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Htlsstl-el Kreishilltt.
Mit wöchentlicher Hratis-ZLeilage „Illustrirtes AnterhaltungsölaU".
Nr. 28. Dienstag den 1. März 1892.'
DlWMck-LMmg.
Bestellungen auf das Hersfelder Kreisblatt
pro März werden von allen Kaiserlichen Bostanstalten, Landbriefträgern und von der Expedition angenommen.
Amtliches.
HerSfeld, den 23. Februar 1892.
An Stelle des verstorbenen Johann Peter Ritz zu Petersberg ist der Ackermann Heinrich Ritz von da als Sachverständiger zur Untersuchung des Schweinefleisches auf Trichinen für den Bezirk Petersberg und Hof Kühnbach bestellt worden.
I. 1054. Der Königliche Landrath.
In Vertretung:
Braun, Kreisdeputirter.
Bekanntmachung.
Jeder Landbriefträger führt auf. seinen Bestell- gängen ein Annahmebuch, tu welches er die angenommenen Sendungen mit Werthangabe, die Einschreibsendungen, die Postanweisungen und gewöhnlichen Packete, sowie die Nachnahmesendungen und die für Zeitungen vorausbezahlten Beträge einzutragen hat. Wünscht der Absender die Eintragung selbst zu bewirken, so ist diesem das Annahmebuch vorzulegen. Auch kann der Ab- sender die Vorlegung des Buches verlangen, um von der seine Sendung betreffenden Eintragung des Landbriefträgers Kenntniß zu nehmen.
Cassel, den 20. Februar 1892.
Der Kaiserliche Ober-Postdirektor. Frank.
(Unbefugter Nachdruck verboten.) Der Schein trügt.
Eine wahre Geschichte, erzählt von E. v. Waldow.
(Fortsetzung.)
„Widerlegen Sie dieselbe, wenn Sie eS vermögen. — Aber, mein Fräulein, wollen Sie Ihre verletzte Eitelkeit an dem Musterknaben nicht ein wenig rächen? Ich finde daS natürlich."
„Ja wohl," entgegnete Marie, „wenn er kommt, will ich ihm mit einer vornehmen Schweigsamkeit, einer steifen Grandezza entgegentreten, einige lateinische Brocken hte und da in das Gespräch mischen, und so viel und sachkundig von seinen Reisen sprechen, daß er irre werden soll, ob er oder ich dieselben gemacht hat."
Sternau schüttelte den Kopf. „Der arme Vetter! Wie bedauere ich ihn, er bekommt also nicht das frische Moosröschen vom Waldessaum — sondern nur eine Monatsrose aus dem Treib- Hause zu Gesicht! Das ist eine recht empfindliche Rache, mein Fräulein — und Sie selbst können daS gar nicht einmal so beurtheilen."
Marie war verstummt. Eine nie gefühlte Befangenheit lähmte ihren heiteren Muthwillen und sie fand kein Wort der Erwiderung. Jetzt fuhr sie erschrocken auf, sie vernahm Schritte im Nebenzimmer.
„Mein Gott! die Tante — ich habe alles vergessen auszurichten," flüsterte sie verlegen und fuhr dann laut fort:
„Sagen Sie um olles in der Welt: warum kam der Vetter nicht nach Teplitz? Tante und Elisabeth sind tief beleidigt —" in diesem Augenblick öffnete sich die Thür und Frau Hartenberg, geborene b. Hubeustein, rauschte ins Zimmer, so stolz und kühn, wie eine Fregatte mit vom Winde geblähten Segeln.
Eine ceremoniöse Verbeugung hieß den Gast willkommen. Dieser erhob sich, und sich ebenfalls tief verneigend, sprach er fragend: „Frau Hof» räthin Hartenberg?*
„Zu dienen," erwiderte sie gemessen, „bitte placieren Sie sich! Ich erwarte zwar hohen Besuch, aber Sie genieren nicht im geringsten; denn die Erlauchten, welche wir erwarten, sind alte, liebe Bekannte, gleichsam von der Familie — wir sind also ganz entre nous. Lassen Sie sich nieder!"
Sternau Hte sich. „Ich bin der Beauftragte deS Herrn v. Hubeustein und durch einen Brief, den Sie erhalten haben werden, bet Ihnen akkreditiert."
„Ja wohl, reden Sie weiter, mein Herr, was bringen Sie unS von dem galanten Herru Vetter?"
„Ich stehe, oder vielmehr ich sitze hier als fein anderes Ich, mitten im Quiproquo," begann Sternau zur Hofräthin gewandt, indem er Marie mit einem Blicke streifte — „und meine Sendung ist folgende: es war gegen sein Gefühl, die Dame mit welcher er sich nach dem Wunsche des Oheims, verbinden sollte, bei einer offiziellen Braulschau
Die deutsche Auswanderung
Im verflossenen Jahre haben über deutsche Häfen, Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam 115392 reicksdeutsche Auswanderer das deutsche Reich verlassen, wogegen im Jahre 1890: 91925, im Jahre 1889: 90 259, im Jahre 1888: 98 515, im Jahre 1887: 99 712 und im Jahre 1886: 79874 Deutsche auswanderten. Dieses letztere Jahr weist die geringste Auswanderungszahl seit dem Jahre 1880 auf. Den Höhepunkt in der Auswanderung bildete das Jahr 1881 mit 210547. Nach Gruppen von 5 zu 5 Jahren geordnet, zeigte das Jahrfünft 1881/85 den stärksten AuswanderungStrieb mit durchschnittlich 164 000, während das Jahrfünft 1886/90 eine Durch- schnittsziffer von 92000 aufweist. Das Jahr 1891 ble bt also weit hinter dem erstgenannten Jahrfünft zurück, während es die Durchschnittsziffer des zweiten Jahrfünfts erheblich überragt.
