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Herssel-tl KreisMt.

__________Mit wöchentlicher Kratis-AeilageIllugrirtes Nnterljaltuugsblatt".___________

Nr. 131.Dienstag den 3. November 1891.

DmM»k-LMW.

Bestellungen auf das Hersfelder Kreisdlatt mit der wöchentlichen Gratis-Beilage JllustrirtesUnterhaltungs-Blatt" pro November u. Dezember werden von allen Kaiserlichen Postanstalten, Landbriefträgeru und von der Expedition angenommen.

Unter die Kinder!"

Auf dem Halleschen Parteitag der Sozialdemo- kraten war die Parole:Auf die Dörfer* aus­gegeben worden. Weit find sie bis jetzt damit nicht gekommen; vielmehr wurde auf dem Partei­tage in Erfurt offen bekannt, daß die sozialistischen Schriftsteller und Agitatoren noch nicht die richtige Form gefunden hätten, um das Landvolk für die Idee der Aufhebung des Privatetgeuthums rc. zu gewinnen. In Erfurt ist nun noch eine neue Parole hinzugekommen, die Parole: Unter die Kinder! Es soll eine Jugendliteratur geschaffen werden,welche in unterhaltender Weise, dem Wesen der Kindheit entsprechend, den Geist und das Fühlen der Jugend zu Gunsten des Sozialts­mus weckt und bildet.* Nach der Erläuterung, welche derVorwärts* hierzu giebt, besteht bisher die Pflege desGemüths" in Lobpreisen aller Knechtstugenden", der Demuth, des Gehorsams; einegesunde" Jugendliteratur dagegen werde das Licht der Menschenwürde" über die Kinder leuchten lassen und sie lehren, sich als Gleiche unter Gleichen zu fühlen, das Haupt aufrecht zu tragen nnd dem Zeitpunkt entgegenzusehen, da sie als Mitkämpfer für die Emanzipation des Prole­tariats eintreten können.

Stand!

Roman aus der Gegenwart von Zoe von Reuß.

(Fortsetzung.)

Paula saß in ihrem kokett und abenteuerlich ausgestatteten Zimmer, dessen Rokokostyl indessen die Ueberladung vertrug. Zierliche Ebenholzmöbel mit Bezügen von blauem Seidendamast, ein Plafond mit Schäfersceven, Schlcppgard'nen, Löwen- und Pantherfelle, dazu ein reizender Schmollwinkel, über den schlankgewachsene Palmen schützend ihre Fächer breiteten: alles bunt durch­einander.

Sie blätterte in ihren Albums, die der letzte städtische Winteraufenthalt wieder bedeutend reichhaltiger gemacht hatte, und ließ die neuge­wonnenen Erinnerungsbilder an ihrem Geiste ^rübergleiten. Mit Ausnahme des Malers

Fresenius war eigentlich Niemand in ^"Gesichtskreis eingetreten, dessen Bild sich Lettr eingeprägt hätte. So schob sie die w für große Kinder ziemlich gelangweilt auaendlä?^ ^ um sich im Geiste mit ihrer ^MAichen Umgebung zu beschäftigen.

fein nhÄr ^O» Windheim mag kein übler Junge we?ü °Spalier wird er nimmermehr, ich N',^^ Dtuma ist dieser Ansicht. Selbst Banquier Franz ist mehr Cavalier, als er. Den»

Danach kann man auf arges Zeug gefaßt sein. Als die Hauptaufgabe der Erziehung wurde bisher erkannt, das jugendliche Gemüth, das denn doch trotz der Gänsefüße des Vorwärts ein sehr wesev- haftes Ding ist, mit der Freude am Großen und Schönen in der Geschichte und in der Natur zu erfüllen und ihm die Tugenden einzuprägen, die den tüchtigen Mann zieren und ihn stark machen in den Versuchungen und Widrigkeiten des Lebens. Zu solchen Tugenden gehören die Unbotmäßigkeit, das Gefühl der Gleichheit unter Menschen das vor Gott existirt ja bei den Sozialdemokraten nicht, welches praktisch mit dem Ungehorsam vor Eltern und Lehrern beginnen würde, das Hochtragen des Hauptes von Schulbuben ganz gewiß nicht. Einer der größten Weisen, Jmmauuel Kaut, sagte:Zum Charakter eines Kindes ge­hört vor allen Dingen Gehorsam. Dieser Gehorsam kann abgeleitet werden aus dem Zwange oder aus dem Zutrauen. Der letztere ist wichtig, der erstere nothwendig." Statt dessen haben jetzt die sozialdemolratischen Schulze und Meyer beschloffen, daß Gehorsam eine Knechts­tugend sei. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so einfältig wäre.

Unter den vielen guten Geschichten unserer Jugendliteratur fällt uns grade eine von Wieland ein. Zwei Knaben bekamen großen Durst. Der eine schöpfte klares labendes Wasser aus einer kleinen Felsenquelle, die dem andern zu armselig war. Der lief fort zu einem Strom; als er sich aber bückte, um aus dem Ueberfluß zu schöpfen, rutschte der morsche Uferboden mit ihm ab und der Junge wäre ertrunken, wenn ihm nicht eine Weide einen Anhalt geboten hätte. So kam er mit der Angst davon und brächte wenigstens seinen Becher voll zurück. Wie er aber trinken wollte, war das Wasser so trübe und lehmig, daß er es wegschütten mußte. In der sozialdemokratischen Literatur ist eine solche Fabel wider die Unge- uügsamkeit natürlich ausgeschlossen Die Sozial­

noch werde ich seinen Antrag nicht zurückweisen | nein! Was ists auch mit der Liebe? Im besten Falle ist sie ein kurzer schöner Traum jedenfalls ein Luxus, den sich Paula von Horsten i nicht gestatten darf...." Der fernere Gedanken- gang der jungen Dame ward durch Gustels Ein­treten unterbrochen. Die Post war soeben dagewesen, und hatte auch einen Brief für die Baronesse mitgebracht. Paula erkannte Axels Handschrift und las:

Mein liebes, schönes Schwesterchen!

