Erscheint wöchentlich drei Mai Dienstag, Donnerstag und Sonnabend.
MonnementSpreid
vierteljöhrlich 1 Mark 40 Pfg. excl.
Dostairsschia«.
Die Jnsertiondgebühren betragen für den Raum einer SpiUtzeile 10 Psg., im amtlichen TheUe 15 Psg. Reklamen die Zeile 20 Psg.
Bd größeren Ansträgen mtivrechender Rabatt.
Hersskl-tr Kltisbllltt.
_________Mit wöchentlicher Kratis-Aeilage ,M«strirtes AuterhMuugsklatt"._________
Rr. 71. Somaieud den 18. Jum 1892.
Elftes Blatt.
Die Handelsbilanz für 1891.
DaS zweite BierteljahrSheft zur »Statistik deS Deutschen ReichS* enthält die Werthberechuuug der Ein- und AuSfuhr von Waareu im Jahre 1891. Die Uebersicht unterscheidet zwischen Ge- fammteigeuhaudel, Spezialhandel und Durchfuhr. Wir halten uuS an den Spezialhandel, der für die Beurtheilung der wirthschaftlichen Thätigkeit entscheidend ist. Er umfaßt die Einfuhr in den freien Verkehr unmittelbar oder mit Begleitpapieren, die Einfuhr in den freien Verkehr von Niederlagen und Couteu (nach erfolgter Verzollung oder bei zollfreien Waaren nach erfolgter Revision), sowie die AuSfuhr aus dem freien Verkehr mit den unter Steuerkoutrole ausgehenden, einer inneren Steuer unterliegenden inländischen Waaren (Branntwein, Salz, Taback und Zucker).
ES sind nun im voriaeu Jahre in den freien Verkehr etugeführt 290127188 Doppelzentner Waaren im Werthe von 4403 404000 Mark, auS dem freien Verkehr auSgeführt 201393765 Doppelzentner im Werthe von 3339755000 Mark. Der Werth der Eiufuhr überstieg hiernach den der AuSivhr um rund 1063 Millionen Mark. Wir hatten also eine passive Handelsbilanz d. h. wir zahlten an das AuSland mehr, als wir von ihm für unsere Waaren erhielten, und zwar ist der Unterschied sehr groß, größer als in irgend einem Jahre zuvor. Betrachten wir die letzten zehn Jahre (1882/91), so hatten wir eine aktive Handelsbilanz, nämlich 1882 (mit e-Urm Ueber« schoß der AuSfuhr über die Einfuhr von 79 Millionen Mark), 1883 (+ 44 Millionen), 1886 (+ 106 Millionen), 1887 (+ 1 Million Mark).
hohen Getreidepreisen überstieg der Werth der Einfuhr von Getreide und anderen Erzeuguiffen deS Laudbaus (692 Millionen Mark) den Werth der Ausfuhr (57 Millionen Mark) um nicht weniger alS 635 Millionen Mark und den Wertb der gleiche» Einfuhr im Jahre 1890 um 120,6 Millionen Mark. Die Bermiuderuug deS Vieh- standes in früheren für die Futterernte ungünstigen Jahren machte sich natürlich noch 1891 geltend, in welchem Jahre wir mehr Vieh ein- und weniger Vieh ausführten als jemals zavor. Der Werth der Einfuhr betrug 232 Millionen, der Werth der Ausfuhr 21 Millionen Mark, eS war also bet dieser Waarengruppe ein Mehr der Einfuhr über die Ausfuhr von 211 Millionen Mark vorhanden.
