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Itrsftlhtr IrtisMntt.
__________Mit wöchentlicher Hratis-HLeilage ^Illustrirtes Nnterhaltungsölatt".__________
Nr. 68. ~ Dienstag den 9. Juni 1891.
Amtliches.
In der Marthaherberge des Diakopiffeuheims zu Caffel, Untere Königsstraße Nr. 95, finden ordentliche Mädchen, welche in Caffel Stellungen suchen, freundliche Aufnahme. Die leitende Schwester ist den Gästen der Marthaherberge zur Erlangung geeigneter Stellen gern behülflich. Der Vorstand des hessischen Diakonissenhauses.
* Die sog. materialistische Gc- fchichtsthcorie.
Wer socialdemokratische Blätter liest, wird häufige Be- rufungen auf die materialistische Geschichtstheorie gesunden haben, die als ganz unumstößliche Wahrheit erscheint. Auch auf dem kürzlich abgehaltenen evangelisch-socialen Congreß war von dieser Theorie die Rede. Ein Referent hatte erklärt, die Theorie gehöre nicht zu den Grundsätzen der Socialdemokratie, sondern nur zu den Agitationsmitteln. Andere Redner traten dem entgegen und erachteten sie im Gegentheil als einen Kernpunkt oer kommunistischen Lehren. Wie steht die Sache?
Der Vater, wie der socialdemokratischen Lehren überhaupt, so auch der materialistischen Geschichtstheorie insbesondere ist K. Marx. Sie lautet in Kürze: Das einzig ausschlaggebende Element der menschlichen Gesellschaft ist daö öcono- mische; die wirthschaftlichen Verhältnisse, die darauf beruhenden Klassenunterschiede und Klassengegensätze bilden das treibende Motiv der Geschichte, alles religiöse, politische, rechtliche und literarische Dasein ist nur Beiwerk oder wird selbst durch die wirthschaftliche Verfassung, die Vertheilung des Besitzes, der Geburts- und Eigenthumsrechte, bestimmt. Im Kampfe der Berufe, Stände, Klassen gegeneinander ändert sich die öconomische Verfassung, darin besteht der wesentliche Inhalt der Geschichte.
Marx war auch hierin Consequenzenmacher. Er griss eine Seite der Entwickelung der menschlichen Gesellschaft heraus, erschöpfte in ihrer Betrachtung seinen ganzen Scharfsinn und ließ alles daneben und dahinter unbeachtet oder drückte eS zur Bedeutungslosigkeit herab. Die nationalen Kämpfe der Völker unter einander, die die Weltgeschichte durchziehen, galten ihm als nichts oder doch nur als Kraft-
Aus hohem Pferde.
Roman von Georg Horn.
(Fortsetzung.)
Wo Gebhard voll der Anerkenung war, durften doch auch der Bankpräsident mit seinem Beifall nicht zurückhalten. Vera holte aus der Tasche eine Nummer des »Sporn" heraus und zeigte auf eine Stelle, wo gedruckt stand, daß man im Unionsclub große Hoffnungen auf das Pferd setze. Conring, der berühmteste Jockey auf dem Continente, sei ausersehen, das Pferd bei dem Rennen um den großen Preis von Baden-Baden zu reiten.
»Große Ehre," sagte Mr. Bristol laut, »daß man so von meinen bescheidenen Fähigkeiten denkt: Ich wollte den Herrschaften hier und den Damen" — das sagte er wieder auf Vera hin — »nur eine kleine Probe meines Metiers geben."
»Wieso?" frug der Bankpräsident etwas con- sterntrt.
»Ich bin der Jockey, von dem in dem Blatte die Rede ist."
