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Herssel-tl KreiMiltt.
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Rr. 143. Dienstag den 1. Dezember 1891.
Ammck-KMiq.
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Uolitische Nachrichten.
Se. Majestät der Kaiser kehrte am Sonnabend von der Jagd im Altenburgischen nach Potsdam zurück. — Am Sonntag Vormittag verblieb Se. Majestät zunächst im Arbeitszimmer. Gegen 10 Uhr begaben sich der Kaiser und die Kaiserin vom Neuen Palais zu Wagen nach Potsdam, um dem Gottesdienst in der Friedens- kirche beizuwohuen. Nach Beendigung des Gottes- dieustes begab sich Se. Majestät zur Begrüßung des Königs von Dänemark bei dessen Ankunft von Stettin nach dem Bahnhöfe.
Bezüglich der Ansprache des Kaisers bei der Trnpp-nvereidignng am 24. d. Mts. Will der Reichsbote erfahren haben, der Kaiser habe die Soldaten ermähnt, ihren Muth und ihre Tapferkeit zunächst vor Allem in der Zurückweisung sittlicher Gefahren und Versuchungen zu erweisen, welche ihnen in der Großstadt vielleicht nahe träten, sie sollten immer dessen eingedenk feien, was sie zu Hause in Kirche und Schule gelernt haben, als Christen und gute Söhne ihrer Eltern leben und nichts thuen, womit sie nicht ihren Müttern unter die Augen treten könnten. Die
(Unbefugter Nachdruck verboten.)
Staut»!
Roman aus der Gegenwart von Zoö von Reuß.
(Fortsetzung.)
miß-
HAuf die aufgebrauchten, abgenutzten und handelten Sachen, die vermuthlich der Aussteuer der Mutter entstammten, hatte die elegantere Tochter mancherlei Ueberflüssiges gepfropft, während das Nothwendigste gebrach. Allerlei NippeS, darunter eine halbzerbrochene, übertrieben wackelnde, chinesischen Pagode, standen auf baufälligen Tischen, eine stark zerrissene Portiere verdeckte den Eingang zu einem kleinen Schlafzimmer, aus dem noch immer gedämpftes Weinen klang. Im Nu stand der Doktor drüben.
DaS Gemach enthielt ein einziges, von Stühlen umstandenes Bett, auf welchem fünf Kinder lagen, ungefähr im Alter von drei bis achtzehn Monaten. Da die Wohnung keine besondere Küche besaß, war der kleine eiserne Ofen trotz der Julihitze geheizt, um die Abendsuppe zu bereiten. Noch ehe der Doktor aus Bett trat, riß er die Fenster auf. In diesem Augenblick kehrte Frau Bilcken von ihrem Ausgang zurück.
„Hier ist Spaten, frisch vom Faß, ich meine, s ist grade genug, um die Gurgel ordentlich an- zufeuchten! Na, über die Hitze! Riechst Du die Milch im Topfe, Mieze? . . . . Diesmal ist sie
Ansprache soll einen tiefgehenden Eindruck auf! die Soldaten gemacht haben.
Ueber die parlamentarischen Dispositionen hat man sich im Reichstage vorläufig dahin verständigt, daß nach der ersten Lesung des Etats, welche drei Tage in Anspruch nehmen dürfte, zunächst die „B ö r s e n a n t r ä g e" auf die Tagesordnung gesetzt werden. Sodann soll die zweite Berathung der Novelle zum Kraukeakasstngesetz zum Abschluß gebracht und die übrige Zeit bis zu den Weth- nachtsferien durch die Speztalberatbung des Budgets, soweit es nicht kommissarischer Prüfung überwiesen ist, auSgefüllt werden. Die dritte Lesung des Krankenkasseugesetzes soll erst nach Neujahr erfolgen.
Vom Beginn des Etatsjahres bis zum Schluß des Monats Oktober haben die Einnahmen der Post- und Telegrophenverwaltung 133524557 Mark (+ 5 387 702 Mk. gegen denselben Zeit- raum des Vorjahres), die Einnahmen der Reichs- Eisenbahnverwaltung 34 619 000 ant. (4-1162 000 Mark) betragen.
Die PetitionskomwisMU des Reichstages beschäftigte sich jüngst mit der Frage des Portos für S o l d a t e n p a ck e t e. Für Sendungen von Soldaten wird das gewöhnliche Porto erhoben, für gewöhnliche Packete au Soldaten bis zum Gewichte von 6 Pfund ist das Porto für alle Entfernungen auf 20 Pf festgesetzt. Ein Steuer- auffeher, von dessen Söhnen zeitweise drei in der Armee in verschiedenen, vom Heimathsorte weit entfernten Garnisonen gleichzeitig gedient haben, hatte nun in einer an den Reichstag gerichteten Eingabe den Wunsch ausgesprochen, für die an die Soldaten mit der Post beförderten Packete insofern eine weitere Erleichterung eintreten zu lassen, daß entweder ein Packet von 10 Pfund frei oder für den gegenwärtigen Portosatz von 20 Pfennigen befördert werde. Obschon der in der Petitionskommissionssitzung anwesende Ver
auch für Dich allein! Wer rumort dort in der Schlafstube?"
