Erscheint wöchentlich drei Mal
Dienstag, Donnerstag und Sonnabend NbonnementSpreii;
vierteljährlich 1 Mark 40 Pfg. exel.
Postausschlag.
Die Jnsertionigebührm betragen für den Raum einer Spalt-eile 10 Psg., im amtlichen Theile 16 Pfg. Reklamen die Zeile 20 Pfg. Bei größeren Aufträgen entsprechender Rabatt,
Htlsfcliltl Krcisdliltt.
Mit wöchentlicher Kratis-Aeitage „Illustrirtes UnterhakLungsölatt".
Nr. 98. Dienstag den 21. August 1888.
--—---«-,-»«»m>,------>Si-----s-s--ss--»--—»»-»^—---,----»-»—--^-------^-------------s~—i-------
VoMilche Nachrichten.
(Deutschland.) Se. Majestät der Kaiser besichtigte am Sonnabend Vormittag auf dem Bornstedter Felde das erste Garde-Regiment zu Fuß. Anwesend waren S. K. H. Prinz Friedrich Leopold, die Generale v. Pape, v. Hahnke, v.Sobbe, v. Lindequist und viele fremdländische Officiere. Die Besichtigung verlief überaus glänzend. Nach deren Beendigung setzte sich Se. Majestät der Kaiser an die Spitze des Regiments, dessen Uniform er trug, und ritt unter den Klängen der Nationalhymme mit demselben durch die Straßen nach dem Regimentshause, wo die Leibcompagnie defilirte. Se. Majestät nahm sodann mit den Officieren im Regimentshause das Frühstück ein.
Ein römisches Telegramm von Freitag Abend meldet, daß im Quirinal zahlreiche Arbeiter mit der Herrichtung der für den Kaiser Wilhelm bestimmten Gemächer beschäftigt sind. Der Kaiser wird nicht in dem sonst als Absteigequartier hoher fürstlicher Personen benutzten Pavillon „La Palazzina", sondern indem Quirinale selber wohnen. Der Oberbürgermeister hat die Veranstaltung eines großen Fackelzuges zu Ehren des Kaisers in Vorschlag gebracht, an welchem alle Vereine der Stadt und gegen 10000 Soldaten theilnehmen sollen; an demselben Abend, an welchem der Fackelzug stattfindet, sollen alle Denkmäler und ba§ Forum romanum bengalisch beleuchtet werden und am Schlüsse auf dem pala- tinischen Hügel ein die italienisch-deutsche Allianz versinnbildlichendes Feuerwerk abgebrannt werden. Außerdem ist die Veranstaltung einer Gala-Vor- stellung im „Teatro Argentina" und die Abhaltung eines großen Musikfestes auf der Piazza d'Espagna zu Ehren des Kaisers Wilhelm in Aussicht genommen. Die Municipalität ist mit Vorkehrungen zur Unterbringung der Truppen beschäftigt, welche für die stattfindende Heerschau
(Unbefugter Nachdruck verboten.) Waldschatten.
Erzählung von R o b e r t S ch w e i ch e I.
(Fortsetzung.)
TyraS führte Trude nach der Wohnstube, deren Thür offen stand. Der Fuß des Mädchens stockte betroffen. Es herrschte eine Unordnung in der Wohnstube, als ob Jemand in höchster Eile abgereist sei und sich nicht Zeit genommen habe, die Dinge, deren er nicht bedurfte, wieder in die offen gebliebenen Schränke und Schiebläden zu legen. Mitten in dieser Unordnung saß Eugen's Mutter auf dem Großvaterkuhle, hatte den Kopf auf die Brust gesenkt und Thränen rollten über ihre hagern Wangen, Tyras berührte ihre Knie mit seiner Schnauze. Da sah sie auf und Trude erblickend, sagte sie mit Anstrengung: »Sie haben Haussuchung gehalten und sind eben fort."
Trude starrte sie mit weit sich öffnenden Augen an. Sie verstand nicht, was sie meinte. Frau Lindenau richtete sich in ihrem Stuhle auf.
»Du hast Unglück, Mädchen," sagte sie bitter. »Der Eugen ist seit gestern Morgen in der Stadt. Er hat einen Termin in der Stadt gehabt und ist nicht wiedergekommen, und jetzt haben sie hier Alles durchgewühlt."
