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Hersseider Kleisdistt.
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Rr. 76.
Dounerftag bett 30. Juni
1892.
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Die Expedition.
Amtliches.
Gefunden: Ein Regenschirm, ein Geldbeutel mit 3 Mk. 5 Pfg. vor dem Amtsgerichtsgebäude, einen desgl. mit 1 Mk. und einigen Pfennigen, ferner eine Peitsche. Meldung der Eigenthümer bei dem OrtSvorstand zu Niederaula.__________
Gefunden: auf der Straße von Hersfeld nach Friedlos eine Kette. Meldung deS EigenthümerS bei dem OrtSvorstand zu Mecklar.
(Unbefugter Nachdruck verboten.)
Die Marchenerzahlerin.
Von
Helene Pichler.
(Fortsetzung.)
Mit einigem Befremden vernahm Frau von Keilsteiu die Befehle ihreS Gatten, waS konnte er zu dieser Zeit, die zu Besuchen so unp äffend und um ins Revier zu gehen, viel zu weit vorgerückt war, nur vorhaben? Sie erhob sich. Doch die klugen, lustigen Augen der alten Zwergin blinzelten die vornehme Frau so eigenthümlich au und daS Köpfchen mit der Plattenhaube nickte so vergnüglich und schien zu sagen: „Laß'ihn nur, er geht eine »guten Gang," daß Frau von Keilsteiu, wie in einem Zauber befangen, sich wieder niedersetzte.
x.
Kaum hatte der Forstmeister daS HauS verlassen, als auch Weberstünsel sich zum Abschied rüstete. Kein noch so freundliches Bitten der gnädigen Frau konnte die Zwergin zum Bleiben bewegen, die da behauptete: „ihr Werk sei gethan und daS Uebrige müßte nun von anderen Leuten besorgt werden."
„Du hast Deine Sache sehr hübsch gemacht," sagte Frau von Keilsteiu, „doch hatte ich bei meiner armen Tochter auf stärkeren Eindruck
gehofft."
Die Alte lächelte und nickte: „Die Nachwirkung
Mißernte und Cholera in Rußland. |
Nach russischen Nachrichten amtlichen Ursprungs ist nicht wehr zu bezweifeln, daß die Cholera nicht nur in die centralastatischeu Besitzungen Rußlands, sondern auch in den Kaukasus eingedrungen ist und namentlich in der Petroleumstadt Baku arg wüthet. Wahrscheinlich liegt die Sache aber noch weit schlimmer. Die Entsendung des Verkehrsministers Witte, welcher von dem Ge- hetmratb Fadejew und dem Inspektor der Eisenbahnen Obersten Wendrich begleitet ist, nach der unteren Wolga und dem Kaukasus, „um Vorkehrungen gegen die Cholera zu treffen," spricht stark dafür, daß die Cholera schon an der unteren Wolga Fuß gefaßt hat. Schon vor einigen Tagen verlautete, daß sich die arge Seuche in Zarizin au der Wolga festgesetzt habe und somit über Astrachan hinaus in daS Gouvernement Ssaratow vorgedrungen sei.
Das Medicinalamt hat zwar eine Veröffentlichung erlaffen, die zur Beruhigung dienen soll, aber Blätter wie die „Nowoje Wrewja" können sich nicht enthalten, trübe Befürchtungen auszu- sprechen. Ist die Cholera erst da, so wird sie eine furchtbare Ernte an Menschenleben halten, zumal da die Bevölkerung weiter Landstrecken durch Hunger, Flecktyphus und Skorbut physisch ganz heruntergekommen ist, und da wenigstens theilweise dieselben Gebiete abermals von Miß- wachs betroffen sind. Die „Nowoje Wrewja" giebt unumwunden zu, daß Mißernte und Mangel au Nahrungsmitteln in vielen Gebieten einen sehr ungünstigen Einfluß auf die SanitätSzu- stände auSgeübt und die Gesundheit der Bewohner gebrochen haben.
Auch den offiziellen Berichten über die Ernte- ausstchteu dieses JahreS ist zu entnehmen, daß daS Wintergetreide in den Guberuien Tulo, Kursk, Woronesch, Poltawa, Charkow und Cherson
kommt noch!" und schlüpfte zur Thür hinaus.
Ueber den Markt wanderte Weberstünsel nach Hause. Bei Herrn Schmitt konnte sie dabei vorsprechen, um Zahlung für abgelieferte Spitzen und neue Aufträge eutgegenzunehmen. An der Ecke just, wo Herr von Fintenhausen und der „starke August" vor einigen Monaten so hart au einander gerathen waren, ward das kleine Weibchen fast über den Haufen gerannt von zwei sehr eilig ausschreitenden Herren: HerrvonKeil- steiu und Doktor Gerhard. „'s hat gewirkt!" nickte Weberstünsel für sich und erwiderte den Gruß der Beiden.
