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Hersselder Kreisblütt.

__________Mit wöchentlicher Kratis-AeilageIlluktrirtes Anterhaltnugsvlatt".

Nr. 64. Dienstag den 31. Mai , 1892.

DoNeillelll5-Mi>Ug.

Bestellungen auf das Hersfelder Kreisblatt mit der wöchentlichen Gratis-Beilage Jllusttirtes Nntcrhaltllllgs-Blatt." pro gant werden von allen Kaiserlichen Post- anstalten, Laudbriefträgeru und von der Expe­dition angenommen.

Amtliches.

Hersfeld, den 28. Mai 1892.

Das ReichS-Bersicherungsamt, Abtheilung für Jnvaliditäts- und Altersversicherung, hat sich in einem Rundschreiben dahin ansgesprochen, daß im Sinne der Bestimmung in § 22 Ziffer 5 deS Gesetzes vom 22. Juni 1889 als JahreSarbeits- Verdienst der Lehrlinge der dreihundertfache Be­trag des ortsüblichen Tagelohns gewöhnlicher jugendlicher Arbeiter zu gelten hat.

Es wird dieses in Ergänzung der im KreiSblatt Nr. 1, 2 u. 3 pro 1891 veröffentlichten Bekannt­machung der Jnvaliditäts-und Altersversicherung«- anstatt vom 8. Dezember 1890, betreffend Ein- theilung der Lobvklaffeu, hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht.

I. 3486. Der Königliche Landrath

Freiherr von Schleinitz.

HerSfeld, den 28. Mai 1892.

Der Landwirth Heinrich H e l l w i g zu Kemwe- rode ist zum Bürgermeister dieser Gemeinde auf die Zeit vou 8 Jahren gewählt und am 21. d. M. verpflichtet worden.

I. A. 807. Der Königliche Landrath

Freiherr von Schleinitz.

(Unbefugter Nachdruck verboten.)

Dir MSrchrnrrMlrrin.

Von

Helene Pichler.

(Fortsetzung.)

Nur die hellen Augen im faltigen Gesicht der Märchenerzählerin wachten. Jetzt machte die Zwergin eine Bewegung, sie hatte daS Männer­gesicht draußen vor dem Fenster erblickt. Sie nickte ihm zu, deutete auf die Schläfer rings­umher und winkte mit der Hand ab. Da nickte der Mann wieder, faßte grüßend an den Hut und, leise ein Liedchen summend, trat er, Doktor Gerhard, in die mondgeschaffene Zauberwelt zurück und wanderte in dem märchenhaften Silberbach bis zu seiner einsamen, kalten dunklen Wohnung.

* * *

Schneller als an jenem Abend vermuthet wer­den konnte, ward in der Familie von Ketlstein die Anwesenheit Doktor Gerhard's gewünscht. Die Gesundheit der gnädigen Frau litt unter dem rauhen Klima der Harzberge. Der Arzt kam fast täglich in die Forstmeisteret. Außer daß die Kranke ihn als gewiffenhaften Helfer schätzen lernte, bat Herr von Ketlstein selbst im Stillen Doktor Gerhard den Verdacht ab, er werde die Kluft, welche einen phantastischen Mensch- Heitsschwärmer von der aristokratischen Familie

Hersfeld, den 284 Mai 1892.

Der Landwirth Anton H o b e r t zu Wölfers- hausen ist zum Bürgermeister dieser Gemeinde gewählt und am 21. d. M. als solcher auf die Zeit von 8 Jahren verpflichtet worden.

J. A. 814. Der Königliche Landrath Freiherr von Schleinitz.

M. G. Z.

Unter den Uhren auf den Bahnstationen sind seit einiger Zeit kleine Tafeln angebracht, auf denen steht: Ortszeit! Mitteleuropäische Zeit... (hier ist eine Zahl angegeben) Minuten mehr (oder weniger). Das heißt also: die Uhr oben giebt die Ortszeit an, nach der die Zeit um 12 Uhr Mittags mit dem höchsten Staude der Sonne in der Gegend zusammenfällt. Was will aber mitteleuropäische Zeit heißen und wozu werden die Abweichungen zwischen der Ortszeit und der mitteleuropäischen Zeit (abgekürzt M. E. Z.) auf einer Tafel besonders bemerkt? So hat sich im Anfang wohl mancher gefragt, der zur Station kam und die Neuerung wahrnahm. Sonst stand wohl auf einer Tafel vermerkt, um wie viel die Berliner Uhr verglichen mit der Stationsuhr »vor" oder »nach" gehe. Man wußte dann wenigstens, was die Glocke in Berlin geschlagen hat und wie wett die Reichshauptstädter der Zeit vorauseilen oder »achhiukeu. Aber mittel­europäische Zeit, was soll uns die bedeuten? Wie wenige Leute haben ein Interesse daran, zu wissen, um wie viel Minuten früher oder später, als auf der Bahnuhr, in Stargard Mittag ist? Denn die M. E. Z. richtet sich nach dem 15, MittagSkreise (Meridian Längengrade östlich von Greenwich, der die gute pommersche Stadt Stargard durchschneidet, und heißt deshalb auch Stargarder Zeit.

