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Htrsstliicr Kreisblutt.
Mit wöchentlicher KraLis-Aeilage „Illustrirtes Unterhaktungsölatt".
Nr. 56. Sonnabend den 11. Mai 1889?
Amtliches.
Bekanntmachung.
Für die Zeit Dom 15. Mai bis Ende Sep- tember wird in Bad Wildungen wieder eine Postanstalt mit Telegraphenbetrieb als Zweigstelle des Kaiserlichen Postamts in Wildungen Stadt unterhalten werden.
Cassel, den 7. Mai 1889.
Der Kaiserliche c. Ober - Postdirector. Zielte.
* Nach den Rcichstagssericn.
Die Reichstagsferien sind zu Ende, und am Dienstag sind die Arbeiten mit der Fortsetzung der zweiten Lesung des Atters- und ZüvaliditätS-Versicherungs-Gcsetzes wieder aufge- nommen worden. Die Fractionen haben sich bemüht, dafür zu sorgen, daß die Abgeordneten möglichst vollzählig zur Stelle seien, damit der Reichstag nicht, wie vor den Ferien, unter dem Druck mangelnder Beschlußfähigkeit stehe, und wie aus der ziemlich lebhaften Bewegung ersichtlich, welche während der Ferien in ocn Kreisen bei Anhänger wie der Gegner des Gesetzes stattgefunden, ist ein großer Theil der Reichstagsabgeordneten in den abgelaufenen Wochen nicht müßig, sondern bemüht gewesen, für seine Stellung zur Sache in den Wählerkreisen Stimmung zu machen.
Wir haben es schon zu wiederholten Malen erlebt, daß eine größere Ferienpanse, welche den Gang der Arbeiten imterbricht, sich für ein Gesetzgebungswerk recht wohlthätig erweist. Dem Bannkreis der Fraction entrückt, den praktischen Erfordernissen des Lebens unmittelbar gegenübergestellt, gewinnt der Abgeordnete aus der Berührung mit der heimathlichen Erde und den heimathlichen Verhältnissen nicht nur neue geistige und körperliche Lebenskraft, sondern auch die Unbefangenheit seines Urtheils wird der Fesseln ledig, welche eine mehrmonatliche parlamentarische Arbeit ihr unwillkürlich auflegt. Hoffen wir, daß diese Erfahrung früherer Sessionen sich auch an der großen, noch zu lösenden Aufgabe der jetzigeil Session: der Alters- und Jnvaliditäts-Bersicheruug bewähre, auf deren Gelingen nicht nur die hunderttausend Menschen warten, für welche die Altersrente sofort in Geltung und Wirksamkeit treten würde, sondern die auch unstreitig zum Segen ausschlagen wird für etwa 12 Millionen Arbeiter nebst ihren Angehörigen, wie auch für die ganze gesellschaftliche und staatliche Ordnung.
Wohl kann man aus den Reihen der „freisinnigen" Gegner hören, bald daß das Gesetz nichts weiter als eine neue Art. der Armenpflege, bald daß es zu socialistisch sei, zwei Auffassungen, welche einander ausschließen. Zu diesen Gegnern haben sich andere gesellt, welche befürchten, daß die Landwirthschaft namentlich der östlichen Provinzen die damit verbundenen Lasten nicht tragen könne, und es ist ihnen gelungen, aus landwirthschaftlichen Versammlungen Resolutionen in diesem Sinne herbeizusühren. Aber diesen Resolutionen stehen andere gegenüber, welche sich — wie die der pommerschen ökonomischen Gesellschaft — bereit erklären, die durch das Gesetz der Landwirthschaft auferlegten Lasten übernehmen wollen. Die beiderseitigen Auffassungen innerhalb der conservativen Partei sind in der Presse vom Grafen Mirbach und dem Grafen Udo zu Stolberg-Wernigerode verfochten worden, wobei der letztere die beachtenswerthe Erklärung abgab, daß, wenn das Gesetz der Landwirthschast Lasten auf- rrlege, es die Pflicht eines conservativen Großgrundbesitzer« sei, hierin mit dem Beispiel patriotischer Opferwilligkeit voran- zugehen. Die Deutsche Landwirthschaft weiß, daß unsere Regierung, deren Bestreben seit zehn Jahren unermüdlich aus die Verbesserung der landwirthschaftlichen Verhältnisse gerichtet ist, den Grundbesitzern, den kleinen wie den großen, nicht Opfer ansinnt, welche das landwirthschastliche Gewerbe irgend erheblich erschweren oder gar lähmen könnten, denn die Landwirthschaft ist in Krieg und Frieden der Träger unsere« deutschen Staatslebens. Das Gesetz würde weder bei dem Kaiser, der das baldige Zustandekommen desselben aus da« lebhafteste wünscht, noch bei den Räthen der Krone, die ja zum Theil selbst Grundbesitzer sind und die Verhältnisse aus Persönlicher Kenntniß und Erfahrung zu beurtheilen vermögen, ein so warme« Interesse gefunden haben, wenn damit eine irgend gerechtfertigte Befürchtung der dauernden Schädigung landwirthschaftlichcr Interessen verbunden wäre. Eine Erleichterung und Besserung der allgemeinen Lebcnsverhältnissc der breiten Volksschichten kann ja nur wohlthätig aus die ^»ndwirthschast zurückwirken, welcher jede Steigerung der
nationalen Consumkraft zweifellos zu Gute kommt. Aber auch andere Befürchtungen, wie hinsichtlich des Verhältnisses des Gutsherrn zu seinen Arbeitern, scheinen zum mindesten erheblich übertrieben, denn es bleibt dem Gutsherrn, auch wenn die Alters- und Invalidenrente dem Arbeiter das Roth- dürftigste gewährt, doch noch ein weites Gebiet offen, auf welchem er die persönlichen Beziehungen seiner Arbeiter zu ihm zu festigen vermag.