Am anderen Tage ward die Stadt Andreas- berg durch eine aufregende Nachricht freudig aufgeregt: Fräulein Wtlhelmiue von Keilsteiu war durch die Bemühungen deS Doktor Gerhard „wieder richtig im Kopf" und dteBeideu seien nun ein Brautpaar.
Hei, wie giug'S in den Spinnstuben, an den Brunnen, auf den Gruben und in Herrn Schmitts Kaufladen um; Einer wußte noch mehr hinzuzu- dichten als der Andere und endlich ward eine VerlobungSgeschichte von wahrhaft ungeheuerlicher Romantik daraus. Die Einzige, die Alles wissen konnte, schwieg hartnäckig, Weberstünsel sagte nur: „ich schwatz' uet!" Desto flinker ging aber daS Zünglein von Frau Mahuert um, die sich nicht wenig darauf zu gute that, „zunächst von dieser schönen Lieb' Wind gekriegt zu haben, dazumal, alS der gute Herr Jagdjunker ihr das
schlecht und in den Guberuien Rjäsan, Ssaratow Kiew und Podolien zum Theil mittelmäßig, zum Theil auch schlecht stehe. Unter diesen Guberuien, die überwiegend zu den besten Kornkammern Rußlands gehören, befinden sich sieben, die bereits im vorigen Jahre eine vollkommene Mißernte gehabt hatten. Nach einer Veröffentlichung der „freien ökonomischen Gesellschaft" wäre auch in den Guberuien Orel und Tula das Wintergetreide vollständig verloren. Weiter macht der Hamburgische Correspoudeut auf Folgendes aufmerksam: Es kommt hinzu, daß die Aussaatfläche in diesem Jahre viel geringer ist, alS sonst, und daß die mit Getreide zur Aussaat versorgten Gebiete zum Theil Getreidearten erhalten haben, die für ihre Bodenverhältnisse nicht so gut passen. DaS Sommerkoru hat spät bestellt werden können und unter Trockenheit des Bodens gelitten. Hiernach ist es sehr unwahrscheinlich, daß der gesammte Ertrag in Rußland an eine Mittel- ernte heranreichen werde. Da die Futterernte noch schlechter war als die Körnerernte, hat sich der Viebstand sehr gelichtet, und die AuSsichten für Gräser und Hutterüäuter sind in diesem Jahre nicht besser.
Tritt nun noch eine Cholera-Epidemie hinzu, so sind die volkswirthschaftlichen Aussichten des russischen Reiches ungemein trübe. Rußland bedarf neuer großer Geldmittel, um über die elende Lage seiner Bauern hinwegzukommen. Es ist daher in einzelnen Blättern auch wieder viel von einer wirthschaftlichen Annäherung au Deutschland die Rede, wogegen andere Organe entschieden den Standpunkt vertreten, daß es für den deutschen KapitalSmarkt, zumal bet der so ungünstigen inneren Lage des russischen Reiches, durchaus nicht gerathen sei, sich in etwaige russische An- leihegeschäfte eiuzulasfen. Einstweilen fehlt eS auch für eine handelspolitische Annäherung au jedem sicheren Anhalt, und die lange Abwesenheit
schöne Goldstück zugeschickt habe."
WaS zwischen den beiden Männern, dem Aristokraten und dem Arzte, in jener Stunde gesprochen ward, darüber verlautete nie ein Wort. Genug — Doktor Gerhard ward der Verlobte WilhelminenS, die unter dem bräutlichen Glück sich entfaltete, wie eine Rose im Thau.
Als Bräutigam kam Gerhard jetzt täglich inS Haus, doch wollte es ihm nicht gelingen, einen Schatten zu entfernen, der wie eine brennende Macht noch immer zwischen ihm und dem Vater der Geliebten stand. Gerhard mühte sich, quälte sich, den Schatten zu erkennen und zu vernichten. Umsonst, er ließ sich nicht fassen; doch war er da und verhinderte jede herzliche Annäherung der beiden Männer.
Wieder waren einige Wochen verstrichen, schon dufteten die jungen Fichtentriebe an den tieferen Hängen, und auf dem ehrwürdigen Brockenhaupte hing nur hier und da noch ein Fleckchen grauen Winterschnees. Der Forstmeister that sich mal wieder auf „der Strecke" um. Als er den „Neu- fang" passirte, kam gerade Weberstünsel auS dem dunklen Grubenhause hervorgeschlüpft.
„Nun, nun, Du lebendiges Märchen, wirst Du unS bald wieder mal eine Geschichte erzählen?" fragte der Herr mit leutseligem Gruße.
„Nä," erwiderte die Zwergin, „lassen sich Herr Forschstmätzer lieber von Säuger-Ludwig äue Geschickt' verzählen, der kauu's auch!"
DaS sagte die Alte mit so eigener Betonung, daß Herr von Keilsteiu scherzhaft mit dem Finger