Erscheint wöchentlich drei Mal Dienstag, Donnerstag und Sonnabend.
Abonnementsprei« oiertelsährlich 1 Mark 40 Mg. e*<d,
Postanfschlaa.
Die ZnscrtiouSgkbühren betragen für den Raum einer Spaltzeilt 10 Psg., im amtlichen Theile 15 Mg. Reklamen die Zeile 20 Pig. frei größeren Aiitträgen erttfprechender Rabatt.
Hersstl-el Kleisblitt.
Mit wöchentlicher Kratis-Meilage „Illukrirtes Anterbaltungsölatt".
Nr. 89. Sonnabend den 30. Juli 1892.
Erstes Blatt.
Ursachen der Bauernnoth in Rußland.
In der bereits erwähnten Schrift über den Volksnothstaud in Rußland werden auch die natürlichen Ursachen der Mißernten erörtert. Nach meteorologischen Beobachtungen blieben die Nieder- schläge in den Monaten Juni, Juli, August 1891 gegen die normale Menge (im südöstlichen Theil des europäischen Rußland 113 Millimeter) um 40 pCt. (nämlich bleibender Betrag 68 Millimeter) und in den östlichen Gubernieu (normal 113 Millimeter) um 38 PCt. (bleibender Betrag 70 Millimeter) zurück. Die Dürre hielt in Rasan z. B. 79 Tage, in Zarizin 96 Tage an; es ist klar, daß keine Culturgewächse eine so andauernde Trockenperiode vertragen können. Im Norden und Westen, sogar im äußersten Süden waren die meteorologischen Bedingungen freilich die entgegengesetzten. Aus den von dem Verfasser hergebrachten statistischen Zahlen eratebt sich, daß der Fehlbetrag der Ernte des verflossenen Jahres nicht so groß ist, um allein schon einen solchen Nothstand erklärbar zu machen, zumal die fabelhaft üppige Ernte im Kaukasus gar nicht einmal iu den officiellen statistischen Daten mit einbegriffen ist. Jedoch in den von der Mißernte betroffenen Gubernien stieg der Fehlbetrag gegenüber dem Vorjahre auf 50—90 PCt. Immerhin ist durch die letzte Mißernte nur eine schleichende Noth zum bedrohlichen Ausbruch gekommen; das Leiden hat tiefere Ursachen und wird deshalb auch nicht vorübergehend sein, zumal eine neue ungünstige Ernte in Aussicht steht.
Der Norden Rußlands ist zwar weniger fruchtbar, dennoch sind die klimatischen Bedingungen günstiger, als im Südosten, die Feuchtigkeit ist
(Unbefugter Nachdruck verboten.)
Der Hag von S. Wtus.
Historische Erzählung von Ernst von Waldow.
(Fortsetzung.)
Jetzt begannen die festen Reihen der Soldaten der Republik zu wanken, Bojamoute hatte ein Blutbad unter ihnen angerichtet, und gar mancher hauchte an der Schwelle der Kirche S. Giultavo seinen letzten Athem aus.
Dicht neben dem Führer schritt der Fahnenträger, selbst im ärgsten Gedränge nicht von der Seite des geliebten, verehrten Herrn weichend.
Hoch flatterte noch das Fahnentuch, als Bojamoute iu kühnem Anprall die Feinde zurückwerfend, die Merceria gewann und einem Wettersturm gleich dem Markusplatze zubrauste, die Verschworenen ihm nach.
Da stockte plötzlich der Zug — was war geschehen? ängstliche Fragen schwirrten durcheinander, allgemeine Verwirrung entstand.
