Erscheint wöchentlich drei Mal Dienstag, Donnerstag und Sonnabend, Nbonnementipreib: vierteljährlich 1 Mark 40 Psg. exel, Postausschlag.
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Htlssel-tl Kreisbliitt.
__________Mit wöchentlicher Hratis-Aeilage „Illustrirtes Ilnlerhattungsölatt".__________
Nr. 66. Dienstag den 4. Juni 1889.
Amtliches.
Hersfeld, den 28. Mai 1889.
Unter Bezugnahme auf den Schlußsatz meines Ausschreibens vom 18. Januar d. I. Nr. 586, Äreisblatt Nr. 10, benachrichtige ich die Herren Ortsvorstände des Kreises davon, daß Ihnen in den nächsten Tagen die Hebeliste über die behufs Bestreitung der Verwaltungskosten für das erste Jahr von den Mitgliedern der Hessen-Nassauischen landwirthschaftlichen Berufsgenossenschaft zu er» hebenden Beiträge von je 25 Psg. für jede dauernd beschäftigte versicherte Person zugehen wird.
Die Erhebung der einzelnen Beiträge von den Zahlungspflichtigen Betriebsunternehmern ist sofort zu bewirken und sind die Beiträge in einer Summe, nachdem zuvor der Betrag der den Gemeindebehörden für Erhebung der- , selben in Folge ministerieller Anweisung vom 4. _ Juni 1887 gewährten Vergütung von 4°/0 gekürzt ist, an die ständische Schatzkasse zu CasselunterBeifügungderHebeliste und einer ordnungsmäßigen mit dem Siegel versehenen Quittung über die gekürzten Hebe gebühren Porto frei kinzusenden.
Der Vorsitzende des Sectionsvorstandes.
In Vertret. des Königl. Landraths
Braun,
J. A. 81. Kreisdeputirter.
* MiMndk in der Hmlsindiiftric.
k Nach der osficiellen Berussstatistik hat die Kinderarbeit in der Hausindustrie nur einen geringen Umfang und ist hier viel weniger vertreten als in den Fabriken. Offenbar spiegeln
j jedoch in diesem Punkte die statistischen Zahlen! die Wirklichkeit nicht genau wieder, im Gegentheil spricht eine starke Wahrscheinlichkeit dafür, daß bei den statistischen Aufnahmen die Erwerbsthätigkeit vieler Kinder von Hausindustriellen verschwiegen wurde und die Kinderarbeit in Wirklichkeit im'Hause viel verbreiteter ist als in der Fabrik. Das zeigen nicht nur die vorliegenden Untersuchungen über die Hausindustrieen einzelner Gegenden, sondern auch die Berichte der Fabrikinspectoren. In der Seiden- und Sammetindustrie am Rhein sitzen Kinder von fünf Jahren an oft bis in die Dunkelheit am Spulrade, in der thüringischen Holzspielwaaren- industrie verwenden vielfach Kinder ihre ganze schulfreie Zeit auf das Bemalen der Figuren, im Voigtlande und im Erzgebirge klagt der Auf- sichtsbeamte über die übermäßige Anspannung der Kinder in hausindustriellen Betrieben mit Gorlnähen, Strümpfe- und Handschuhbordiren, Puppenmachen, Korbflechten 2c.
Ein weiterer Uebelstand ist die ungebührlich ausgedehnte Arbeitszeit. Der thüringische Tafelmacher arbeitet bis zu 18 Stunden, in der Meerschaumindustrie in Ruhla dauert die Arbeit gewöhnlich 15—16 Stunden, für die Hausindustrielle sächsische Handweberei wird eine 14—15 ständige Arbeitszeit angenommen, wogegen die Weber in den Fabriken nur 11—12 Stunden arbeiten, und wie viele Stickerinnen, Strickerinnen und Näherinnen sitzen zu Hause bis tief in die Nacht hinein!