Deutschland ist mit der socialpolitischen Gesetzgebung bahnbrechend vorangegangen, kein fremdes Gesetz konnte unsern Gesetzentwürfen als Beispiel dienen, die andern Rationen blicken auf uns, um von unserer Erfahrung zu lernen. Es konnte keine des deutschen Namens würdigere Friedensarbeit geben, als diejenige, welchr durch die Botschaft von 1881 inaugurirt wurde und nun durch die Altersversicherung eine wesentliche Erweiterung erhalten soll. Die Nation ist berechtigt, zu erwarten, daß der Reichstag seine ganze Kraft für diese Vorlage einsetzen und sie in den kommenden Wochen so zum Abschluß bringen werde, wie es unserm Ansehen vor den Völkern der Erde und den der Erfüllung harrenden Erwartungen unseres eigenen Volkes entspricht.
Aolitische Nachrichten.
(Deutschland.) Se. Majestät der Kaiser ist ant Mittwoch früh 6'/» Uhr von Kiel wieder in Berlin eingetroffen. Bald nach 8 Uhr begab sich der Kaiser nach dem Tempelhofer Felde zu den Truppenübungen. — Am Donnerstag Vormittag besuchte der erlauchte Monarch um 8 Uhr zunächst die Unfallverhütungs-Ausstellung im Ausstellungsgebäude am Liehrter Bahnhof, kehrte nach längerem Aufenthalte daselbst bald nach 10 Uhr nach dem Königlichen Schlosse zurück und sprach bald darauf den Geheimen Regierungsrath Mießner. Um 11 Uhr Vormittags arbeitete Se. Majestät der Kaiser längere Zeit mit dem Kriegsminister General der Infanterie v. Verdy du Vernois und daran anschließend mit dem Chef des Mililär-Cabinets, General Lieutenant und General-Adjutant von Hahnke.
Am Braunschweiger Hofe wird die Ankunft dcS Kaisers am Sonnabend, den 11. d. Mts„ bestimmt erwartet. Der Regent wird mit Gemahlin dem Kaiser nach Helmstedt zur Begrüßung entgegenfahren. In Braunschweig erfolgt der E nmg mit großem Gefolge.
Am Donnerstag Nachmittag fand im Re'chs- tagsgebäude eine Sitzung des preußischen Staatsmini st eriums statt, zu der auch der Fürst Reichskanzler erschienen war.
Die Manöver des Garde-Corps werden dieses Mal in Schlesien stattfinden. Der Grund zu dieser Maßregel ist in dem Umstände zu suchen, daß in der Provinz Brandenburg zwei Armeekorps, das Garde- und 3. Corps, jährlich zu üben pflegen, und daß es daher bedenklich erscheint, besonders nach den vorjährigen großen Manövern, in diesem Jahre wiederum die Unter» brii gütig der Truppen beider Corps der einen Prov nz autzubüiden. In Folge dieser Umstände hat Se. Majestät der Kaiser bZohlen, daß der Gang der Uebungen anders angelegt werden und dieselben zu beiden Seilen der Oder in der Gegend von Züllichau statifiuden sollen. Nach der großen Parade in der Müte des Monats August muß demnach das Gardekorps nach Schlesien marschiren, um bei Züllichau die Uebungen amzunehmen.