„’S ist ein fremder Herr, vielleicht gar ein i Doktor," entgegnete Fräulein Kätcken in einem Tone, auS welchem sich etwas wie Warnung und die Aufforderung zur Mäßigung heraushörte. „Als ich die Treppe herauf kam, stand er draußen auf dem Flur."
„Ein Doklor?" machte Frau Bilcken erschrocken. „Weshalb — hast Du ihn hereingelassen?"
„Konnt' ichs verhindern? Am Ende ist er gar von der Polizei geschickt — dreist genug ist er . . . ."
In Frau Bilckens Kopfe kreuzren sich vermuthlich die Gedanken. Eigentlich hätte sie längst auf irgend einen „Ueberfall" vorbereitet sein müssen, denn die „getreuen Freunde und Nachbarn ' rings umher hatten ihr bei gelegentlichen Zer- würfniffen längst mit einer Anzeige bei der Polizei gedroht. Doch war solche immer wieder unterblieben, theils auS Nachlässigkeit, theils aus Furcht vor der Rachsucht der Wittwe. Sie überlegte kurz, in welcher Weise sie sich benehmen sollte. Doch schien ihr vor der Hand Keckheit am Platze. Demgemäß überschüttete sie den jungen Doktor vorerst mit einer Fluth von Redensarten, durch welche sie ihm beweisen wollte, daß er in ihrer Wohnung nichts zu suchen habe.
Dr. Lange hatte inzwischen bereits eine erste flüchtige Untersuchung der armen kleinen Wesen vorgenommen. Nummer eins war ein fast andert
treter des Reichspostamtes darauf hinwies, daß die oben angegebene Portofestsetzung im Einver- ständuiß mit dem preußischen Kriegsministerium getroffen sei und demnach die Militärverwaltung selbst eine Ausdehnung der Gewichtsgrenze über 3 Kilogramm nicht für erforderlich halte, war die Kommission gleichwohl der Meinung, daß das Verlangen, die Gewichtsgrenze für die an Soldaten gehenden Packete etwas weiter hinausgeschoben zu sehen, einige Berücksichtigung verdiene. Sie beantragt deshalb beim Plenum, die erwähnte Petition dem Reichskanzler zur Erwägung zu überweisen.
An Stelle des Herrn v. Gravenreuth soll, wie verlautet, der Kompagnieführer der ostafrikanischen Schutztruppe, Premier-Lieutenant a. D. Rochus Schmidt treten. Herr Schmidt soll schon mit dem nächsten Dampfer von Ostafrika nach Kamerun abreisen.
Zwei russische Spione sollen angeblich in Thorn verhaftet und in ihrem Besitz Pläne der Festung gefunden worden sein.
Dem „Correo" zufolge soll die Königin-Regeutin von Spanten nach N-ujahr eine Reise nach Wien und Berlin unternehmen.
Der ehemalige Präsident von Brasilien, Marschall Fonseca, wird sich laut einer offiziösen Depesche nach der Insel Paqueta „zurückziehen", was wohl heißen soll, daß er dorthin verbannt ist. In Rio be Janeiro herrsche jetzt Ruhe. In mehreren Provinzen seien die Gouverneure ab- gesetzt worden; in Bahia habe dies zu einem Konflikt geführt, der jedoch ohne Bedeutung sei. Ein Telegramm der „Times" meldet ferner, in der Provinz Rio Grande dol Sul herrsche noch Unzufriedenheit, weil die Provinz nur durch einen einzigen Minister im Kabtnet vertreten sei. Die aufständischen Truppen in Soa Pedro ständen noch unter Waffen.
halbjähriger Knabe, der, von HauS aus kräftig gebaut, sich mit allerersten Turnversucken au der Lehne eines Stuhles aufrichtete. Daß er dabei um ein Haar kobolzgefchoss-n und zum Bette herausgekugelt wäre, wußte Hermanu Lange glücklich zu verhindern. Nummer zwei war ein kleines Mädel, vierzehn bis fünfzehn Monate alt, das ein bildhübsches Geschöpfchen gewesen wäre, wenn Vernachlässigung, Unreinlichkeit und Mangel an geeigneter Nahrung es nicht bis zum Skelett hätten abmagern lassen. Der Kopf erschien da- durch unverhältnißmäßig groß, und die kleinen Arme und Finger zu lang. In dem schmerzlichen Chorgesang der Fünfe war die Stimme der armen Kleinen immer als ein herzdurchdringendes letseS Winseln herauszuhören. Die drei jüngeren Kinder machten einen bessern Eindruck, vermuthlich waren sie noch nicht lange bei der „Engelmacherin."
Dr. Lange blieb vollkommen ruhig bei den Scheltworten der Frau, indem er kurz berichtete, daß er keineswegs von selbst gekommen, sondern von der Polizei geschickt worden sei.
Das veranlaßte die Frau, andere Saiten auf- zuziehen. „'s ist mir ja auch ganz recht, mal einen Herrn Doktor hier bei meiner Handvoll zu sehen!" lenkte sie ein. „Ich meine, wenn der Herr Doktor so von selbst kommt — bezahlen kann unsereins die vornehmen Herren ja nicht! 's ist eben alles nur ein bischen Armuth, die mit dem Besen zusammengekehrt ist, was rechtes ist nicht darunter!" '