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Kersstliier Kreisblitt.
Wit wöchentlicher chratis-Aeilage „Jssustrirtes NnterhalLungsßlatt".
Nr. 147.
Donnerstag den 13. December
1888.
' Amtliches.
Hersfeld, den 11. December 1888.
Unter Bezugnahme auf mein Ersuchen Dom 17. November 1885 ad Nr. 12024 (Kreisblatt Nr. 138) betreffend diejenigen Volksschullehrer des Kreises, welche seit länger als fünf Jahre provisorisch angestellt sind, ohne die zweite Prüfung abgelegt zu haben 2c., muß ich diejenigen Königlichen Localschulinspectoren, welche die bezügliche Mittheilung, nach dem abgedruckten Schema, pro 1888 mir noch nicht gemacht haben, hiermit um baldgefällige Erledigung ergebenst erinnern.
12220. Der Königliche Landrath ______Freiherr von Schleinitz.__
Gefunden: 1) eine Barte, 2) eine Kette, 3) drei Leistennägel, 4) ein Rasiermesser, 5) ein Zollstock. — Meldung der Eigenthümer bet dem Ortsvorstand zu Kirchheim.
» Eine neue russische Anleihe.
Nach verschiedenen vom russischen Finanzministerium seit Jahresfrist vergeblich unternommenen Versuchen, auf dem europäischen Geldmarkt eine Anleihe abzuschließen, ist dieser Versuch neuerdings bet einem Konsortium geglückt, welches sich aus französischen, englischen, holländischen, russischen und deutschen Bankinstituten zusammensetzt. Der Zweck dieser Anleihe von einer halben Milliarde Francs ist angeblich die Konvertirung einer älteren russischen Anleihe von 1877, daneben aber sollen 200 Millionen Francs in den russischen Staatsschatz fließen. Die Frage, woher es gekommen, daß dem russischen Finanzministerium diesmal der Versuch geglückt ist, läßt sich lediglich vom Gesichtspunkt der Börsentn- teressen beantworten. Weder sind seit dem vorigen Jahre die Finanzen Rußlands bessere,
Das leidige Geld.
Erzählung von Hermann Frank. (Fortsetzung.)
Am andern Morgen ertönte zeitig die Borsaalglocke. Der Postbote hatte für Kurt wiederum einen Brief aus der Heimath gebracht, und zwar kam er vom Vater.
Der Inhalt war recht ernster Natur und brächte den Sohn über den Vermögenszustand der Eltern vollständig ins Klare. Sie besaßen so gut w-e nichts, waren vielmehr stark verschuldet. Die plötzliche Pensionirung des Vaters hatte die Gläubiger ängstlich und mißtrauisch gemacht, sie fürchteten ihr Guthaben zu verlieren und suchten einander durch Anhängung der gerichtlichen Klage zuvorzukommen. Wenn der Vater nicht schnell irgend woher ein Darlehn bekam, so stand eine Catastrophe bevor. In seiner Bedrängniß hatte er an Tante Frieda geschrieben, die zur Zeit im Engadin verweilte, aber noch keine Antwort erhalten. Seine letzte Hoffnung bestand darin, daß es Kurt durch seine gesellschaftliche Stellung möglich sein werde, rasch die nöthige Summe auf» zubringen. Es war ein schwerer, banger Seufzer, den der Sohn nach wiederholtem Lesen des Briefes ausstieß.
Das leidige Geld!
