Irr Frau des Kankdirektors.
> Von Emilic Tegtmeyer.
Brausend und zischend durchschnitt der von Dover kommende Schnellzug das Häusermeer von London. Die matronenhaft wohlhäbig aussehende Dame in einem der Coupss erster Klasse beobachtete halb lächelnd, halb kopfschüttelnd ihre Reisegefährtin, ein bildhübsches Mädchen von vielleicht siebzehn bis achtzehn Jahren, welches, zitternd vor Ungeduld und Erregung aus dem Fenster sah.
„Sind wir jetzt bald am Ziel, Frau Krüger?" fragte die junge Dame ihre Beschützerin.
„Ihre Ungeduld läßt Ihnen die Zeit länger erscheinen, als sie wirklich ist, liebes Fräulein Ellie," erwiderte die Angeredete; „übrigens werden wir sogleich ankommen. Freilich kann ich es nur begreiflich finden, wenn Sie sich nach der langen Trennung auf das Wiedersehen mit Ihrem Vater freuen."
„Nicht wahr, es ist ganz natürlich?" rief Ellie aus. „Denken Sie doch, Frau Krüger, fünf Jahre lang habe ich ihn nicht gesehen! Ich war noch ein Kind, als ich zu meinem. Onkel Theodor nach Deutschland reiste. Am Ende erkennt mein Vater mich gar nicht wieder, ich habe mich gewiß verän- dert, denn mein Vetter Moritz sagt auch, ich wäre jetzt eine erwachsene Dame geworden."
Frau Krüger lächelte statt aller Antwort. Auf der Reise von Hamburg bis London, während welcher man das junge Mädchen ihrer Obhut anvertraut, war sie es gewöhnt geworden, bei jeder Gelegenheit die Ansichten dieses Vetters Moritz kennen zu lernen.
Mittlerweile begann der Zug «twas langsamer zu fahren und
An Ausruf der Bewunderung entfuhr den Lippen des jungen Mädchens, als ihr Blick Icht über die majestätische Fläche der Themse chweifte. Einige Sekunden noch und die Rei- ^"den hielten unter dem riesigen Glasdach der Eharing-Croß-Ba hüstelte.
Ellie bog sich weit aus der Thür des Wagens, bemüht, ihren Vater zu entdecken. Aber schwerlich würde sie ihren Zweck erreicht haben, gatte nicht ein Herr in mittleren Jahren mit
kräftigem Druck plötzlich die ihn umgebende Menge geteilt.
Mit dem Ausruf: „Mein Kind, meine Ellie!" schloß er die ihm entgegen Eilende in seine Arme.
Dann folgten Fragen, Antworten und Begrüßungen. Beide, Vater sowohl wie Tochter, dankten in herzlichen Worten der liebenswürdigen Frau Krüger für den Schutz, den sie Ellie hatte angedeihen lassen und bald saß
Erster Morgengruß.
letztere im Wagen und rollte der City zu. Immer enger und düsterer wurden die Straßen, immer eiliger und emsiger die Menge derjenigen, die sich darin drängten, bis endlich der Wagen vor einem hohen, ranchgeschwärzten, melancholisch aussehenden Hause anhielt. Ein leichter Schauer durchrieselte Ellies schlanke Gestalt beim Anblick des düstern Vaterhauses.
Indes blieb ihr keine Zeit, sich diesem Ein
druck zu überlassen. Im Hausflur kam ihr ein ältliches Mädchen entgegen, welches sie sogleich in das für sie bestimmte Schlafzimmer führte, zwei Kerzen anzündete und sie bat, zu schellen, wenn sie etwas wünsche. An der Luft, die sie einatmete, spürte sie, daß das Zimmer lange unbewohnt gewesen war. Das riesige Himmelbett mit bunten aber verblichenen Kattun-Gardinen, ebensolche Vorhänge an den Fenstern, einige harte, eckige Tische und Stühle und ein plumper dunkler Schränk bildeten ungefähr die wohnliche Einrichtung. Mit einem Seufzer erinnerte sich Ellie, daß niemals eine weibliche Hand hier sorgend ge» waltet hatte; — war doch ihr Vater erst nach dem Tode der Mutter hierher gezogen nach Mark- Lane, um neben seinem Kontor zu wohnen, wie er sagte, in Wahrheit aber, weil ihm der Aufenthalt in Forest-Hill, wo er bis dahin gelebt hatte, nach dem Tode der heiß geliebten und innig betrauerten Gattin unerträglich geworden war. Die gute, alte Tante Mary, bei welcher Ellie bis zu ihrer Abreise nach Deutschland ihre ganze Kindheit verlebt, hatte ihr diese Einzelheiten oft erzählt, und wie ihr Vater ein ganz andrer Mann geworden sei nach dem Verlust, der sein Lebensglück zertrümmert habe. Still, in sich gekehrt, als ob alle Thatkraft ihn verlassen, hatte er seine Tage verlebt, seine kleine Tochter der Pflege der Tante Mary überlassend. Als dann die gute Dame gestorben war, hatte er das zwölfjährige Kind zu seinem Onkel Theodor Ehr- Hardt nach L. geschickt, damit sie mit dessen Tochter Therese erzogen werde, während er selbst sein zurückgezogenes Leben in dem unwohn- lichen, düsteren Hause in Mark-Lane fortsetzte. Was Wunder also, wenn dem jungen Mädchen jetzt die Aufgabe, die Häuslichkeit ihres Vaters zu verschönern, recht schwer erschien.
Um sich diesen Gedanken zu entziehen, ordnete sie so rasch wie möglich ihre Toilette und begab sich ins Wohnzimmer. Hier sah es wenig tröstlicher aus. Dunkelbraune Tapeten und eben solche Vorhänge gaben dem Gemach denselben düstern Schimmer, der über dem ganzen Hause ausgebreitet schien.
Herr Ehrhardt schien seine Tochter schon mit Ungeduld erwartet zu haben, denn bei ihrem Eintritt eilte er ihr entgegen, schloß sie