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Hersstl-er Kreisblatt.
Mit wöchentlicher Kratis-Meilage „Illukrirtes Muterhaltungsklatt".
Nr. 98. Dienstag den 18. August " 18917°
» Werden wir genug Roggen haben?
In Rußland ist ein Ukas erlassen worden, welcher vom 27. August (neuen Stils) ab die Ausfuhr von Roggen, Roggenmehl und Kleie nach dem Auslande verbietet. Diese Maßregel wird auf Besorgniffe wegen ungenügenden Ausfalls der Ernte zurückgeführt. Neben dem Ausfuhrverbot ist der russische Minister des Innern ermächtigt worden, Maßregeln zur Erleichterung der Beschaffung von Getreide aus den Gegenden, wo Ueberfluß vorhanden, im Verwaltungswege zu ergreifen. ES wird weiter mitgetheilt, daß, um der nothleidenden Bevölkerung Verdienst zu verschaffen, umfangreiche Landstraßenverbesserungen und andere Neubauten, wofür die Regierung 15 Millionen Rubel auweiseu will, vorgenommen werden sollen.
Rußland gehört zu den Getreide-Exportländern, und der Getreidebau und -Export bildet einen wesentlichen Bestandtheil des Reichthums der russischen Bevölkerung. Auf der anderen Seite bat speciell Deutschland bisher stets einen großen Theil der russischen Roggeuausfuhr ausgenommen. Die Beträge des Roggenimports aus Rußland baden vielfach geschwankt; im Jahre 1879 belief sich der Import auf 290 996 Tonnen, 1880: 421238, 1881 : 266 956, 1882 : 348187, 1884: 566 242, 1885 : 323 222, 1886 : 329 425, 1887: 416833, 1888: 470430, 1889: 934657, 1890: 755 298 Tonnen.
, Angesichts namentlich der letzten beiden Jahre, in denen sich der Roggenimport so wesentlich gesteigert hat, muß man die Frage aufwerfen, ob wir, wenn wir aus Rußland keine Zufuhr mehr zu erwarten haben, genug Roggen haben werden. Das hängt natürlich wesentlich davon ab, wie sich bei uns die Ernte gestalten wird. Indeß ist es vielleicht zweckmäßig, an gewisse Thatsachen zu erinnern.
Nach der Erntestatistik hat Deutschland aus der eigenen Ernte und aus dem Import, nach Abzug
Einfache Kerrie.
Novelle von August Scholz.
(Fortsetzung.)
Brandt dagegen bewegte sich vorzugsweise auf dem Gebiet des Abstrakten, des Allgemeinen, doch drückte er sich Lilas wegen immer möglichst klar aus. Es war ein belustigendes und belebendes Wortgefecht zweier Menschen, die aus dem tiefen Brunnen geistiger Bildung an verschiedenen Enden aeschöpft haben; jeder für sich glaubt köstlichen Nektar zu besitzen, und schließlich sehen sie, daß sie beide — Wasser haben. Fröhlich lachen sie einander an, lassen daS Wasser aus einer Hand in die andere tröpfeln und haben das Bewußtsein, sich gut zu unterhalten. Ihre Herzen aber rücken unmerklich einen Zoll näher zu einander.
^Die Tante erschien mit einem Tischtuch und Servietten auf dem Arme und bat um Nachsicht, daß sie in demselben Zimmer zum Abendbrot decke. Die Herren erhoben sich, Lila stellte die schwere Lampe auf einen kleinen Seitentisch, sah darauf die Tante einen Augenblick bittend an und fragte mit einem Blick auf das Pianino:
»Darf ich?"
»Spiele, wenn eS denn Herren recht ist," ent- Wnete Frau Langner, die froh war, daß ihr Lila mit diesem Einfall zu Hilfe kam und ihre Kamillentheekur vergaß.
Lila, welche die ihr auferlegte Musikdiät nur
der Ausfuhr und dem Aussaatquantum, zur Verfügung gehabt:
im Jahre 1880/81: 4869461 Tonnen Roggen 1881/82: 5 245 448 1882/83: 6077 732 1883/84: 5 617 704 1884/85: 5 296 091 „ „
1885/86: 5 256 843 , „
1886/87: 5 524 912 1887/88: 5 726 753 1888/89: 5 310 067
1889/90 : 5 053 778 „
Hiernach war also in dem letzterwähnten Jahre die geringste Roggeumeuge zum Verbrauch vor- haudeu. Es mag sich hieraus die Preissteigerung auf 155,5 Mark im Jahre 1889 erklären, obwohl bei dem nicht erheblich höheren Quantum im Jahre 1881/82 der Durchschnittspreis für diesen Zeitabschnitt außerordentlich viel höher war, nämlich 173,7 Mark, während er trotz des großen UeberflusseS an Roggen im Jahre 1882/83 auf 148,5 Mark zu berechnn ist, ein Preis, der im Jahre 1886/87 bet viel geringerem Roggenbestand Noch lange nicht erreicht wurde (125,7 Mark). Also in unmittelbarem Zusammenhänge steht die verfügbare Menge mit dem Preise nicht. In jedem Falle aber steht fest, daß wenn im Jahre 1889/90 Deutschland mit einer Bevölkerung von etwa 48 Millionen Einwohnern mit dem Roggenquantum von 5053 778 Tonnen auskam — und dies wird von Niemandem bestritten werden können —, es in den Vorjahren bet geringerer Volkszabl, insbesondere in den Jahren 1882/83 und 1887/88, viel zu viel Roggen zur Verfügung hatte, es also in jenen Jahren der Einfuhr nicht bedurft hätte. In den Jahren mit starken Ernten (1882, 1886 und 1887) war so viel an eigenem Roggen vorräthig, daß in diesen Jahren, nach Abzug des Aussaatquantums, welches etwa 900 000 biS 990 000 Tonnen beträgt, ohne jegliche Zufuhr zum Konsum mehr vor-
schwer ertragen hatte, stürzte sich mit naivem Eifer auf das Instrument, schlug den gelben Deckel desselben zurück, zündete eine Kerze an und fragte die hinter ihr stehenden Herren, was sie spielen solle.