AuS welchen Ursachen daS Auf und Ab der Auswanderung entsteht, lÄßr sich mit Bestimmtheit schwer sagen. Für den einzelnen Europa- müdea sind gewöhnlich mehrere Ursachen entscheidend, wie wirthschaftlicheS Mißbehagen hier, die Hoffnung „brüben* ein besseres Loos zu finden, künstliche Verlockung, Zureden von Verwandten. Mau muß sich jedenfalls hüten, allgemeine Ursachen, die in den Zuständen der alten Heimath liegen sollen, leichthin als maßgebend aufzustellen, weil fast für jeden Einzelnen daneben besondere Verhältnisse, der Familie, des Berufs, des körperlichen BefindenS rc. in Betracht kommen. Wenn wir sehen, daß Westpreußen und Pommern mit die meisten Auswanderer liefern, so werden wir die Nähe des Meeres nicht außer Acht lassen dürfen. Daß diese aber nicht entscheidend sein kann, geht daraus hervor, daß im vergangenen Jahre Posen mit 18728 die höchste AuSwauder- ziffer aufwieS. Wollte man sich hinwiederum an
die Vertheilung des Grund und BodenS in den drei Provinzen halten und bei dem überwiegenden Großgrundbesitz die Schwierigkeit des Landerwerbs betonen, so würde sich die Thatsache entgegenstellen, daß gerade in den Landestheilen mit gemischter Bevölkerung der Landerwerb in den letzten Jahren wesentlich erleichtert worden ist.
Daß die Theuerung der Nahrungsmittel von Einfluß sein kann, läßt sich angesichts folgender Zahlen nicht ohne weiteres von der Hand weisen: die stärkste Auswanderung im Jahre 1881 mit 210547 fällt mit der Thatsache zusammen, daß dieses Jahr hohe Roggen- und Weizenpreise — 195,2 Mark und 219,5 Mark — hatte; daS Jahr 1886 mit relativ niedriger Auswanderung hatte im letzten Jahrzehnt beinahe die niedrigsten Roggen- und Weizenpreise — 130,6 und 151,3 Mark. Allein ebenso wahr ist eS, daß 1881/85 Jahre des geschäftlichen Aufschwungs, 1886 ein Jahr deS Niedergangs, dort also die Arbeitsgelegenheit reicher als hier war, und daß überhaupt hohe Getr-ld-preise den geringste« Druck auf die Lebenshaltung in den landwirthschaftlichen Gegenden, also namentlich auch Posen, Westpreußen, Pommern, mit ihrer Naturallöhnung ausüben.
Ueber deutsche Häfen allein sind 1891 93145 Deutsche auSgewandert. Von diesen gehörten 30,8 pCt. dem Arbeiterstande, 18 pEt. der Industrie, 15,7 PCt. der Landwirthschaft, 5,6 PCt. dem Handel und Verkehr, 1,2 PCt. den freien Berufen au und 28,7 pCt. blieben ohne Angabe des Berufs. Von diesen Auswanderern wandte sich wieder der größte Theil — 88470 — nach den Vereinigten Staaten Nord-Amerikas (46470 Männer und 42 000 weibliche Personen). 474 Männer und 123 weibliche Personen gingen nach Afrika, 1138 und 519 nach Brasilien.
sozusagen in Augenschein zu nehmen, erst ein längeres unabsichtliches Zusammenleben, meinte er, könne beiden zeigen, ob sie in einer Vereinigung das Glück des Lebens finden möchten."
Eine kleine Pause entstand. Endlich sagte die Hofräthin spöttisch: „Herr v. Hubeustein scheint sehr romantische Ideen zu haben."
Sternau wandte sich Marien zu: „Theilen Sie das Verdammnugsurtheil Ihrer Taute, mein Fräalein?*
Marie schüttelte leicht den Kopf.
„Ich danke Ihnen," fuhr er fort, „ich lese eS in Ihren Augen, ohne daß Sie es auszusprechen brauchen, daß er richtig gefühlt unb gehandelt hat."
Die Hofräthin warf den Kopf zurück: „Ich glaube, daß es sich in dieser Angelegenheit um meine eigene und meiner Tochter Ansicht handelt."
„Gewiß," sprach Sternau, sich leicht verneigend, „aber Sie, eine Dame aus den Geschlechtern dieses Landes, welche nach der Meinung unserer berühmtesten Geschichtsforscher mit einem Fuße von vornherein in der Romantik stehen, werden meinem Freunde gewiß verzeihen."
Die Hofräthin lachte gezwungen. „Verzeihen? ach mein Herr Anwalt oder Gesandter, Sie scheinen mir in dem Wahne befangen, daß wir wer weiß wie böse seien. Ist das nicht interessant? Aber ganz im Gegentheil, eS ist wir deS armen Vetters wegen außerordentlich lieb, daß er nicht nach Teplitz verschlagen ward auf seinen abenteuerlichen Fahrten: denn meine Elsa hätte ihm einen Korb