Ich weiß, Du wirst schon auf einen Brief von mir gewartet haben, aber der Dienst unter unserm neuen Alten ist noch schlimmer als früher, und wird selbst den schneidigsten Kameraden manchmal zu toll. Das ist der Grund, warum ich eigentlich ein schlechter Berichterstatter bin.

Uebrigens fängt die Gesellschaft auch an, wie ein Schwärm Spatzen auseinander zu fliegen, nur wenige Einsiedler sind noch hier.

Es wird Dich interesstren, daß Frau von Flechsen zu den Zurückgebliebenen gehört, und daß ich mir diesen Umstand zu nutze mache, um ihr fast unverschämt die Cour zu schneiden. Sie würde auch ganz famos sein, wenn sie mehr Schön­heit und weniger Klugheit besäße. Schön und thöricht: das scheint mir der U' tyvuS des Weibes zu sein, ich zweifele nicht, daß Mutter Eva im Paradiese diese Eigenschaften auch besessen hat, und daß sie es sind, mit denen sie Adam verführt

demokraten könnten wohl auch in dem thörichten Knaben, der dem Ueberfluß nachjagt und nur einen lehmigen Trank erhäscht, ihr eigenes Ebenbild erblicken.

Die Jugend hat mit der Politik nichts zu thun und das Fühlen der Schulkinder zu Gunsten der Sozialdemokratie anzuregen, heißt nichts anderes als die jugendlichen Seelen mit Hochmuth, Miß­gunst, Unzufriedenheit, Mißachtung jeder Autorität erfüllen und aus frischen Jangen mißvergnügte, brummige und hochnäsige Tröpfe machen. ES wären einfältige Eltern, schlechte Schulen, und sorglose Behörden, die sich die Kolportage einer solchen Literatur ruhig gefallen ließen. Die Sozialdemokraten werden, wie wir hoffen, überS Jahr auf dem Berliner Tage, ebenso wie jetzt über die Mißerfolge auf den Dörfern, darüber klagen, daß sie die rechte Art und den rechten Ton noch nicht gefunden haben, um schon die Kinder den alten Menschheitstdealen zu entfremden und für ein Schlaraffenland der Zukunft zu be­geistern.

Wotitische Nachrichten.

Se. Majestät der Kaiser machte am Donnerstag einen Jagdausflug nach Liebenberg und kehrte am Sonnabend wieder nach dem Neuen Palais zurück. Am Sonntag Vormittag ar­beitete Se. Majestät der Kaiser zunächst im Neuen Palais allein. Gegen 10 Uhr begaben sich Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin gemeinsam zu Wagen nach Potsdam und wohnten dort dem Gottesdienste in der Friedenskirche bet. Nach beendetem Gottesdienste kehrten die Majestäten nach dem Neuen Palais zurück, woselbst später die Frühstückstafel stattfand, zu welcher die erb- prinzlich Sachseu - Meiningenschen Herrschaften nebst Begleitung, der Kronprinz von Schweden nebst Gefolge, der Chef des Generalstabes, Gene- rallieutenant Graf v Schlieff-n und der König»

hat. Du wirst meine Anschauung eine richtige Lieuteuantsaustcht nennen? Schadet nicht, sie hat ihren guten Grund. Bei Dir mache ich aller­dings eine Ausnahme. Erstens kann ich Dich nicht heirathen, und dann brauchst Du die Klug- heit um Dir ein anständiges ,sort zu verschaffen. Bet Adelaide von Flechsen ist die Klugheit aber ein unerträglicher Luxus.

Ich nehme au, daß sich Windheim noch nicht erklärt Hut? Vielleicht muß man ihm ein wenig helfen, obgleich er sonst kein Hasenfuß ist. WaS Deinen anderen Bewerber, Banquier Franz, be­trifft, so ist er mir verschiedene Male begegnet. Natürlich hat er mich jedesmal angesprochen, und läßt sich Dir zu Füßen legen. Ich habe ihn höflich geschnitten*. Der Klatsch erzählt, daß sein Alter Großgrundbesitzer zu werden beabsichtige, als erste Staffel zu einer späteren Nobilitirung. In den Sammellisten der Wohlthätigkeitsbe- strebuvgen macht er sich längst breit, und ist einem Orden nicht entgangen. Ich weiß, Franz junior wurde mir jederzeit seine Börse zur Verfügung st llen, sei aber unbesorgt, ich werde ihn am wenigsten in Contribution setzen, um Dich nicht zu verhandeln. Mag Windheim sein wie er will, so bleibt er doch die passendste Partie für Dich.

Ich fürchte, Adelaide von Flechsen hat allerlei romantische Neigungen, die ich nicht theilen kann, «o hat sie gegenwärtig einen Freund, der mir eine ziemlich obscure Persönlichkeit zu sein scheint.