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Hersseiiitl Kreisblitt.
Mit Wöchentlicher Kratis-Aeilage „Illnstrirter Ilnteröaltungsklatt".
Nr. 55.
Dienstag den 10. Mai
1892.
Sienerfragen.
1. Befitzeinkommen und Arbeitseinkommen.
Der Gedanke, das aus Vermögensbesitz (Geld- kapital, Häusern, liegenden Gründen, Wald, Maschinen rc.) fließende Einkommen höher zu besteuern, als das Einkommen, das aus persön- licher Arbeit herrührt, bat keinen nennenSwerthen Gegner. Jedermann findet es gerecht, daß der Mann, der nur die Mühe hat, CoupouS abzu- schneiden oder Quittungen zu unterschreiben, mehr für den Staat leiste, als der Handelsmann, Bauer, Gelehrte, Beamte, Künstler, überhaupt als der Arbeiter im weitesten Sinne. Der Grund liegt nicht nur in dem Unterschiede in den Mühen des Erwerbes, sondern auch darin, daß daS Einkommen aus Kapital jeder Art bleibt, daS Einkommen aus Arbeit aber mit dem Träger der Arbeitskraft vergeht.
Nehmen wir einen Doktor und einen Apotheker, die beide ein Einkommen von 10000 Mark haben, und zwar fließt das Einkommen des Apothekers zu 5000 Mark aus dem in der Apotheke avae- legten Kapital, zu 5000 Mark aus seiner Persön- ließen Thätigkeit in der Apotheke, das Gekommen des Arztes dagegen nur aus dem Honorar seiner Kranken. Beide sparen jährlich 3000 Mark und sterben nach 10 Jahren. Der Witwe deS Apothekers bleibt das Einkommen aus dem Apothekenbesitz, sei es, daß sie die Apotheke verkauft und aus dem ErlöS 5000 Mark Zinsen zieht, sei eS, daß sie die Apotheke mit einem Geschäftsführer gegen einen Gehalt von 5000 Mark weiter betreibt, und dazu noch das Einkommen aus dem ersparten Kapital von 30000 Mark. Die Wittwe des DoktorS dagegen steht sich auf die Zinsen deS ersparten Kapitals beschränkt. ES ist klar, daß der Apotheker steuer- fähiger war als der Arzt.
Wie aber den Grundsatz der höheren Belastung deS fundirten Einkommens praktisch durchführen?
Am nächsten liegt eS, dieses Einkommen mit! einem Zuschlag zum Satze der Ein-! kowmrnsteuer zu belegen. Das scheint am einfachsten, aber eS scheint auch nur so. Die größte Schwierigkeit entsteht daraus, daß sich nicht bloß Renteneinkommen und Arbeitseinkommen in klarer Scheidung gegenüber stehen, sondern daß zwischen ihnen ein solches gemischter Art liegt. Schon in unserem Beispiel war das Einkommen des Apothekers aus Renteneinkommen (vom Apothekenbesitz) und aus Arbeitseinkommen (aus der persönlichen Thätigkeit des Apothekers) zusammengesetzt. Das läßt sich nun nicht immer so glatt von einander sonder«, wie wir eS vorhin der Einfachheit halber zum Beweise für den Unterschied in der Steuerfähigkeit gethan haben. Natürlich kann nicht das ganze Einkommen der Apothekers als fundirtes Einkommen besteuert werden. Ebenso ist es bei dem Landwirth, der seinen Grundbesitz selbst bewirthschaftet, bei dem Fabrikbesitzer, für dessen Einkommen nicht nur der Werth von Gebäuden- Maschinen ic f sondern auch, und zwar unter Umständen sehr stark, die persönliche Tüchtigkeit des BefitzerS entscheidend sind.
Genaue Merkmale, um in jedem Falle des so vielgestaltigen Erwerbslebens zu ersehen: So viel ist Revteveivkommen und so viel ist Arbeitseinkommen, lassen sich für die gemischten Einkünfte kaum aufstellen. Deshalb empfiehlt eS sich zu erwägen, ob etwa auf andere mittelbare Weise sicherer und leichter, als durch unterschiedliche Sätze in der allgemeinen Einkommensteuer, zu dem Ziele gerechterer Abmessung der Steuerkraft, je nach den Einkommensquellen, zu gelangen wäre.
Wolitische Nachrichten.
Berlin, 9. Mai. Gestern früh arbeitete Se. Majestät der Kaiser einige Zeit allein. Gegen 10 Uhr begaben sich der Kaiser und die
Kaiserin vom Neuen PalaiS aus zu Fuß durch den Park von SanSsouci nach Potsdam, woselbst Ihre Majestäten dem Gottesdienste in der FriedenSkirche betwohnten. Nach beendetem Gottesdienste kehrte das Kaiserpaar nach dem Neuen Palais zurück. Der Kaiser hatte alsdann am Mittage um 12 Uhr eine Konferenz mit dem Vizepräsidenten deS StaalsministeriumS, Staatssekretär des Innern, Dr. v. Bötticher. Zur Mittagstafel um !</* Ußr hatten die kaiserlichen Majestäten den Fürsten und die Fürstin Pleß, sowie den Prinzen und die Prinzessin Pleß und den Grafen Finckenstein - Madlitz 20. mit Einladungen nach dem Neuen PalaiS beehrt.