Schon erblickte Bojamonte über die Köpfe der Menschenmasse, welche den Markusplatze anfüllte, die Piazetta mit den beiden Granitsäulen und zwischen ihnen den Silberspiegel der Lagune. Sein Herz jauchzte freudig auf und jetzt flog kein Gedanke zurück an,,vie Vergangenheit. Das Bild der armen Manca war ausgelöscht in der Seele deS ehrgeizigen Mannes uud doch befand
größer, das Klima rauh, doch gleichmäßiger, der Ackerbau wird planmäßiger betrieben. Der Ertrag ist geringer, aber weniger Schwankungen unterworfen, daher auch die Preise weniger veränderlich. Wenn im Norden dem Boden seine Gaben mühselig abgerungen werden, so bietet dahingegen das gewaltige Schwarzerdegebiet, das namentlich den Südosten des Riesenreichs umfaßt, eine wahrhaft üppige Fruchtbarkeit des Bodens, den die Cultur noch nicht ausgefogen hat. Aber der Bauer mag hier noch so geschickt und erfahren sein, noch so verständig den Boden bearbeiten — er steht machtlos gegenüber den Elementen da, von denen allein sein Wohl und Wehe abbängt, und vor Allem ist es das Wasser, welches für die Landwirthschaft ausschlaggebend ist. Darum muß das Waffer iu allen Formen beachtet und geschützt werden, als Grundwasser, als Regen, Schnee, in Gestalt von Flüssen, Strömen, Quellen und Brunnen und vor allen Dingen in Gestalt der — Wälder, dieser Haupt- regulatoren und Hüter d-r Feuchtigkeit, welche die Flüsse nähren, die Grl ndfeuchtigkeit erhalten, die Luftfeuchtigkeit an stw ziehen uud sie Willter und Sommer wie unter einer Schutzdecke bewahren.
Das russische Haupt- und Grundübel ist die schonungslose barbarische Ausrottung der Wälder, und das Fehlen eines Waldschutzgesetzes, wodurch unermeßlicher Schaden angerichtet wird. Ueber die ungeheueren abgeholzten Flächen, auf denen nichts wachsen kann als Gestrüpp, wehen die glühenden Steppeuwinde und dörren weit und breit das Land aus. Eine weitere Folge davon ist das Vertrocknen der Quellen, ja ganzer Flüsse. So ist der einst schöne wasserreiche Fluß Borskla gänzlich verschwunden, nachdem die ihn umgebenden Wälder abgeholzt sind. Der Verfaffer führt noch viele ähnliche Beispiele an. Leider kann man, sagt er selbst, von einem Waldschutz im Schwarzerdegebiet« kaum mehr sprechen, sondern
er sich just unter den Fenstern des Hauses, wo Frau Benedetta wohnte.
In diesem Augenblick aber fühlte er sich erfaßt und zur Seite gedrängt, kaum blieb ihm Zeit das Haupt zu wenden, ganz verblüfft über den unerwarteten Anprall — da sauste aus der Höhe ein schwerer steinerner Mörser herab von Frauen- band geschleudert, und die Stimme Frau Benedetta's rief die Worte:
„Bojamonte Tiepolo — Dein Leben für das Leben Btanca'sl*
An der Schulter gestreift durch den herabgeschleuderten Mörser, taumelte Bojamonte zur Seite, doch den Schmerz bezwingend, faßte er sich schnell — da fiel sein Blick auf die hinge- suukene Gestalt des jungen Fahnenträgers, der mit zerschmettertem Haupte auf den Steinfliesen lag*).
Bojamonte beugte sich über den Sterbenden, dessen letzter Blick dem geliebten Herrn galt, den seine Treue gerettet. Denn der Jüngling hatte die alte Frau droben am Fenster erblickt, hatte den steinernen Mörser in ihrer Hand gesehen**) und ihre drohende Geberde, mit der sie
*) Die Stelle, wo der steinerne Mörser zu Boden fiel, ist noch jetzt dadurch kenntlich, daß in die Granitplatten des Pflasters der Merceria dell' Orologio ein kleiner, weißer Stein ehtßefüßt ist.
l •”) In bet Merceria und zwar über der Bogenwölbung, unter der man in die Galle del capello eiiitritt, befindet sich noch jetzt ein trefflich gemeißeltes Steinbild, es siegt eine
nur von einer Walderneuerung, die natürlich riesige Summen kosten würde.
