdings fleißig zu memoriren haben"

Schade, daß ich die Kunst der Herren nicht bewundern kann," bemerkte der Freiherr,allein ich besuche das Theater nicht."

Wir vermögen auch wenig zu bieten," meinte der Komiker achselzuckend.In der Residenz bekommt man ganz andere Vorstellungen zu sehen."

Ich besuche überhaupt kein Theater," erklärte der Schloßherr, das Haupt auf die Hand stützend. Ich fliehe auch alle Gesellschaften, weil ich am liebsten allein bin. Nach Ihren theilnehmenden Mienen zu schlichtzi, ist Ihnen mein Unglück nicht fremd?"

eingestellt. Die Athmung ist schwierig und müh­sam. Die Aerzte glauben an ein Uebergreisen des Krankheitsprocesses aus die Lunge. Die Kräste des hohen Patienten nehmen sichtlich ab, auch ist die Theilnahme an den Vorgängen um ihn her geringer geworden.

Anderweitig wird noch gemeldet: Trotzdem die Aerzte gestern noch auf einen günstigeren Ver­lauf gehofft hatten und anscheinend auch eine leichte Besserung eingetreten war, wurde die Lage im Laufe des Abends doch eine von Stunde zu Stunde schwierigere und gefahrdrohendere. Was man schon seit Wochen gefürchtet, trat jetzt un­zweifelhaft in Erscheinung: die Lunge war von dem Krankheitsprocesse in Mitleidenschaft gezogen worden, eine acute Entzündung der Lunge zehrte, in Verbindung mit dem wieder stärker auftreten­den Fieber, an dem Kräfterest des hohen Patienten in beängstigender Weise, so daß der Kräfteversall ein rapider zu nennen war, dazu kam, daß die Athmung wesentlich erschwert war. Die künstliche Ernährung fand zwar noch Anwendung, aber ohne daß die stetig sinkenden Kräfte eine nennenswerthe Hebung erfuhren. Diese gefahrdrohenden Er­scheinungen blieben die Nacht über ohne Ab- schwächung bestehen und als Ergebniß ihrer Morgen- consultation mußten die Aerzte das oben mitgetheilte Bulletin abfassen. Der kaiserliche Dulder ist die Nacht über bei klarem Bewußtsein geblieben und ist es auch jetzt noch; nur ist die sonst so .rege Theilnahme des hohen Herrn für seine Umgebung schon einer gewissen Apathie gewichen. Die Aerzte Sir Morell Mackenzie, Hovell und Generalarzt Wegener weilen ununterbrochen an dem Kranken­bette des Kaisers, Professor Bardeleben hat das Schloß seit gestern nicht mehr verlassen, um für alle Fälle zur Hand zu sein. Die Professoren Krause, Leyden und Senator sind nach der Morgenconsultation nach Berlin zurückgefahren

Die beiden Männer bejahten stumm und Schwa- bel fügte laut hinzu:Vielleicht wird doch noch ein Tag erscheinen, wo Sie, gnädiger Herr, am geselligen Leben wieder Gekchmack finden."

Kemmeritz schüttelte energisch das Haupt:Haben Sie auf dem Wege hierher das weiße Kreuz bemerkt? Dort liegt mein Glück und Lebensmuth begraben."

Die Zeit heilt jede Wunde," schalt Edwin thetlnahmsvoll ein.

Wer so viel verloren hat, wie ich," seufzte der Freiherr,vermag sich nicht wieder zu erholen. Gott nahm mir mein Kind und meine Gattin, nun stehe ich schon seit vielen Jahren allein. Ich schrecke vor der Geselligkeit des Lebens zurück, denn es würde mir wie ein Frevel erscheinen, wenn ich auch nur für Augenblicke meiner lieben Todten vergäße. Mein Geist verweilt unausgesetzt bei ihnen, ich sehe meinen kleinen Knaben wachsen, blühen und gedeihen und ich sehe auch meine Gattin in treusorgender Liebe für ihn; und im Laufe jeden Jahres giebt es für mich heilige Erinnerungstage, und wenn ich mich ja einmal so wett ermanne und mich zu einem kurzen Aufent­halt in der Residenz entschließe, so überwältigt mich die Wehmuth und ich kehre zurück zu den Ruhestätten meiner Lieben, zu dem Kreuz, welches mich an die Vergänglichkeit alles irdischen Glücks gemahnt."