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Hersstl-el Kreisdliltt.
__________Mit wöchentlicher Kratis-Wnlag« „Illustrirtes Iluterhaltuugsölatt".__________
Nr. 154. ~~ Dienstag den 29. Dezember 18917
Zweitcs Blatt.
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Die Expedition.
(Unbefugter Nachdruck verboten.)
Erlöst.
Novelle von E. Rudorff.
Verfasserin des preisgekrönten Romans: „Durch,Leid zum Licht."
(Fortsetzung.)
Eine Weile blieb ich völlig sprachlos stehen; wie konnte der Verlust ersetzt werden und ich mich gegen die bald noch stärker hereinbrechende Kälte schützen? Dann zog ich den leichten Sommer- Ueberzieher wieder an und eilte in das Geschäft. Auf dem Wege dahin überlegte ich, in welcher Art ich mich noch mehr beschränken, was ich wohl entbehren könne? Das leichteste schien mir auf warmes Mittagessen zu verzichten, mit einem Stück Brod und etwas Butter, die ich mir laufen und in meinem Stäbchen aufbewahren könnte, mich zu behelfen und das mir unentbehrliche Kleidungsstück auf monatliche Abzahlung in einem Geschäft zu entnehmen. Einen Augenblick kam mir der Gedanke, dem Chef von meinem Verlust zu erzählen, und ich wollte abwarten, wie er sich heute zeigen würde. Er war ein launenhafter Mann und seine Freundlichkeit hatte nie etwas Zutrauen erweckendes. Diesen Morgen trug er eine besonders verdrießliche Miene zur Schau und als er mir um zehn Uhr den Auftrag gab, zweitausend Thaler von der Bank zu holen, sah er geradezu böse aus. Ich beschloß daher nichts zu sagen. Ja meinem dünnen Röckchen kam ich vom Sturm gepeitscht wie erstarrt in dem Bauk- gebäude an. Es war sehr voll in den Geschäftsräumen und der Kasstrer überaus beschäftigt. Als ich zur Abfertigung gelangte, nahm er ein Päckchen Banknoten in Apomts zu hundert Thalern
und warf sie in vier Reihen zu fünf Stücken auf deu Zähltisch hin. In dem Vorflur nahm ich meine Brieftasche heraus, um die Banknoten, welche ich noch in der Hand hielt, hineinzustecken, und sah nun, daß es einundzwanzig Stücke waren, von denen zwei, weil sie noch ganz neu zu sein schienen, fest aneinander hingen. Schnell wollte ich wieder in das Zimmer gehen, um den Irrthum anzuzeigen, doch ich stand wie gelähmt. Durch meinen von der Kälte benommenen Kopf zogen plötzlich allerlei, mir bis dahin fremd gebliebenen, verbrecherische Gedanken. Meine Armuth, mein heutiger großer Verlust standen in greller Beleuchtung vor mir da, ich war außer allen Sorgen falls die hundert Tahler mir gehörten. Ich hrtte sie nicht entwendet, ste waren mir gleichsam in die Hände gespielt worden. Nach einem schweren Seufzer steckte ich zwanzig Stücke in die Brieftasche und einen Schein in mein Notizbuch. Langsam ging ich nach dem Comptoir; ob es noch kalt war, ich hätte es nicht zu sagen vermocht, ich dachte nur an die Banknote und wie durch diesen Besitz mein gegenwärtiges Lebeu — in die Zukunft blickte ich gar nicht — verbessert werden könne. Im Geschäft that ich wie immer meine Schuldigkeit, doch die Arbeiten fielen mir schwer, da mein Kopf nicht bei der Sache war.