Den Eindruck, den diese Enthüllung hervor- brächte, in seinem vollen Umfange zu schildern, würde schwer sein. Das Gesicht des Bankpräsidenten war wie versteinert, Vera war leichenblaß geworden und zerbiß sich fast die Lippen, die Münchener sahen mit schadenfrohen Blicken auf Onkel und Nichte und als sich Gebhard nach seiner Tante umsah, war diese — verschwunden.
proben einzelner Gewalthaber oder mächtiger Sippen der Staaten; das geistige Leben erschien ihm nur als ein Ausfluß und Niederschlag der jeweiligen Eigenthumsordnungen. Gewiß hat stets das öconomische Element in der Entwickelung mitgewirkt und haben die Gegensätze von Sclaven und Freien im Alterthum, von Leibeigenen, Hörigen und den verschiedenen Graden der Freien im Mittelalter, von Arbeitern und Unternehmern, Proletariern und Bourgeois in der Neuzeit das innere Leben der Völker mitbestimmt. In den großen UmwälzungSperioden liefen mit den geistigen Strömungen wirthsckaftlich durcheinander, so in der ReformationSzeit die Bauernbewegung, in den neueren Revolutionen die Erhebung des vierten Standes. Hier war das Wirth- ■ schaftliche Element vorherrschend, so in den römischen Sclavenaufständen, dort das geistige, so bei den Kreuzzügen. Gewiß ist die moderne Bourgeoisie auch, aber nicht ausschließlich, das Product einer Reihe von Umwälzungen in der Produc- tions- und Verkehrsweise; ihre Geburt war vorbereitet mit der Entdeckung Amerikas, vollendet mit der Erfindung der Jenny oder des spinnenden Hannchens. Aber jene Entdeckung wie diese Erfindung waren geistige Thaten Einzelner, nicht da« Product der ^Gesellschaft" Der stärkste Beweis gegen den „Marx'schen Satz: „Die herrschenden Ideen einer Zeit waren und sind stets die Ideen der herrschenden Klasse" liegt darin, daß die großen Religionen, namentlich die christliche, die verschiedensten Gejellschaftsfo-men überdauert und in jeder doch das Fühlen und Denken der Völker ntehr oder weniger beherrscht haben und beherrschen. Ebenso sind alle heutigen Ideen von Moral, Philosophie, Politik, Recht u. s. w. keineswegs nur Erzeugnisse der Productionsverhältnisse, aus denen große Denker, wie Kant, Goethe, Schopenhauer, die allergeringsten Anregungen geschöpft haben.
Die materialistische Geschichtstheorie ist kein beiläufiges Agi- tationömittel der Socialdemokratie, sondern hängt mit den Conseguenzen der Marx'schen Kritik der Volkswirthschaft eng zusammen und bildet die Grundlage des socialpolitischen ZukunftSstaates. März; stellte schon 1850, auf sie gestützt, die Behauptung auf, daß die bestehende WirthschaftSordnung in allernächster Zeit unfehlbar zusammenbrechen und die „Gesellschaft" sich selber von allen Klassenkämpfen für immer befreien werde. Hat die Geschichte auch gezögert, diese mit größter Sicherheit ausgesprochene Behauptung zu bewahrheiten, so lebt doch die materialistische Theorie, die Erwartung des nahen Umsturzes, der Glaube, daß der Fortschritt der Kultur allein von einer anderen Vertheilung der Güter und des Arbeitsertrags abhänge, in der Socialdemokratie unge- schwächt fort als eine Verirrung, die einerseits die sittlichen
I Nur Mr. Bristol war in seinem Gleichmuth ge- I blieben, er klopfte das Pferd, sagte ihm süße Schmeichelnamen darüber, daß sie Beide so gut abgeschuttten hatten und trabte mit ihm vergnügt in den Stall zurück.
Als Tante Armgard nach ihrem Zimmer kam, mußte ihr Madlon Brausepulver einrühren — drei nacheinander. Sie murmelte mehrere Male etwas wie vom »Similtfürsten."
In anderer Weise als seine Tante war Gebhard von dem Vorfall berührt. Für ihn kam dabei nur Claudine in Betracht und ihre Beziehungen zu — dem Jockey. Hatte sie in ihm wirklich den Fürsten gesehen und von dem glänzenden Namen sich etwa bethören lassen? Keine Frau, auch nicht Claudine, die doch vor ihm so hoch dagestanden, war nach seinen Erfahrungen gegen diese Versuchungen gefeit. Oder hatte sich ihr Mr. Bristol entdeckt? Warum soll der Jockey in seiner männlichen Art — mit seinen ganz guten Formen und seiner Gutmüthigkeit nicht eben so geliebt werden können, wie irgend ein anderer junger Mann? Aber gerade Claudine! Nein —nein! Gebhard stanv vor einem Räthsel.