Königs hatte keine besonderen Wünsche. Brandt bat sie um das Wiegenlied von Chopin, und bald füllte sich das Zimmer mit den sanften, weichen Akkorden dieser Composttion, während die Tante auf den Zehen um den Tisch herum- schlich und so leise wie möglich Teller, Messer und Gabeln auf demselben vertheilte.
Lila hatte einen gefühlvollen, feinen Vortrag. Sie spielte das Stück ohne Noten und wußte den gelb gewordenen Taften des langgedienten Instruments, das schon in der Jugendzeit der Tante eine Rolle gespielt hatte, Töne voll Schmelz und Wohlklang zu entlocken.
KönigS stand so, daß er sowohl Brandt, als auch Lila inS Auge fassen konnte. Er verfolgte mit zärtlicher Aufmerksamkeit die schlanken weißen Finger der jungen Virtuosin, die bald leicht gekrümmt, bald weit anSeinandergespreizt über die Tasten glitten und den Zuhörern die gemüth- vollen Empfindungen des Tondichters vermittelten. Lila war mit ihrer ganzen Seele beim Spiel; ihr Auge, das bisweilen aufsah, war ganz nach innen gekehrt, ganz in die Welt versenkt.- die sie tu Klängen malte. Die Weiche und Sanftheit, die Chopin in sein Tontdyll gelegt hat, spiegelte
Handen gewesen wäre, alS in den Jahren 1884/85, 1885/86, 1888/89 und 1889/90 nach Hinzu- rechnung der Einfuhr zur Verfügung gestanden hatte.
Die Ziffern der Erntestatistik weisen darauf hin, daß wir bei guter Ernte der Roggenetufuhr und so auch des russischen Roggens nicht bedürfen. Eine gute Ernte freilich haben wir in Roggen jetzt nicht zu erwarten, sondern — wenigstens für Preußen — nur 82 pCt. einer Mittelernte. Vielleicht find indeß die anderen deutschen Staaten in Bezug auf ihre Ernte besser daran. Jedenfalls aber kaun der Ausfall, den unS unter diesen Umständen daS russische Ausfuhrverbot zufügen wird, auS den übrigen Getreide-Exportländern, insbesondere Amerika und Oesterreich-Ungaru, zum Theil auch durch größeren Verbrauch von Weizen, dessen Ernte auf 91 PCt. geschätzt wird und dessen Ausfuhr aus den Exportländern nicht behindert ist, ersetzt werden.
Nolittsche Nachrichten.
Se. Majestät der Kaiser arbeitete am Freitag während der Morgenstunden an Bord der .Hohenzolleru" zunächst längere Zeit allein, nahm alsdann den Vortrag der KabinetSchefs entgegen und konferirte mit dem Vicepräfidenten des Staatsministeriums Dr. v. Boetticher, welcher, von Berlin kommend, am Abend zuvor in Kiel eingetroffen war. Gleich nach 10 Uhr Vormittags begaben sich die Kaiserlichen Majestäten mit dem gesummten Gefolge, worunter auch Dr. v. Boetticher, vom Kieler Hafeu aus mit der .Hohenzolleru" nach Eckernförde zum Besuch deS Herzogs und der Herzogin Friedrich Ferdinand von Schleswig-Holstein-Glücksburg. Am Nach- Mittage, kurz vor 1 Uhr. trafen die Majestäten vor Eckernförde ein, woselbst die .Hohenzolleru" vor Anker ging. Der Herzog Friedrich Ferdinand begrüßte die Majestäten nach ihrem Eintreffen
sich in ihren schönen, jugendlichen Zügen. ES lag in denselben die keusche Zärtlichkeit der Schwester, die ihr Brüderlein in Schlaf wiegt.
Königs blickte zu Brandt hinüber, der hinter Lila stand, und ward betroffen: in dem Antlitz des Schriftstellers zuckte es leise, wie eine tiefe, mit Mühe verhaltene Rührung. Seine Augen waren feucht und starrten ins Weite, in eine unbekannte Ferne. .Wa8 hat thu so ergriffen?” dachte der Maler, und er wandte sich betroffen ab, wie von einem schmerzlichen Geheimnis, das auszuforschen ihm nicht ziemte.
Das Stück war zu Ende, die letzten Töue hallten in dem alten Gehäuse des Instruments nach. Lila erhob sich, warf, als ob sie eine leichte Ermüdung verspürte, den schlanken Ober- körper mit einem leisen Seufzer zurück und blickte, indem sie lächelnd zur Seite trat, ihre betten Zuhörer an. Königs blieb stumm, er fürchtete, durch sein Lob die Stimmung zu entweihen. Brandt erfaßte Lilas Hand.
»Ich danke Ihnen herzlich," sagte tr. .ES war das Lieblingsstück Ihrer Mutter, ich habe es öfters von ihr gehört."
Diese Mittheilung machte einen tiefen Eindruck auf Lila und verlieh der Komposition in ihren Augen auf einmal eine ganz besondere Bedeutung.
.Gewiß, auch ich erinnere mich dessen," bestätigte die Tante. .Du lebtest damals noch nicht, mein Kind. Aber jetzt möchte ich die Herr-