Sehr übel ist die ungerechte Kürzung und Drückung der Löhne, denen die Haus- industriellen hier und da in verschiedenen Arten unterliegen. Sie geschieht nicht bloß dort, wo ein Factor oder Werkmeister zwischen Kaufmann und Arbeiter steht, welcher seinerseits die Abzüge, die ihm der Verleger macht, wieder an der Schmälerung des Verdienstes der Arbeiter ein-
zubringen sucht; mitunter besteht auch noch der Unfug, daß der Verleger für die dem Arbeiter zu liefernden Rohstoffe Zwangspreise macht, welche die freien Preise der Rohstoffhändler übersteigen. Man entsinnt sich noch des Aufsehens, welches die sog. Nähfadenfrage in Berlin machte, wo sich bei dem Vorschläge einer Zollerhöhung auf Nähfaden herausstellte, daß einzelne Wäsche- confecttonsgeschäfte die Näherinnen nöthigen, die Fäden zu Preisen abzunehmen, welche die Selbstkosten der Geschäfte mehr oder weniger erheblich überstiegen. — Das Trucksystem, d. h. die Lohnzahlung in Waaren, Marken oder Bons auf Waaren, soll trotz des Verbots der Gewerbeordnung vereinzelt in der Hausindustrie noch vorkommen. Sax erzählt z. B. von einer Firma im Coburgischen, daß sie jedem Korbmacher '/, Pfund Caffee, 1 Pfund Zucker, 2 „blaue Päckle" Cichorien zu einem berechneten Preise von 1 Mk. 45 Pf. liefere, einerlei, ob der Korbmacher die Waaren braucht und will oder nicht.
Ebenso ist auch über Wohnungszustände, Arbeitsräume und Nahrungswetse manches Schlimme berichtet worden. Ganze Familien sind in einer Stube mit Küche zusammengedrängt, welche zugleich Arbeitsstätten sind, und dieser Zustand ist besonders übel, wenn die Bearbeitung des Stoffes fortdauernde Hitze verlangt, z. B. zur Trocknung der Farben und des Holzes der Spielwaaren, oder sonst die Lüftung ausschließt. Aehnliche Wohnungsnoth, jedoch nicht blos als Eigenthümlichkeit der hausindustriellen Unter- nehmungsform, besteht in einzelnen Dörfern des Taunus und der Rhön. Nach dem, was über die Zustände der Hausindustrie bis jetzt bekannt ist, darf man wohl sagen, daß die Arvettsräume der Hausindustriellen, welche bekanntlich der Fabrikaufsicht nicht unterstehen, in gesundheitlicher Beziehung größtenteils schädlicher wirken als die Fabriken.
Ms ans schlimme Ziel.
Eriminal-Rovell« von K. Reichn«».
(Fortsetzung.)
Seit diesem Tage schien Gertrud Edgar Dorwall absichtlich zu meiden. Zwar merkte er nach wie vor ihr stilles und beredtes Walten im ganzen Hause und besonders für seine eigene Person, daS heißt, er bemerkte eben jetzt, was er früher in seinem Egoismus nie gesehen noch beachtet hatte. Nun war zwar dieser nicht verschwunden, aber d e Eitelkeit deS Mannes hatte sich dazu gesellt, eine gefährliche Genossin; wer aus die Eitelkeit der Menschen sprkulirt, geht selten fehl.
Warum hatte er noch nie gesehen, was für seltsam schöne Augen dieses Mädchen hatte, denn obwohl sie jetzt beharrlich die langen Wimpern vor ihm senkte, so konnte er doch nicht vergessen, mit welchem wunderbaren Blicke sie ihn angeschaut, in jener Stunde, alS sich ihm zum ersten Mal ihr wahres Wesen enthüllt! Daß sie ein kluges Mädchen war, davon war er stets überzeugt gewesen, obwohl er selbst sich nicht darum gekümmert iatte und eS ihm gleichgültig gewesen war — baß e ein schönes und interessantes Mädchen war, atte er an jenem Nachmittag zum ersten Mal entdeckt.
t Aber hatte sie wohl auch ein Herz? - DaS j tobt, ein echtes Mädchenherz, daS heiß und thöricht lieben kann?
