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HersWer freisblatt
Mit wöchentlicher Gratis-Beilage „Jllnstrirtes Sonntagsblatt".
Nr. 143. Donnerstag den 7. Dezember 1893.
Amtliches.
Hersfeld, den 5. Dezember 1893.
Diejenigen Herren Ortsvorstände, welche mit der Erledigung meiner Verfügung vom 14. November d. Js. I. 6546, im Kreisblatt Nr. 136, betreffend die Zahlung des Rindvieh- und Schweine- bestandcs am 1. Dezember d. Is., noch im Rückstände sind, werden hieran mit Frist bis spätestens zum 9. d. Mts. bei Meidung von 3 Mark Strafe erinnert.
J. I. Nr. 6546. Der Königliche Landrath Freiherr von Schleinitz.
Hersfeld, den 5. Dezember 1893.
Diejenigen Herren Ortsvorstände, welche mit der Erledigung meiner Verfügung voin 16. März 1878 I. Nr. 904 (Kreisblatt Nr. 23) bezw. vom 14. April 1893 J. I. Nr. 2205 (Kreisblatt Nr. 46), betreffend Erreichung der Tabellen über die Ergebnisse der polizeilichen Maaß- und Ge- wichts-Revisionen, noch im Rückstände sind, werden hieran mit Frist bis zum 12. b. Mts. erinnert bei Meidung von 3 Mk. Strafe.
I. 1. Nr. 2205. Der Königliche Landrath Freiherr von Schleinitz.
Hersfeld, den 1. Dezember 1893.
Durch Verfügung des Herrn RegierungsPräsidenten vom 22. August 1892 ist an den 3 letzten Sonntagen vor Weihnachten (in diesem Jahre also für den 10., 17. und 24. Dezember) eine zehnstündige Beschäftigungszeit im Handelsgewerbe bis 7 Uhr Abends zugelassen worden.
Die Herren Ortsvorstände haben die Gewerbetreibenden hierauf aufmerksam zu machen.
I. 6860. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz.
l Nachdruck verboten.)
Geläuterte Herzen.
Novelle von Johanna Berger.
(Fortsetzung.)
Der ungewohnte strenge Ton machte das Mädchen erbeben. Was die Mutter aber jetzt forderte, war ihr gutes Recht und Annie mußte gehorchen.
Und bedeutungsvoll fügte die Mutter noch die -»orte hinzu: „Für Kinder und kindergleiche Menschen müssen Diejenigen vernünftig sein, welche das Leben und seine Anforderungen kennen und Erfahrungen gemacht haben!"
Annie warf trotzig die Lippen auf, wagte aber kerne Entgegnung. Sie trat schmollend bei Seite und ließ traurig den Kopf hängen.
Als Annies Mutter und Lieutenant Bernthal bte Veranda verlassen und sich nach oben in das Zimmer der Räthin begeben hatten, setzte sich Annie seufzend aus denselben Stuhl, auf dem Bernthal vorher gesessen hatte und wartete auf Mamas Entscheidung. Daß sie gut ausfallen wurde, davon war das junge Mädchen fest über- zeugt, denn sie hatte ja bisher nur Gutes und Diebes von der Mutter erfahren.
Was zwischen der alten Dame und dem jungen Offizier gesprochen wurde, hörte Niemand. Es war eine lange Unterredung und lange Auseinandersetzung und es dauerte eine volle Stunde bis sie zu Ende war.
Gefunden: ein Tuch, enthaltend Eßwaaren. Meldung des Eigeuthümers bei dem Ortsvorstand zu Aua.
Nichtamtliches.
Teutsches Postwesen im Jahre 1892.
Nach der soeben erschienenen amtlichen Statistik der Reichspost- und Telegraphenverwaltung betrug im Jahre 1892 die Gesämmtzahl der Postanstalten 25 113 (gegen 24001 im Jahre 1891), der Reichs-Telegraphen-Anstalten 12 443 (gegen 12 124), der Verkaufsstellen für Postwerthzeichen 15 766 (15 176), der Postbriefkasten 78001 (75 123), der reichseigenen Post- und Telegraphen- Grundstücke 420 (411.) Beamte, Unterbeamte rc. wurden beschäftigt 137 028 (gegen 131317 im Vorjahre.) Die Post beförderte im Ganzen 2 961 833 040 Sendungen (163 257 642 mehr als 1891); die Zahl der beförderten Telegramme war 28 757 468 (1 380 808 mehr.) Von den Stadt-Fernsprech-Vermiltlungs-Anstalteu wurden ausgeführt 313001 635 Verbindungen (gegen 262 520 399 im Vorjahre.) Der Gesammtwerth der durch die Post vermittelten Geld- rc. Sendungen bezifferte sich auf 19 566 344 417 Mark gegen 20 681 005 773 Mark im Jahre 1891, also um 1 114 671 356 niedriger. Das Gesammtge- wicht der durch die Post beförderten Päckereien betrug 469 043 490 kg, 19 622 430 kg weniger als 1891. Die Gesammteinnahmen beliefen sich im Etatsjahre 1992/93 auf 246 586 442 Mark (gegen 234 997 962 Mark im Etatsjahre 1891/92), Die Gesammtausgaben auf 229 026 740 Mark (gegen 219 645 216 Mark.) Es ergab sich hiernach ein Ueberschuß von 17 559 702 Mark (gegen 15 352 746 Mark.)
