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Nr. 59. Sonnabend den 2V. Mai
1893.
Wie klingt ein selig' Lenzesrauschen
So wunderbar durch Walb und E^ag, Daß frohergriffen wir ihm lauschen Zum lieblich-frohen Pfingstentag — Wie grüßt aus Thälern und von Höhen Uns heute ein so neuer Geist, Der uns in seinem lichten Wehen Auch neue, reine Pfade weist!
D Pfingsten, gieße deinen Segen Weitaus inmitten Lrühlingsmacht — Selbst an den dornenvollsten Stegen Glänz' deine Heil'ge Blüthenpracbt — Wirf durch die Lande deine Strahlen, Weithin bis zu der fernsten Au, O mach' vergehen alle Analen Durch deinen wahren Ataienthau!
Willkommen d'rum, du Lest der Waien, O zieh' in jedes Haus hinein, Und lasse Alle sich erfreuen An deinem milden Gnadenschein — Dann ist auf's Neue ausgegossen Das Licht der Siebe, hell und klar, Das einst erlösend war geflossen, Hernieder auf die Iüngerschaar!
Benno Neutudorf.
Zur Psinastseiev.
„Pfingsten war da« Fest der Freude, Da« da feiern Wald und Haide,' — so beginnt eines der schönen Lieder Ludwig Uhlands. In der That, um Pfingsten prangen Wald und Haide in ihrer Auferstehungsherrlichkeit. Und für Hunderttausende der Kinder unseres Volks giebt es nur um diese Zeit einmal ein paar Tage, wo sie Himmel, Erde, Luft und Meer, Blüthenduft und Vogelfang mit ganzer Freude genießen dürfen. Wer wollte es darum den zahllosen Menschen, die sonst immer in Fabriken und anderen Werkstätten, in Bureaus, Nähstuben und Läden eingepfercht sind, — wer wollte es ihnen verargen, wenn sie um Pfingsten hinausströmen in Wald und Feld, in Berg und Thal?
Aber sehr traurig wäre es, wenn das Gute der Feind des Besseren wäre; ich meine, wenn, über der Freude an der Natur der eigentliche Pfingstgedanke vergessen würde. Es ist aber leider wahr, daß die meisten Menschen bei keinem Fest sich so wenig denken können, wie bei diesem, welches, wie kein anderes, ein stilles, in sich gesammeltes Herz voraussetzt.
Das Wort Pfingsten ist entstanden aus dem griechischen Wort: „Pentekoste“, das heißt: der Fünfzigste. Gemeint ist der 50. Tag nach der Auferstehung Jesu Christi von den Todten. An diesem 50. Tage nun ist der Geist des verklärten zum Himmel erhobenen Christus für die Welt und Menschheit entbunden worden. Und was man auch sagen möge, es ist eine geschichtliche Thatsche, daß von diesem Tage an allmählich ein neuer Geist in die Welt hineingekommen ist. Wo das Evangelium ausgenommen wurde, da ist ein Geist der Barmherzigkeit, der
Liebe, der Freiheit eingezogen, von dem auch die klassischen Völker keine Ahnung hatten. Elemente des Trostes und der lebendigen Hoffnung beseelen und erleuchten jetzt das Diesseits und Jenseits und heben die Empfänglichen über Leid und Tod empor. O, man denke sich einmal die Lebensgedanken, die der Pfingstgeist gebracht hat, aus der Welt hinweg! Wahrlich, sie würde uns als eine Wüste erscheinen.
Und regt sich denn nicht in jedem Herzen, wenn es so recht zu sich selbst kommt, die tiefe Sehnsucht nach innerer Erneuerung? Fühlt sich schließlich nicht jeder edlere Mensch unbefriedigt, ja unglücklich, solange er nur aus diese Welt gestellt ist? Und erschrickt er nicht in dem Gedanken an die Ewigkeit, weil er ist, so wie er ist? — Der ebenso „geistreiche" als gottlose Voltaire wollte den 51. Psalm in ein Spottgedicht verwandeln. Und er kam denn auch mit seinen höhnenden Versen bis zur Stelle: „Schaffe in mir, Gott ein reines Her z." Da aber übermannte den Spötter die Gewalt dieser Worte. Verzweifelt warf er die Feder weg und gab sein Beginnen aus.
Es wundert uns nicht, daß dies Wort es ihm angethan hatte. Es ist ein Urlaut der menschlichen Natur, die nach Gott dürstet, nach dem lebendigen Gott, wie der Hirsch nach frischem Wasser schreit. Und wenn Jesus Christus spricht: „Selig sind die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen," — überkommt uns da nicht alle eine unendliche Sehnsucht: „O, daß mein Herz doch rein wäre von allem Erdenschmutz und erfüllt von lauterem Himmelsgeist!"
Wer dieser Empfindung nachgeht in aufrichtigem Verlangen nach Licht, beni wird sich das Geheimniß des Pfingsttages erschließen und er wird ahnen, was Jesus verspricht: „Den Frieden lasse ich euch; meinen Frieden gebe i ch e u ch."
