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Erscheint wöchentlich drei M.il Dienstag, Donnerstag und Sonnabend.

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Herssel-tt Kreistliitt

Mit wöchentlicher GraW-BeLLageMuftrirtes Sonntagsblatt".

Ur. 135

Donnerstag den 35. Oktober

1894

Bestellungen auf das Hersfelder Kreisblatt mit der wöchentlichen Gratis-Beilaqe Jllnstrirtcs Sonntagsblatt" für die Monate November und Dezem­ber werden von allen Kaiserlichen Postanstalten, Landbriefträgern und von der Expedition ange­nommen.

Amtliches.

Hersfeld, den 23. Oktober 1894.

Auch in diesem Jahre wird mit. Genehmigung des Herrn Oberpräsidenten eine Hauseollecte für die Jdioten-Anstalt zu Scheuern stattfinden. Da diese segensreich wirkende Anstalt, in welcher im Durchschnitt jährlich 300 schwachsinnige Kinder (darunter z. Z. 2 aus dem hiesigen Kreise) ver­pflegt werden, nur bei mildthätiger Betheiligung der Einwohner der Provinz Hessen-Nassau fort­bestehen kann, so wird die erwähnte Collecte den hiesigen Kreisbewohnern wärmstens empfohlen. Für die Landgemeinden erscheint es zweckmäßig, wenn aus den Gemeindekassen, wie das bisher schon geschehen ist, ein angemessener Beitrag dazu gezahlt wird.

L 5396. Der Königliche Landrath

Freiherr von Schleinitz, Geheimer Regierungs-Rath.

Der Beginn des nächsten Kursus zur Ans-

(Unbefugter Nachdruck verboten.) Erinnerung.

Eine Erzählung von

E. v o n d e r D e ck e n.

(Fortsetzung.)

Ein Mann, der solcher Rohheiten gegen ein Weib fähig ist, thut auch noch mehr. Sonnen- klar siand vor Thilo jetzt die schreckliche Gewiß­heit, daß es sich damals um die Bitte um Geld gehandelt hatte, die wieder an ihn zu richten Hertha sich geweigert, und nun hatte Vilborg sich das Geld auf seine Weise verschafft. Der Schurke! Ach hätte Hertha sich doch zu dieser Bitte verstanden, hätte sie ihm geschrieben, ein Drittel, die Hälfte der Summe würde dann genügt haben, und, so ehrlos das Leben ihres Mannes auch war, er wäre wenigstens noch kein gemeiner Betrüger gewesen. Dieser Gedanke schreckte ihn auf.

Sie darf es nicht erfahren, um Gotteswillen!'^ rief er aus und stieg in erregter Hast die Treppe zum Krankenzimmer hinauf.

Im Vorzimmer hemmte er feinen Schritt, er wollte ruhig scheinen, wenn er bei der Kranken eintrat. Auf sein Klopfen öffnete Friederike. Ein Blick in deren erschrecktes Gesicht sagte ihm, baß er zu spät komme. Hertha lag regungslos da. Ihre Augen waren mit einem unheimlich

bildung von Lehrschmiede-Meistern an der Lehr- schmiede zu Charlottenburg ist auf Mittwoch den 2. Januar 1895 festgesetzt.

Anmeldungen nimmt außer dem Generalsekretär des landwirthschaftlichen Provinzial-Vereins für die Mark Brandenburg und die Niederlausitz der Königliche Landes - Oekonomierath Dr. Freiherr von Canstein in Berlin N. W., Werft­straße 9, und der Direktor des Instituts, Ober­roßarzt a. D. Brand in Charlottenburg, Spreestraße 42, entgegen.

Caffel am 28 September 1894.

Der Regierungs-Präsident. J. V.: v. Pawel.

Nichtamtliches.

f Me Gleichheststhesvie ist dsr Keaxrs.

Die Ideen, die sich in der großen französischen Revolution am Ende des vorigen Jahrhunderts in blutige Thaten umsetzten, waren nicht von irgend einer politischen Partei, nicht von den breiten Schichten des Volkes, sondern von dem Kreise der Gebildeten ausgegangen. Ihre Haupt- träger waren geistreiche Litteraten, wie Voltaire, Rousseau und Diderot, die in maßloser Ueber- schätzung der Fortschritte in den exakten. Wissen­schaften, der Mathematik, Astronomie, Zoologie 2c. sich nicht nur von dem Gottesglauben abkehrten, sondern auch alle geschichtliche Erfahrung miß­achteten und den Menschen nur mit natürlichen Augen als ein fühlendes, mit Bedürfnissen, Be­gierden und Instinkten begabtes Thier betrachtet wissen wollten. Ihre Lehre ging dahin, daß der Mensch von Natur rein sei; sündige er, so seien nicht seine Begierden und Instinkte, sondern die

starren Ausdruck in's Leere gerichtet. Auf ihren Knien lag ein geöffneter Brief.

Hertha!" rief Thilo sie an.