Dem Vater mußte geholfen werden, das war bei Kurt beschlossene Sache; die Kleinstädter sollten nicht ihre boshaften Zungen in Bewegung setzen
I noch ist die durch die panslavistischen Strömungen nahezu beherrschte Gesammtlage der russischen Politik eine andere geworden. Die Börse hat einfach die seit dem Sommer d. I. eingetretene größere Beruhigung und Zuversicht des deutschen Publikums, verbunden mit der Flüssigkeit des Geldstandes, für den geeigneten Zeitpunkt zu einem „guten Geschäft" gehalten, unbekümmert um etwaige wirthschaftliche und politische Bedenken, welche gegen dieses Geschäft sprechen könnten. Schon der große Aufwand von Liebenswürdigkeiten, welcher in Paris entfaltet wurde, mußte darauf Hinweisen, daß bei dem Anleiheversuch politische Interessen im Spiele seien. Demungeachtet haben die deutschen Bankinstitute 35 Procent der neuen Anleihe übernommen, ein weit erheblicherer Bruchtheil als er auf die übrigen Theilhaber des Unternehmens entfällt. Die Franzosen also, welche an dem Gelingen dieser Finanzoperation ein directes politisches Interesse haben, betheiligen sich mithin unver- hältnißmäßig geringer daran als Deutsche.
Daß englische Bankinstitute einen Theil dieser russischen Anleihe übernehmen, erklärt sich sehr leicht. Es ist für die Anleihe ein unverhältniß- mäßig hoher Kurs ausbedungen, welchen in der ersten Zeit auf seiner Höhe zu erhalten und damit in steigender Richtung auf alle russischen Papiere einzuwirken, ein derartig international operirendes Konsortium wohl hoffen darf. Namentlich ist solche Kurssteigerung für den in Deutschland tonangebenden Berliner Platz vorgesehen, unter deren Schutz die klug berechnenden Engländer dann mit thunlichster Beschleunigung alles Material hierherwerfen, um sich so jeglichen Restes von russischen Papieren, die etwa in England noch vorhanden, Vortheilhaft zu entledigen. Nicht anders werden die Holländer operiren, und das deutsche Publikum, welches, verlockt durch eine künstliche Hausse in russischen Papieren, zum
und schadenfroh auf die Familie blicken. Die einzige Frage war nur: woher das Geld nehmen? Der Referendar ließ alle Bekannten Revue passiren; selbst Frau Rüdiger schritt in dem langen Zuge — aber bei dem Gedanken an sie schauerte Kurt und unwillkürlich blickte er auf die duftenden Blumen in der Vase.
Nach re flichem Nachdenken kam er zu dem Entschluß, sich Jordan anzuvertrauen. Für den reichen Mann war das Darlehn kein Opfer, selbst wenn er auf die Rückzahlung lange warten mußte. Es fiel dem Referendar freilich schwer, sich bittend einem Manne zu nahen, mit dem er bis vorigen Winter nur geschäftlich, im Austrage seines Eheis, des Rechtsanwalts und Notars Fabrictus, verkehrt gehabt, allein es blieb kein Ausweg übrig.
Der Zuiall fügte eS, daß Kurt im Laufe des Vormittags von Fabrictus zu dem Rentier gesandt wurde, um mit diesem wegen einiger Paragraphen eines Kaufvertrages zu verhandeln. Guten Muthes begab sich der Referendar nach dem Palast- ähnlichen Gebäude, das mit seiner imposanten Front eine Zierde der langgestreckten Straße bildete. Als er aber das mit Marmorsäulen geschmückte Vestibüle betrat, und die breite, hochele- rante Treppe emporstieg, deren Wandgemälde jedem Zimmer zur Zierde gereicht haben würden, da begann sein Herz in banger Erregung zu klopfen und der Reichthum, der ihn hier umgab, erschien ihm so unendlich kalt. Am liebsten wäre Kurt wieder umgekehrt, aber er mußte vorwärts, um des leidigen Geldes willen.
Ankauf derselben schreitet, wird sich in recht kurzer Zeit von neuen erheblichen Verlusten bedroht sehen. Die deutschen Inhaber russischer Anleihestücke von 1877 werden daher gut thun, die angebotene Konvertirung derselben a b z u» l e h n e n und die baare Auszahlung zu fordern.
Aus dem Reichstag.