Auf dieser yra-e ertappte sich Edgar jetzt öfter
— mehr als ihm selbst lieb war. Was ging das ihn denn an — gerade ihn?
DaS aber wußte er nicht, wie gerade ihr scheues Zurückhalten nach jenem Tage, der ihm zuerst die Augen geöffnet, ihr Ausweichen, die scheinbare Kälte, nachdem er ihr Beachtung schenkte, die Hauptveranlassung für ihn wurde. mehr und mehr sich mit ihr zu beschäftigen, namentlich nachdem durch die Trauer und die Wucht der herein- gebrochenen Verhältnisse daS HauS Dorwall ohnehin jetzt tsolirter dastand und er selbst nach allen diesen Schicksalsschlägen emp^änglichcr für Annäherungen war als sonst der Fall gewesen wäre. Wie gesagt: die Eitelkeit des Mannes schärfte jetzt sein Auge, und ein Gefühl deS AergerS überkam ihn, wenn er Gertrud so scheu und fremd ihm ausweichen, ja, ihn vermeiden sah. Hätte sie beabsichtigt, in ihm zu wecken und zu schüren, was bis dahin in seinem Inneren noch im tiefsten Dornröschen- schlummer lag, wahrlich, sie hätte eS nicht klüger und sicherer anfangen können. Ober wußte sie eS doch vielleicht? Diese Augen, diese L'ppen, diese Stirn, sie waren nicht gewohnt, sich zu verrathen.
Tage hindurch hatte Edgar vergeblich gesucht, sich Gertrud zu nähern. wenn sie allein war; sie wollte eS offenbar nicht, wollte ein Alleinsein ohne Zeugen mit ihm vermeiden — das war ersichtlich, aber gerade das ärgerte, verletzte ihn.
Endlich kam der Zufall ihm zu Hilfe — wenigstens hielt er eS für Zufall, daß er nach dem Mittagessen, als der alte Dorwall sich, um seist gewöhnlicher Mittagsschläfchen zu halten,
zurückzog, gleich darauf die schlanke Gestalt, welche in neuerer Zeit eine größere Rolle tn seinen Gedanken gespielt, als er selbst je für möglich gehalten hätte, den Weg zur Bibliothek einschlagen sah. Wenigstens nahm er an, daß sie dorthin sich be» geben würde, um „Wichtelchen- zu spielen, das heißt, die Dienste jener unsichtbaren. guten Hausse, fterchen zu spielen, die nur im Geheimen Gutes thun und verschwinden, sobald mau sie erschreckt und überrascht von ihrem wohlthätigen, emsigen Werk zum besten anderer.
Edgar hatte das junge Mädchen den langen Berb.nbungSgang durchschreiten gesehen, dessen Fenster aus den Theil des Gartens führten, wo er gerade sich befand. Schnell entschlossen ging er von außen in daS Lesezimmer, dessen zweiter AuSgang durch eine Beranda direct in den Garten führte.
So mußte er ihr zuvorkommen.
Er sah nicht den halb freudigen, halb trium- phirenden Glanz in ihrem Auge, als sie, die Thür öffnend, ihn an seinem Lesettsche anscheinend eitrig lesend »and, er sah nur das Zusammeusahren und die unwillkürliche Bewegung wie zur Flucht.
«Ich bitte, bleiben Sie, Gertrud l" sprach er, sich erhebend. Da der Zufall mir heute auSnahms- weise einmal so günstig ist, so möchte ich diese Gelegenheit nicht unbenutzt verstreichen lassen. Warum laufen Sie vor wir davon$•
.Ich!'
In fast hilfloser Haltung, die schmalen weißen Finger fest zusammengepreht, stand sie vor ihm.