Pt" '"c " .
Berlin, 18. Mai.
S e. Majestät her Kaiser kehrte gestern Nachmittag 2 Uhr aus dem Offizierkasino des i Kaiser Franz - Garde - Grenadierregiments Nr. 2 i nach dem königlichen Schlosse zurück und erledigte : während der nächsten Zeit Negieruugsangelegen- heiten Um 4 Uhr.12 Minuten fuhr Allerhöchst- derselbe vom Bahnhof Friedrichsstraße aus nach der Station Briesen und unternahm von dort aus eine Pürschfahrt auf den Besitzungen des Grafen Finckenstein-Madlitz. Nach derselben entsprach der Monarch einer Einladung des Grafen von Finckenstein zum Abendessen im Madlitz und trat hierauf die Rückreise, nach Berlin an, woselbst Allerhöchstderselbe am Abend um 11 Uhr 35 Min. wieder eintraf. Se. Majestät übernachtete im hiesigen Schlosse. — Heute Vormittag 8 Uhr 40 Min. hat sich Se. Majestät der Kaiser vom Bahnhof Friedrichstraße aus nach Görlitz begeben, um heute Nachmittag daselbst der Enthüllungsfeier des Kaiser Wilhelm-Denk- mals beizuwohnen. — Nach Beendigung der; Feierlichkeiten gedenkt Se. Majestät heilte Abend < Görlitz wieder zu verlassen.
In allen Aufrufen der freisinnigen Volkspartei und speziell in der letzten Rede des Herrn Eugen Richter auf Tivoli kehrt, wie die „Berl. Pol. Nachr." hervorheben, dieselbe unwahre Behauptung wieder, daß die Rekrutenquote nach dem Antrag von Huene nur um 11000 Mann hinter der Bewilligung des Freisinns und des Centrums zurückbleibe. Der Unterschied beträgt in Wirklichkeit nicht 11000, sondern 29 000 M a n n. Der Kniff besteht darin, daß die 18 000 Ersatzreservisten als volle Rekruten gerechnet werden, während sie in Wirklichkeit nur wenige Wochen dienen und als ausgebildete Soldaten gar nicht gelten können. Es wird dabei ferner in ganz unzutreffender Weise auf die Mannschaften in Frankreich hingewiesen, welche nur ein Jahr bei-der Fahne dienen, dabei aber verschwiegen, daß der größere Theil des französischen Rekrutenkontingents 3 Jahre dient, während bei uns die Dienstzeit nur 2 Jahre betragen soll. Außerdem ist es ein gewaltiger Unterschied, ob ein Mann sich nur 10 Wochen — wie unsere Ersatzreserve — oder 52 Wochen, — wie der französische Einjährige — bei der Fahne befindet. Alle diese einseitigen und unzutreffenden Vergleiche können doch nur den Zweck haben, das Volk über die thatsächlichen Verhältnisse irrezuführen, und deshalb muß hierüber Aufklärung gegeben werden.
Die Nachricht, daß der f r a n z ö s i s ch e Botschafter in Berlin, H e r b e t t e, mit dem bisherigen freisinnigen Reichstagsabgeordneten B a u m b a ch eine Unterredung gehabt und hierbei friedliche Versicherungen bezüglich der auswärtigen Politik Frankreichs abgegeben habe, wird jetzt von Pariser officiöser Seite aus mit der Bemerkung best ritten, daß der Botschafter Herrn Baumbach gar nicht kenne. Was wird nun letzterer zu diesem Dementi sagen?
Herr N e b e - P f l u g st e d t, Unterstaatssekretair im preußischen Justizministerium, ist dein Vernehmen nach zum Nachfolger des verstorbenen Staatssekretairs im Reichsjustizamte, Hanauer, ausersehen.
Der französische K r i e g s m i n i st e r hat eine sonderbare Verfügung erlassen. Am Dienstag voriger Woche brächte ein großes süd- franzöfisches Blatt eine Notiz, in der es hieß: „Durch ministerielle Verfügung sind alle Beurlaubungen von Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften bet den Regimentern, die in unseren östlichen Grenzstationen liegen, aus das strengste untersagt; die Grenzarmeekorps haben bis aus Weiteres unbedingt in ihrer vollen Stärke zu verbleiben." Diese Notiz ging in die Pariser Blätter über und wurde noch dahin ergänzt, daß an die Grenzkorps auch der Befehl ergangen sei, ihre bereits beurlaubten Offiziere und Mannschaften einzuziehen. Erst am Freitag erschien im „TempS" der schwache Versuch eines Dementis. Dagegen wird dein Pariser Korrespondenten des „Hainb. Korr." von absolut zuverlässiger Seite versichert, daß vom Kriegsminister bereits am Sonntag den 7. Mai an die kommandiren- den Generäle der Korps an der Ostgrenze thatsächlich der Befehl ergangen sei, vorläufig und bis auf weitere Ordre keinerlei Beurlaubungen innerhalb ihres Korps eintreten zu lassen. Nun können wir ja zwar ohne jede Sorge sein, seit-