Berlin, 10. December. Der Reichstag beendigt« heute die erste Berathung des Gesetzentwurfs, betr. die Alters- und Invalidenversicherung. Namens der polnischen Fraktion trat der Abg. Dr. v. KomierowSki im Prinzip für die Vorlage ein, äußerte jedoch Bedenken gegen den Reichszuschuß, das Umlageverfahren und die vorgeschlagene Organisation. Abgeordneter Grad sElsäffer) verwies gegenüber den socialdemokratischen Ausführungen auf die gedeihliche Wirkung der bisherigen socialpolitischen Gesetzgebung, erklärte sich aber namentlich gegen den Reichszu» schuß. Abg. Lohren (Reichsp.) gab seiner Befriedigung über den bisherigen Verlaus der Debatte Ausdruck. Seine gegen die Vorlage erhobenen Bedenken hatten in der Hauptsache die Bestimmungen über die Erhebung und Feststellung der Rente zum Gegenstände, er wünscht sie Höhe der Rente nicht von vornherein festzusetzen, sondern sie den Beiträgen entsprechend zu bemessen, «bg. Oechel» Häuser (nakkMbk)^mrpsich«^n<nneutlich an Stelle tut Ortsklassen sogenannte Lohnllassen zu setzen. Bezüglich der Or- ganisationsfrage hält er die BerufSgenossenschaften in ihrer gegenwärligen Verfassung auch nicht geeignet alS Träger der Alters- und Jnvallditätsoersicherung, es müßte zuvor eine Reform derselben vorgenommen werden und dann der Schwerpunkt der Verwaltung in die Sektionen verlegt werden, die als territoriale Verbände zusammengesaßt werden könnten. Abg. Spähn (Centr.) bemängelte die bureaukratische Organisation des Entwurf». Die Durchführung der Alters- und JnvaliditätSversicherung ohne Reichszuschuß würde sich mit den Berussgenofsenschaften wohl durchsühren lasten. Badischer BundeSbevollmächtigter, Freiherr V. Marschall betonte, daß die Vorlage keineswegs aus Voreingenommenheit gegen die BerusSgenostenschasten, diese als Träger der Versicherung ausschließe, und legte dann des Näheren die Gründe gegen die Nothwendigkeit einer Reichsorrsicherungsanstalt dar. Abg. Rickert (deutschfr.) suchte auszuführen, daß die vorliegende Frage noch gar nicht spruchreif sei, und hielt seinerseits die Behauptung, daß die Vorlage in engem Zusammenhang« mit der Armen-
Der Rentier war daheim und der mit Frack und weißer Binde bekleidete Diener meldete deu Referendar an.
Er mußte im Vorzimmer warten, das eine Menge von Teppichen, Portieren und Luxusgegen- ständen zeigte. Der Erlös dieser entbehrlichsten Dinge würbe genügt haben, die Sorgen deS Vaters zu zerstreuen.
Bei dem Hausherrn verweilte ein Mann, den Kurt sofort an der Stimme erkannte. Es war der Schneidermeister K u n tz e, bei welchem der Referendar arbeiten ließ. Er war ein braver, rechtschaffener Handwerker, der aber durch lange Krankheit einen guten Theil seiner Kundschaft verloren hatte und stch jetzt mühselig durchs Leben schlug.
Kurt brauchte nicht lange zu warten. Schon nach wenigen Minuten öffnete sich die zum Zimmer des Rentiers führende Thür und zwischen den Portieren erschien Kuntze, der sich in lauten Danksagungen erging.
„Vielleicht giebt der liebe Gott, daß ich Ihnen die Summe bald zurückerstatten kann," äußerte er rückwärts sprechend.
„Machen S-e sich deshalb keine Sorgen," erklang die Stimme des unsichtbaren Hausherrn. „Einem so braven, fleißigen Mann, wie Sie es sind, hilft man gern. Bleiben Sie jetzt nur hübsch gesund, dann wird auch Ihre gute grau wieder aufleben."
Mit einer tiefen Verbeugung zog stch der ehr»
liche^ändwerksmann zurück, in seiner übertret