Der Kronprinz Friedrich Wilhelm Victor August Ernst vollendete am 6. Mai sein zehntes Lebensjahr. Zur Feier deS TageS fand bet den kaiserlichen Majestäten eine größere Frühstückstafel statt, zu welcher sämmtliche Minister, die Generalität und die höheren Hofbeamten Einladungen erhalten hatten. Mit dem Eintritt in die Arm-e, d-r ""ch der Sitte deS Kaiser- und KönigshauseS au diesem Tage stattfand, ist der erste Lebensabschnitt deS jungen Prinzen abgeschlossen. Auf seinem Haupte ruhte noch segnend die Hand deS Begründers des Deutschen Reiches, und die erhabenen Vorbilder seines Urgroßvaters und seines Großvaters werden fest in seinem jugendlichen Gemüthe haften und ihn unter der sorgenden Obhut unseres KaiserpaareS durch sein ferneres Leben geleiten. Die ernste Pflichterfüllung, zu der der junge Prinz bisher im Schooße der Familie erzogen wurde, wird er allmählich in immer weiterem Kreise zu üben haben. Möge er heranreifen zum kräftigen Manne in allen Tuaeudeu, die die hohe Aufgabe deS dereinstigen Trägers der Krone erfordert!
Der 10. Mai ist der Jahrestag deS 1871 zu Frankfurt a. M. zwischen Deutschland und Frankreich geschlossenen Friedens. Seine diesjährige
(Unbefugter Nachdruck verboten.)
Verlorenes Gluck.
Novelle von C. Wild.
(Fortsetzung.)
Ein Paket Briefe mit rosa Seidenbändern verschlungen, lag vor ihr.
Valentine entfernte hastig daS Band, sie stand im Begriff, einen Brief zu entfalten alS sie die Thür des Arbeitszimmers öffnen hörte.
Der Brief entsank ValenttueuS Hand — durch ihr fieberndes Hirn flog nur ein Gedanke: Roland! Da stand er vor ihr im zürnenden Ernst, die Blicke auf ihr schreckerblaßtes Antlitz gerichtet.
Kein Laut, keine Bewegung störte die unheim- $ liche Stille, und doch sprachen seine Augen eine deutliche Sprache.
Die junge Fran unterdrückte den Schmerzens- laut, der ihren Lippen entschlüpfen wollte; ein dumpfes Stöhnen entrang sich ihrer Brust.
„Valentine !* rief in strengem Tone der Gatte. Sie hob die gefalteten Hände bittend zu ihm
-*: empor — ein gellender Schrei — dann sank sie ” besinnungslos zu Boden.
11 6.
Valentine.
Auf allen Gesichtern im Hause lag Bestürzung. Die Diener schlichen auf den Fußspitzen umher; M Frau Bärmann wußte nicht, wo aus und ein; j "18 der Stadt kam die Mama, um die Ver
wirrung zu vergrößern. — Drinnen auf ihrem Bette lag die kleine Frau, bleich, mit geschlossenen Augen; vor einer Stande hatte sie ein todtes Kind geboren.
»Zu früh, viel zu früh,- hatte der Arzt kopfschüttelnd gesagt, „wenn wir sie nur am Leben erhalten; eine große Aufregung muß vorange- gangen sein!*
Roland hatte keine Antwort auf die in halb fragendem Tone gesprochenen Worte. Er setzte alles in Bewegung, um das Leben seiner Frau zu erhalten.
Die stolze Miß kam wenig an Valentinen» Krankenlager, sie beschäftigte sich meist mit der kleinen Lacie, die die geliebte Mama schmerzlich vermißte.
Willnau befand sich sehr unbehaglich; er wäre am liebsten abgereist, allein seine Freundschaft für Roland legte dagegen ein gebieterisches Veto ein.
Willnau besaß ökonomische Kenntnisse, die er jetzt praktisch verwerthen konnte, denn obgleich Roland den größten Theil seiner Aecker verpachtet hatte, gab es doch noch vieles in der Verwaltung, das er selbst zu besorgen pflegte; gegenwärtig war Roland jedes überlegenden Gedankens unfähig. Willnau führte den größten Theil der Geschäfte; der junge Mann war froh, auf eine Thätigkeit angewiesen zu sein, die ihn wenigstens für Stunden die schöne Engländerin vergeffen
ließ, deren Bild sich nur zu tief in seinem Herzen eingegraben hatte.
Durch eine Erbschaft reich geworden, hatte Willnau bisher keine andere Beschäftigung gekannt, als seine Renten zu verzehren. DaS müßige Leben verführte ihn zu mancherlei Thorheiten, auf die er sonst nie verfallen wäre. DaS Leben der Arbeit, daS er nun führte, brächte ihn langsam in ernstere Bahnen zurück. Er schmiedete Pläne für die Zukunft und nahm sich vor, in Rolands Nähe ein Landgut zu erwerben, um das bisherige Touristenleben aufzugeben. Er hatte dann ein Feld für seine Thätigkeit und einen Lebenszweck, nur eines fehlte ihm dann noch — die Hausfrau. Wie prächtig müßte Miß Harriet alS solche auftreten, aber er hatte keine Hoffnung, jemals dies Ziel zu erreichen.
Seinem Freunde gegenüber verrieth sich Willnau mit keiner Silbe; wozu auch? Er war von der Hoffnungslosigkeit seiner Liebe überzeugt; die einzige, die er vielleicht zu seiner Vertrauten gemacht hätte, Rolands Frau, war krank. Schweigen und Ueberwinden war sein LooS.
Valentiueus Gesundheit kehrte rascher zurück, als man erwartet hatte; anfänglich weinte sie heiße Thränen um ihr todtes Kind, dann fügte sie sich geduldig in das Geschick. Mit verdoppelter Liebe schloß sie die kleine Lucie an ihr Herz; daS Kind hing mit unaussprechlicher Zärtlichkeit an ihr uud Roland war im geheimen eifeisüchtig