Bei diesem Anruf hob sie langsam die Hände, sehr langsam, als sei die Schande, die nun auf ihr laste, so schwer, daß sie jede ihrer Be­wegungen hemme, und bedeckte mit diesen bleichen, todtenähnlichen Händen ihr Gesicht.

Thilo nahm den offenen Brief und las:

Du weißt, warum ich es that, jetzt thäte ich es vielleicht nicht mehr. Dein Starrsinn reizte mich dazu. Ich weiß wohl, daß Dir an der Ehre Deines Mannes nichts mehr gelegen ist, also thu', was Du willst. Veranlasse Thilo von Hohenhaus, die Sache der Oeffentlichkeit zu über­geben oder nicht, mir gilt es gleich. Wenn diese Zeilen Dich erreichen, wird meine Adda wohl ihre Schuldigkeit gethan und mir zu dem todt­bringenden Sturze geholfen haben. Ich reite um einen hohen Preis. Aber wenn die Sache vor die Oeffentlichkeit kommt, so ist Dein Sohn, das bedenke wohl, Dein Sohn in den.Augen aller der Sohn eines Wechselfälschers. Vilborg."

So hatte der Unselige sie doch noch getroffen mit diesem letzten, schrecklichsten Schlag!

Thilo näherte sich dem Lager der unglücklichen Frau und nahm ihr behutsam die Hände vom Gesicht. Als ein Lichtstrahl ihre Züge traf, stieß sie einen Schrei aus und wandte ihr Antlitz dem i Dunklen zu.

verfehlte Anlage der staatlichen und sozialen Ge­sellschaft, herrschende Vorurtheile aller Art, ver­fehlte Regierungsmethoden daran Schuld. Der Staat beruhe auf einem sozialen Vertrag, den das Volk jeder Zeit ändern könnte; denn alle Souveränität rühre nur von ihm her und jeder Einzelne besitze ein unveräußerliches Theil dieser Souveränität. Da von Natur Alle gleich seien, so gebe es auch keinen vernünftigen Grund, daß der Eine irgend welche Vorzüge vor dem Andern voraus habe, und was von dem Einzelnen, gelte von den Familien, von den Klaffen. Niemand könne ein Amt haben, von dem ein Anderer aus­geschloffen wäre. Das einfachste Mittel, die Zeit von ihren Schäden zu heilen, sei daher, das Ge­fängniß zu öffnen, in dem der Mensch durch Vor­urtheile eingeschloffen sei, überall freien Raum und freies Licht für die natürliche Entwickelung zu geben, und Alles wäre gut. Vermöge der moralischen Tugenden des Menschen werde dann das goldene Zeitalter anbrechen.

Ganz venselben Grundzug finden wir heute in der Gedankenwelt der Sozialdemokratie: dieselbe Verachtung der Religion, die gleiche Geringschätzung der Geschichte, dieselbe Überschätzung der exakten Forschungen, die gleiche Anbetung des von Natur nicht sündigen, sondern höchst edlen sittlichen Wesens, und neben diesen groben materialistischen Irrthümern dasselbe Zutrauen zu der Kraft der natürlichenEntwickelung", die gleiche Verheißung auf den Himmel auf Erden. Hier hört freilich der Vergleich auf. Der Geist, den die Voltaire, Rousseau rc. auf ihre falschen Ideen verwendeten, würde man bei den Häuptern der sozialdemo­kratischen Bewegung, die lediglich von der Weis­heit eines Marx leben und nichts hinzugedacht haben, vergeblich suchen. Während damals, wie gesagt, zuerst die obersten Gesellschaftskreise das

Nein, Hertha," sagte Thilo mit besänftigen­der Stimme,von mir mußt Du Dich nicht auch abwenden. Ich bin Dir ja dazu gegeben im Leben, daß ich Dir helfen soll. Willst Du Dir denn von Deinem Bruder nicht helfen lassen? Komm, sieh mich an und höre, was ich thun werde."

Aber die Kranke verharrte in ihrer abgewandten Stellung und versuchte ihre Hände aus denen Thilos zu befreien. Der aber gab sie nicht frei.

Ist das nicht das Recht eines jeden Bruders, seiner Schwester zu helfen? Habe ich das nicht immer gethan, als wir noch Kinder waren? Du warst mir einmal fortgelaufen und warst in ein Dornengehege gerathen. Dein hübsches Kleidchen war ganz zerrissen, besinnst Du Dich noch? Du weintest bitterlich, ich ging dem Weinen nach und fand Dich und machte Dich los aus den Dornen. Meine Hände bluteten sehr, ich weiß es noch wie heute, aber ich war stolz darauf und sagte, jetzt wäre ich ein Ritter, der für seine Dame sein Blut vergossen habe Darf ich denn nun nicht mehr Dein Ritter sein, liebe Hertha?"

Es war seltsam, daß Thilo in dem Bestreben, Hertha zugänglich zu machen, gerade diese Erinnerung aus ihrer Kinderzeit ergriffen hatte. Die arme, gefolterte Frau wandle langsam den Kopf und ließ ihre verglasten Augen' auf dem Sprecher ruhen. Wie ähnlich war das, was damals geschehen, dem was jetzt geschah, und