Nun, heute weiß mau in weiten Kreisen schon die Bedeutung der Täfelchen unter den Bahn-

trennen müsse, zu Überdrücken suchen, sich gewifser- maßen im täglichen Verkehr unliebsame Ueber- griffe zu Schulden kommen lasten. Nichts von alledem; mit Cylinder, Handschuhen und Lack­stiefeln schien Doktor Gerhard jedesmal einen anderen Menschen angezogen zu haben. Er hielt sich strenger, förmlicher, als der alte, joviale Forstmeister für möglich gehalten hätte.

Nun lebt und webt aber im All ein kleiner Zauberer von gewaltiger Kraft, dem ist kein Sprung zu gefährlich, er wagt ihn; kein Abgrund ist so gähnend, er setzt mit keckem Sprunge darüber hinweg. Das ist »Eros, Allsieger im Kampf." Was kümmert der sich um Demokraten und Aristokraten? Der Schelm hat seine Freude daran, wenn er zwei guten Menschenkindern möglichst gewaltige Herzensnoth bereiten kann.

Doktor Gerhard hatte sich seine Liebe zu Wilhelmine von Ketlstein uud die Konsequenzen dieser Liebe sofort klar vorgestellt. Er wußte, daß der Jagdjunker mit allem Aufwand seiner liebenswürdigen, schönen Person die Gunst deS Fräuleins zu erringen strebte und daß diese Bewerbungen von Seiten des Forstmeisters ge­billigt, ja nicht unwesentlich durch Auszeichnungen deS jungen Herrn gefördert wurden.

Die erste große Jagd auf Hochwild war ab- gehalten worden. Alle Forstbeamte, Ober- und Revierförster aus dem Bezirk der Forstmeisterei hatten thetlgenommen, ein frisches, reges Waid-

Uhren richtig zu würdigen. Und gerade die Täfelchen haben sehr wesentlich dazu beigetragen, daß die Leute au den Gedanken einer Einheitszeit für ganz Deutschland zu gewöhnen. Die Bahn- beamten haben schon seit lange im inneren Dienst nach einer und derselben Zeit rechnen müssen, jedoch nicht für ganz Deutschland. Da gab es eine Münchener, eine Karlsruher, eine Stuttgarter und eine Ludwigshafener Zeit. Der Grund, warum die Bahnbeamten im inneren Dienst nach Ortszeit rechnen, ist sehr einfach: Wenn Bromberg nach Berlin telegraphirt, eS sei um die und die Zeit ein Extrazug abgelassen, so wäre es sehr umständlich, wenn die Berliner Beamten sich erst ausrechueu müßten, wie viel die Bromberger Ortszeit von der Berliner ab- weicht und auch für alle Zwischenstationen wären ähnliche Rechenexempel zu machen. Bei großem Verkehr, plötzlichen Betriebsstörungen, Zugver- leguugen rc. muß thunlichst die Gefahr ver- hängnißvoller Rechenfehler vermieden werden. Die erwähnten fünf inneren Bahnzeiten waren noch recht störend, namentlich für die Stationen, die au Kreuzpunkte von Zeitzonen lagen. Deshalb einigten sich die Eisenbahllverwaltnugen auf die gleiche Zeit für den inneren Dienst, die mittel­europäische, der der Deutschland ziemlich in der Mitte durchschneidende Stargarder MittagskreiS zu Grunde liegt.

Aber es war noch sehr mißlich, daß die Viel­heit der Ortszeiten im äußeren Dienst, wenigstens in Preußen, Sachsen und Heffeu, be­stehen blieb. Die Fahrpläne wurden noch nach den Ortszeiten aufgestellt, so daß also die Stationsuhren mit den Rathhaus- oder Kirchen- Uhren der einzelnen Orte übereinstimmten, vor­ausgesetzt, daß letztere wirklich Ortszeit und nicht etwa eine Zeit nach dem Belieben des Bürger­meisters oder deS Küsters zeigten. Darin lag noch eine große Gefahr für die Sicherheit deS Verkehrs, weil die Bahnvorsteher draußen fürs

mannslebeu durchbrauste die ausgedehnten Forste» des Andreasberger Reviers. Der festliche Be­schluß wurde mit Becherklang auf dem »Glückauf", einer von Hochwald geschützten, freien Höhe im Norden der Stadt begangen. Hier, während die freundliche Sonne alle Novembernebel ver­scheuchte unb Berge uud Thäler noch den pur­purnen Schmuck des Herbstes trugen, hatten sich die Waidmänner in fröhlicher Runde gelagert, und der Forstmeister von Ketlstein auf das Wohl deS Jagdjunkers von Finkenhausen getrunken, der heute den Meisterschuß gethan, ein pracht­voller Zwölfender, auf's Blatt geschaffen, diente zur Illustration des WaidmannssprucheS.

Wie das Fräulein selbst über den glänzenden Bewerber dachte, blieb Doktor Gerhard verborgen. Das jähe Erröthen der Siebeuzehnjährigen bet seinem Eintritt in das Krankenzimmer bot ihm keinen Anhalt; er kannte daS bei nervösen jungen Damen. In langen Kämpfen und Zweifeln seine Kraft zu vergeuden, lag aber nicht in Ger­hards Art. Nachdem er mit sich einig, daß daS Recht der Entscheidung allein bei der Geliebten liege, beschloß er, Wilhelminen seine Liebe zu gestehen, Big dieses aber geschehen könne, daS junge unerfahrene Mädchen in keiner Weise zu bethören oder zu beeinflussen.

Da Frau von Ketlstein deS ärztlichen Beistandes nicht länger bedurfte, so hatte Doktor Gerhard sich von der Forstmeisterei verabschiedet, ohne