Eine ganze Reihe von Uebelständen hängt ferner mit den Verhältnissen der Landbenutzung zusammen. Der Gutsbesitzer verpachtet desjatiuen- weise — eine Desjatiue ist gleich 109 Ar — Land an den Bauer, meistens blos auf ein Jahr. Die Pacht ist meist ungemein hoch, an ordentliche Arbeit und Ausnutzung kann nicht gedacht werden. Der Ehrgeiz des Schwarzerdebauers besteht darin, möglichst viele Desjatiuen zu beackern, seien nun Steppen, Schluchten, Felsen mit Inbegriffen. Dabei fällt es ihm nicht ein, für irgend welche Bodencultur zu sorgen. Unbekümmert wirft er über das steinige Land den Samen, der dem sichern Verderben preisgegeben ist.
Ohne Zweifel das Verderblichste für die russische Landwirthschaft ist aber das System der Ge- meindelandvertheilung. In unbestimmten Fristen wird durch Gemeindebeschluß das Land unter die Gemeindemitglieder neu vertheilt. Dem Bauer wird sein Land einfach weggenommen ohne jegliche Entschädigung für Verbesserungen. Daß dem Bauer umer solchen Bedingungen eine Kultivirung des Bodens gleichgültig, ja unmöglich ist, liegt auf der Hand. Ueberfluß au freier Zeit und Mangel au Brot und Futtermitteln bewegen den Bauern, Arbeit beim Gutsbesitzer zu suchen oder ihm Land abzupachten. Aber da sowohl die Pachtung des Saatlandes, sowie die Arbeit nichts Dauerndes hat, sondern oft den Charakter reiner Spekulation annimmt, so vermehrt die Bevölkerung auch auf diese Weise ihren Wohlstand nicht.
Abgesehen davon, daß die Gemeindelaudver- theilung an und für sich ein unzweckmäßiges System ist, so knüpfen sich noch Gebräuche daran, welche der Bewirthschaftuug des Bodens ungemein hinderlich sind. Der schlimmste Usus, der allerdings im Gerechtigkeitssinn des Bauern wurzelt,
das tödtliche Geschoß schwang. Eine Ahnung sagte ihm, daß dem Anführer der Verschworenen Gefahr drohe, daß Bojamonte der tödtliche Wurf gelte, und weil es zu spät, den theueren Herrn noch durch warnenden Zuruf zu retten, warf er sich über ihn, mit seinem Leibe ihn deckend und das Geschoß auffangend.
Iu düsterer Trauer blickte Bojamonte auf den todten Jüngling und während er das Fahnentuch über das blutende, entstellte Haupt breitete, fiel eine heiße Thräne auf das Antlitz des Todten.
Nach diesem Zoll des Dankes aber, den er dem Getreuen entrichtet, waudte er stch zurück zu den Schaaren seiner Streiter, um durch er» muthtgenden Zuruf ihnen kund zu thuu, daß er selbst unversehrt geblieben und sie weiter führen werde.
Da aber gewährte Bojamonte mit Entsetzen, daß sie sich zur Flucht gewendet — sein Ruf verhallte wirkungslos und wollte er nicht in schmähliche Gefangenschaft gerathen, blieb auch ihm nichts übrig, als sich zurückzuwenden. Vielleicht gelang es ihm später die entmuthtgte Schaar zu sammeln, die, da sie die Fahne hatte sinken sehen, alles verloren gewähnt und die Flucht ergriffen hatte.
Verzweifelnd eilte Bojamonte mit einigen
alte Frau bar, bereit Rechte einen Mörser hält. Die Frau scheint in die Straße hinab;»spähen, um den Mann zu er« warten, dem sie daS tödtliche Geschoß bestimmt, ihre Haltung wie ihr ©efi^ttauSbrutf haben etwas AbwartendeS, Lauerndes,