»Einen Termins" fragte Trude, der es zu schwindeln begann.
»Ja, und sie haben ihn gleich dort behalten — Wegen des Barkow."
Drude schrie entsetzt aus. Eugen's Mutter
von auswärtigen Garnisonen herangezogen und für 3 Tage in der Stadt einquartirt werden.
Die Ansprache Sr. Majestät des Kaisers beim Fest danket in Frankfurt a. O. lautet folgendermaßen:
„Mein Herr Oberbürgermeister:
Ich spreche Ihnen Meinen herzlichen Dank aus für die Worte, die Ich soeben vernommen, und bitte Sie, zugleich der Uebermittler Meines wärmsten Dankes für den so herzlichen Empfang an die Stadt zu sein.
Ich weiß sehr wohl, daß, wie Sie eben erwähnten, die Bande inniger treuer Ergebenheit Frankfurt seit Jahrhunderten mit Meinem Hause verbunden haben.
Mein Herr Großvater wußte dies wohl und erwählte deßhalb die Stadt zum Ort des Standbildes. Sein Wille übertrug dem Hochseligen Prinzen das Commando des 3. Armeecorps. Der eiserne, bewältige Charakter, der mächtige Wille und das strategische Genie des Prinzen befähigten ihn besonders, an der Spitze des Armeecorps zu stehen und Brandenburgs Söhne in harter schwerer Schule heranzubilden, wie sie sich später in den Schlachten bei Vionville geneigt haben.
Es ist eine ernste Zeit, in der wir stehen. Die großen Heerführer, die unsere Armee zum Siege geleitet haben, die beiden großen Vettern, der Kronprinz und der Prinz Friedrich Karl, sind Lahm.
Solange die Geschichte bestehen wird, solange werden Mein Vater als der deutsche Kronprinz und Mein Oheim als der deutsche Feldmarschall par excellence als die Haupt-Vorkämpfer und Stifter des Reichs gefeiert werden.
Wie das Brandenburger Volk mit eiserner Energie und unermüdlicher Thätigkeit dem sandigen Boden seinen Erwerb abringt, so rang das III. Armee.Corps heute vor 18 Jahren dem Feinde den Sieg ab. Die Leistungen aber, welche das Armee-Corps vollbracht, hat es dem Prinzen und seiner Schule zu verdanken.
Ich trinke auf das Wohl der Stadt Frankfurt und trinke auf das Wohl des Armeecorps.
Doch Eins will Ich noch hinzufügen, Meine Herren, im Hinblick auf den grossen Tag, den wir feiern: Es giebt Leute, die sich nicht entblöden, zu behaupten, daß Mein Vater das, was er mit dem seligen Prinzen gemeinsam mit dem Schwert erkämpfte, wieder herausgeben wollte. Wir Alle haben ihn zu gut gekannt, als daß wir einer solchen Beschimpfung seines Andenkens ruhig zusehen könnten. Er hatte denselben Gedanken wie wir, daß nichts von den Errungenschaften der großen Zeit aufgegeben
winkte ihr, still zu sein und langsam, mit einem raschelnden Geräusch, kamen die Worte aus ihrem Munde:
»Er soll ja den Oberförster erschossen haben, den Barkow — er! Der Wachtmeister hat's mir gesagt. — Sie sind verrückt! — Sie sind Alle verrückt!"
Das Mädchen brach vor ihr in die Kniee und ihr Kopf fiel schwer in den Schooß der Frau, die es nicht beachtete, sondern wiederholte: »Verrückt! — Verrückt I" und dann selbst wie irrsinnig auflachte.
4.
Wie der Wind die Samensporen überall hin- trägt, so war der Verdacht, den Badak am Begräbnißtage offen ausgesprochen, von dem Hauch des Mundes über den Wald und bis weit in's offene Land zerstreut worden. Ueberall hatte er sich angeheftet und gekeimt, so daß das Gericht nicht hatte taub bleiben können. Das Verhör Badaks hatte Eugens Verhaftung zur Folge. Der Fall erregte ein ungeheures Aussehen, die Zeitungen bemächtigten sich seiner mit ihrem nie zu stillenden Heißhunger, und wer noch an der Schuld Eugens gezweifelt hätte, der bekehrte sich zum Glauben an sie, als die Tage zu Wochen und Wochen sich ausdehnten, ohne daß sich das Gefängniß vor dem Angeschuldigten wieder erschlossen hätte. Nur seine Mutter blieb unerschüttert in ihrer Ueberzeugung von seiner Unschuld.