Endlich aber hängt daS Urtheil über die Handelsbilanz sehr wesentlich davon ab, wie sich die Mengen und Werthe der R o h st o f f e, der Halb - und der Ganzfabrikate zu einander verhalten. Die Jahre 1889 und 1890 wiese» bei gutem Ges-M^aug und starker Beschäm- guug der industriellen Anlagen einen sehr großen Bedarf an ausländischen Rohstoffen auf. Während 1890 von der Gesammteinfuhr (ohne Edelmetalle) von 4145 Millionen Mark allein 2949 Millionen Mark auf Rohstoffe und einfach bearbeitete Gegenstände entfielen, waren an dem Gesammtwerth der AuSfuhr von 3326 Millionen Mark (ebenfalls ohne Edelmetalle) die Fabrikate mit nicht weniger alS 2482 Millionen Mark betheiligt. Das waren für unsere industrielle Thätigkeit zweifellos günstige Jahre trotz passiver Handelsbilanz. Für daS Jahr 1891 liegt eine statistische Souderung der Werthe nach Rohstoffen und Fabrikaten, so viel wir wissen, »och nicht vor. Es fehlt daher noch eine wesentliche Unterlage für ein Gesammturtheil über die Handelsbilanz des abgelaufenen Jahres. So viel steht aber fest, daß der ungewöhnlich hohe Ueberschuß
Von 1888 ab zeigt sich eine steigende Reihe von' Unterbilanzen, und zwar stieg der Betrag, um! den der AuSfuhrwerth hinter dem Einfuhrwerth zurückblieb, von 83 auf 830, 863 uud 1063 Millionen Mark. — Im Vorstehenden ist der Verkehr in Edelmetallen einbegriffen. Läßt man ihn unberücksichtigt, so stellt sich für 1891 ein Ueber« schuß deS EtufubrwertheS von 975,3 Millionen Mark gegen 834 und 848,3 Millionen Mark in den beiden Vorjahren heraus.
ES wäre voreilig, aus dieser starken Verschiebung der Zahlenverhältuiffe auf einen gleich starken Rückgang der ProduktionSkraft Deutschlands zu schließen. Die Zahlen sind nicht so bedrohlich wie sie auSsehen. Zunächst ist zu be« merken, daß sie unter einander nicht vollständig vergleichbar sind. Auf den ersten Blick muß der große Sprung von 83 Millionen auf 830 Millionen Mark Unterbilanz in den Jahren 1888/89 auf- fallen. Beide, ganz besonders 1889, waren Jahre deS wirthschaftlichen Aufschwungs. Woher trotzdem daS Mißverhältnitz? - Es ist zum Theil rechuerischer Art. Im Jahre 1888 wurden Ham- bur g und Bremen in daS deutsche Zollgebiet eiugeschloffeu, in Folge dessen trat die ausländische Einfuhr nach Hamburg und Bremen, die von deu beiden Hansastädten selbst verbraucht wurde, zu der Einfuhr für das ganze Zollgebiet hinzu, wogegeu der Zollauschluß eine Abnahme der AuSfuhr um diejenigen Mengen bewirkte, die früher auS dem Zollgebiet nach Hamburg und Bremeu auSgeführt uud hier verbraucht wurden.
Weiter kommt in Betracht, daß wir 1888 und 1889 theilweise ungünstige Ernten hatte». Die Steigerung der Einfuhr von Nahrung«- und Genußmittelu stieg im Jahre 1889 um 294 Millionen Mark, wogegen die Ausfuhr an Vieh um 62, an Nahrungsmitteln um 22 Millionen Mark sank. Im vergangenen Jahre mit seiner allgemeinen Knappheit an Getreide und seinen
(Unbefugter Nachdruck verboten.)
Die MSrchenerzShlerin.
Von
Helene Pichler.
(Fortsetzung.)
Nach weiteren fünf Minuten hatten Diener und Wärterin lautlos die verlangten Sachen in'S Zimmer geschafft, der Arzt winkte die Dienerschaft hinaus und drehte den Schlüssel in der Thür.
»Nochmals, Herr Doktor, was wollen Sie beginnen ?* fragte erhobenen Tones der Forstmeister. Aber jetzt richtete sich Gerhard zu voller Höhe auf uud antwortete schneidend: »Ihre Tochter dem Leben erhalten, wenn es in Menscheumacht steht.- Milde setzte er sogleich hinzu: »Gnädige Frau, die Mutterhand muß den Arzt uuterstützeu; helfen Sie mir die Kranke zu entkleiden."
