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Hersfeldel Kltlsbiktt.
Mit wöchentlicher Kratis-Weilage „Illugrirtes Auterhaltungsblatt".
Rr. 63. Sonnabend den 28. Mai 1892.
Erstes Blatt.
Meemk-ZMiq.
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Amtliches. Ausschreiben.
Am 22. d. Mts. wurde aus dem Maine, oberhalb Döruigheim hiesigen Kreises, die Leiche eines unbekannten Mannes geläudet.
Der Verstorbene war ca. 45 biS 50 Jahre alt, 1,70 m groß, von gesetztem Körperbau, hatte Schnurrbart und war nach der Stirne zn etwas kahlköpfig. Er war bekleidet mit blauem Sackrock, graumelirter Hose und Weste, hellgrauer Unterjacke, grauwolleuem Oberhemd, weißem Umlegkragen, Zugstieseln ohne Nägel mit defecten Sohlen. In den Taschen wurde ein Pfennig, 1 Taschentuch und ein Kästchen mit schwedischem Feuerzeug vorgefunden. Die Kleidungsstücke werden zur eveutl. Agnoscirung bei dem Bürgermeisteramte zu Döruigheim aufbewahrt.
Um Anzeige wird eraebenst ersucht, faMüber die Persönlichkeit des Verstorbenen etwas bekannt sein sollte.
Hanau, den 23. Mai 1892.
P. 4846. Der Königliche Landrath.
* *
(Unbefugter Nachdruck verboten.)
Die Marchenerzahlerin.
Von
Helene Pichler.
(Fortsetzung.)
Herr Schmitt, ein geborener AndreaSberger, ließ sich nicht lange nöthigen. Dem AndreaSberger sitzt das Mundwerk überhaupt loser als irgend einem anderen Harzer, au gefälliger Phantasie fehlt eS ihm auch nicht, und so entstand unter Herrn Schmitt's lebhafter Schilderang ein so drastisches Bild der uralten Märchenerzählerin und ihres Lebens und Treibens, daß die Zuhörer wie in einer Zwickmühle vom Heiteren zum Tragischen, vom Burlesken zum Rührenden geworfen wurden.
Nur Junker Götz langweilte sich sträflich; diese Uebergriffe des kleinstädtischen Bürgerthums waren ihm unerträglich. Er legte sich in seinen Stuhl zurück; die weiße Hand glitt langsam über das blonde Schnurrbärtcheu und nachlässig warf der Junker bin:
„Muß ernsthaft bewundern, Herr Doktor, daß Scenen, auS zerschmetterten Gliedern aus weiblichem Klaggestöhn komponirt, Ihre Nerven wenig genug afficireu, um —•
»Um meinen Appetit nicht zu stören? Nicht wahr, so habe ich Ihre Bemerkung zu ergänzen,
Herr Jagdjanker?" rief Doktor Gerhard lustig. Herrn von Keilstein's tiefe Stimme legte sich dazwischen:
„Jedenfalls gehört eine eigenthümlich stark angelegte Natur dazu, sich in einem Berufe behaglich zu fühlen, dessen Aufgabe es ist, sich ausschließlich mit dem physischen Elende der Menschen zu befassen. Das Schwerste dabei scheint mir, außer den entsetzlichen Bildern mancher KrankheitSfor- men, der tägliche Umgang mit den üblen Attributen des Pauperismus in den Häusern deS Proletariats. Ich würde stets die Empfindung haben, in den Schmutz gezogen zu werden."
„Jeder Beruf erfordert besondere Qualifikation", antwortete nachdenklich der Doktor, „so gut wie Sie, Herr von Keilstein, einen zweifelhaften Arzt abgegeben hätten, so gewiß wäre ich ein schlechter Forstmeister geworden."
„Darin haben Sie recht; mir erregt schon der Gedanke an die Möglichkeit Unbehagen," lächelte der Forstmeister.
„Und mir," fuhr Doktor Gerhard fort, „bringt mein Beruf die Befriedigung, aus welcher die Berufsfreudigkeit und gedeihliche Ausübung deS Berufs entspringen."
„Wo liegt der Grund zu dieser Befriedigung? DaS ist der Knotenpunkt."
Doktor Gerhard lächelte fein. „Nehmen Sie an, gnädiger Herr, ich sei leider so ein Stück
Hersfeld, den 25. Mai 1892.
Wird den Ortspolizeibehörden und der Königlichen Gendarmerie zur Recherchirung mitgetheilt. I. 3446. Der Königliche Landrath
Freiherr von S ch l e i n i tz.
Die Zwangsverstcigerllng ländlicher Grundstücke in Preußen.
Statistische Ermittelungen der Zwangsversteigerungen land-und forstwirthschaftlicher Grundstücke liegen für die Jahre 1886/87 bis 1890/91 vor.
Während dieses fünfjährigen Zeitraums ist die Zahlder ve r st ei g e r t e u G r un d stü ck e von 2979 auf 2220 gefallen. Das erste Jahr (1886/87), daS einer Periode ungemein niedriger Grtretdepretse angehört, war besonders ungünstig, schon im folgenden hatte sich die Zahl der versteigerten Grundstücke auf 2355 vermindert. DaS letzte Jahr (1890/91) übertraf das Vorjahr um 206 Versteigerungen. Nach der landwirthschaft- licheu Betriebsstatistik vom 5. Juni 1882 waren in Preußen 3 040196 landwirthschaftliche Betriebe vorhanden, wogegen die Zahl der Versteigerungen sehr gering erscheint.