„Latz' die Menschen reden und denken, was sie
werden kann. Ich glaube, daß wir sowohl im 3. Armeecorps, wie in der gestimmten Armee wissen,
daß darüber nur eine Stimme sein kann, daß wir lieber unsere gesammten 18 Armeecorps und 42 Millionen Einwohner auf der Wahlstatt liegen lassen, als daß mir einen einzigen Stein von dem, was Mein Vater und der Prinz Friedrich Karl errungen haben, abtreten.
In diesem Sinne erhebe Ich Mein Glas und trinke auf das Wohl Meiner braven Brandenburger, der Stadt Frankfurt und des 3. Armeecorps!"
In Leipzig hat am Sonnabend Vormittag auf dem Marktplatze die feierliche Enthüllung des von Professor Siemering-Berlin entworfenen Siegesdenkmals stattgefunden. Der König, die Königin, die Prinzen Georg und Friedrich August, die Prinzessin Mathilde, Generalfeldmarschall Graf Moltke und die Staatsminister wohnten der Feier bei, welche sich zu einem erhebenden Nationalfeste gestaltete. Die Straßen der Stadt, besonders der Marktplatz, waren festlich geschmückt.
Die russischen Preßorgane beginnen d e Zu- rückhaltung wieder aufzugeben, deren sie sich während der Anwesenheit Kaiser Wilhelms in Peterhof hatten befleißigen müssen, und während eine Petersburger Correspondenz des offictösen Brüsseler „Nord" gegenüber der Rede Lord Salisbury's versicherte, die Kaiserbegegnung habe keineswegs eine Schwenkung der russischen Politik hervorgebracht, die Richtung der russischen Politik sei vielmehr unverändert dieselbe geblieben, erklärte der nämliche „Nord" in einer Besprechung des Besuches in Kopenhagen, derselbe habe die „schleswig'holsteinische" Frage wieder in den Vordergrund gedrängt und dem alten nationalen Zerwürfniß zwischen Dänemark und Deutschland neues Leben verliehen. Der „Nord" weiß ohne Zweifel sehr gut, oder wird jetzt durch die vom Kaiser Wilhelm in Frankfurt gesprochenen Worte darüber belehrt sein, daß es eine „schleswig- holsteinische Frage" für Deutschland überhaupt nicht mehr giebt, die „Nordd. Allg. Ztg." aber
wollen," tröstete sie die unglückliche Trude, die in dieser traurigen Zeit häufiger nach dem Förster- Hause kam und sich ihr enger anschloß, als der eigenen Mutter. »Wer kann es besser wissen, daß er unschuldig ist, als ich, die ich ihn unter meinem Herzen getragen habe? Nicht um eine Krone würde er so was thun und auch nicht um Deinetwillen."
Um ihre Ueberzeugung auch öffentlich darzuthun, erschien sie jetzt jeden Sonntag in der Kirche, wohin sie vorher wegen des weiten Weges nur an den Feiertagen zu kommen pflegte. Sie hielt ihre hagere Gestalt steif aufrecht und schaute jedem, der ste ansah, mit ihren grauen Augen fest ins Gesicht. Die Linien um ihren Mund wurden aber immer schärfer und herber.
Wie gern theilte Trude ihren Glauben an Eugens Unschuld; allein zu Hause gerieth er mit der Zeit immer mehr ins Wanken. Sie konnte fich nicht erwehren, an ihre letzte Zusammenkunft mit Eugen unter der Buche, an die Unruhe, die ihn nach der Erzählung der Mutter in der Nacht darauf nicht hatte schlafen lassen, an sein seltsames Wesen folgenden Tages, an den Eid, den er von ihr verlangt hatte, zu denken, Sie wehrte die Erinnerungen davon ab, sie sträubte sich, einen Schluß daraus zu ziehen. Aber die Zweifel an seiner Unschuld, an die auf der Mühle Niemand glaubte, denn auch ihre Mutter war zu seinen Gegnern abgefallen, kamen immer wieder, schlichen und wühlten stet) ein und verfolgten sie selbst tm Schlafe mit qualvollen Träumen. Sie weinte, st«