Nur noch das letzte Gewaud entzog den todt- kranken jungfräulichen Körper den Blicken der Helfer. Da packte eine feste Hand Gerhards Arm. Zitternd von widerstreitenden Gefühlen herrschte der Forstmeister dem Arzte zu: »Das geht zu weit, mein Herr, ich gestatte ein solches Experiment mit meiner Tochter nimmer!*
»O, Herr Doktor, fahren Sie fort! Rudolf, Rudolf, gilt das Leben unseres Kindes Dir weniger als — o, Herr Doktor, hören Sie nur auf mich,* schrie und flehte die unglückliche Mutter, und nach kurzem Zaudern vollendete der
Arzt sein Werk. Den Forstmeister aber hatte ein Blick gestreift, der zum ersten Male den alten Herrn höchst unbequem berührte.
Nun war das letzte Gewand gefallen — durch die grüneu Seideugardinen warf der Tag gedämpfte grüne Lichter über den bleichen Mädchen- körper, der in des Arzte« Armen lag.
Rasch die wollenen Decken über das Bett gebreitet, darauf ein mächtig großes, in EtSwaffer getränktes Tuch, uud in diese EiseSkälte legte Doktor Gerhard das geliebte Wesen, daß eS in ihr zu neuem Leben erwache. Von allen Seiten wurden die eiskalten Tücher fest eingeschlagen, mit wollene» Decken dicht umpackt — nun blieb daS Weitere abzuwarte».
Zu einer Zeit geschehen, da die Medicin noch auf dem Standpunkt der warmen Stuben, heißen Betten Abhaltung der Luft und recht großen Arzneiflascheu stand, brächte dieser Versuch des jungen ArzteS nicht geringe Aufregung bet dem Ehepaare von Keilstein hervor, und Doktor Gerhard selbst konnte vor Aufregung und Erwartung deu so nöthigen Schlaf nicht finden. Sein erster Gang am andern Morgen galt der geliebten Patientin.
»Sie ist gerettet! Sie hat die Augen aufge- schlagen!*
In dem feuchtglänzenden Mutterauge la« er stummen, heißen Dank. Der Vaters — mit obgewandtem Gesichte reichte er dem Retter seiner Tochter die Hand und sprach ein vernehmliches,
kräftiges »ich danke Ihnen.* Eine» Dank schuldig zu bleiben, und sei es dem Geringsten der Sterblichen oder auch dem Höchsten, daS lag nicht in der Art des Forstmeisters.
Unter liebevoll wachsame» Augen schritt »u» ganz allmählich die Genesung heran. Eines Morgens kam Herr von Keilstein dem Doktor schon im Flur entgegen, und Doktor Gerhard sah, daß diese gemessenen, herablassend freundlichen Aristokrateuzüge auch im echten, rechten Glanz der Liebe aufleuchten konnten. »Die Besinnung ist völlig zmückgekehrt, sie hat Vater und Mutter erkannt und mit schwacher, doch vernehmlicher Stimme einige Worte geredet.*
»Weiß sie, wer ihr Arzt ist, wer sie in letzter Zeit behandeltes* fragte der Doktor.
„Nein, sie weiß es nicht."
„Dann — ist — es besser, sie — erfährt — eS — niemals." Wie unter schwerer Last keuchend kamen die Worte heraus. Gerhard griff nach seinem Hut uud wandte sich zum Gehen. „Schicken Sie wieder nach dem Medicinalrath, daß er die Rekonvalescenz beaufsichtige, uud beachten Sie genau seine Vorschriften, vermeiden Sie sorgfältig jede Aufregung, jeden Diätfehler. Der geringste Anlaß genügt, einen Rückfall her- beizuführen, der nicht so gut eudeu dürfte."
Schon hat Gerhard die Thür in der Hand, noch zögerte er: Sollte der vornehme, starre Mau» im grünen Jagdrocke da ihm gar uichtS zu sagen haben? Jetzt öffnete er die Thür.