Betrachten wir die Fläche der v erste iger- t e n Grundstücke, so ergiebt sich ein stetiges Sinken von 110063 ha im Jahre 1886/87 auf 55310 ha im Jahre 1890/91. Letzteres Jahr stand also in dieser Beziehung günstiger als alle Vorjahre, obgleich es das Jahr 1889/90 in der äahl der Versteigerungen übertroffen hatte. Die esammtfläche der landwirthschaftlichen Betriebe beträgt 24,12 Millionen ha, die versteigerte Fläche macht also etwa? über */5 pCt. der Gesammt- fläche aus. Im Osten freilich sind die Verhältnisse nicht so günstig; Westpreußen mit 12594, Ostpreußen Mit 11152 und Posen mit 9245 ha versteigerter Fläche sahen nach der Stat. Corr. in dem letzten günstigsten Jahre doch noch rund »/z bis 2/s pCt. ihrer Wirthschaftsfläche der Subhastation verfallen, Hannover mit 778, West
falen mit 559, Hesseu-Naffau mit 604, Rheinland mit 935 ha erreichten dagegen sämmtlich noch nicht ‘/10 PCt.
Ebenso istderGrundsteuerreinertrag der versteigerten Fläche in dem Zeitraum stetig von 983 458 Mark auf 494899 Mark gesunken.
Sehr ungleich sind die verschiedenen Größenklassen der laudwirthschaftlichen Betriebe an den versteigerten Flächen betheiligt. Die Betriebe unter 2 ha machen von der Gesammtfläche 1,52 Prozent aus, an der versteigerten Fläche hatten sie 1890/91 einen Antheil von 1,20 Prozent; dasselbe Verhältniß betrug in der Klaffe 2—10 ha 14,68:6,48, in der Klaffe 10-50 ha 37,90:16,90, in der Klaffe über 50 ha 45,90:75,42. Während also die Klaffen bis zu 50 ha viel geringer an der versteigerten Fläche betheiligt find, als ihnen nach ihrem Antheil an der Gesammtfläche zu- kommen würde, ist bei dem größeren Grundbesitz daS Verhältniß umgekehrt; statt mit 45,90 Prozent ist er mit 75,42 Prozent an der versteigerten Fläche betheiligt. Man könnte daraus folgern, daß die größeren Besitzer doch wohl schlechtere Wirthschafter sein müßten, als die kleineren. Das wäre aber ein sehr voreiliger und sicherlich falscher Schluß. Sinkt die Bodenrente, so hat darunter der große Besitzer viel mehr zu leiden als der kleine. Wird z. B. der Ertrag durch Steigen der Arbeitslöhne geschmälert, so wird davon der kleine Besitzer, der seinen Boden mit der eigenen Arbeitskraft und der seiner Familie bewirthschaftet, nicht berührt; ähnlich ist es bei« Fallen der Getreidepreise, das für den kleinen Besitzer, der den größten Theil für den eigenen Bedarf baut, nicht so schlimm ist, als für den großen, bei dem der eigene Bedarf nur einem kleinen Bruchtheil der Ernte gleichkommt. Nach den Erhebungen über die U r s a ch e u der Zwangsversteigerung tritt „schlechte Lage der Landwirtb- schaft" weitaus am häufigsten bei der Besitzklaffe von mehr als 50 ha auf, während es mit dem „eigenen Verschulden" umgekehrt stebt, so daß
von einem Phantasten oder Idealisten. Ich betrachte nämlich alle Erscheinungen und Vorgänge des praktischen Lebens im Lichte eines groß« Gedankens oder einer mit der schlechten Menschheit versöhnenden Idee. Diese Schrulle Überträge ich auch auf meinen Beruf, tubem ich meine, daß ich nicht nur im Dienste des Staates, sondern vielmehr im Dienste der Menschheit stehe. So fühle ich mich den Mitgliedern meiner Gattung, also der menschlichen Gesellschaft, moralisch verpflichtet, mit Allem, was ich bin und kann und habe, ihnen beizustehen in jeder Noth des Leibes und des Lebens."
„Wahrlich, eine sehr phantastisch-ideale Auf- fassuna Ihres Berufs, besonders da Sie den Begriff Menschheit bis an die äußersten Grenzen des Zulässigen auszudehueu belieben," antwortete Herr von Keilstein lächelnd.
Der Doktor überging diese letzte Bemerkung, indem seine Antwort nur den ersten Satz berührte:
„Sehen Sie wohl? Und was wollen Sie nun erst sagen, wenn ich bekenne, daß ich meine Pflichten keineswegs mit der glücklichen oder unglücklichen Beendigung eines Krankheitsprozeffes für abgethan ansehe? Wo in den Hütten der Armuth das Brod fehlt, da heißt es tapfer zugeqriffen, daß auch diese Noth schwinde; wo ein Herz tu Kummer und Gram sich abmüht, daß eS wieder leicht und froh werde."