Dem jungen Mädchen war es völlig unfaßbar, was die Mutter und ihr erwählter Bräutigam so lauge mit einander zu verhandeln hatten. Sie wurde aufgeregt, ungeduldig vor Spannung und Erwartung, ihr Herz schlug fieberhaft. Jeden Augenblick machte sie eine Bewegung, als wolle sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinanstürzen. — aber sie blieb dann doch unten in der Veranda. Endlich, endlich knarrte oben die Thür und dann klang ein Schritt. Sie lauschte mit angehaltenem Athem. Aber es war nicht sein Schritt, und es war auch nicht seine Stimme, die rief: „Komm Annie!" Es war der Schritt und die Stimme der Mama. Da hielt Annie sich nicht länger, schnell wie ein Vogel flog sie hinauf. Aber auf der Schwelle wurzelte ihr Fuß wie gelähmt am Boden. Sie schrie laut auf und wurde blaß wie eine Leiche, denn mit einem einzigen Blick hatte sie Alles errathen. Bernthal, ihr Geliebter, lehnte schwerathmend und in gebrochener Haltung am Fenster, Sein Gesicht war fahl und den Ausdruck seiner Züge vergaß sie niemals wieder. Grenzenlose Verzweiflung, Schmerz, Schuldbewußtsein, Beschämung, 2llle§ lag darin.
Die Mutter trat der Tochter kummervoll entgegen Große Thränen perlten in ihren Augen, tote legte den Arm um Annies Schultern und küßte sie zärtlich
„Annchen, mein liebes Annchen 1" schluchzte sie. „Ich hätte Euch gern glücklich gemacht, aber es
Von den 25 092 Postanstalten innerhalb des Reichs - Postgebiets (1891: 23981) kam je eine auf 17,7 qkm und 1 666 Einwohner (1891 auf 18,6 qkm und 1743 Einwohner.) Die Zahl der Orte mit Postanstalten war 24 425, davon lagen an Eisenbahnen 5174. Die Gesammt- zahl der Briefsendungen W mg 2 836 503 308 (gegen 2 679 092 176); davon waren eigentliche Briefe 1 101 909 000 , Postkarten 376 633 470, Drucksachen und Geschäftspapiere 414 942 580, Waarenproben 29 669 240, Postanweisungen 82 639 400, Postauftragsbriefe 6 390 277, Post- nachnahmebriefe 4 340 685, Zeitungs - Nummern 772 165 901, außergewöhnliche Zeitungsbeilagen 47 812 755. Päckerei- und Geldsendungen wurden befördert 125 329 732 (gegen 119 483 222); da- ■ von waren: Packele ohne Werthangabe 114265218, Packete mit Werthangabe 2 631627, Briefe mit We/rthangabe 8 432 887. Endgültig unbestellbar blieben 416 133 Postsendungen (238 auf 1 Million gegen 235 im Vorjahre), und zwar 235 409 Briefe, 149 458 Postkarten, 30 725 Drucksachen, i Geschäftspapiere und Waarenproben, 16 Briefe ' mit Werthangabe und 525 Packetsendungen. j Die Stückzahl der an das Publikum abgesetzten oder von den Postanstalten zur Verrechnung des baar erlegten Francos verwendeten Postwerthzeichen bezifferte sich auf 1 673663490 Stück (gegen I 587 972 048 Stück im Jahre 1891), der Werthbetrag auf 147141055 Mark 5 Pfennig (165 874 618 Mark 24 Pfennig.)
Politische Nachrichten.
Berlin, 5. Dezember.
Im Laufe des heutigen Vormittags arbeitete S e. M a j e st ä t der K a i s e r zunächst von
ist mir nicht möglich, ich bin völlig machtlos dazu. Ach, es thut mir so leid! Tröste Dich, fasse Dich armes Kind und laß Dir die bittere Erfahrung zum Segen gereichen! Durch Entsagung wirst Du künftiges Unheil von Dir wenden."
Und dann trat Bernthal zu ihr und sagte, was er jagen mußte: heiser, unzusammenhängend rangen sich die Worte von seinen Lippen.
„Annie! Ich bin in der schrecklichen Lage, mein Ihnen gegebenes Wort wieder zurücknehmen zu müssen, die Verhältnisse fordern es unerbittlich von mir! Verzeihen, ach, verzeihen Sie, daß ich Ihnen meine Liebe verrieth und Kummer in Ihr junges unschuldiges Leben brächte. Und nun leben Sie wohl, mein verehrtes Fräulein, leben Sie wohl, und Gottes reichster Segen über Sie!"
Die Stimme versagte ihm, er beugte sich zu Annie herab und berührte mit zuckenden Lippen ihr Haar.
Vor der Frau Rath verneigte er sich tief, mit bittendem und um Verzeihung flehenden Blick. Er wollte ihr die Hand reichen, aber sie sah ihn bitterbös an, und da ging er. Er stürzte so hastig die Treppe hinunter, daß seine Sporen heftig klirrten.
Annie hatte während der letzten ergreifenden Scene wie geistesabwesend dagestanden und mit verstörtem Blick starrte sie vor sich. Ihr Gesicht war so weiß wie Schnee und eine ganze Welt von Herzeleid spiegelte sich in ihren Augen.