Der König von Italien wird mit dem Kronprinzen am 19. d. M. seine Reise nach Berlin in einem Sonderzuge antreten. In dem Geiolge werden sich befinden Generallieutenant Graf Past, erster General Adjutant, Ratlazz', General-Secretär im Ministerum des Königl. Dauses, Graf Giannotti, erster Ceremonienmeister, die General-Adjutanten Generalmajor Avale und Contre-Admiral Accinni, ferner mehrere Adjutanten,
der Leibarzt Saglione, der Chef der Königl Privatkanzlei Nurlsio, der Chef des Königl. telegraphischen Specialdienstes Bofisio. In der Be- gleitung des Königs werden sich ferner befinden Minister-Präsident Crispi mit seinem Cabinetschef, seinem Privatfecretär und dem Secretär des Cabinets-Prästdiums. Der deutsche Botschafter Graf Solms wird zur Zeit des Königlichen Besuchs in Berlin anwesend sein.
Die neuesten Nachrichten vom Arbeiteraus- stände im rheinisch-westfälischen Kohlenrevier lauten:
Essen a. R., 8. Mai. Der «Rheinisch- Westfälischen Zeitung" zuw-ge wacht sich der Kohlenmangel bereits auf Eisen- und Stahlwerken fühlbar. So hat in der Kruppschen Gußstahlfabrik der. Betrieb des Dessemer-, des Schienenwalz- unb des Blechwalz-Werkes eingestellt werden müssen; die Arbeiter werden aus dem Werke anderweitig be- schä ligl. — In Schalke ist seit heute der Betrieb auf den Walzwerken von Böker u. Cte und Grillo, Funke u. Cie wegen Kohlenmangels stftirt.
Essen o. R., 8. Mai. W>e die .Rheinisch- Westfälische Zig." werdet, jand gestern aus der Zeche .Graf Moltke" bei Gladbeck ein blutiger Zusammenstoß zwischen den streikenden Bergleuten und dem Militär statt. 3 Personen wurden dabei gelobtet und 5 verwundet. In Wattenscheid streift n die Zechen .Holland", .Centrum" und .Präsident". Im Dortmunder Revier beginnt oer Ausstand ebenfalls. Seit heute streiten die Belegschaften.Westfalia" und .Tremonia". Regierungspräsident von Rosen ist seit gestern in Dortmund, woselbst gestern Abend 9 Uhr das 4. Bata llon des Füsilier-Regiments Nr. 39 auS L ppstadt eingerückt ist.
Gelsenkirchen, 8. Mai. Die Arbeitseinstellung hat sich auf das Bochumer und theil- werfe auch aus das Essener Revier ausgedehnt, in etwa 30 Zechen ist Ausstand; außerdem find durch Kohlenmangel viele Werke stillgelegt, wodurch die Zahl der Arbeilslosen noch steigt. Hier herrscht vollkommene Ruhe; das Militär ist heute Morgen abgerückt.
Ja Dortmund streikt auch die Belegschaft von Zeche .Minister Stein und Hardeoberg." D e Gesammizahl der Streikenden beträgt jetzt 39000 m>t einer täglichen Kohlenbelörderung von 43000 Tonnen. Die Truppen in Dortmund haben Massenquart:ere bezogen. Oberpia bent von Hage- meifter ist heute nach Münster zurückgereift.
(H o l l a u d.) In Luxemburg herrscht seit dem Weggange des Herzogs Regenten eine überaus unbehagliche und gedrückte Stimmung, speciell in den Kreisen der Regierung und de3 Beamtenthums. Man ist durchaus nicht im Zweifel darüber, daß der dem Herzog Adolf vereitele herzliche Empfang im Haag, zumal int Königlichen Schlosse höchste Mibstlinmung erregt hat, und mit begreiflicher Spannung erwartet man daher die Rückkehr des Ministers Eyschen, der dem König-Großherzog Bericht erstattet hat. Sticht unwahrscheinlich ist es, daß binnen Kurzem eine Ministerkrifis zum Ausbruch kommt. König Wilhelm hat übrigens seine Zustimmung zu dem Festprogramm gegeben, das von dem Ausschusse in der grobherzoglichen Residenz für die Feier des 40jährigen Regierungsjubiläums Sr. Majestät am 12 d. M. ausgestellt worden ist. Das Befinden des Königs ist, wie verlautet, relativ günstig.
(Schwel z.) Der Schweizer Bundesrath hat am Dienstag eine Anzahl bet der Bomben- Affäre in Zürich betheiligterPersonen aus- gewiesen. — Bezüglich des Zeitpunktes für dttz