Als ich am Abend im Bette lag, kam mir auch der Gedanke, daß der Kassirer vielleicht bei verschiedenen Personen, welche größere Summen erhoben hatten, würde Nachfrage halten, ob er ihnen aus Versehen zuviel gegeben hätte. Falls dies in unserem Geschäfte Vorkommen sollte, beschloß ich zu leugnen, selbst die Folter durfte mir kein Geständntß entlocken. Jedoch die Banknote wechseln oder ausgeben, konnte ich für's erste nicht. Das Notizbuch, in welchem ste aufbewahrt lag, legte ich unter mein Kopfkissen. Der Schlaf floh mich die ganze Nacht, erst gegen Morgen schlummerte ich ein. Träumend besand ich mich auf einem großen, ganz mit Menschen angefüllten Platze; plötzlich begann ein Glöckchen fortdauernd zu läuten, und ich wußte, was nun geschehen würde: man führte einen Gefangenen zum Schaffst. Ich sah ihn, begleitet von einem Priester, näher kommen, er war sehr, sehr bleich, und ich bog mich ganz nach einer Seite vor, um seine Züge deutlich zu erkennen, die ganz verschwommen schienen. O Gott, er ähnelte mir! In Schweiß gebadet erwachte ich, mein Kopfkissen lag aus dem Fußboden und daneben das Notizbuch! Meine beiden Stubengefährten schliefen noch, aber wenn sie wach gewesen wären, mein Notizbuch aus Neugierde geöffnet hätten und die Banknote darin entdeckt! Kam alsdann eine Anfrage, vielleicht auch durch die Zeitung, so war ich gebrandmarkt, für immer verloren! Ich mußte einen andern Aufbewahrungsort für dies Stück ausfindig machen und steckte es, in weißes Papier geschlagen, in den Stiefel von meinem rechten Fuß. Die Sohle von dem Stiefel des linken Fußes war etwas defekt und es drang Feuchtigkeit durch sie hinein. Ein Paar neue Stiefel zu bestellen, hatte ich schon vor einer Woche in Aussicht genommen. Der nächste Tag verging in petovoller Erwartung; bei jedem Schritt, welcher sich dem Comtotr näherte, glaubte ich, es käme ein Abgesandter der Bank, doch Alles blieb ruhig. Die zweite Nacht verlief nicht minder schrecklich; aus Furcht vor einem Traum wie dem am vergangenen Morgen ver- mochte ich garnicht einzuschlafen. Meine Pulse hämmerten, endlich stand ich auf, fröstelnd und fiebernd. Au diesem Tage hatte ich viel auf der
Straße zu thun, ich ging an den Delikatessen- Handlungen vorbei, sah die geschmückten Schaufenster, nichts machte jedoch einen Eindruck auf mich, ich stand nur unter dem Bann der Hundert- Thaler-Note. Ich beschloß nun, diese am nächsten Tage in einem Colontalwaaren-Geschäft ganz am entgegengesetzten Ende der Stadt gegen Gold oder kleinere Scheine einzuwechseln. Als ich am Abend nach Hause kam, fand ich einen Brief von meiner Mutter vor. Sonst hatte ich mich von Herzen gefreut, wenn ich nur die lieben Schrift- zöge erblickte, heute war ein ganz wunderbares Gefühl in mir, als ob der Brief gar nicht für mich bestimmt wäre. Ich setzte mich an den kleinen Tisch in dem Stäbchen, schraubte die Lampe etwas höher und begann zu lesen. Zuerst sprach die gute Mutter wie immer ihre Freude darüber aus, daß ich stets fleißig sei und gesund geblieben, dann berichtete sie über die Vorkommnisse in ihrem arbeitsvollen Leben. Sie hob hervor, daß sie zwanzig Tage hindurch einen sehr lohnenden Verdienst bei vorzüglicher Kost gehabt habe, da ihr die Beaufsichtigung der Kinder einer erkrankten Dame übertragen worden sei. So wäre sie in der Lage gewesen, eine kleine Summe bei Seite zu legen, falls mein Prinzipal dies gestatte, ich um Weihnachten zu einer Reise nach Hause verwenden solle. Der Schluß des Briefes lautete: »Ach könnte das doch geschehen, ich habe Dich ja in zwei Jahren nicht an mein Herz gedrückt! Nun muß ich aber noch über etwas sehr Trauriges aus unserem Städtchen berichten. Du weißt, daß unser Wirth, der Herr Kommerzienrath, zwei Söhne hat. Der Aelteste arbeitet schon seit mehreren Jahren in dem Geschäft des Vaters, der Jüngste ist Lieutenant in einem Reiter-Regt- meut in der Residenz. Schon früher soll er Schulden gemacht haben, und der Vater mußte eine große Summe bezahlen. Nun war eS aber wiederum so viel geworden, daß der junge Mensch sich nicht getraute, es den Eltern zu sagen. Da hat er falsche Wechsel gemacht, eS wurde entdeckt, and der Lteuteuant nahm sich daS Leben. Als die Nachricht hier eintraf, fiel die Mutter, von einem Schlaganfall getroffen — nieder, es war ihr Liebltugsktud gewesen. Der Vater hat sich in sein Zimmer zurückgezogen und läßt sich vor Niemandem blicken. Der älteste Sohn ist nach der Residenz gefahren, um für die Beerdigung zu sorgen und die faulen Sachen, wie sie hier sagen, in Ordnung zu bringen. Ach, die armen Eltern! Den Abend bin ich vor meinem Bette niederge- kniet und habe ein heißes Dankgebet zu unserem Herrgott emporgeschickt! Wie glücklich bin ich, die einfache, mich nur kümmerlich durch die Welt schlagende Frau gegen diese im Ueberfluß lebenden Menschen. Ich habe einen braven Sohn, der nie vom Wege des Rechten abweichen und unseren guten Namen rein bis zu seinem Lebensende erhalten wird. Ich segne Dich, mein Kind, ich segne Dich!"
Mit einem Aufschrei ließ ich das Blatt fallen. Als ich eS wieder aufhob, sah ich nach dem Datum des Br efeS: denselben Tag, an welchem dieser Muttersegen ausgesprochen wurde, hatte ich die Banknote mir angeeignet! Sofort wollte ich sie ^reißen, doch sie war nicht mein Eigenthum, daS Nöthtgste schien, sie wieder dahin gelangen zu lassen, wohin sie gehörte. Als ich ruhiger geworden, fing ich an zu überlegen, und eS dünkte mich das Einfachste, mit verstellter Hand einige Zeilen des Inhalts an das Comptoir der Reichs- dank zu richten, daß Jemand aus Versehen die