Die Tante ließ am Abend nicht undeutlich merken, daß sie des Aufenthaltes in Amsteg satt sei — an die Abreise denke. Dann mußte Gebhard schicklicher Weise mitkommen. Aber vorher wollte er zu einem Resultate kommen — um jeden Preis. So suchte er des Jockey habhaft zu werden und das gelang ihm auch. Er wartete
und geistigen Kräfte als Factoren der Geschichte unterschätzt, andererseits deren ungemessene Entfaltung in der kommunistischen Gesellschaft der Zukunft bei vollster Gleichheit aller materiellen Genußrechte blind erwartet.
Uokitische Nachrichten.
Am Sonnabend Morgen bald nach 13U Uhr begab sich S e. Majestät der Kaiser in Begleitung des Flügeladjutanten vom Dienst, vom Schlosse aus zu Wagen zunächst nach der Kaserne des 1. Garde-Dragonerregiments, woselbst die Reitpferde für den erlauchten Monarchen und seine Umgebung bereit gehalten worden waren. — Nachdem Se. Majestät dann zu Pferde gestiegen, erfolgte sofort der Abritt nach dem Exercierplatze an der Tempelhofer Chaussee. Dort angelangt besichtigte Se. Majestät, welcher die Uniform der Garde-Kürassiere mit den Generals- abzeicken angelegt hatte, zunächst das Garde- Kürassierregiment, und später das 2. Garde- Ulanenregiment im Beisein zahlreicher Generale und anderer hoher Officiere, der General- und Flügeladjutanten, der Militairbevollmächtigten und Attaches 2C. und anderer Militairs. Nach Schluß der Besichtigung nahm Se. Majestät der Kaiser dann sofort auf dem Platze einige militairische Meldungen entgegen und entsprach darauf einer Einladung des Officiercorps des 2. Garde-Ulanenregiments zur Frühstückstafel nach dessen Kasino in der Regimentskaserne zu Moabit.
Das Abgeordnetenhaus nahm am Freitag in zweiter Lesung die Rentengütervorlage und zwar im Wesentlichen nach den von der Commission gemachten Vorschlägen an.
Für das Etatsjahr 1890/91 betragen die ge- sammten Jsteinnahmen der Reichskasse an Zöllen und Verbrauchssteuern 625 089 290 Mark, gegen das Vorjahr mehr 38 383 940 Mark. Der Spiel-
an der Brücke, über welche dieser von seinem Spaziergange zurückzukommen pflegte. Ein Gespräch einzuleiten war nicht schwer; er brauchte ihn nur auf Jucognito anzureden.
»Wissen Sie auch, Herr Conring, welche Ueber- raschung Sie hier — durch Lüftung Ihres Jucognito hervorgerufen haben?"
»Mag ja sein, Herr Graf. Aber soll es Unser* einem denn nicht auch vergönnt sein, mal die Jockeyjacke mit dem Metier an den Nagel zu hängen, um sich mit andern in freier, herrlicher Natur als Mensch — als gleichberechtigtes Wesen zu fühlen? Ich wollte nichts Höheres vorstellen, als ich bin, indem ich unter einem andern Namen hier auftrat — wahrhaftig in Gott nicht, Herr Graf — aber ich wollte eines vermeiden, waS Unsereinem so oft passirt, daß die Leute hier mit Fingern auf Einen zeigen und hinter Einem herflüstern: Das ist der Gewinner auf Fismoll — auf Gurnemanz — auf Unsinn — eh! Ich wollte mal vier Wochen nicht Reiter sein — auf etwas anderes denken, als auf Gewichtserletchte- rung und Dampfbäder und Wicklung in wollenen Decken und rein stickstoffhaltige Nahrung. Ich wollte essen, wohnen, aussehen wie und wo andere Leute, die nicht durch ihren Beruf gezwungen sind, immer hoch zu Pferde zu sitzen. Darum — einzig darum ward ich Mr. Bristol. Freilich hätte ich besser gethan zu schweigen — aber im letzten Augenblicke — eh — da schlug wieder das Metier durch, so wie ich mich auf hohem